Manchmal wird man überrascht, und mir ging es so, als ich vor ziemlich genau zwei Jahren The Testament of Sherlock Holmes vorgesetzt bekam. Ich hatte bis dato keine Erfahrung mit der Adventure-Reihe, sehr wohl aber mit Titeln von der Stange, die sich einfach das Etikett eines berühmten Franchises aufpappen, um ihre eigene Klotzigkeit oder manglende Qualität zu verschleiern.

Was lange währt...

Diese Erwartung wurde glücklicherweise durchbrochen. Testament war kein erstklassiges Spiel, aber doch wesentlich besser, als ich bei der Installation befürchtet hatte. Mit frisch gesteiftem Zylinder und einem schnurrbärtigen und chronisch überforderten Arzt im Schlepptau löste ich einige Geheimnisse und hatte insgesamt ordentlichen Spaß. Ich rief allerdings anschließend nicht zuhause durch, um von meiner neuen und überwältigenden Entdeckung zu erzählen. Es nötigte mir einfach Respekt ab.

Ich hatte aber auch sofort Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge parat, und gottlob, denn je offensichtlicher die Schwächen, desto fauler kann ich sein und mich leichter auf das hohe Ross schwingen, auf dem ich so gerne sitze. Insofern muss ich also annehmen, dass Entwickler Frogwares mich ärgern wollte, als er den neuen Teil „Crimes and Punishments“ entwarf, denn dieser ist noch so, so viel besser als sein direkter Vorgänger.

Sherlock Holmes: Crimes & Punishments - Wat'son Detektiv kann, kann ich schon lange

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Da ist er, der alte Zyniker.
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Er beginnt, wie nur ein Titel mit Sherlock Holmes in der Hauptrolle beginnen kann: Dr. John Watson liest in einem Buch (natürlich Dostojewskis „Schuld und Sühne“) und hört Schüsse aus dem Wohnzimmer. Was er zunächst für einen Eindringling hält, ist tatsächlich Holmes, der aus Langeweile eine Augenbinde angelegt hat und mit seinem Revolver einige potthässliche Vasen zu treffen versucht. Schon bald taucht Inspektor Lestrade auf, berichtet von einem geheimnisvollen Mord, und das Abenteuer geht von neuem los...

Ich würde gerne ein wenig mehr die größere Geschichte hinter den Fällen anreißen, doch die Wahrheit ist, dass es schlichtweg keine gibt. Einzig die Hatz von Holmes' noch genialerem, allerdings auch politisch intrigantem Bruder Mycroft auf eine Terroristenbande ploppt ab und zu im Spielverlauf auf und findet am Ende auch einen Abschluss, ohne jemals richtig begonnen zu haben. Crimes and Punishments ist aber, wie man es dreht und wendet, eine Ansammlung loser Kriminalfälle, ohne einen roten Faden.

Packshot zu Sherlock Holmes: Crimes & Punishments Sherlock Holmes: Crimes & Punishments Erschienen für PC, PS3, PS4 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Das kann man dem Spiel furchtbar ankreiden, aber eigentlich nur, wenn man mit der Hoffnung herangegangen ist, dass es einen großen Handlungsbogen geben würde. Ich hatte es erwartet, wurde überrascht und vermisse eine größere Handlung nicht ein Stück. Im Gegenteil können sich die sechs umfangreichen Einzelfälle, denen Holmes und Watson sich widmen, meiner Ansicht nach viel besser entfalten, weil sie eben nicht sklavisch einem großen Mystery-Plot unterworfen sind.

Sherlock Holmes: Crimes & Punishments - Wat'son Detektiv kann, kann ich schon lange

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Sherlock Holmes ist das beste Spiel seiner Reihe und ein Fest für Adventure- wie Sherlock-Fans.
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Unsere Reise führt uns zu solch illustren Orten wie Spelunken, den dunklen und urinbenetzten Gassen von Whitechapel und auch die britische Pampa dürfen wir näher kennenlernen. Aber auch Badehäuser im römischen Stil, die Ruinen einer archäologischen Ausgrabung oder, offenbar in Anlehnung an den letzten Teil, ein verlassener Zirkus werden besucht. Die Konstante ist aber immer dieselbe: Mord, Mord und nochmals Mord. Selbst, wenn es um Diebstahl geht, geht es eigentlich um Mord. Drunter macht es der Meisterdetektiv von Welt nicht.

