Es gibt viele Klischees über Menschen, die Videospiele mögen und einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit mit ihnen verbringen - und jeder von uns weiß, dass ein überwältigender Großteil von diesen mundpropagierten Vermutungen in der Realität nicht zutrifft. Ein Klischee allerdings hält sich hartnäckig in den vorderen Hirnlappen von Journalisten, Entwicklern - und Spielern selbst: Große Veränderungen innerhalb einer traditionsreichen und beliebten Marke sind noch unbeliebter als Backtracking und Speicher-Bugs.

Sid Meier's Civilization: Beyond Earth - Intro-Beyond Earth "The Chosen"2 weitere Videos

Aus diesem Grund gehen die Entwickler des neuen “Civilization: Beyond Earth” ein sehr gewagtes Experiment ein: Sie nehmen eine der beliebtesten Rundenstragiespiele überhaupt, das seit den Anfängen des Mediums auf unseren Bildschirmen flackert, und verfrachten es - wortwörtlich - in die unendlichen Weiten des Alls - und das nicht zum ersten Mal: Bereits 1999 wurde dieser Schritt mit “Alpha Centauri” versucht, fand aber bei Presse und Spielerschaft keinen großen Anklang. Die Idee des Aufbruchs in die Zukunft wurde wieder verworfen, die Zeit war noch nicht reif gewesen. Ob sich das nun geändert hat?

Eine Frage des Geschmacks

Um es vorwegzunehmen: Ja, Civilization: Beyond Earth ist ein gutes Spiel. Ja, ich habe wieder wie gewohnt Nacht um Nacht mir um die Ohren geschlagen, um Bündnisse einzugehen, Siedlungen zu gründen und Technologien zu erforschen. Ja, für mich ist das Experiment gelungen, ich hatte und habe meinen Spaß.

Sid Meier's Civilization: Beyond Earth - Nur... noch... eine... Runde? Von mir aus gerne!

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Die neuen Planetenoberflächen bedürfen Eingewöhnungszeit.
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Ganz oberflächlich betrachtet ist auch der neue Teil ein Endprodukt, in das sichtlich viel Liebe und Entwicklungszeit geflossen ist: Die KI verhält sich ordentlich, der Zufallsgenerator der Karten erzeugt spannende Karten und das Spielprinzip wurde - für meinen Geschmack - gut auf die nächste Stufe der Reihe gehoben.

Doch genauso bin ich mir auch sicher, dass es vielen von euch wie dem alten Mann im Trailer gehen wird, dessen Tochter begeistert und neugierig zu den Sternen aufbricht - während um euch herum Freunde und Daddelpartner diese neue Welt für sich entdecken, werdet ihr zurückgelassen, aus Angst vor dieser neuen Begegnung, die so anders ist als das, was ihr schon kennt, wollt ihr diese Reise nicht antreten.

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Das Wertesystem rückt an die Stelle der alten Sozialpolitiken.
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Daher möchte ich diesen Test vor allem dazu nutzen, bei der Beantwortung eurer stummen Frage zu helfen, ob Civilization: Beyond Earth das richtige Spiel für euch ist - oder ihr lieber auf Mutter Erde zurückbleiben und das Geld sparen solltet.

Wie ich schon bei der Beschreibung meiner Erlebnisse während der ersten 100 Runden lobte, ist bereits der Einstieg in eine neue CIV-Runde merklich umgemodelt worden. Statt wie im Vorgänger eine Startzivilisation und eine Karte zu wählen, müssen insgesamt fünf teils weitreichende Entscheidungen getroffen werden.

Ein Neuanfang mit Hindernissen

Diese beinhalten nicht nur die Wahl aus einer der aktuell acht verfügbaren Sponsoren/Zivilisationen, sondern befragt euch auch über die Wunschzusammensetzung der Kolonisten, Ausrüstung und Ladung eures Raumschiffes und das Aussehen des Zielplaneten. Bevor das Spiel also bereits losgeht, könnt ihr beginnen, euer Volk und ihre wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Ausrichtung grob in Bahnen zu lenken. Das sorgt für einen noch stärkeren “Das ist mein Volk!”-Gedanken als im Vorgänger.

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Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass der Schritt ins All noch einmal versucht werden soll?
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Die ersten Runden auf dem neuen Planeten bieten tatsächlich einige Hindernisse, die allerdings durch das neue Setting im Weltraum unvermeidbar sind. Durch die Alien-Planeten, die ihr besiedelt, werdet ihr zunächst einige Minuten damit verbringen, seltsam aussehende Ressourcen-Anzeigen und Materialsymbole zu identifizieren und zu interpretieren. Was kann ich mit Chitin anstellen? Ist ein Resilin-Vorkommen besonders wertvoll? Und sind Miasma-befallene Geländefelder ein in Betracht zu ziehendes Hindernis für meine Einheiten? (Ja!)

