Der deutsche Publisher Daedalic ist längst das Maß aller Dinge, wenn es um hochwertige Adventure-Kost aus Deutschland geht. Spiele wie Edna bricht aus oder die Deponia-Titel haben uns Lachtränen in die Augen getrieben, ernstere Werke wie The Night of the Rabbit und The Whispered World zum Nachdenken gebracht. Nun ist Silence erschienen, der inoffizielle Nachfolger zu letztgenanntem Knobler. Der nächste Daedalic-Hit?

Silence - Launch-TrailerEin weiteres Video

Adventures eigen sich wunderbar zum Entspannen. Nur selten muss man in Spielen dieser Art Actioneinlagen oder sonstige Passagen bewältigen, die schnelle Reaktionen erfordern. Für mich als angehender Ü40, dauergestresster Selbstständiger und Familienvater also das perfekte Genre – vor allem, wenn ein Spiel wie Silence dann auch noch für die PS4 erscheint und ich es mir damit vor dem neuen 4K-Fernseher gemütlich machen kann.

Silence - Mitten in der Märchenwelt

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Auf der Flucht vor den Bomben: Renie und Noah haben es schon im Vorspann nicht leicht. Auch die Märchenwelt Silence kann daran nicht viel ändern, denn auch dort warten finstere Gestalten auf das Geschwisterpaar.
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Doch worum geht’s in Silence überhaupt? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Auf jeden um Fall um große Gefühle. Um Atmosphäre. Und um eine Geschichte, die irgendwo zwischen Filmen wie dem Disney-Klassiker Der Zauberer von Oz und Guillermo del Toros Erwachsenen-Märchen Pans Labyrinth angesiedelt ist.

Packshot zu SilenceSilenceRelease: PC: 15.11.2016
PS4: 5.12.2016
kaufen: ab 27,24€

This War of Mine

Doch der Reihe nach. Die Geschwister Renie und Noah leben in einer schlimmen Zeit, in ihrer Heimat tobt ein unerbittlicher Krieg. Eines Abends kommt es erneut zu einem Bombenangriff. Die beiden schaffen es gerade noch, den vermeintlich sicheren Bunker zu erreichen, bevor die Sprengsätze auf sie herabregnen. Die kleine Renie versteht allerdings noch nicht, was Krieg wirklich bedeutet. Daher ist es Noahs Aufgabe als älterer Bruder, sie von dem Grauen, das draußen wütet, abzulenken.

Ab hier greife ich als Spieler ein. Meine erste Aufgabe ist es, die Tränen des Mädchens zum Versiegen zu bringen. Die ersten Aktionen sind in ein Tutorial eingebettet; die Steuerung habe ich sehr schnell intus. Anders als am PC suche ich den Bildschirm jedoch nicht mit einem Mauszeiger ab, um Objekte zu finden, die ich für die erste Aufgabe einsetzen kann. Stattdessen bewege ich mich mit dem linken Stick des PS4-Controllers durch den Bunker, und wichtige Objekte werden mir angezeigt, sobald ich mich ihnen nähere.

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Märchenhafte Szenen erlebt ihr in Silence an jeder Ecke. Die Entwickler haben die Orte mit extrem vielen Details ausgestattet, sie wirken dadurch äußerst lebendig.
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Mit dem rechten Analog-Stick darf ich nun zwischen allen Gegenständen wechseln, die sich in meiner unmittelbaren Umgebung befinden. Auf Wunsch schalte ich Spielhilfen hinzu. Diese geben mir dann kleine Tipps, was ich als nächstes erledigen muss oder schalten die Hotspot-Anzeige frei. Durch diese Anzeige kann ich per Druck auf den linken Stick sehen, wo sich Objekte mit Interaktionsmöglichkeiten befinden. Neulinge profitieren von diesen Hilfen – Genre-Profis werden sicher darauf verzichten, um mehr vom Spiel zu haben.

Adventure im Kinoformat: Nicht die Rätsel stehen im Vordergrund, sondern die cineastische Präsentation der Geschichte.Fazit lesen

Es dauert nur wenige Minuten, da stehe ich plötzlich mitten in einer faszinierenden Märchenwelt, die dem Spiel ihren Namen gibt: Silence. Der Bunker ist Geschichte, Noah und Renie wurden getrennt. Zudem betritt unter anderem mit der Formwandler-Raupe Spot ein alter Bekannter die Bühne. Wenn ihr im Jahr 2009 The Whispered World gespielt habt, kennt ihr den kleinen Wurm schon – in Silence wird ihm eine wesentlich wichtigere Rolle zuteil und er wird euch garantiert mehr als einmal zum Lachen bringen. Obwohl Daedalic den Untertitel „The Whispered World 2“ bei Silence gestrichen hat, kann das Spiel seinen direkten Bezug zum Quasi-Vorgänger spätestens jetzt nicht mehr länger verleugnen, zumal bereits im Bunker die Geschichte des Erstlings kurz zusammengefasst wird.