Das ist nicht die einzige Konstante. Zunächst ist auffällig, wie gut das neue Holmes-Abenteuer durchweg aussieht. Die Unreal Engine 3 ist vielleicht nicht mehr vollkommen frisch (und sie bringt auch in diesem Teil in ihrem Fahrtwasser ein paar alte Bekannte mit sich – vor allem sporadische Probleme beim Laden von Texturen), kann sich aber in Sachen Gestaltung mehr als sehen lassen. Konnte der Vorgänger noch eher trotz der technischen Umsetzung mit seinen Setpieces und der Spielwelt punkten, kann es der neue Teil gerade wegen der verbessertern Grafik. Auch die Charaktere sind davon betroffen und sehen in den besten Fällen sehr lebensecht aus, wobei es ein paar Ausnahmen gibt – insgesamt etwas zu steife Mimik und vereinzelte Charaktermodelle reissen den Spieler ein wenig raus.

Mit Schirm, Charme und Zylinder

Innerhalb dieser dichten Atmosphäre sind es aber vor allem die überarbeiteten Mechaniken, die mich mit diesem Teil nun endlich auch zu einem wirklichen Fan der Reihe machen. Vor zwei Jahren war ich entzückt, dass Entwickler Frogwares Sherlock Holmes verstanden hatte, aber gleichzeitig enttäuscht, dass die Erkenntnis nicht konsequent umgesetzt wurde.

Das ist der Holmes, den ich immer spielen wollte! Ein cleveres und unübliches Adventure, das niemand verpassen sollte.Fazit lesen

Denn neben einem Logik-System, bei dem man in Holmes' Schädel Hinweise zusammensetzen musste, gab es für meinen Geschmack trotzdem noch zu viele Rätsel im Stil von „Benutze Feuerzeug mit Kohlenanzünder“ oder, noch unpassender, Myst-Rätsel, bei denen man in Nahaufnahme auf Schließmechanismen, Schachbretter und derlei Gedöns mehr starren musste, um sich dann durchzuklicken.

Sherlock Holmes: Crimes & Punishments - Wat'son Detektiv kann, kann ich schon lange

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Die einzelnen Fälle sind nur mit einer vagen übergeordneten Handlung verbunden. Schade, aber kein Beinbruch. Außer vielleicht für den Kerl hier.
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Diese beiden Elemente, die mich in „normalen Adventures“ nicht so sehr stören, sind für diesen Teil nun endlich so weit zurückgeschraubt worden, dass sie zumindest mir gar nicht mehr im Weg stehen. Sie sind nicht völlig weg, aber zum Hintergrundrauschen geworden. „Ich muss meine Laterne höher heben? Gut, suche ich mit eine Stange dafür.“, solche „Rätsel“ gibt es vereinzelt immer mal.

Ich glaube, selbst wenn sie gar nicht da wären, würde ich sie nicht vermissen, aber sie nerven auch nicht. Das Knacken eines Schlosses funktioniert jedesmal mit demselben, nervenschonenden Minispiel, das jedesmal etwas schwerer wird, aber völlig funktional ist. Und selbst ein vereinzeltes Schalterrätsel, das sich ganz allein in der Mitte des Spiels befindet, verzeiht man einem Titel, der gut über zehn Stunden tolle Unterhaltung liefert, ganz gerne mal.

Und das vor allem, weil die Kernmechanik nicht nur echt unterhaltsam, sondern auch echt Sherlock Holmes ist. Veteranen reicht er vermutlich schon, wenn ich berichte, dass die Logikfunktion des Vorgängers einfach ausgebaut und nun wirklich durchweg zum Hauptelement gemacht wurde, aber auch sie sollten zuhören, es gibt nämlich ein paar Besonderheiten. Alles in Crimes & Punishments dient dem Finden von Hinweisen und Aufdecken von Zusammenhängen. Mit jeder neuen Spur, die wir finden, geht in Holmes Kopf eine neue Glühbirne an.

Sherlock Holmes: Crimes & Punishments - Der Spürnase über die Schulter geschaut

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Sherlock Holmes: Crimes & Punishments - Der Spürnase über die Schulter geschaut

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Da ist es für uns sehr gut, dass wir direkten Zugriff auf seine Synapsen haben – was übrigens kein Witz ist, der Schlussfolgerungs-Bildschirm sieht tatsächlich aus, als ob er aus Nervenbahnen besteht. Jedenfalls sammeln sich hier immer mehr Fakten über den Fall. Verdächtiger X hat Motiv Y, jener Beweis deutet auf folgenden Umstand, in dem Stil.

