Autor: Jörg Pitschmann

Der große Meister hat wieder zugeschlagen. Sid Meier, seines Zeichens einer der begnadetsten Spieledesigner in Sachen Strategie, hat nach immerhin 16 Jahren mit "Railroads!" den offiziellen Nachfolger seines Eisenbahn-Erstlings "Railroad Tycoon" wieder selbst in die Spur gebracht - und erneut bewiesen, dass Wirtschaftssimulation nicht gleichbedeutend mit gähnender Langeweile ist.

Zumindest, wenn man angesichts gemächlich vor sich hin rollender Eisenbahnzüge und knallhartem kapitalistischen Wettbewerb nicht sofort schreiend das Weite sucht. Aber das wäre ein Fehler, denn wer die Hemmschwelle überschritten hat, sich auf ein Computerspiel ohne Sex und Gewalt einzulassen, der wird nicht enttäuscht.

Sid Meiers Railroads! - Entwickler MovieEin weiteres Video

In der Niederlage liegt die Kraft
Das Spiel beginnt mit einem zwar gut gemachten, doch leider ein wenig spartanischen Tutorial. Das sei besonders Anfängern ans Herz gelegt, denn das Einführungsspiel vermittelt zumindest die Grundlagen des Schienennetz-Ausbaus und führt in die einfachen Handelskreisläufe ein.

Sid Meiers Railroads! - Schönes-Wochenend-Ticket a la Sid Meier: Dieser alte Mann ist wahrlich kein D-Zug.

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Der Startbildschirm.
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Wer allerdings glaubt, am Ende des Tutorials das gesamte Spiel verstanden zu haben, irrt sich. Es sei denn, man ist BWL-Student mit hellseherischen Fähigkeiten oder empfindet angesichts verzweigter Wirtschaftskreisläufe manische Begeisterung. Insbesondere Neueinsteiger werden vermutlich in der ersten Zeit viele Rückschläge erleben. Das sollte jedoch niemanden abschrecken, denn schließlich wurde Rom auch nicht an einem Tag erbaut. Und "Railroads" bietet trotz einiger massiver Kritikpunkte genügend inhaltlichen Tiefgang, um aus Niederlagen und Demütigungen zu lernen.

Gleisbauarbeiten
Der Einstieg ins Schienengeschäft gestaltet sich einigermaßen einsteigerfreundlich. Schnell sind ein paar Gleise verlegt, die ersten Bahnhöfe gebaut und ein paar Züglein gekauft, mit denen man seinen Wirtschaftskreislauf ankurbelt. Im weiteren Verlauf steigt allerdings die Komplexität zügig an und damit auch die Gefahr, sich mit eklatanten Fehlentscheidungen um Kopf und Kragen zu spekulieren. Insofern sollte man bereits von Beginn an eine gewisse Sorgfalt in der Planung seiner nächsten Schritte walten lassen.

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Das eigentliche Bauen gestaltet sich angenehm einfach. Man legt mit der linken Maustaste einen Startpunkt fest, zieht eine Strecke bis zum gewünschten Endpunkt, klickt erneut - und fertig ist die Laube. Brücken, Tunnels und Kurven werden dabei vom Programm automatisch gebaut.

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Neue Streckenabschnitte werden problemlos ins vorhandene Schienennetz integriert.
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Allerdings hat die Sache einen großen Haken: Wie alles im Leben kosten auch Bahnkilometer Geld. Und je länger eine Strecke ist, desto teurer ist nicht nur ihre Anschaffung, auch die Kosten für den laufenden Betrieb steigen. Je weiter ein Zug fahren muß, desto teurer wird der Waren- und Personentransport. Wer also einen längeren Streckenabschnitt verlegen möchte, sollte dies vernünftigerweise in kleinen Häppchen tun und so die Bahntrasse optimieren und unnötige Umwege eliminieren. Zwar kann man falsch verlegte Abschnitte auch wieder löschen, doch muß man dies einzeln für jedes Gleisstück tun. Das hält - zumindest bei längeren Streckenabschnitten - ungemein auf. Immerhin bekommt man seine investierte Kohle zurück, was den Ärger über das Fehlen einer vernünftigen Rückgängig-Funktion etwas relativiert.

