Den ukrainischen Entwickler Frogwares kennt ihr, wenn ihr ihn überhaupt kennt, wahrscheinlich von der seit jeher höchst amüsanten Reihe von Adventures rund um Sherlock Holmes, die seit mittlerweile 14 Jahren die Gaming-Landschaft unsicher macht. Und einer der Aspekte, die vor allem mir daran sehr gefallen: Man bemüht sich bei Frogwares sichtbar darum, die Abenteuer von Holmes und Watson nicht zur Standard-Rätselnummer von der Stange zu machen, sondern, vor allem in den letzten Vertretern, eine wirklich eigenständige Identität aufzubauen, die Holmes gerecht werden soll.

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Denn was wäre des größten Detektivs der Welt unwürdiger als blöde Stino-Rätsel im Stil von "Benutz Messer mit Limette, um Limettenscheiben zu erhalten"? Nein, Holmes muss beobachten, analysieren, schneller als andere Menschen verstehen und kombinieren. Deshalb hat der letzte Ableger der Reihe, Verbrechen und Strafe, tatsächlich eine meiner höchsten Wertungen in diesem Jahr erhalten. Es war das erste, mithin das einzige Spiel, in dem ich mich wirklich wie Sherlock Holmes gefühlt habe, nicht wie ein Aushilfs-Guybrush, der Pixeljagd betreibt und dann Items statt Spuren kombiniert.

Sherlock Holmes: The Devil's Daughter - Huch, wer ist das denn?

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Das Okkulte und Mystische ist sehr präsent im neuen Teil - und Holmes macht sich den Aberglauben mancher Leute zunutze.
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Ich bin also doch einigermaßen vorfreudig auf den neuen Teil, der den ominösen Titel "The Devil's Daughter" trägt. Und da ich außerdem einer dieser mürrischen Gamer bin, die wie eine rostige Bärenfalle einschnappen, sobald jemand was an "ihrer" Reihe ändert, war ich über den ersten gerenderten Cinematic-Trailer doch schon etwas verwundert. Da sahen wir Holmes, wie er panisch (und besoffen) einem kleinen Mädchen folgt, das ihm offenbar am Herzen liegt, und wie in Hollywood-Manier die Baker Street um ihn herum zusammenbricht, wie die Geländer am Straßenrand, offenbar von einer okkulten Macht ergriffen, wie Schlingpflanzen in seinen Weg peitschen, und wie eine finstere Gestalt das Mädchen aus seiner Reichweite entfernt, während er hechtet und fechtet wie ein Stuntman. Dazu immer wieder eingestreute Visionen mit bizarren Motiven, Mystery-Kitsch und morbider Symbolik. Und ich so: Hä?

Packshot zu Sherlock Holmes: The Devil's DaughterSherlock Holmes: The Devil's DaughterErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: ab 33,12€

Sherlock Holmes war nie ein Mystery-Actionspiel, nicht mal auch nur in der Nähe dessen, also warum mimt der olle Sherlock hier jetzt den Edward-Carnby-Jason-Bourne-Mischling? Auch der Blick auf das neueste Marketing-Material ist eigenartig: Wenn von einem Sherlock Holmes drei Screenshots gezeigt werden und die einen Hechtsprung, eine stürzende Kutsche und eine Explosion zeigen, dann fragt man sich schon, ob das alles in Richtung Bayhem gelenkt werden wird. Ich kann Entwarnung geben: Wird es nicht. Aber das macht das Marketing im Grunde genommen zu irreführender und falscher Werbung. Vielleicht eine Folge dessen, dass Frogwares mit Bigben Interactive einen neuen Publisher haben.

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London ist wieder immens einladend und atmosphärisch geraten.
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Was mich aber am meisten verwunderte, und damit gehen wir dann auch zum eigentlichen Spiel über, das ich im Vorschauevent sehen durfte, war Holmes' Aussehen. Wer war dieser Mann, der vielleicht in seinen späten 20ern war, mit Stoppelbart und einem Gesicht, das geradezu aufdringlich sagt "Ich bin der stereotype Bad Boy in der neuesten Castingband von der Stange"? Wo war der hagere, distinguierte Gentleman mit Zylinder und den frechen, klugen Augen, den ich so schätzen gelernt hatte? Ein betrunkener Nathan-Drake-Verschnitt mit Sexappeal ist nun so ziemlich das letzte, was ich mir für diese Reihe gewünscht hätte. Wiederum stellt sich die Frage: Ist das dem Publisherwechsel geschuldet, der das Spiel mit neuem Look in eine andere Richtung lenken will?

