Stilistisch runde Cartoon-Grafik vereinfacht Gamedesign. Das ist eine Prämisse, die sich schon das gute alte Warcraft 3 zunutze machte. Es schraubt nicht die Komplexität runter, macht Spiele aber leichter lesbar und pfeift auf Größenunterschiede. So ein Tauren-Chief darf ruhig fast so groß sein wie ein Turm, stört ja niemanden und der Blizzard-Titel gilt nicht umsonst als eines der drei besten Strategiespiele, die je das Licht der Welt erblickt haben. Mit Warcraft 4 haben uns die Kalifornier auf der Messe nicht überrascht, dafür aber Firaxis Games mit einem deutlich leichter lesbarem, aber nicht minder komplexen Civilization 6.

Sid Meier’s Civilization 6 - Ankündigungs-Trailer

Ein Steinsymbol auf Fels? Aha, da gehört ein Steinbruch hin. Ein Hirsch? Da wartet später mal Braten, zumindest wenn wir vorher die erforderlichen Basiskenntnisse erwerben. Und eine Krabbe auf hoher See deutet auf ein Krabbenvorkommen hin. Ergo Arbeiter anklicken, auf See schicken, er schippert mit seinem Boot hin und liefert fortan gesunde Fischspeisen. Das sind Systeme, die eigentlich jedes Strategiespiel nutzt, aber dieser Fokus auf Basenbau ist in der Civilization-Welt neu. „Wir wollen, dass ihr euch mehr Gedanken darüber macht, wo welche Betriebe gesetzt werden und wie ihr euch spezialisieren wollt“, erklärt Art Director Brian Busatti die neue Firmenphilosophie. Früher war es ja häufig sinnvoll, Kleinkram wie das Bauen von Feldern und Fischereien zu automatisieren; als großer Herrscher hat man anderes zu tun, als sich um die Basis zu kümmern.

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Orakel und andere Heilige Stätten werfen mit Blick auf das Meer oder Bergketten am meisten Boni ab, wollen ergo überlegt gesetzt werden.
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Doch in Civilization 6 sollen die Städte organischer wachsen, weshalb man mit zwölf Stadtdistrikten arbeitet. So könnt ihr direkt zu Beginn in der Antike ein Viertel des Wissens mit Bibliotheken und Schulen anlegen, die dann später zu Universitäten, Museen und Kunstausstellungen heranwachsen. Und weil große Herrscher nicht nur eine Stadt haben, sondern über ein ganzes Reich verfügen, können die kleineren Städte im Umkreis für die Produktion von Nahrung und den täglichen Dingen des Lebens genutzt werden, während in der Hauptstadt die Kultur blüht. Eine schöne Idee, denn so entwickeln sich die Metropolen mehr wie in der echten Welt und wer mag kann neben das Finanzzentrum mit all seinen Wolkenkratzern den Big Ben, Eiffelturm oder die Pyramiden von Gizeh als Weltwunder setzen.

Ein visuelleres, aber genauso komplexes Civ-Erlebnis

Stilistisch platziert sich Civ 6 zwischen dem auf Realismus getrimmten Civilization 5 und dem sehr futuristischen Beyond Earth. Es ist eine deutlich verspieltere Welt, die unserem ersten Eindruck nach aber gerade Einsteigern helfen wird, dieses sehr komplexe Werk zu lesen. Rauchende Schlote machen klar, dass hier die Industrie zu Hause ist. Majestätische ionische Säulen ragen aus der Stadt heraus und deuten auf das kulturelle Zentrum hin, während Marktstände in der Antike zu Wolkenkratzern in der Zukunft erwachsen und die Wirtschaft symbolisieren. Unterschiedliche Armeetypen werden jetzt deutlich liebevoll animiert, etwa Kavallerie, die feindliche Infanterie einkesselt. Und Schützenpanzer in der Moderne, deren Geschosse Soldaten das Fliegen lernen und sich schützend vor dem Stadtkern aufbauen.