Ob ein Streckenabschnitt ein- oder zweigleisig verlegt werden soll, spielt in den Überlegungen zum Glück keine große Rolle, denn die Erweiterung vom Einfach- zum Doppelgleis gestaltet sich ebenfalls erfreulich simpel, da das Programm auch in diesem Fall alle notwendigen Verbreiterungen der Trasse automatisch vornimmt. Einzig bei fiesen Felsvorsprüngen oder engen Tälern funktioniert das nicht, so dass man dort eine Alternativroute finden muß. Auch hier sollte man nichts dem Zufall überlassen und sich nicht auf die automatische Wegplanung des Programms verlassen.

Zug um Zug
Wer mag, spielt die Geschichte von der Erschließung des amerikanischen Westens durch das Dampfross nach. Natürlich ohne störende Ureinwohner und deren Vertreibung oder Ermordung durch die US-Armee. Das wäre zwar realistisch gewesen, hätte aber vermutlich den Rahmen gesprengt.

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Ein neuer Zug wird zusammengestellt.
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Wer lieber in heimischen Gefilden seine Schienennetze verlegen möchte, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Wer mag, spielt sich entweder durch die englische, französische oder deutsche Eisenbahngeschichte. Je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad muss sich der künftige Bahnchef mit unterschiedlichen Widrigkeiten herumschlagen. Angefangen von bestimmten Aufgaben, die innerhalb einer vorgegebenen Zeit zu erledigen sind (so gilt es beispielsweise, bis zu einem bestimmten Jahr einen Zeitungsverlag zu erwerben, damit man über eine gute Presse verfügt) über die möglichst zügige Erforschung neuer Techniken bis hin zum wirtschaftlichen Alleinimperium reicht der Maßnahmenkatalog im Einzelspielermodus.

Egal wie gut man die gestellten Anforderungen erfüllt, all das nützt wenig, wenn am Ende die Kasse nicht klingelt. Zwar kann man durch den Verkauf eigener Aktienanteile kurzfristig an Kohle gelangen, doch die laufenden Betriebskosten und mögliche Verluste durch ineffiziente Planung machen das pekuniäre Polster schnell zunichte. Wohl dem, der sich deshalb besonders in der Anfangsphase intensiv mit ökonomischen Planungen beschäftigt hat.

Ein echter Kampagnenmodus existiert allerdings nicht, denn jedes Szenario ist von Beginn an frei wählbar. Hat man es erfolgreich beendet, wechselt man entweder zum nächsten Szenario und beginnt wieder bei Null oder spielt das gleiche in einem höheren Schwierigkeitsgrad nochmals durch. Das macht zwar bedingt Spaß, läßt aber keine echte Langzeitmotivation aufkommen. Dafür können sich im Multiplayerpart bis zu vier Mehdorns gegenseitig das Wasser abgraben und am virtuellen Aktienmarkt in den Ruin treiben. Warum Sid Meier seinem Baby keine herausfordernde Kampagne spendiert hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Kein Geheimnis hingegen ist es, daß in einem solchen Fall unsere Wertung sicherlich höher ausgefallen wäre.

Abgefahren
Wem die Herausforderungen der Szenarien zu hektisch sind, der wählt einfach den "Fahrplan"-Modus. Da gibt es keinerlei Aufgaben, Konkurrenten oder finanzielle Einschränkungen, sondern man baut nach Herzenslust sein eigenes Stahlross-Imperium auf.

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Bitte recht freundlich: einer der sympathischen Computergegner.
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Da sich jedoch dann die zu lösenden Probleme praktisch gegen Null bewegen, kommt im freien Spiel recht schnell ein wenig Langeweile auf. Deshalb eignet sich dieser Modus wohl am ehesten zu Übungszwecken für Anfänger sowie verkappte Modellbahner, denen im realen Leben der Platz fehlt, ihre Schienenträume zu verwirklichen. Solchen Zeitgenossen dürfte allerdings die ein wenig zu putzig geratene Grafik ein Dorn im Auge sein. Zwar sind im Spiel 50 Lokomotiven aus den Jahren 1830 bis 1970 vertreten, ihre Darstellung erinnert jedoch mehr an ein Kinderspiel als an eine ernstzunehmende Wirtschaftssimulation.

