Freunde, es ist eine glorreiche Zeit! Nicht nur besinnen sich viele Spielentwickler wieder auf alte Tugenden und die Wünsche von uns Spielern gleichermaßen, erstaunlich viele von ihnen schaffen es dabei auch, klassischen Franchises neues Leben einzuhauchen. Vor allem Oldschool-Shooter haben es in den letzten Jahren gut getroffen. Sowohl Wolfenstein als auch Doom kommen mittlerweile im modernen Gewand daher, und schaffen es dabei, ihren Wurzeln und dem Geist vergangener Tage gerecht zu werden, gleichzeitig aber mit aktuellen Konventionen mitzuhalten. Abgesehen von einer Neuauflage von Redneck Rampage – die Daumen sind gedrückt – konnte man mir kaum eine größere Freude machen als es das Studio Flying Wild Hog im Jahr 2013 mit seinem Baby getan hat: einem modernen Shadow Warrior.

Nun geht das nicht allen so – kein Spiel kann jemals allen gefallen. Manchen war die Action zu hirnzermarternd, der infantile Humor zu brachial, die Erzählung zu doof. Mir aber nicht, und ein Blick auf die Wertungen zeigt zumindest solide Noten, was also die jetzt erscheinende Fortsetzung alles andere als absurd macht. Einmal mehr geht es also als Lo Wang, unzüchtige Witze sind vorprogrammiert, ins Getümmel, und sowohl Dämonen als auch Yakuza als auch die Cybertruppen von Orochi Zilla können sich warm anziehen.

Der charmante Söldner mit dem Hang zur Egomanie soll eigentlich nur der Tochter eines Yakuza-Bosses ein Artefakt als Geburtstagsgeschenk besorgen. Doch kaum will er es abliefern, stellt sich heraus dass die junge Dame, die auf den Namen Kamiko hört und Undercover in den Drogenlabors von Über-CEO Zilla arbeitete, enttarnt und entführt wurde. Über eine Kette von Verstrickungen wird Kamikos Seele von ihrem Körper getrennt. Der Körper nimmt gewaltige Ausmaße an und ernährt sich von der (von uns) im letzten Teil freigesetzten Dämonenenergie, bis er zu einer finster fleischig-wulstigen Weltbedrohung heranwächst. Und Kamikos Seele? Die findet, Fans des ersten Teils werden es ahnen, eine vorübergehende Bleibe in Lo Wangs Kopf. Erklärtes Ziel: Körper stoppen, Seele wieder einpflanzen und die Göre aus dem Brägen kriegen.

Shadow Warrior 2 - Der Diablo steckt im Detail

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Sieht nach einer Mordsgaudi aus und das ist es auch. Gutes kann manchmal so einfach sein.
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Klingt wirr und ein bisschen doof, ist es auch, doch man sollte die Handlung von Shadow Warrior 2 nicht unterschätzen, denn sie wartet mit einigen Stärken auf, die auch der erste Teil schon hatte. Zum einen nimmt sie sich Zeit, um über viele Gespräche, NPCs und Schlüsselszenen besser erzählt zu werden, als es einem Knallpeng-Shooter wie Shadow Warrior zustehen würde. Abermals ist man um die zwölf Stunden mit einem Spieldurchgang beschäftigt, mehr, wenn man auch noch auf Jagd nach Geheimnissen und derlei gehen will. Die Dialoge sind spritzig geschrieben und durchweg gut intoniert, allerdings zumindest teilweise mit sehr derbem Humor, der so weit unter die Gürtellinie zielt, dass er schon manchmal die Kniescheibe trifft. Muss man mögen. Tut man es nicht, dann kann er nach einer Weile auf den Sender gehen. Ich persönlich liebe ihn. Man muss den Vorgänger nicht gespielt haben, um sich reinzufuchsen, hat aber ein paar schöne Erinnerungen und „A-ha!“-Momente, wenn man es doch tut. Woher ich das weiß? Weil ich genau auf der Grenze zwischen beiden Zuständen bin: Die Erinnerungen sind verblasst, werden aber immer wieder reaktiviert.

