Scrapland (PC-Test)
(von Patrick Streppel)

Es bekam den Spitznamen "Grand Theft Robot" - eine Alternative zu GTA, Driver und True Crime für alle hungrigen Science Fiction Fans. Eine tolle Idee, eine abgefahrene Welt und der nötige Design-Feinschliff von Alice-Erfinder American McGee

versprachen ein echtes Highlight. Doch das Ergebnis ist bitter: Scrapland wirkt wie eine inhaltsleere Hülle, die an mangelnder Abwechslung und Designfehlern krankt. Wir haben hinter die hübsche Fassade geblickt und verraten, warum Mercury Steams Erstling eine herbe Enttäuschung ist.

Scrapland - Scrapland Trailer

Es heißt, die Spielebranche nähert sich immer mehr an Hollywood an. Nur wenige Hits finanzieren die vielen Durchschnittsspiele, die 3D-Welten erinnern zusehends an Kinofilme und "Stars" verkaufen scheinbar unspektakuläre Titel. Bei Spielen sind es weniger die Darsteller, die für Fuore sorgen, als vielmehr ihre Designer: Namen wie Chris Roberts, Peter Molineux, Richard Garriott oder Warren Spector kennt eigentlich jeder Zocker - sie stehen in ihren Genres für Qualität.

American McGee presents…
Ein recht umstrittener Vertreter dieser Zunft der Star-Designer ist American McGee. Der junge Amerikaner, der einst im Technical Support von ID Software "entdeckt" wurde, brachte uns den innovativen, aber erfolglosen 3rd-Person Titel Alice - Entschuldigung: "American McGee's Alice". Das ist ziemlich viel Wirbel für jemanden, der gerade sein erstes, eigenes Spiel herausbringt - zumal die Entwicklung beim US-Studio Rogue lag, das nach dem Alice-Flopp seine Tore schloss.

Doch mit Wirbeln kennt sich McGee aus: Die nächste Kreation, die ebenfalls der McGee-geprägten Kategorie "Twisted Fairy Tail" (zu deutsch: "verdrehtes Märchen") unterliegt, sollte gleichzeitig als Buch, Spiel und Film realisiert werden. Doch vom "Zauberer von Oz" oder dessen Produktionsfirma Carbon 6 hört man seit längerem nichts mehr - ebenso wenig wie vom Ende 2000 versprochenen "Alice"-Film.

Dafür hat McGee nun beim kleinen US-Publisher Enlight - bekannt durch den Restaurant Tycoon oder Jean D'Darc - als Berater angeheuert, um vielversprechenden Titeln den nötigen Design-Feinschliff zu geben. Somit wurde aus Scrapland von Mercury Steam Software "American McGee presents Scrapland" - doch trotz des Namens steckt außer einem abgedrehten Szenario wenig von dem dahinter, was Alice seinerzeit ausgezeichnet hat.

Schrottplatz Erde
Soweit der Überblick für alle, die sich über Scraplands markanten Titel

Scrapland - Enttäuschung auf dem Müllplanet – das „Grand Theft Robot“ vor die Wand gefahren

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gewundert haben. Von der Entstehungsgeschichte nun zur Story des Spiels: Nachdem sich Hauptcharakter D-Tritus auf einem Schrottplatz selbst zusammengebaut hat, verschlägt es ihn auf den Planeten Erde, der von seinen Einwohnern liebevoll Scrapland genannt wird. Grund: Nach dem Abzug der Menschen haben die zurückgelassenen Roboter ihre Städte aus Schrott gebaut - inklusiver ihrer Artgenossen. Klar, dass die ehemaligen Bewohner nicht gern gesehen sind.

Packshot zu ScraplandScraplandErschienen für PC und XBox kaufen: Jetzt kaufen:

In der Stadt Kimera herrscht ein wildes Treiben: Bänker ziehen ihren Mitbewohnern förmlich das Geld aus der Tasche, Söldner besaufen sich im Club um die Ecke und wenn es mal Ärger gibt, wird das ganze gleich mit Waffen ausgetragen - so lange, bis einer der Kontrahenten pulverisiert ist. Diese Leichtigkeit des Lebens erklärt sich in der faktischen Unsterblichkeit der Bewohner: In einer großen Datenbank, die aus einem abgestürzten Raumschiff geborgen wurde, sind die Muster sämtlicher Roboter gespeichert. Bei einem Ableben wird das Opfer also ruckzuck wieder zusammengeschraubt - diese Extra-Leben müssen zwar bei Bischöfen käuflich erworben werden, aber im Vergleich zu unserem Gesundheitswesen ist das Preis-Leistungsverhältnis wohl unschlagbar.Er ist tot, Jim!
Alles könnte so schön sein, doch ein Mord bringt diese beschauliche Roboterwelt aus den Fugen: Der Erzbischof von Kimera wird nicht nur von einem Unbekanntem in seinem eigenen Ölbad gebraten, sondern gleichzeitig auch der passende Eintrag aus der großen Datenbank entfernt. Das Resultat ist ein permanentes Ableben - und dieses Schicksal soll bald noch andere Bewohner der Stadt treffen. Ob vielleicht ein Mensch dahinter steckt? Oder sind gar andere Mächte am Werk?