Gleiches gilt im Übrigen auch für die einzelnen Eisenbahnbarone und alle weiteren im Programm auftauchenden Gestalten. Der Comic-Charakter der Grafik lockert zwar die Atmosphäre auf und sorgt für eine gewisse Leichtigkeit, doch angesichts der komplexen Spielstruktur und den zahlreichen im Spiel vertretenen technischen Details wäre hier mehr Realismus wünschenswert gewesen.

Ebenfalls ärgerlich ist die Tatsache, dass im leichtesten Schwierigkeitsgrad ein Zug, der auf demselben Gleis auf einen zweiten trifft, schlicht und ergreifend durch diesen hindurchfährt. Das entbehrt nicht nur jeder Logik, sondern nimmt auch einen Teil des Spielspaßes, weil man sich oft über eine mehrgleisige Schienenführung und die sinnvolle Verwendung von Weichen keine Gedanken machen muss. Jeder Zug folgt stur seiner Strecke, selbst wenn ein vor ihm stehender eigentlich die Weiterfahrt behindern würde.

Immerhin tritt dieses Ärgernis in höheren Schwierigkeitsgraden nicht auf. Im realistischsten Modus befolgen die Züge sogar brav Signale und warten auf die Weiterfahrt, bis die Strecke frei ist. Unfallspezialisten seien allerdings vorgewarnt: Zusammenstöße und sensationelle Zugunglücke lassen sich in "Railroads" weder mutwillig herbeiführen, noch passieren sie unfreiwillig. Wie wir eingangs schon erwähnten, kommt das Programm ohne Sex und Gewalt aus. Schade eigentlich.

Frei von Lastern
Anders als in vergleichbaren Wirtschaftssimulationen gibt es in Sid Meiers neuem Schienenepos keine Lastwagen, Straßenbahnen oder Schiffe, die angelieferte Waren weiter transportieren und über deren Organisation man sich ebenfalls Gedanken machen müsste. Waren und Rohstoffe werden vielmehr an Ort und Stelle ihres Entstehens in Züge verladen und zielgerichtet von A nach B transportiert. Das macht es allerdings nicht unbedingt leichter, denn natürlich gilt es, möglichst effizient mit seinen Ressourcen hauszuhalten.

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Neue Rekorde und technische Fortschritte werden von der Presse gefeiert.
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Daneben ist es natürlich auch wichtig, seine hochverehrten Fahrgäste möglichst schnell und komfortabel von einer Stadt zur anderen zu bringen. Im Laufe der Zeit werden auf Grund technischer Fortschritte leistungsstärkere Loks verfügbar, die mehr Waren und Passagiere transportieren können. Auf der anderen Seite sollte man jedoch auf eine vernünftige Auslastung seiner Bahnen achten. Denn selbst der längste Zug mit der besten Lok ist nutzlos, wenn er zwar ständig die größten Entfernungen in immer neuen Rekordzeiten zurücklegt, dafür aber stets halb leer seine Route befährt.

Apropos Entfernungen: Obwohl im Spiel echte Länder und Städte auftauchen, sind weder die Abstände zwischen den Orten noch deren Aussehen realistisch. Phoenix und Las Vegas beispielsweise liegen auf der Karte der amerikanischen Südwest-Territorien nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Das stört zwar den Spielfluss kaum, läßt die Namensgebung der Orte aber eher willkürlich erscheinen. Gleiches gilt natürlich auch für die deutsche Karte, auf der München und Berlin nur einige wenige Mausklicks voneinander entfernt sind. Da jedoch keine der Ortschaften auch nur annähernd Ähnlichkeiten zu ihren Vorbildern aufweist, ist hier sowieso das Abstraktionsvermögen des engagierten Zockers gefragt.

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Ein Teil der Strecke in der Übersicht - hübsch anzuschauen, aber unspektakulär.
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Dennoch ist die Präsentation insgesamt gelungen. Die 3D-Grafik reißt zwar keine Bäume aus, ist aber für eine Wirtschaftssimulation mehr als ansprechend. Auch die Musikuntermalung kann sich hören lassen, die mit angenehm unaufgeregten, von Country beeinflussten Klängen daherkommt. Insgesamt dürfte "Railroads" damit für den geruhsamen, verregneten Herbstnachmittag sorgen.