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Sucher bedrohen das Land Silence. Sie schnappen sich jeden, der ihnen in die Finger kommt. Was hat es mit der falschen Königin auf sich, der die Sucher dienen?
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In der Märchenwelt warten jedoch nicht nur warme Farben und nette Gestalten auf mich. Sehr schnell wird klar, dass auch in Silence etwas Schlimmes vor sich geht. Sucher durchstreifen das Land und verschleppen jeden, den sie erwischen. Eine falsche Königin regiert die Welt und legt Ortschaften in Schutt und Asche. Nur eine kleine Rebellengruppe steht ihr gegenüber und versucht, Frieden in Silence einkehren zu lassen. Im Spielverlauf lerne ich diese Widerständler kennen und schlage mich auf ihre Seite. Vom Krieg haben Noah und Renie schließlich schon lange die Nase voll.

Wo ist das Inventar?

Ein großer Unterschied zu bisherigen Daedalic-Adventures: In Silence gibt es kein Inventar. Aber wie soll ich dann gefundene Gegenstände miteinander kombinieren? Wo lagere ich all die Dinge, die ich auf meinen Reisen in die virtuellen Finger bekomme? Nirgendwo. Denn das brauche ich auch gar nicht – in Silence sammle ich nur Gegenstände auf, die ich danach sofort an anderer Stelle verwende. Leider macht genau dieses Prinzip den Titel für Profis zu einfach. Die Rätsel sind zwar längst nicht so seicht wie etwa bei Telltale-Spielen à la The Walking Dead oder Game of Thrones. Sie stellen mich aber auch vor keine allzu großen Herausforderungen, da bei fast allen Objekten klar ist, wo oder womit sie verwendet werden sollen. Dennoch muss ich hin und wieder durchaus innehalten und meine grauen Zellen bemühen – beispielsweise, wenn ich einen schlafenden Drachen bezwinge, indem Spot seine Nasenlöcher stopft. Überhaupt, Spot: Das hochsympathische Kerlchen ist ein wahres Universaltalent und leistet mir im Spielverlauf immer wieder gute Dienste, indem es seine Gestalt so ändert, dass es mir an bestimmten Stellen weiterhelfen kann.

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Silence überzeugt mit teils atemberaubender Optik. Da fällt es schwer, nur einige wenige Screenshots auszuwählen.
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Zudem gilt es Puzzles zu lösen, für die ich zwischen den Charakteren hin- und herwechseln muss. Beispiel: Noah gelingt es zu Beginn nicht, Spot an eine erhöhte Position zu werfen. Der muss auf anderem Weg dorthin gelangen. Also übernehme ich einmal die Steuerung von Spot, um mit ihm einige Aufgaben zu erfüllen und wechsle dann wieder zu Noah, da es ganz ohne ihn nicht geht. Solche Wechsel, die im späteren Spielverlauf auch zwischen Noah und Renie möglich sind, gibt es in Silence immer wieder.

Ein Nachteil dabei: Immer wenn gewechselt wird oder ich ein anderes Gebiet betrete, entstehen Ladezeiten. Die sind auf der PS4 zwar recht kurz, in der Summe nehmen sie jedoch einige Zeit in Anspruch. Der Spielfluss gerät dabei gerade dann ein wenig ins Stocken, wenn ich für eine Aufgabe sehr häufig die Szenerie oder den Charakter wechseln muss.

Eine Spielwelt zum Verlieben

Dass die Rätsel für ein Daedalic-Spiel insgesamt handzahmer sind und die Steuerung entschlackt wurde, könnte Hardcore-Abenteurer stören – ich hingegen empfinde es nicht als negativ. Denn hier geht es vor allem um das Erleben einer atemberaubend inszenierten Märchenwelt, die im Adventure-Genre einzigartig ist und ohne Übertreibung als Daedalics Meisterstück bezeichnet werden darf. Erstmals handelt es sich bei den Charakteren um echte 3D-Modelle, die sich durch herbstliche Wälder, verwunschene Ruinen und schummrig beleuchtete Höhlen rätseln. Habe ich mich bisher gewundert, dass die Entwicklungszeit von Silence mit gut vier Jahren länger als bei anderen Adventures war, wird mir nun sehr schnell klar, warum. Ich fühle mich, als würde ich in ein lebendiges Bilderbuch gesogen; das Artdesign ist nahe an der Perfektion. Ganz ohne Virtual Reality gelingt es Daedalic, dass ich beim Spielen die reale Welt um mich herum völlig vergesse.

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Ein weiteres Beispiel für die wunderschöne Spielwelt. Ihr fühlt euch schon nach kurzer Spielzeit wie in einem Bilderbuch, das zum Leben erweckt wurde.
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Filmreife Kamerafahrten, butterweiche Animationen und die vielen Details, die es an jeder Ecke zu bewundern gibt, machen Silence zu einem visuellen Meisterwerk. Untermalt wird dieser optische Hochgenuss dann noch von einem wunderschönen Soundtrack aus der Feder von Musiker und Komponist Tilo Alpermann. Hier leise Klavierbegleitung, dort dramatische Musik, wenn ein Sucher auftaucht, und an anderer Stelle Klänge, die der „Whispered World“ mehr als gerecht werden – einfach nur großartig.

Doch nicht nur der Soundtrack fügt sich nahtlos in die Spielwelt ein, die Vertonung der Charaktere ist in Silence ebenfalls extrem gut gelungen. Die Sprecher leben ihre Rollen – ich fühle mich hier wirklich mehr wie in einem Film als in einem Spiel. Passend dazu gesellen sich die übrigen Spielgeräusche, die die Welt von Silence so lebendig und eben gar nicht still machen.