Springt man dann ins Getümmel, ist erst mal alles beim Alten. Im Sekundentakt werden Legionen hässlicher Viecher weggebuttert, sowohl das solide Nahkampfsystem mit seinen bekannten Spezialmanövern als auch die Bleipusten mit der Durchschlagskraft einer Abrissbirne machen auf Anhieb Gaudi. Kennt man aus dem Vorgänger, ist keinen Deut schlechter geworden. Im Gegenteil freut man sich erst einmal über die neu hinzugewonnene Mobilität Lo Wangs, der mit Doppelsprüngen und Dashes (sowohl am Boden als auch in der Luft) sowohl bei der Navigation durch die Levels als auch in Kämpfen eine bislang ungeahnte Geschwindigkeit und Flexibilität an den Tag legt. Es ist nett, doch noch keine Revolution der Grundlagen. Dann aber entdeckt man, welche neuen Elemente auf diesem Fundament errichtet wurden – und wie gut sie sich in das bereits Bekannte einfügen.

Zunächst einmal ist die Spielstruktur ziemlich anders geworden. Anstatt hintereinander Missionen abzuschließen, kann man nun entweder Haupt- oder optionale Nebenmissionen auf einer Karte selbst anwählen. Letztere ergeben Sinn, sobald man die zweite große Änderung ins Auge fasst, zu dieser kommen wir gleich. Die Missionen sind also handlich portioniert und die Umgebungen, in denen sie spielen, weisen eine Menge Varianz und schmucke Stimmung auf – wenn sie sich auch leider innerhalb der Missionen ein bisschen häufig wiederholen und man sich an ihnen nach einer Weile sattsieht. Dennoch: Von Unterwelt-Infektion erfasste Wälder und Höhlensysteme, kleine pseudo-japanische Dörfchen und Tempel bis hin zu den dauerverregneten Neongassen von Zilla City – es gibt in Shadow Warrior 2 es ein schönes Maß an Abwechslung zu beglubschen. Ebenfalls nett: Zwischen den Aufträgen kann man, wenn man will, frei in den Arealen rumturnen, Geheimnisse suchen oder Loot sammeln.

Shadow Warrior 2 - Der Diablo steckt im Detail

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Unter der herrlich bescheuerten Schale steckt ein überraschend cleverer Kern. Shadow Warrior 2 ist keinesfalls so oberflächlich, wie es augenzwinkernd tut.
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Ja, Loot, denn das ist die vielleicht größte Änderung und einer der neuen Stützpfeiler des Spiels (und der Anlass für meine geradezu schmerzhaft clevere Überschrift dieses Textes). Zwar findet Lo Wang nicht im Sekundentakt neue Waffen, doch diejenigen, die er besitzt, kann er mittels gefundener Upgrades anpassen. Auch sich selbst und seine Coop-Partner (man, ich mach aber auch viele Anspielungen auf Features, die ich erst später erkläre) kann der psychotische Ninja-Verschnitt mit den Aufwertungen stärken. Diese Upgrades sind weitgehend zufällig zusammengewürfelt – ihre mittlere Qualität hängt vom Fortschritt im Spiel und dem Schwierigkeitsgrad ab – und erlauben Feintuning in vielfacher Hinsicht. Da kann man Elementarkräfte in Wummen und Schwertern entfesseln, ihren Schaden gegen bestimmte Feinde (oder ganz allgemein) erhöhen oder auch ihr Verhalten vollkommen ändern. Ein Upgrade zum Beispiel erlaubt, eine Waffe im Akimbo-Style, also mit einer Knarre in jeder Hand, zu führen. Ein weiteres, die entsprechende Flinte, den Raketenwerfer oder wasauchimmer als autonomen Geschützturm in der Gegend zu platzieren, um etwas Feuerschutz zu erhalten.

