Wir „Gamer“ sind schon ein seltsames Völkchen: Während wir beim geringsten Verdacht auf gedankenlose Fortsetzungsepisoden und Merchandise-Massenschlachtung aufschreien und Entwicklern Geldgeilheit vorwerfen, sind wir im gleichen Maße auch Gewohnheitstiere. Lieblingsspiel X findet plötzlich in einem neuen Setting statt? Lieblingscharakter Y wurde durch einen neuen Protagonisten ersetzt? UNMÖGLICH! KONSUMSPERRE! Auch alteingesessene Spieleklassiker haben mit diesem Zwiespalt innerhalb der Zielgruppe zu kämpfen und so muss sich nun auch das neue Civilization dem lauernden Shitstorm stellen.

Will Miller, Co-Lead Designer bei Firaxis Game, betritt – ganz anders als viele seiner Vorsprecher – selbstsicher die Sitzecke, wo er für die nächsten 30 Minuten von den Kollegen von Gamespilot über das neue Projekt des Entwicklerteams gelöchert werden wird. Der Fragensteller, Cameron Robinson, ist großer und langjähriger Fan der Civilization-Reihe und stellt direkt zu Beginn die für eingefleischte Fans wohl wichtigste Frage: Wieso wird Civilization in den Weltraum umziehen?

Einige Stunden zuvor: Die große Halle, wo während der E3 2014 ein Großteil aller Präsentationen abgehalten wurde, wird in Dunkelheit getaucht und während die versammelten Journalisten die Köpfe zu den gigantischen Bildschirmen recken, bekommt der Ankündigungstrailer zu Civilization: Beyond Earth seinen Debütauftritt.

3 weitere Videos

Die große Überraschung, das neue Setting, schlägt ein wie eine Bombe. Global explodieren Foren und Fanseiten über der Diskussion: Darf Civilization so „abgespaced“ sein? Wie kann der bewährte Mix aus Rundenstrategie und Wirtschaftsaufbau ohne Pyramiden, Ghandi oder das finale Wettrennen ins All – wo das Spiel traditionell endete – sich überhaupt noch „Civilization“ nennen?
Dabei ist dieser neue Ausflug von Sid Meyers Schützling in die unendlichen Weiten bei weitem kein Pionierflug.

Aus Alt mach ein bisschen Neu

Bereits 1999, nach zwei erfolgreichen ersten Teilen im uns heute so vertrauten Setting der zurückliegenden Menschheitsgeschichte, wagte man den Sprung über den Tellerrand: Mit Sid Meyers Alpha Centauri wurde nicht nur graphisch und spielerisch im Gegensatz zu den Vorgängern deutlich an der Qualitätsschraube gedreht, sondern auch inhaltlich wurde dank Alientechnologien viel Neues geboten. Die Fachpresse lobte das Spiel in höchsten Tönen, Alpha Centauri wurde Spiel des Jahres – bei den Käufern floppte der Strategiehit mit dem ungewohnten Setting allerdings.

Bis heute gilt dieser Teil als verkaufsschwächste Veröffentlichung in der Geschichte von Civilization – ein bitterer Rekord und Grund genug für das Entwicklerstudio, wieder eiligst auf der Erde zu landen und sehr zum Gefallen der Fans auch dort zu bleiben. Bis Will Miller im Jahr 2014 schließlich das Unaussprechliche in Worte fasste: „Ja, wir wollten den Weltraum erobern und glauben, dass nun die Zeit dafür einfach reif ist.“

Sid Meier's Civilization: Beyond Earth - Gelingt dem Strategiekönig die Flucht ins All?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 10/131/13
Der ungewohnt anzusehende Austragungsort zukünftiger Rundenstrategie ist trotz allem kein Debüt für die Reihe.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Bereits beim ersten Blick auf das neue Interface wird klar: Der große Kulturschock bleibt zunächst aus. Menüpunkte befinden sich an den Fans bekannten Stellen und auch die Stadtübersicht wirkt vertraut. Als Will Miller allerdings den neuen Technologiebaum zeigt, klappen die ersten Mundwinkel weit nach unten: Statt wie üblich linear von links nach rechts zu forschen und so nach und nach mehr oder wenige alle Technologien freizuschalten, ist der neue Forschungsplan nun kreisförmig angeordnet.

Beginnend im Zentrum forschen wir uns nach außen und können uns dabei in eine beliebige Richtung hin entwickeln – allerdings nicht in jede. Damit wird jeder Spieldurchlauf allein in technologischer Hinsicht einzigartig und macht jeden neuen Forschauftrag zur kleinen Kopfnuss.

