Im dritten Anlauf wird aus der Vision eines großartigen Spiels nun tatsächlich ein ebensolches. Shadow of the Colossus setzt einen neuen Maßstab für Spieleremakes: Warum, das lest ihr in meinem Test zum Spiel.

So schön, so fantastisch inszeniert - das Remake von Shadow of the Colossus hat uns vollends begeistert:

Shadow of the Colossus - Opening Cinematic Trailer - mit Entwickler-Kommentar5 weitere Videos

Ich sollte meinem jüngeren Ich dankbar sein: Bis zum PS4-Remake hatte ich Shadow of the Colossus nie durchgespielt. Auf der PS2 war es 2005 ein zu ambitioniertes Spätwerk von Team Ico, das die Hardware überforderte und nur auf Biegen und Brechen funktionierte. Sechs Jahre später inszenierten die Amerikaner von Bluepoint Games sowohl Vorgänger Ico als auch Shadow of the Colossus bereits für die PS3 neu. Aus mir kaum noch nachvollziehbaren Gründen habe ich auch diese Fassung ignoriert. Es lag wohl daran, dass ich nie mit Ico warm wurde, die Spiele aber in der „richtigen“ Reihenfolge spielen wollte.

Shadow of the Colossus (Remake) im Test: Wundervoll auf der PS4 Pro

Diesen Vorsatz habe ich anlässlich des PS4-Remakes von Shadow of the Colossus, das ich im Folgenden übrigens nur noch Shadow nennen werde, aufgegeben – und diese Entscheidung hat mir eins der schönsten Spielewochenenden der letzten Jahre beschert. Ungläubig saß ich zwei Tage lang vor dem Fernseher und starrte auf eins der stärksten Spiele aller Zeiten. Um die technischen Details direkt abzuhaken: Ich habe das Spiel auf einer PS4 Pro an einem 4K-Fernseher gespielt, zwei Modi stehen dabei zur Auswahl: Der Cinematic-Modus präferiert eine höhere Auflösung, während der Performance-Modus die Bildrate auf 60 erhöht. Ich habe mich für die Performance-Option entschieden, die das furchtbar ruckelnde Original im Vergleich wie einen Scherz wirken lässt.

Liebe zerfetzt Berge

Die Story von Shadow ist ähnlich reduziert wie das Spielkonzept: Der junge Held(?) Wander möchte die ebenso junge Frau Mono wiederbeleben, die aus nicht genannten Gründen verstorben ist. Darum befördert Wander sie auf dem Rücken des Pferdes Agro in verbotene Regionen der Welt. Dort angekommen erfährt er, wie Mono wieder in die Welt der Lebenden geholt werden kann: 16 Kolosse müssen erlegt werden. Gewaltige, respekteinflößende Kreaturen, die zu Lande, zu Wasser und in der Luft unterwegs sind.

Der Spielablauf folgt einem immer gleichen Schema. Ihr startet an einem zentral gelegenen Altar, auf dem Mono aufgebahrt ist. Von dort aus reist ihr zum nächsten Koloss, euer Schwert weist euch den Weg, wenn ihr es ins Sonnenlicht haltet. Die Welt ist verglichen mit modernen Open-World-Titeln überschaubar groß, dafür aber zum Niederknien schön. Wenn ihr durch den kleinen Wald reitet oder aus der Ferne einen reißenden Wasserfall bestaunt, dann mag man nicht glauben, dass man hier ein Spiel mit PS2-Wurzeln vor sich hat. In der Tat hat Bluepoint für diese Neuauflage alles neu gebaut, ohne aber Stimmung und Wirkung des Spiels zu verändern. Die grundlegende Architektur ist also wie und eh, die Texturen sind aber wahnsinnig schick, ebenso die Lichteffekte. Dass nun auch Kamera und Steuerung nahezu perfekt funktionieren, sind weitere wichtige Verbesserungen. Puristen dürfen dennoch auf das alte Steuerungsschema zurückgreifen – es gibt allerdings keinen guten Grund dafür.

Jeder Kampf ist einzigartig

16 Höhepunkte

Die Glanzlichter setzen die Kolosse, die übrigens nicht alle bildschirmgroß sind. Es gibt ein paar kleinere Exemplare, die in der Regel aber nicht leichter zu besiegen sind. Allen gemein sind mit Fell überzogene Körperstellen, die für Wander wichtige Angriffspunkte sind – im wahrsten Sinne des Wortes. In vielen Kämpfen könnt ihr nur siegen, wenn ihr euch am – stets wunderschön aussehenden – Fell der Kolosse festhaltet und nach einiger Kletterei die verwundbaren Stellen ihrer Körper findet. Dabei hilft euch wiederum euer Schwert – habt ihr es gezogen, werden die Schwachpunkte farblich hervorgehoben.

Viele Monster sind so groß, dass aus ihren massigen Körpern nach der Erstbesteigung Geschicklichkeitstests werden, während derer ihr lauft, springt, klettert, klammert und zustecht. Wenig überraschend stehen die Kolosse nicht sonderlich auf einen kleinen Störenfried, der ihnen immer wieder ein Schwert in den Körper rammt. Also versuchen sie nach Kräften, euch abzuschütteln oder anderweitig loszuwerden. Habt ihr erstmal die richtige Taktik gefunden, lassen sich die meisten Kolosse aber recht schnell besiegen. Ihr müsst nur eure Ausdaueranzeige im Auge behalten und euch regelmäßig Zeit zur Erholung nehmen.

Ich hatte keinen emotionalen Bezug zum Original, umso mehr hat mich dieses fantastische Remake nun umgehauen. Vielen Dank und bitte mehr!Fazit lesen

Bemerkenswert sind die Emotionen, die euch durchfluten, wenn ein Koloss schließlich zu einer traurigen Melodie zu Boden geht. Zwar seid ihr euch stets eurer großen Mission bewusst, dafür nehmt ihr aber eben den Tod der Kolosse in Kauf, die euch zudem nicht immer feindlich gesinnt scheinen. Ihr hingegen seid ein Eindringling in ihren Territorien und manchmal überkam uns das schlechte Gefühl, letzten Endes aus egoistischen Motiven kaltblütig zu töten.

Mein Freund Agro

NPCs trefft ihr in der Spielwelt nicht, ergo wird während des Spiels auch nicht im klassischen Sinne gesprochen. Es entsteht ein sehr eigentümliches Gefühl der Isolation, euer einziger Gefährte ist Pferd Agro, das euch zuverlässig durch die Spielwelt trägt und auch bei manchem Kampf notwendig ist, da ihr auf Agro schneller unterwegs seid.

Spiele, Spiele, Spiele - diese Games werden in den nächsten Monaten erscheinen:

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Wenn ihr dann zur nächsten Auseinandersetzung galoppiert, denkt ihr oft noch über die zurückliegenden Gefechte nach, ansonsten gibt es auch quasi nichts in der Welt zu tun. Es ist beinahe kurios, wie leer die Karte und die Landstriche des Spiels sind – was wir aber gar nicht negativ meinen. Ihr bekommt hier einen Gegenentwurf zu den heute so angesagten Open-World-Spielplätzen, die bis zum letzten Zentimeter mit Aktivitäten vollgestopft sind. Shadow konzentriert sich auf Weniges – und erschafft auch dadurch etwas ganz Besonderes.