Ich lass gleich mal die Katze aus dem Sack: Als großer Fan von Civilization und noch größerer des angehimmelten Ablegers Alpha Centauri sind mir beim letzten Civilization, das auf den Namen „Beyond Earth“ hörte, fast die Füße eingeschlafen. Es war in keiner Hinsicht ein schlechtes Spiel, aber ihm fehlte Pfiff, Kreativität und ein ganzer Batzen Persönlichkeit. Alles Stärken, die die Hauptreihe in jedem ihrer Teile versucht, neu zu erfinden oder zumindest neu zu verpacken. Nun haben wir eine römische Sechs im Titel und zwar kein perfektes Spiel, aber ein echtes Civ zum Liebhaben, weil es sich was traut und sich von der Stelle bewegt. Willkommen zurück.

Sid Meier’s Civilization 6 - Announcement Trailer2 weitere Videos

Man sollte meinen, dass man nach so vielen Teilen überhaupt nicht mehr viel ändern kann an einer Formel, die (nahezu wortwörtlich) immer wieder versucht, das Rad neu zu erfinden. Doch man läge falsch: Nicht nur in der Handhabung bekannter Elemente macht Civilization VI einige frische Versuche, es führt auch völlig neue Ideen ein, die auf Anhieb Sinn ergeben und in der Praxis toll funktionieren.

Bevor man überhaupt das Spiel startet, macht Civ VI schon klar, dass es anders sein will. Nicht nur der leicht deformiert-knuddelige Stil der großen Führerpersönlichkeiten sticht ins Auge, es ist vor allem auch die Auswahl der Zivilisationen und Herrscher selbst, die auffällt. Da gibt es oft unterschlagene Reiche wie Brasilien oder den Kongo zu bestaunen, oder Teddy Roosevelt, Königin Viktoria und Katharina von Medici als Staatsoberhäupter – sicherlich für keine ihrer Nationen jeweils der erste legendäre (und / oder abgegriffene) Anführer, an den man denken würde. Es ist auch keineswegs eine rein kosmetische Frage. Hat ein Volk etwa zwei Anführer, bringen diese, so will es die Tradition, merklich andere Spielweisen mit sich. Die Griechen etwa, gedacht als Volk, das auf einen Kultursieg hinsteuert, werden entweder von Perikles geführt, der politisch geschickt taktiert und mit Sozialpolitiken hantiert, oder Königin Gorgo, die früh Kultur durch militärische Erfolge akkumulieren kann.

Schon früh kriegt man dann übergebraten, dass man allein mit seinem alten erworbenen Wissen um die Reihe nicht weit kommen wird – spätestens nämlich, wenn man das erste Mal eine Baueinheit aus seinem ersten Städtchen ploppen lässt und dann verdutzt aus der Wäsche guckt. Nicht nur kann man die Biester nicht automatisieren, tatsächlich sind sie in ihrer Benutzung auch begrenzt – ein paar wenige Verbesserungen werden rings um die Stadt errichtet, dann lösen sich die Bauarbeiter in Wohlgefallen auf. Was ist da los?

Civilization VI - Zurück auf der Erde – Gott sei dank

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 1/41/4
Der neue Stil ist knuffig und technisch durchaus sauber. Dennoch wird sich der ein oder andere daran stoßen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nun, zweierlei. Zum einen will Civ VI den bewussten Ausbau von Städten fördern und jedem Ausbau, jeder Verbesserung mehr Gewicht verleihen, Klasse statt Masse. Das klingt, als ob das Spiel ätzend in Richtung erzwungenen Micromanagements gelenkt würde, aber das ist nicht der Fall. Vielmehr wurde der Ausbau in Einzelfällen wichtiger gemacht und durch die Limitierung gleichzeitig die sinnvolle Spezialisierung von Städten gefördert. Oder, wenn man bösartig sein will, erzwungen. Es ist kein Selbstläufer mehr, aber das ist etwas Gutes, denn wenn ich Sinnlosigkeiten ohne Spielrelevanz will, kann ich mir auch einen Bildschirmschoner angucken. Das neue System ist fordernd, aber sehr befriedigend.

