Oh nein, das könnt ihr mir doch nicht antun! Da versucht man verzweifelt, von dieser Droge loszukommen, distanziert sich, zwingt sich zur Disziplin, schon klopft sie erneut und ach so verführerisch an die Tür und erinnert daran, wie süß jeder einzelne Hit ist, nicht aber, wie destruktiv sie wirken kann. Ja. Civilization V erhält sein erstes Add-on – und ich sehe meine erholsam durchschlafenen Nächte aus dem Fenster flattern.

Dabei war doch eigentlich alles super. Civ V hatte die Zugänglichkeit und das Design nach oben geschraubt, war komfortabel und trotz kleinerer Abstriche komplex genug, um mich einige Wochen vor den Monitor zu fesseln.

Ich kultivierte mit Napoleon, marschierte mit Alexander und erforschte mit Elisabeth die Weltmeere. Es gab viel zu entdecken und natürlich ist die Civ-Reihe eh eine Geschichte ohne Ende, jede neue Partie stellt den Spieler vor neue Herausforderungen und Szenarien. Doch irgendwann hatte ich genug und widmete mich wieder dem Rest der glamourösen Glitterwelt der Games.

Gods & Kings aber macht mir einen Strich durch die Rechnung, reicht es doch nun neben dem üblichen Firlefanz (wie neuen Nationen) zwei Mechaniken nach, die versprechen, das Kräfteverhältnis auf terra virtua ordentlich durchzurütteln: Spionage und Religion. Gerade Letztere wurde von Fans des Vorgängers bislang schmerzlich vermisst, konnte man in Civ IV doch die Glaubenskeule sehr mächtig schwingen und so vor allem ordentlich die Kasse klingeln lassen. Nichts Geringeres erwarte ich also auch von dem just installierten Zusatzpack.

Sid Meier's Civilization 5: Gods & Kings - Eine Frage des Glaubens

alle Bilderstrecken
"Nur noch ein Ründchen" zieht auch diesmal.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 16/181/18

Dann gucken wir mal: Zunächst fallen die neun neuen Zivilisationen auf, mit denen wir die Welt erobern können. Ihre Fähigkeiten sind durchdacht und teils bereits auf die neuen Spielelemente angepasst, sofort sehen wir, welche Spielweise sich wo verbirgt. In einer Partie selbst entdecken wir dann dieselbe Liebe zum Detail, die schon den anderen Staatsoberhäuptern Leben eingehaucht hat. Ob Dschingis Khan uns von seinem Thron aus anknurrt, Attila über die Steppe reitet oder Erzherzogin Maria Theresia uns in feinstem Österreichisch begrüßt, alles ist sofort sympathisch und wirkt nicht einfach hastig rangepappt.

Bereits früh im Spiel haben wir dann Berührung mit dem Hauptfeature des Add-ons, der Religion. Sie basiert auf eigens errichteten Gebäuden und Wundern, die „Glauben“ als neue Ressource generieren, mit der man sich langsam an größere Glaubenskonstrukte herankrebst. Die Entfaltung der ganzen Sache ist, wie wir noch sehen werden, nicht nur sehr vielseitig, sondern offenbart sich auch unmittelbar als durchdacht, weil abgestuft. Anstatt irgendwann einfach eine bereits fertige Weltreligion aufploppen zu lassen, kann eine junge Zivilisation in den Kinderschuhen erst einmal einen Pantheon von Göttern begründen und anbeten.

Packshot zu Sid Meier's Civilization 5: Gods & KingsSid Meier's Civilization 5: Gods & KingsErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Je nachdem, welche archaischen Riten dabei gewählt werden, erhält die Zivilisation verschiedene Boni. Diese können alles Mögliche sein: mehr Kultur, Produktion oder besseres Militär, mehr Nahrung oder Gold, sogar Boni auf den Glauben selbst, damit man noch schneller vorankommt. Wie hoch die Belohnungen ausfallen, hängt wiederum davon ab, wie viele Anhänger die Religion hat, nicht nur in den eigenen Städten, sondern auch in fremden Zivilisationen und Stadtstaaten. Unser Glaube verbreitet sich, man möge mir den Vergleich verzeihen, wie eine Krankheit und steckt immer mehr Städte an, kann aber auch künstlich durch Missionare befördert werden.

Sid Meier's Civilization 5: Gods & Kings - Eine Frage des Glaubens

alle Bilderstrecken
Wie immer könnt ihr selbst entscheiden, mit wem, wohin und wie lange.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 16/181/18

Das ist das Geheimnis des Religionssystems: Anstatt neben der eigenen Spielweise zu laufen, unterstreicht es sie, indem es wie bei einem Rollenspiel zusätzliche Boni und Perks verleiht. Jede Form von Zivilisation kann von der Anwendung von Religion profitieren und sie als Ergänzung zu den bereits vorhandenen Skilltrees der Sozialpolitiken nutzen. Je weiter man die Religion treibt, desto besser wird sie: Große Propheten erscheinen und ermöglichen den Ausbau des Glaubenssystems, was noch mehr Perks freischaltet, außerdem erlauben sie die Konvertierung weiterer Ungläubiger und die Errichtung von Kathedralen, Moscheen oder Synagogen.