Sherlock Holmes, der Charakter, sieht auch im Spiel so aus wie im Trailer. Und fangt mir nicht an mit Dr. Watson, der jetzt das blasse Abziehbild von Jude Laws stylisher Charakterinterpretation in den Guy-Ritchie-Filmen ist. Für Fans der Vorgänger kommt zu dem Schleudertrauma erschwerend hinzu, dass der Rest der Welt zwar technisch aufgebohrt wurde (Die Entwickler werden nicht müde zu betonen, dass sie jetzt Physical Based Rendering einsetzen. Übersetzung: Es ist etwas hübscher, machen wir weiter.) ästhetisch aber dasselbe stimmungsvolle London ist, das die Fans schätzen gelernt haben. Und andere bekannte Charaktere, wie etwa der in der Vorschau gesehene Inspektor Lestrade, haben sich so ziemlich gar nicht verändert. Oh je.

Nicht verwirren lassen: Trotz anderem Gesicht und Action-Marketing wird dies eine waschechte Fortsetzung.Ausblick lesen

Das Gute ist, dass sich das alles auf das Spiel nicht auszuwirken scheint. Die Geschichte soll, wie der Trailer ja schon angedeutet hat, persönlicher sein, sich um Holmes' adoptierte Tochter drehen und immer eine Spur Mystizismus andeuten – eine Andeutung, die hoffentlich nicht zu sehr in Realität umschlägt. Sowohl in der Bedienung als auch Menüführung als auch den meisten Mechaniken fühlt man sich sofort heimisch.

Was nicht bedeutet, dass es gar keine Änderungen geben würde. In einer von uns gespielten Szene findet sich Holmes in einer Kneipe wieder, in deren Hinterzimmer ein Verdächtiger unerreichbar scheint. Unser findiger Detektiv entdeckt mit unserer Hilfe und seinem scharfen Blick an einem benachbarten Tisch einen Falschspieler, der seine Kameraden beim Kartenspiel betrügt. Anhand der sichbaren Spuren sieht Holmes, welche Apparatur der Mann im Ärmel hat: Ein über eine Schnur kontrollierter automatischer Kartengeber, der uns dann mittels eines Pseudo-Röntgenblicks gezeigt wird. Schneiden wir dem Halunken wortwörtlich den Faden ab, wird sein Schwindel aufgedeckt; der Tumult wird als Ablenkung reichen, um uns ins Hinterzimmer zu schleichen.

Sherlock Holmes: The Devil's Daughter - Huch, wer ist das denn?

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The Devil's Daughter wirkt im Gezeigten ganz und gar nicht actionreich, und wozu auch? Das Marketing zeigt das Spiel allerdings anders.
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Nun analysieren wir den Raum und fassen den Plan. Es werden mehrere Schritte markiert, und haben wir die richtige Reihenfolge angeordnet, führt Holmes den Plan durch: Der Meisterdetektiv stößt den Hut eines Mannes vom Tisch, während der sich bückt, entwendet er ihm ein im Tische steckendes Messer, nähert sich dem Falschspieler an, durchtrennt an dessen Jacke den Faden, die Karten sprudeln über den Tisch, eine Schlägerei entsteht und währenddessen schlüpft Holmes durch eine Tür auf die Veranda. Darauf folgt gleich noch ein neues Element, ein Minispiel, bei dem Holmes über einen Balken zu einem anderen Fenster balancieren muss. Ähnliche Minispiele gab es schon früher, und sie scheinen so überflüssig wie eh und je, tun dafür aber auch niemandem weh.

Der Kern dessen, was für mich Verbrechen und Strafe so toll gemacht hat, ist aber noch da. In den insgesamt fünf (hoffentlich und wahrscheinlich umfangreichen) Fällen werden Spuren gesammelt, auf unterschiedliche Arten untersucht und schlussendlich zu Schlussfolgerungen kombiniert – und nicht zwangsläufig den richtigen. Auch der analytische Blick beim ersten Treffen einer neuen Person ist noch da und sogar etwas erweitert: Man sieht nicht nur die Details am Outfit, sondern muss sie teilweise sogar interpretieren – sind diese Interpretationen falsch, wird das Bild des Charakters schief. Ist derjenige, der einen auffälligen Stars-and-Stripes-Pin am Revers trägt, nun ein waschechter amerikanischer Patriot oder ein Aufschneider, der sich wichtigmachen will? Wichtige Fragen.

Leider lässt sich ein Adventure wie Sherlock Holmes in einer Vorschau immer nur bedingt gut vorzeigen, aber in diesem Fall ist es etwas Positives. Trotz des nach außen erweckten Eindrucks wurden mir keine Explosionen oder unnötige Actionsequenzen vorgesetzt, und stattdessen hab ich einiges gesehen, das wie eine erweiterte Version des Bekannten wirkt. Wenn ich mich nun noch mit Robert Downey Jr. und Jude Law als respektive Holmes und Watson abfinden kann, bin ich mir sicher, dass ich im Juni einmal mehr viel Spaß haben werde.