Wer sich regelmäßig über deutsche Autobahnen echauffiert, war noch nicht in Frankreich. Reichlich 75 Minuten hat der schweigsame Taxifahrer gebraucht, um meine Kollegen und mich im Schritttempo vom Pariser Charles-de-Gaulle-Flughafen zu einem kleinen Loft in der Innenstadt zu fahren. Für den ohnehin schon eng gestrickten Terminplan war das zu viel. „We want to revolutionize modern eSport“, sagt Nadeo-Chef Florent Castelnérac gerade in gebrochenem, von einem sympathischen französischen Akzent durchtränkten Englisch, als wir die Präsentation betreten.

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In den letzten Jahren habe der virtuelle Sport einen deutlichen Zulauf erfahren, diesen aber nicht gewinnbringend umsetzen können. Es fehle an einer zentralen Schnittstelle, einem gemeinsamen Treffpunkt, wenn man so will. Und an der stärkeren Einbeziehung der Community – allen voran die Zuschauer, aus denen irgendwann selbst Profis werden können.

Die nächste Folie der Präsentation erscheint und mit ihr das bildschirmfüllende Logo von ManiaPlanet. Oder auch „the future of eSports“, wenn man dem etwas schüchternen Mann mit dem grau melierten Haar Glauben schenken will. Ein paar Minuten und etliche weitere Folien später bin ich geneigt, das zu tun.

Viel hat sich getan, seit Nadeo Ende 2003 die erste Version des heutigen Free-to-Play-Phänomens „TrackMania (Original)“ veröffentlicht hat; das eigentliche Grundgerüst des Rennspiels blieb jedoch weitestgehend unangetastet. Noch immer steht der schnelle, unkomplizierte Spielspaß im Vordergrund. Die ersten Runden sind schnell gedreht, dann wird man Opfer des eigenen Ehrgeizes und macht sich buchstäblich ans Feintuning. Easy to learn, hard to master.

ShootMania Storm - Ich bau' dir einen Shooter

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Auch mit ShootMania Storm setzt Nadeo voll aufs Online-Spiel.
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Auf dieser Basis wollen die französischen Entwickler weiter aufbauen und Spieler unter dem gemeinsamen Dach von ManiaPlanet und dessen internen Rankings so weit motivieren, dass sie langfristig am Ball bleiben. Könnte klappen, zumal das spielübergreifende Netzwerk weit mehr zu bieten hat als vielseitige Ränge und klar strukturierte Menüs.

ManiaPlanet ist der künftige Ausgangspunkt, die unumgängliche Anlaufstelle für alle Spieler von „TrackMania“, „ShootMania Storm“ und „QuestMania“ (über Letzteres wird aber noch großzügig der Mantel des Schweigens gehüllt). Hier werden Mitspieler gesucht, Wettbewerbe erstellt, eigene Kreationen erschaffen und vermarktet, Live-Spiele übertragen und Duelle ausgefochten. Valves Vertriebsplattform Steam diente unverkennbar als primäre Inspirationsquelle, obschon Nadeo lediglich das Grundgerüst übernommen und für die eigenen Zwecke entsprechend umgemodelt hat.

Packshot zu ShootMania StormShootMania StormErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Das Ganze wirkt bereits zum jetzigen Zeitpunkt erstaunlich durchdacht – nicht nur hinsichtlich der Inhalte. Klare, übersichtliche Menüstrukturen machen die Navigation durch das eigentlich komplexe Netzwerk angenehm intuitiv, der integrierte Browser vermeidet unnötiges Minimieren des Prozesses und die benötigten Ressourcen sind, Nadeo-typisch, äußerst genügsam und sollten keinen PC an den Rand der Überlastung bringen. Vieles davon wurde bereits mit der Veröffentlichung von „TrackMania 2 Canyon“ eingeführt, für den bevorstehendes Start von „ShootMania Storm“ allerdings noch einmal kräftig überarbeitet.

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Mit dem Map-Editor lässt sich natürlich allerhand anstellen.
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ManiaPlanet steht und fällt jedoch mit den nutzergenerierten Inhalten der Community, weshalb ein jeder belohnt wird, der sich etwas Restkreativität aus der rechten Gehirnhälfte kratzt. Möglichkeiten dafür gibt’s einige, adäquate Gegenleistung ebenfalls. Die Faszination des Eine-Hand-wäscht-die-andere-Prinzips besteht seit Jahren, die potenziellen Spieler eines Rennspiels sind aber beschränkt. Das dürfte eine der Überlegungen gewesen sein, als man in Frankreich vor einiger Zeit mit der Entwicklung eines Ego-Shooters begonnen hat.

Dieser soll sich auf dieselben Stärken berufen, die auch schon dem hauseigenen Vorbild zum internationalen Erfolg verholfen haben, gleichzeitig aber ganz eigene Qualitäten bieten. Und genau wie „TrackMania“ wird auch das neueste Projekt regelmäßige Erweiterungen erfahren. Online-Spiele seien nie „fertig“, irgendetwas würde sich immer finden, das optimiert werden könne, so Castelnérac. Stillstand ist keine Alternative. Eine Grundregel, die auch auf „ShootMania Storm“ selbst zutrifft.