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Civ 6 ist ein deutlich geordneteres Erlebnis, weil durch das Distriktsystem jeder Teil der Infrastruktur seinen individuellen Platz auf der Karte hat.
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Mit anderen Worten: Civ ist im Jahr 2016 angekommen, Firaxis nimmt aber trotzdem nicht unnötig viel Spieltempo raus. Jede Einheit hat ihre eigenen Kill-Animationen, der Pikenier spießt wirklich den Feind auf, aber das wirkt nach wie vor alles sehr dynamisch und durchdacht. Mehrere Einheitentypen lassen sich jetzt zu Korps zusammenschließen, also einem militärischen Verbund, die gemeinsam vorrücken. Macht Sinn, denn nach wie vor gilt: Jede Einheit benötigt ein Geländefeld. Soldaten nutzen wir auch um unsere Forschung voranzutreiben, denn innerhalb einer Art Quest-System gilt es Aufgaben zu erledigen, die die Forschungszeit verkürzen. Das wirkt insgesamt logischer und organischer, weil so ein Steinmetz ja Arbeiter bedingt, die vorher lernen Stein aus dem Fels zu hauen und ein Bergwerk zu errichten.

Forschungsbäume unterteilen sich jetzt in zwei Kategorien: Wissenschaft und Gesellschaft. Satte 118 Technologien soll es geben, 40 mehr als vorher. Zudem sind die Boni der meisten Gebäude an bestimmte Voraussetzungen gebunden: Unsere Gelehrten bauen ihre Sternwarte lieber auf einem Berg, von da aus kann man schöner gucken. Den mögen aber auch die Priester, so ist man näher zu Gott respektive den Gottheiten, die die Chinesen anbeten. Ihr seht schon: Civ bleibt Civ und ihr müsst jeden Teil eurer Infrastruktur genau planen und die Bedürfnisse von Wirtschaft, Forschung und Militär mit Kultur und Religion abwiegen.

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Weil Stadtdistrikte jetzt individuell attackiert werden können, ist es deutlich wichtiger, natürliche Schutzwälle wie Gebirge in seine Verteidigungsstrategie einzubauen.
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Kleopatra wie sie leibt und lebt

„Der Krieg verändert sich stark, weil die Städte sich stärker ausbreiten und wir mehr mit Vororten operieren, in die Produktionen verlagert werden“, erklärt Brian Bussatti. „Dadurch müsst ihr euch mehr Gedanken darüber machen, wo Truppen stationiert werden. Das ist in der Tat sehr wichtig, weil die einzelnen Distrikte nicht mehr direkt im Kern in die Stadtmauer eingeschlossen sind. Wird bei einem Barbarenangriff euer Forschungsdistrikt verwüstet, fallen die entsprechenden Boni solange weg, bis es sich regeneriert hat. Auf die Art lässt sich der Feind gezielt schwächen, was militärisch spannend ist. Nicht reizen solltet ihr Teddy Roosevelt, der als historische Persönlichkeit die Fraktion der Amerikaner ins Feld führt. Er ist ein großer Freund des Friedens und der Stabilität, wer seinen Verbündeten dumm kommt, der bekommt schnell die Macht der United States Army zu spüren.

Firaxis will mit diesen Figuren das Gameplay ein bisschen auflockern und versucht interessante Charaktere zu finden, die das jeweilige Volk gut repräsentieren. Als Fraktionen bereits enthüllt wurden die USA, China, Japan und Ägypten. Was Firaxis damit meint, zeigt sich am ehesten an Kleopatra: Die Pharaonin war zu Lebzeiten berühmt-berüchtigt für ihre smarten Allianzen und Liebschaften, wickelte erst Julius Cäsar und dann Marcus Antonius um ihren Finger, die jeweils große Teile der Marine und tausende Legionäre nach Ägyten verlegten. Sie versucht ergo auch in Civilization 6 immer das Maximum für sich herauszuholen und sich mit starken militärischen Partnern zu umgeben, hat dafür aber auch eine blühende Wirtschaft zu bieten. Für jeden Anführer könnt ihr zudem aus Boni wählen, jeweils für die militärische, ökonomische und diplomatische Strategie. So bekommt ihr etwa zwei Gold pro Handelsroute extra oder fünf Prozent mehr Schlagkraft, wenn ihr gegen Barbarenstämme kämpft. Und noch eine gute Nachricht für Hardcore-Fans, die gerne K.I. gegen K.I. antreten lassen, einfach um zu schauen, was passiert: Yep, ist drin. Firaxis nutzt die nämlich auch selbst, um sein Spiel rund um die Uhr auf Bugs zu testen.