Gewohnter Suchtfaktor in ungewohnter Umgebung.Fazit lesen

Damit geht eine große Portion des vertrauten Flows verloren, der im Vorgängerspiel einen unkomplizierten Einstieg gewährte. Allerdings prägt man sich auch in dieser neuen Welt recht bald die überschaubaren Eigenheiten und Neuerungen in der Ressourcenlandschaft ein und weiß beim nächsten Spielstart recht genau, wo es sich lohnt zu siedeln und wo nicht.

Die inneren Werte zählen

Das kreisrunde Technologienetz gehört zu den größten Neuerungen im Civilization-Universum: Statt wie gewohnt von links nach rechts zu forschen und mehr oder weniger jede bedeutende Errungenschaft der Menschheit früher oder später abzuklappern, eröffnet sich vor euch die erschlagende Macht der Wahlfreiheit.

Von noch aus der Gegenwart bekannten Technologien wie Genetik und Ökologie bis zu fern-futuristischen Cyberwissenschaften und Nuklearcomputern ist alles vertreten, was das Herz von Galileo Mystery höher schlagen lässt. Doch Spaß beiseite: Man sieht, wie viel Zeit und Gedanken in die Entwicklung dieses Netzes aus Ideen und Philosophien geflossen ist, um dem Spieler ein glaubwürdiges Szenario der Zukunft zu präsentieren. In welche Richtung man sich entwickelt, bleibt einem völlig selbst überlassen - und damit wird Civilization so wiederspielbar wie noch nie in seiner Seriengeschichte.

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Orbitalsonden werden im blau markierten Orbit positioniert und geben euren Siedlungen wertvolle Vorteile.
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Doch der Kniff geht noch weiter: Das neu eingeführte Werte-System, das die Sozialpolitiken ersetzt, sorgt nicht nur für die gewohnten Boni in verschiedenen Kategorien unter neuem Deckmantel - sondern sorgt auch für eine zunehmende kulturelle Spezialisierung eures ganzen Volkes. Je nach Entscheidungen in den optionalen und teils zufällig erstellten Quests und Konzentration auf bestimmte Technologien erlangt ihr Punkte in den Gruppen “Reinheit”, “Harmonie” und “Vorherrschaft”.

Je intensiver ihr die Ausrichtung einer dieser Wertebilder verfolgt, desto mehr profitiert ihr von ihren Boni. Auch eure Einheiten ändern nach einiger Zeit entsprechend eurer Gesinnung ihr Aussehen und bekommen besondere Kampffertigkeiten. Dicker Pluspunkt: Dem Aussehen der anderen Volksvertreter könnt ihr bereits im Diplomatiemenü ansehen, welche Richtung sie für ihr Volk gewählt haben.

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Am Spielprinzip selbst hat sich - zum Glück - nichts verändert.
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Mensch gegen Alien

Besonders auffällig hat sich auch das Gameplay in den ersten Runden verändert. Während der spätere Spielverlauf den Vorgängerspielen ähnelt und es um große Schlachten und Ränkespiele mit anderen Völkern geht, steht zu Beginn eurer Zivilisation der Kampf mit den einheimischen Aliens auf dem Tagesplan.

Diese kriechen in regelmäßigen Abständen aus ihren auf der Karte verteilten und zerstörbaren Alien-Nestern und machen es euch in Form verschiedener Rassen so richtig schwer, ungestört zu siedeln. Dabei sind sie weit mehr als nur der Ersatz für die Barbaren aus den Vorgängerspielen: Mit einem Gespür für Aggression greifen sie euch erst vehement in euren Siedlungen an, wenn ihr zuvor militärische Schritte gegen ihre Rassenverwandten eingeleitet habt.

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Die Verhandlungen mit den KI-Kumpanen verlaufen nach dem bekannten Prinzip: Güter gegen Güter!
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Erst dann, wenn ihr die ersten Aliens erledigt habt, wird sich der große Rest gegen euch wenden und euch lange Zeit beschäftigen - nicht selten seht ihr euch einer Übermacht entgegen, deren Bewältigung bis jenseits der ersten 100 Runden dauern kann.

Doch der Kampf gegen die Aliens gehört zum neuen Civilization noch etwas mehr dazu als die Barbaren zu den Vorgängerspielen. Ohne diese Bedrohung scheint mir das frühe Spiel ein wenig langatmig zu sein, da die K.I. ihre Zeit braucht, um sich aufzustellen und politisch aktiv zu werden. Lasst ihr die Aliens also im Menü eingeschaltet, bekommt ihr die deutlich organischere Spielwelt zu Gesicht als ohne die einheimischen Nervtöter.