Was ist eigentlich aus Second Life geworden?”, fragte ich mich vor zwei Monaten, ganz zufällig, wie aus dem Nichts. Dann veröffentlichte The Atlantic einen wundervollen Artikel über zweite Leben und zweite Chancen in Second Life: Ein Spiel, das vergessen in den Tiefen des Internets ruht, voller virtueller Träume der Menschen, die in der Online-Erfahrung ein Zuhause gefunden haben.

Musiker, Designer, Lehrer, Entwickler, Träumer und Menschen, die im Spiel das leben, was die Realität ihnen nicht bieten kann. Hört die Geschichten aus der Welt von Second Life:

Darum geht’s: Second Life wurde 2003 von Linden Lab entwickelt und herausgegeben. Philip Rosedale war der Kopf hinter dem Projekt, ein engagierter Unternehmer und Physiker. Der Titel ist eine Online-3D-Infrastruktur, in welcher die Nutzer eigene Inhalte kreieren können. Gleichzeitig verbinden etliche Communities die Spieler, ebenso wie ein Markt, in dem mit der InGame-Währung Linden Dollar gehandelt wird. Linden Dollar kann in reales Geld getauscht werden.

Second Life - Wenn sie schlafen gehen, träumen sie von der Realität

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Second Life: Das Spiel gibt es jetzt seit 14 Jahren
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Womöglich erinnert ihr euch noch an den kurzen, aber intensiven Hype um Second Life. Das Spiel schlitterte in den 2000ern auf den Markt und schlug mit seinem Konzept wie eine Bombe in die Videospielindustrie ein: Eine Online-Erfahrung, die frei von den Nutzern gestaltet werden kann; eine zweite Welt, in der wir Menschen unsere geheimsten Träume ausleben dürfen und das 24 Stunden am Tag. “Ist Second Life die Zukunft des Internets?”, fragten wir, doch dann kam Facebook. Und Second Life geriet in Vergessenheit.

Zumindest von uns. Denn nein, die virtuelle Welt ist nicht tot. Menschen wohnen mit ihren Avataren tagein und tagaus weiterhin in ihren selbstgebauten Schlössern, Gärten und Underground-Dungeons; in einem Leben, das erst endet, wenn sie sich schlafen legen und von der Realität träumen (siehe "Coming of Age in Second Life" von Tom Boellstorff)

Leben, kreieren, arbeiten

Second Life ist keineswegs ‘nur’ eine virtuelle Umgebung, in der Spieler sich einen Avatar gestalten, ein Haus kaufen und und mit anderen in den Communities kommunizieren. Die Idee von Philip Rosedale, dem Schöpfer des Spiels, ging viel tiefer: sich ein eigenes Paradies schaffen, eine Umgebung frei von Vorurteilen, Begrenzungen – nicht völlig frei von Gesetzen – aber zu großen Teilen auch frei von einer bürgerlichen Moral.

Packshot zu Second LifeSecond LifeErschienen für PC

Schon eine kurze Weile nach Release etablierten sich in Second Life Escort-Businesses, sexuelle aufgeladen Clubs, Underground-Dungeons. Leslie Jamison von The Atlantic beschreibt ein Verlangen, das Second Life in den Menschen weckt: “Es kreiert simultan einen Lockruf und die Scham verbunden mit der Begierde, ein alternatives Leben zu führen. Es wirft Fragen darüber auf, wohin uneingeschränkte Fantasien führen können, und wie wir die Grenzen zwischen einem virtuellen und einem realen Leben navigieren.

Second Life - Wenn sie schlafen gehen, träumen sie von der Realität

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Parties sind in Second Life Gang und Gebe
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Uneingeschränkte Fantasien. Freiheit. Sex-Clubs sind natürlich nur ein Teil dessen, was in Second Life möglich ist. Fashion, Kunst, Musik, Philosophie, Technologie, Wissenschaft und sogar Bildung: Im Spiel haben sich über die Jahre etliche Industriezweige entwickelt, in denen die Nutzer Linden Dollar und damit auch echtes Geld verdienen können. Wie? Indem sie arbeiten, natürlich.

Ein Leben als Escort – in Second Life

Escorts, die in Second Life mehr als den Mindestlohn verdienen konnten, sind schon länger bekannt. 2008 veröffentlichte der SL-Spieler Ariel Otafuku einen Blogbeitrag auf Slentre, in dem er seine Erfahrungen mit allen Interessierten teilte.

Um in Second Life ein Business zu starten, sei es nun ein Sex-Club oder ein Modegeschäft, können sich neue Benutzer an sogenannten “SL Educators” wenden, Ausbilder, die Neuankömmlinge aufnehmen und ihnen beibringen, wie genau sie ihre Träume im Spiel verwirklichen. Die im Artikel erwähnte Ausbildungsstätte hatte ein Jahr nach der Gründung schon über 1000 ‘Noobs’ unter ihre Fittiche genommen. Ob und wie viel Geld sie damit verdient haben, wurde nicht erwähnt.

Der erste Schritt zum Business ist ein kostenpflichtiges Nutzerkonto, wobei es auch da unterschiedliche Varianten gibt: Wichtig ist, dass nur mit einem Abo eigenes Land gekauft werden kann, auf dem die Spieler ein Haus oder Geschäft bauen dürfen. Mieten funktioniert allerdings auch ohne ein Abo.

Eigenes Geschäft gründen oder sich einfach anstellen lassen? 2008 war es ziemlich lukrativ, als Escort oder Tänzer zu arbeiten. Wie funktioniert das eigentlich? Könnte nicht jeder einfach auf einen Knopf drücken und seinen Avatar tanzen lassen? Nein, denn wie jede Aktivität in Second Life, geht auch diese ein paar Schritte weiter, als in anderen virtuellen Welten: “E-Moting ist sehr wichtig für diese Art von SL-Job. Wie ich schon gesagt habe, du musst glaubwürdig sein. E-Moting ist eine Kunst, die von euch verlangt, eurem Kunden so zu texten, dass er euch durch den Raum hinweg fühlen kann. E-Moting ist sehr wichtig für einen Escort.

E-Moting ist eine Handlung, bei der die eigenen Aktionen wörtlich beschrieben werden, zusätzlich zur direkten Rede. Neben dem Tanzen geht der Job als Escort im Spiel natürlich noch weiter – bis zum Akt selbst. Cybersex in der virtuellen Welt von Second Life funktioniert jedoch nicht nur mit den animierten Figuren, sondern mit Voice-Kontakten und sogar Kameras, über welche der Spieler hinter dem Escort mit dem Kunden in Kontakt tritt. Kein Wunder also, dass hier echtes Geld fließt – oder floss, denn heute ist der Hype vorbei und nur noch die Core-Community lebt im Second-Life-‘Paradies’.

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