Spannend wird das, sobald man so viele Spuren hat, dass sich jeweils unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten ergeben. Es mag sein, dass zwei Leute eine Affäre hatten, aber nimmt man diese für bare Münze oder vermutet, dass einer der beiden sich durch die Beziehung einen Vorteil verschaffen will? Ein Charakter wird in seinem Job durch einen aufgezwungenen Helfer unterstützt – führt das zu Dankbarkeit oder Kränkung?

Inside Sherlock Holmes

In diesen Fällen können wir die Schlussfolgerungen hin- und herschalten, und je nachdem, wie wir das machen, ergeben sich am Ende jedes Falles verschiedene Resultate, verschiedene insgesamt logische Verkettungen und Netze der Fakten in Holmes' Kopf. Und wie findet man raus, welche nun die richtige ist? Wie kann man, wenn rein von der Faktenlage her alle drei Verdächtigen in Frage kommen, wenn man die Spuren interpretiert, sicher sein, wer der Täter ist?

Na durch Nachdenken, man! Ich habe es einmal gesagt und sage es wieder: Fakten sind keine Wahrheiten, und die eigentliche Herausforderung des Spiels ist es, am Ende zwischen mehreren möglichen Vorgängen selbständig den plausiblen und richtigen zu ermitteln. Das ist manchmal recht leicht und manchmal zum Nägelbeissen knifflig. In einem der Fälle geht es gar nicht darum, ob oder von wem das Verbechen verübt wurde, nur wie – und beide Methoden sind definitiv möglich! Doch Sherlock Holmes lässt sich nicht ins Bockshorn jagen und so auch nicht der Spieler, dessen Gedankengänge schon bald mit denen des größten Detektivs aller Zeiten zu verschmelzen scheinen. Man glaubt von außen gar nicht, wie viel Bock das dank der super geschriebenen Fälle macht.

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Hach, so schön...
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Übrigens kann man auch den Falschen Beschuldigen und ein alternatives Ende zu den Fällen sehen, hinterher darf man selbst entscheiden, ob man wissen will, ob die eigene Entscheidung richtig oder falsch war. Und apropos „Entscheidung“: Am Ende jedes Falles hat man die Möglichkeit, gegenüber den oftmals aus einer Notlage heraus tötenden Überführten Gnade walten zu lassen oder sie mit der vollen Härte des Gesetzes zu strafen. Anschließend gibt es dann noch eine Statistik darüber, wieviele andere Spieler den Fall ebenso aufgelöst haben – gut ins Hinterzimmer von Telltale oder Spielen wie Catherine gelinst.

Aber das sind nur Spielereien, die das gesamte Erlebnis abrunden. Vielleicht das schönste Detail, weil es am meisten nach Arthur Conan Doyles unerträglichem Genie stinkt, ist das Kennenlernen eines neuen NPCs. Dann kann man als Sherlock seinen Blick über das Charaktermodell schweifen lassen und denjenigen anhand seiner Details analysieren. Wie viel man völlig glaubhaft über die Personen erfährt, wenn man zum Beispiel ihre Kleidung oder ihre Hände betrachtet, ist so schön, so befriedigend, so Holmesesque, dass man kaum umhin kann, vor dem Rechner oder der Konsole selbst zu einem affektierten Schlaumeier zu werden und spontan eine Kanne Tee aufzusetzen.

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Wie gesagt: Frogwares verstehen Sherlock Holmes. Hier aber habe ich nun wirklich das erste Mal das Gefühl, tatsächlich in seine Rolle zu schlüpfen, während ich mich zuvor eher wie Watson fühlte: Verdonnert zu den niederen Aufgaben, mit großen Augen aus der Distanz die Handlungen des genialen Helden bestaunend und insgesamt einfach ein bisschen doof.

Wer weiß, vielleicht kann man aus dieser neuen, nahezu perfekten Formel ja beim nächsten Mal auch wieder ein großes, zusammenhängendes Abenteuer zaubern. Für den Moment freue ich mich einfach sehr über den episodischen Leckerbissen, der eher das Etikett „Inspektionsspiel“ als „Adventure“ verdient – er ist einzigartig und wirklich, wirklich gut.