Es gibt, in Ermangelung einer eleganteren Formulierung, abartig viele Möglichkeiten, seinen ganz persönlichen Lo Wang mit einem hyper-angepassten Arsenal zu bauen. Und der Grund dafür ist, dass alle Upgrades multipliziert werden mit: Dutzenden von verschiedenen Waffen (diese sind nicht zufällig, sondern einzigartig, aber viele von ihnen optional – als Fundstücke in der Welt oder, häufiger, Belohnung für Missionen und Nebenmissionen), vier aktiven Skills und wiederum zahlreichen passiven (auch die können gefunden, erworben oder als Belohnung erhalten werden), der mit dem Lootsystem verknüpften starken Variabilität der Feinde, die ohnehin schon sehr vielseitig daherkommen. Nicht alles dabei, muss man sagen, wirkt gleich nützlich oder komplett gleichwertig balanciert. Doch wenn man zehn Waffen mit ins Feld führen kann und das partout nicht reichen will, wenn alle Skillpunkte durch Level-ups und Questbelohnungen doch nicht mal im Ansatz reichen, um einen Großteil der Fähigkeiten freizuschalten, dann muss man sagen: Es gibt schlimmere Probleme als „zu viele gute Spielelemente“. Der Fachausdruck für den Umfang des gelungenen spielerischen Inhalts in Shadow Warrior 2 ist „eine Arschladung“, und wenn man bei einem Spiel darüber heult, dass man es nicht mehr schafft, die Pestilenz-Kettensäge mitzunehmen, die Feinde zum Explodieren bringt und den Benutzer heilt, weil man schon die dreiläufige Schrotflinte dabei hat, die Feuer speit, und die Dämonenmachete, die einen bei einem Spezialmanöver unsichtbar macht, dann sollte man sich vielleicht darauf besinnen, dass es schlimmere Probleme gibt.

Shadow Warrior 2 - Der Diablo steckt im Detail

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Jeder Screenshot ist pure Poesie. Mit Blut. Und Gekröse.
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Bei Shadow Warrior 2 allerdings... kaum. Abgesehen von Geschmacksurteilen gibt es so gut wie keine eklatanten Schwächen. Gut, da wäre die Tatsache, dass der Tod im Spiel komplett konsequenzenfrei ist. Schlagartig ploppt Lo Wang einfach beim letzten Checkpoint auf und startet den Anlauf erneut. Auf höheren Schwierigkeitsgraden werden die Feinde, die man gerade bekämpft hat, dadurch geheilt, aber man verliert nichts und kann sich, solange man wenigstens eine Delle hinterlässt, im Lauf der Zeit durchgrinden – oder man lässt die Viecher links liegen, wozu gibt es denn offene Areale und neu eingeführte Luftakrobatik? Überhaupt, durch die Kombination aus Upgrades, Skills, Spielerlevels und Massenvernichtungswaffen kann man das Spiel, das ohnehin schon nicht sehr schwer ist, mit ein bisschen Geschick völlig aushebeln, und plötzlich gerät man selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad kaum noch ins Straucheln. Vielleicht sollte man hier noch ein paar Stellschrauben anziehen.

Größer, spaßiger und so herrlich dumm wie eh und je. Ein Spaßorgasmus, der seinen Vorgänger in den Schatten stellt.Fazit lesen

Doch ein Riesenspaß ist es allemal. Shadow Warrior 2 ist eines dieser Spiele, die für den „Hirn aus und abreagieren“-Spieler bestens geeignet sind, aber auch einem Kenner mit mehr Ansprüchen gefallen können. Spätestens, wenn man sich im Coop noch ein paar Freunde dazuholt und gemeinsam übers Headset wiehert, hat man für jede Art von Quadratäugler eine lohnende Erfahrung im Paket. Es muss gesagt werden: Der Coop-Modus, in dem jeder Spieler aus seiner Perspektive Lo Wang ist und alle anderen anonyme Ninja, bringt keine zusätzliche Komplexität oder Tiefe mit ins Spiel, sondern einfach albernes Chaos. Shadow Warrior 2 ist, bei allen jetzt bestehenden Ähnlichkeiten, nicht Borderlands, erst recht nicht Diablo. Was es aber ist: Ein ganzes Stück besser als sein Vorgänger – je nachdem, ob man diesen bereits liebte oder nicht, sollte man also den zweiten Teil entweder unbedingt erleben oder ihn doch zumindest eines zweiten Blickes würdigen. Denn kein Leben ist so hart wie Lo Wang.