Die Religion fetzt, die Spionage ätzt, alles andere ist ganz nett oder Pillepalle. Etwas zu mager für ein vollständiges Add-on.Fazit lesen

Das führt natürlich wiederum zu Reibungen, denn nicht nur will jeder der Welt seinen Glauben aufdrücken, alles funktioniert auch auf der „Wer zuerst kommt, betet zuerst“-Basis: Je nach Anzahl der Spieler können nur begrenzt viele Religionen gegründet werden, und wurde eine Bonuseigenschaft von einem Spieler gewählt, wird sie den später gegründeten Glaubensrichtungen verweigert.

Spion & Spion

Neben dem Rennen um Technologie beginnt also auch eines um die Theologie, die mit neuen Wundern und Gebäuden gefördert werden kann. Wer sich aus dem Glaubenskampf raushält, kann immer noch gut abschneiden – vor allem, wenn er zum Beispiel die heilige Stadt einer Religion erobert und so die Bonuseigenschaften einheimst –, hat aber auf jeden Fall ein leichtes Handicap. Die ersten Runden mit himmlischer Unterstützung jedenfalls habe ich haushoch gewonnen.

So reizvoll das alles ist, es kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Gods & Kings in jeder anderen Hinsicht mit Neuerungen vornehm zurückhält. Die rein menübasierte Spionage etwa ist im Vergleich ziemlich flach und uninspiriert. Ab dem Industriezeitalter erhält man automatisch Spione, die man auf Städte und Stadtstaaten ansetzen kann. In fremden Metropolen können sie Technologien klauen, in Stadtstaaten den Einfluss anderer Völker zu eigenen Gunsten sabotieren. Schickt man sie in eine eigene Stadt, haben sie eine sehr geringe Chance, einen Diebstahl zu verhindern.

Und das war's, Freunde. Da hatte Master of Orion schon mehr auf dem Kasten in Sachen Spionage und hat wenigstens nicht versucht, uns an der Nase herumzuführen. Denn ob die Menü-Agenten dann noch im Level steigen, ob es zwei Gebäude zu ihrer Unterstützung gibt oder ob sie gelegentlich beim Scheitern „getötet“ werden und dann eine Weile nicht verfügbar sind, interessiert doch letztendlich kein Schwein. Wo die Religion eine lebendige und aktive Mechanik voller Möglichkeiten ist, ist die Spionage ein eher unwichtiger Selbstläufer und spielerisches Hintergrundrauschen.

Sid Meier's Civilization 5: Gods & Kings - Entwicklervideo #1 (Die Neuerungen)

Beide Mechaniken sollen natürlich dafür sorgen, dass es mehr Konfliktherde zwischen den Parteien gibt, und das gelingt auch bedingt. Über Religionsangelegenheiten oder ein geklautes Geheimnis kriegt man sich schon mal in die Wolle, nur leider ist die Diplomatie immer noch nicht der Höhepunkt von Civilization V. Man kann sich jetzt öffentlich denunzieren oder mit anderen Civs auf Kuschelkurs gehen, doch ein vernünftiges Verhandeln ist eh immer noch unmöglich, weil die KI schlichtweg zu verrückt ist.

Sie will nicht gerecht tauschen, sondern wie ein Einzelkind mit Sommersprossen alles für sich, ganz egal, wie unrealistisch das sein mag. Sie will einen Krieg beenden und fährt ab dem nächsten Zug fort, öffentlich gegen mich zu zicken, zu agitieren und Forderungen zu stellen. Wo ist denn da die Logik?

Gerade hier hätte Civ V viel Nachbearbeitung vertragen, stattdessen hat man sich aber entschieden, neben der einen großen Baustelle „Religion“ keine zweite aufzumachen. Man hat lieber hier und da verbessert, hier mal ne neue Einheit, da ein Gebäude, auch mal ein neues Verhalten für die Stadtstaaten, alles ganz behutsam. Das Problem ist: Das ist nicht wirklich Add-on-würdig, sondern eher Patch-Arbeit.

Gods & Kings bleibt insgesamt höchst unterwältigend, was eine wahre Schande ist, denn die Qualität des Hauptspiels ist unleugbar noch da, ebenso wie seine Schwächen. Die anfänglich beschriebene Sucht hatte mich nach dem ersten Zug wieder gepackt und mein Schlafrhythmus hat sich erneut vollends verabschiedet. Es ist eben immer noch Civilization V, bloß mit einer Kugel mehr am Weihnachtsbaum. Insofern brauchen diejenigen, die der Reihe ihre Änderungen nie verziehen haben, auch gar nicht anzutanzen.