Packshot zu Sid Meier's Civilization: Beyond EarthSid Meier's Civilization: Beyond EarthErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Von dieser Änderung im Technologiebaum sind indirekt auch die Einheitentypen betroffen: Statt über die Jahrhunderte nach und nach neue Klassen und Upgrades freizuschalten, schlägt man nun dank des individuellen Weges durch den kreisrunden Forschungsplan eine bestimmte Richtung ein und entwickelt über die Epochen hinweg die Grundtypen der Soldaten weiter.

Ungleichheit sorgt für Fairness

Eine weitere Besonderheit, die mit dem Start ins All der Reihe ihr Debüt feiert, ist das verstärkte Prinzip der Asymmetrie: Beginnend mit dem menschlichen Spieler landet die K.I. nacheinander auf dem Alienplaneten und startet somit zeitlich verzögert. Damit wird das klassische frühe Spiel hinfällig, da es theoretisch bis Runde 50 möglich ist, dass eine computergesteuerte Siedlereinheit irgendwo in eurer unmittelbaren Nähe ihre futuristischen Zelte aufschlägt.

Sid Meier's Civilization: Beyond Earth - Gelingt dem Strategiekönig die Flucht ins All?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 10/131/13
Das Interface sorgt immer wieder für atbekannte Aha-Effekte: Der befürchtete Kulturschock bleibt wohl aus.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Doch der verzögerte Start bringt nicht zwingend Nachteile mit sich. „Landungsschiffe, die später auf dem Planeten ankommen, sind dementsprechend voller bepackt und haben mehr Crew an Board, werden sich also zu Beginn deutlich schneller entwickeln als der menschliche Spieler, der seit Runde 1 am Zug ist“, erklärt Will Miller dem sichtlich überzeugten Interviewpartner.

Diese Asymmetrie, die frischen Spielspaß in die über Jahre antrainierte Siedlungsroutine bringen soll, beginnt dabei sogar schon im Hauptmenü. Statt wie gewohnt „nur“ eine eigene Startzivilisation zu erwählen, sucht ihr in Civilization: Beyond Earth nun auch das gewünschte Landungsschiff, spezifische Ladung, Anzahl und Zusammensetzung der Crew sowie einen persönlichen Helden aus. Damit ist insbesondere der Spielbeginn deutlich abwechslungsreicher und gibt dem Civ-Siedler mehr denn je das Gefühl, eine ganz eigene Zivilisation zu erschaffen.

Diese zum Sieg zu verhelfen wird kein leichtes Unterfangen sein. Will Miller erklärt, dass sich das Entwicklerteam ganz neue Siegbedingungen (neben dem traditionellen Eroberungssieg) überlegt haben, die in das Setting passen: „Eine Möglichkeit im späten Spielverlauf ist es, einen Warp-Tunnel zur Erde zu bauen, die nach dem ominösen 'Great Mistake' aufgegeben wurde. Ihr müsst dann ausreichend viele Soldatenkontingente zu eurem Heimatplaneten schicken, um die Erde zurückzuerobern – erst dann ist das Spiel gewonnen.“

Sid Meier's Civilization: Beyond Earth - Gelingt dem Strategiekönig die Flucht ins All?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 10/131/13
Der auf den ersten Blick unfair erscheinende verzögerte Start der Zivilisationen birgt frische Gameplayelemente in sich.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es gibt noch eine ganz Reihe neuer Features, die zeigen, dass sich die Entwickler wirklich Gedanken gemacht und kein vereinfachtes Spin-Off produziert haben. Nachdem die erste Gameplay-Präsentation beendet war, stellte sich bei vielen Fans ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit ein. Ja, das Setting war ein völlig neues und ungewohntes, aber die Ideen, die bereits in das Projekt geflossen sind, zeigen, dass Beyond Earth im Kern dem alten Spielprinzip treu geblieben ist und nur dem frischen Setting angemessen Rechnung trägt.

Schwieriger werden es die Fans haben, die den historischen Look der Vorgängerspiele liebgewonnen und dem Sci-Fi-Setting wenig abgewinnen können. In diesem Fall wird es womöglich Zeit für ein rundenbasiertes Strategiespiel, das die freigewordene Lücke, die Civilization hinterlässt, füllen könnte. Hier stehen bereits einige Kandidaten in den Startlöchern, die wir in Kürze euch vorstellen werden. Bis es soweit ist, sollten wir allerdings den Hardcore-Nerd in uns ein wenig zum Schweigen bringen und Beyond Earth nicht einfach nur wegen des neuen Settings von der Wunschliste streichen.