Und zweitens, das ist eine der größten Neuerungen an Civ VI, will das Spiel raus aus den Städten. Zwar kann man im Stadtzentrum immer noch gewisse grundlegende Notwendigkeiten bauen, doch wenn es an die Spezialisierungen der Städte geht, ist das Umland gefragt. So legen wir diesmal also nicht nur Farmen, Minen oder Koppeln für Tiere in der Pampa an. Will eine Stadt forschen, braucht sie einen Laborkomplex. Will sie mehr produzieren als andere Städte, muss ein Industriegebiet her. Und könnt ihr euch vorstellen, wie schwierig es wäre, die Cheops-Pyramide in der Innenstadt von Köln aufzustellen?! Ja, auch Wunder sind jetzt nicht mehr urban, sondern suburban.

Packshot zu Sid Meier’s Civilization 6Sid Meier’s Civilization 6Release: PC: 21.10.2016 kaufen: ab 47,99€

Diese Distrikte und Wunder schlagen ebenfalls in die Kerbe der geförderten Spezialisierung und der gewichtigeren Entscheidungen. Man erwischt sich dabei, wie man nicht zwangsläufig jedes Wunder bauen will, weil das kontraproduktiv wäre und es nicht genug Platz gibt, und stattdessen bekommt man ein wesentlich besseres Gefühl dafür, welche Auswirkungen die einzelnen Bauprojekte denn nun hatten. Schade ist, dass die Wunder im Vergleich zu früheren Teilen nicht gut in Szene gesetzt sind, es erwartet uns gerade mal die Mini-Konstruktion des jeweiligen Rendermodells. Oh, und bevor wir das Thema verlassen: Auch hier gibt es einige... interessante Entscheidungen. Hättet ihr je gedacht, das Ruhrgebiet als Wunder in einem Civ zu sehen?

Civilization VI - Zurück auf der Erde – Gott sei dank

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Führerpersönlichkeiten wie Teddy Roosevelt unterscheiden sich stark in ihrem Vorgehen und beeinflussen entscheidend, wie ihr euer Reich hochzieht.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andere große Stärken sind vor allem der Ausbau bisher vorhandener Mechaniken, teils kleiner, teils größer. Im Kleinen gibt es Systeme zu beobachten wie das leichtere Erstellen von starken Heeren, so kann man mehrere kleine Einheiten zu Corps und dann Armeen zusammenschließen, oder sie gleich als solche produzieren lassen. Die Spionage ist in ihrer Bedeutung etwas angehoben worden, das Religionssystem hat an Komplexität hinzugewonnen und die Stadtstaaten, eine der großen Neuerungen der letzten Jahre, sind sowohl aktiv in Sachen Militär als auch passiv durch verschiedene einzigartige Boni nützlicher denn je. Sehr schön ist auch, dass Forschung aktiver unterstützt werden kann: Jedes Forschungsprojekt hat eine „Mini-Quest“, die bei Erfüllung die Forschungszeit halbiert. Manches davon passiert automatisch, auf anderes kann man hinarbeiten und mit genügend Ausbau kann man auf das System auch pfeifen – ein weiterer Schritt zu einem eigenen und besonderen Spielstil.

Wer auf große Persönlichkeiten steht, wird auch hier erfreut sein, dass jede einzelne von ihnen nun einzigartig ist. Es macht einen großen Unterschied, ob man Isaac Newton oder Albert Einstein als großen Wissenschaftler anwirbt – einer zum Beispiel baut und errichtet einen eigenen Laborkomplex, der andere aktiviert Boosts für Forschungsprojekte des Atomzeitalters. Es hat eine Zufallskomponente, aber gleichzeitig hat man dem Spieler auch etwas mehr Kontrolle gegeben, nicht nur auf bestimmte Arten von großen Personen hinzuarbeiten, sondern auch eine konkrete Person ablehnen zu können, um bald danach eine andere zu wählen.