ShootMania Storm

Es dauert keine Minute, bis mich ein neonfarbener Energieball meines virtuellen Lebens beraubt. Der spitzbübisch grinsende Kollege neben mir gibt mir mit einer ausladenden Handbewegung zu verstehen, dass der tödliche Schuss aus seiner Waffe stammt. Das wird er bereuen, schwöre ich mir und versuche, die schnelle Spielmechanik von „ShootMania Storm“ für mich arbeiten zu lassen. Nächster Versuch. Weit und breit keine Spur vom Kontrahenten. Dann springt er wie aus heiterem Himmel hinter der nächsten Ecke hervor. Abermals ein grelles Projektil. Abermals ein weiterer Punkt für ihn.

Ein Spiel, unbegrenzte Möglichkeiten: Hier könnte ein echter Dauerbrenner auf uns zukommen.Ausblick lesen

Mittlerweile hat sich die Karte mit weiteren Mitspielern gefüllt. Auf dem Spielfeld zischen verschiedenfarbige Schüsse hin und her, zwischen den Monitoren der Anwesenden scharfzüngige Kommentare in unterschiedlichen Sprachen. Es kommt zur nationalen Grüppchenbildung: Deutschland gegen Frankreich, England gegen Holland. Dennoch ist sich jeder selbst der nächste – und hat mehr Spaß, als es die etwas biedere Optik im Vorfeld vermuten ließ.

Und dann hat es Nadeo wieder geschafft: Wie „TrackMania“ bereits Jahre zuvor zeichnet sich auch der wieselflinke Ego-Shooter aus Frankreich durch eine hohe Zugänglichkeit aus, die zuallererst auf den Verzicht von unnötigem Schnickschnack zurückzuführen ist. Perks, Upgrades, Spezialfähigkeiten: All das gibt’s nicht, all das braucht es auch nicht.

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Nette Lichteffekte.
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Einem „Quake Live“ oder „Warsow“ nicht unähnlich, geht es hier primär um die Fähigkeit im Umgang mit Maus und Tastatur. Wer nicht zielen kann, verliert. Dank knapp eines Dutzends unterschiedlicher Spielmodi, die einen umfangreichen Querschnitt dessen zeigen, was überhaupt möglich ist, liegt die Einstiegshürde aber deutlich niedriger als bei vergleichbaren Titeln.

In seiner ursprünglichen Form ist „ShootMania Storm“ damit durchaus das, was sich die Entwickler erhoffen: ein potenzieller eSports-Hit. Das Grundgerüst stimmt, die Einbindung und Motivation der Spieler mithilfe von ManiaPlanet sowieso. Etliche Events und Kooperationen mit großen Partnern seien ebenfalls geplant, bestätigte Castelnérac während seiner Präsentation. Nun gelte es, genügend begeisterte Fans zu akquirieren.

Auf dem Papier lassen sich diesem Vorhaben gute Chancen einräumen. Allein die Positionierung fernab von pseudo-authentischer Weltkriegsschießerei lässt den Titel aus der schieren Masse hervorstechen, obschon die reduzierte Optik nicht überall zu glucksenden Freudenschreien führen dürfte. Der niedrige Verkaufspreis sowie die Omnipräsenz auf ManiaPlanet selbst sollten zudem einige „TrackMania“-Spieler dazu animieren können, die Rennschüssel für ein paar Runden gegen eine futuristische Wumme einzutauschen. Vielleicht springt der Funke ja über.

Gerade kompetitive Shooter kranken jedoch im Normalfall an einer signifikanten Hemmschwelle, die vielen Anfängern den Wind bis zur Resignation aus den Segeln nimmt: Frust. Frust über die Chancenlosigkeit im Duell mit geübten Spielern, Frust über die vielen kleinen Kniffe, die erst mühevoll und durch viele Bildschirmtode gelernt werden müssen. Dieser Problematik war man sich auch bei Nadeo bewusst, weshalb „ShootMania Storm“ von Haus aus über eine Vielzahl unterschiedlicher Modi verfügt, die verschiedene Aspekte der Spielmechanik in den Fokus rücken. Die sogenannten Funmodi sollen Neulinge langsam, aber konsequent an das Spiel heranführen – ganz ohne dröge Tutorials. „Learning by doing“ heißt das oberste Kredo.

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Abhängig vom ausgewählten Modus geht es entweder einzeln oder gemeinsam in den Kampf.
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Dasselbe gilt auch für die mächtigen integrierten Editoren, mit deren Hilfe jedes noch so kleine Detail dem eigenen Gusto angepasst werden kann. Während andere Entwickler derartige Möglichkeiten eher als nettes Gimmick verkaufen, schöpfen die Franzosen aus den Vollen und knüpfen exakt dort an, wo sie bei „TrackMania“ aufgehört haben.

Drei separate Tools stehen zur Verfügung, mit deren Hilfe eigene Maps erstellt, individuelle Regeln und Einstellungen geändert sowie Videos respektive Screenshots geschnitten werden können. Klingt zunächst simpel, bietet aber, so abgedroschen es auch klingen mag, unbegrenzte Möglichkeiten. Wer will, kann sich sein völlig eigenes Spiel basteln, das mit dem eigentlichen „ShootMania Storm“ bis auf den Programmcode nichts mehr gemein hat, und anschließend auf ManiaPlanet anderen Spielern zugänglich machen.

Diese beeindruckendste aller Stärken wird dem Spiel zugleich aber zum größten Verhängnis. Die Freiheit der Editoren kostet Nadeos Titel letztlich einen erheblichen Teil seiner Persönlichkeit, da es zu weiten Teilen absolut austauschbar wirkt – was es genau genommen auch ist. Es besteht lediglich aus verschiedenen Bausteinen, die zwar zu einem markanten Ganzen gefügt werden können, aber nie das Charisma in sich geschlossener Konkurrenztitel erreichen.