Ein mutiger Teil, dem man kleine Patzer zugunsten der Innovation gern verzeiht.Fazit lesen

Eine der größten Veränderungen, die ich sehr gelungen finde, sind die Civics, die Sozialpolitiken. Das System ist über die letzten Jahre immer wieder verändert worden und hat irgendwann geradezu Rollenspiel-artige Züge angenommen – spätestens die letzte Erweiterung von Civ V, das mit Skillslots und Perks arbeitete, ging sehr in die Richtung. Es blieb also nur der logische Schritt, das System des menschlichen Fortschritts endlich auf Augenhöhe mit dem technologischen Fortschritt zu behandeln. Sozialpolitik hat jetzt einen eigenen „Tech-Tree“, in dem man sich mittels der Kultur-Ressource entlangbewegt und immer neue Möglichkeiten zur persönlichen Anpassung seines Reiches freischaltet. Im Laufe der Jahrtausende kann man insgesamt neun Regierungsformen annehmen, doch diese bilden nur ein Grundgerüst. Jede von ihnen hat Plätze für Militär-, Sozial- und Wirtschaftspolitiken, und in diese kann man die Aberdutzenden von möglichen Vorgehensweisen einsetzen, die man haben möchte. So erlaubt einem die Regierungsform des Faschismus zum Beispiel besonders viele Militär-Spezialisierungen, doch wenn man einen sozialistischen Fünfjahresplan als Unterbau wünscht, dann nur zu! Es ist zahllose Variation und Individualisierung möglich, zumal einige Zivilisationen und Herrscher, wie ihr euch denken könnt, besondere Kniffe und Boni in diesem neuen System mitbringen.

Civilization VI - Zurück auf der Erde – Gott sei dank

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 1/41/4
Ist euch aufgefallen, dass wir nicht ein Mal auf dem alten "Nur noch eine Runde"-Gag herumgeritten sind? Also ... bis auf jetzt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es ist sehr erfreulich, wie viel Civ VI anders macht, und nicht als Selbstzweck, sondern sogar sinnvoll anders. Selbst an der Diplomatie wurde ein wenig geschraubt. So gibt es jetzt zum Beispiel, wenn ein Reich dem anderen auf die Füße tritt, Möglichkeiten, bei einem Kriegsausbruch den Schaden am eigenen Ansehen zu mindern. Liegt ein casus belli, also ein Kriegsgrund vor, dann werden die Folgen einer Kriegserklärung gemindert. Theokratien berufen sich auf heilige Kriege, Imperialisten darauf, dass sie sich gegenüber ihren rückständigeren Nachbarn ausbreiten müssen und vieles mehr. Außerdem hat jeder Herrscher nun ganz explizite Vorlieben, die man bedienen (oder, wenn man auf Zank aus ist, ignorieren) kann. Leider fährt eines der größten Mankos von Civ VI diesem System in die Parade: die künstliche Intelligenz ist so dämlich und undurchschaubar wie eh und je. Sie fordert an unpassenden Stellen, bricht völlig unvermittelt Versprechen oder Allianzen auf und zeigt gänzlich sinnfreies Vorgehen. Ja Gandhi, du hast meine Stadt bereits komplett zu deinem Glauben konvertiert – warum baust du immer noch ununterbrochen Missionare und schickst sie dort hin?! Was nützt es mir, wenn ich alle Ansprüche meines Gegenübers bediene, nur, damit er mir dann doch in die Suppe spuckt? Wozu bringe ich einen legitimen casus belli an, nur, damit mir in der nächsten Runde jede einzelne Zivilisation auf dem Globus den Mittelfinger zeigt?

Und wenn wir schon bei den Schwächen sind: Zwar versucht sich Civ VI an einer neuen, schnelleren Bedienung, bei der zum Beispiel das Bauen in Städten oder Abrufen von Infos ohne unnötige Schritte vonstatten geht, aber leider fehlt es diesem neuen UI oft an Übersichtlichkeit. Wenn ich einen Missionar zu einer anderen Zivilisation schicken will und diese partout nicht finde, wenn ich nicht alle notwendigen Informationen abrufbereit habe und dann doch alle naslang in die Civilopedia gucken muss, dann hab ich durch das System nicht viel gewonnen.

Es ist nicht zu leugnen: Civ VI könnte etwas Pflege vertragen, aber über welchen Teil der Reihe ließ sich das zum Release nicht sagen? Und natürlich können wir uns bereits drauf einstellen, dass spätestens mit den Erweiterungen (ich benutz mal gleich die Mehrzahl, denn wem wollen wir was vormachen?) alles wieder auf den Kopf gestellt und durcheinandergewürfelt wird. Doch ich für meinen Teil bin gefesselt und kann ehrlich sagen: Nicht mein Lieblingsteil, doch ein richtig gutes und vor allem neues Civ. Chapeau, Firaxis.