Da jeder Roboter auf Scrapland einen Job haben muss, wird D-Tritus eine Stelle als Journalist zugeteilt.

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Als erstes bekommt der Gute eine Kamera - und zwar als Softwarelösung direkt auf die Festplatte. Damit soll unser Held Bilder vom Tatort machen, um erste Hinweise auf den Mörder zu finden. Doch die unhöflichen Polizisten lassen niemanden in den Tempel - außer ihren Kollegen. Gut, dass D-Tritus beeindruckende Verwandlungsfähigkeiten besitzt.

D-Copperfield
Indem wir uns in die große Datenbank einloggen, können wir uns in jeden der 15 Robotertypen verwandeln, die auf Scrapland herumlaufen. Deren detailliertes Design und die skurrilen, karikierten CharaktereigenschaftenDie Projekte des American McGee

American McGee's Alice

Worum geht's? 3rd-Person Action-Adventure, in dem die gealterte Alice in eine düstere Version des Wunderlands zurückkehrt

Status: PC-Version Ende 2000 erschienen, PS2-Version eingestellt, Film damals von Wes "Scream" Creaven in Planung, jedoch nie realisiert

Der Zauberer von Oz

Worum geht's? Düsteres Prequel zu den Kinderbüchern - Kampf zwischen Hexen und Magiern

Status: Actionfiguren erschienen, Buch vor Veröffentlichung, Spiel eingestellt, Filmrechte von Jerry Bruckheimer "gesichert" - tatsächliche Verfilmung offen,

Die Projekte des American McGee

dann eventuell neuer Anlauf für das Spiel

Grim

Worum geht's? Düstere Version der Märchen nach den Gebrüdern Grimm, konkreter Inhalt bzw. Gameplay sind nicht bekannt

Status: In Planung - derzeit aber keine konkreten Absichten bekannt

Bad Day LA

Worum geht's? Ein Actionspiel im Stil von Medal of Honor und Call of Duty - in LA

Status: Spiel derzeit in Entwicklung bei Enlight in Hongkong

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faszinieren vor allem am Anfang ungemein: Tacker sind traurig, dass sie kein Papier mehr finden, an sich gemächliche Beamte flüchten rasend schnell, sobald man mit Arbeit auf sie zukommt, und der Bürgermeister schläfert mit politischen Reden seine Zuhörer ein. Dann hilft ein Krankenpfleger, der mit seinem Hammer den Reset auslöst.

D-Tritus sollte sich vor allem aus zwei Gründen verwandeln: Entweder er gaukelt vor, jemand anderes zu sein um beispielsweise als Polizeichef an Informationen zu gelangen, oder er nutzt die entsprechenden Spezialfähigkeiten seiner neuen Form. So kriechen Tacker mühelos durch Lüftungsschächte, Nachrichtendrohnen fliegen flink davon, bewaffnete Polizisten können ordentlich austeilen und Bänker frischen das eigene Konto auf, in dem sie anderen das Geld aus der Tasche ziehen.

Doch Vorsicht: Die Polizei sieht es nicht gern, wenn sich D-Tritus in eine andere Gestalt verwandelt. Wachdrohnen werden schnell misstrauisch - und nach einigen Scans sind wir entlarvt.

Jetzt heißt es, so lange abwarten, bis sich die Wachen wieder beruhigt haben - dann noch mal von vorn.Grand Theft Robot
Diese Roboter-Übernahme ist nicht der einzige Grund, warum sich Scrapland seinen Spitznamen verdient hat. Wie in GTA steht die Stadt Kimera zur freien Erkundung offen - und zwar nicht nur per Pedes, sondern auch mit fliegenden Untersätzen. Dabei steht es uns frei, ob wir herumstehende Fahrzeuge klauen oder uns eigene Kampfflieger basteln. Letzteres kostet zwar Geld, erlaubt aber die optimale Anpassung an den eigenen Geschmack. Mit dem entsprechenden Bauplan fliegen wir in eine befreundete Werkstatt und lassen das Schiff in Windeseile zusammenschrauben. Dann werden Antrieb, Bewaffnung und Panzerung festgelegt - klar, dass ein großer, waffenstarrender Bomber nicht so flink ist wie ein kleiner Jet, aber deshalb dürfen wir stets mehrere Schiffe besitzen.

Je nach Mission suchen wir uns dann den richtigen Untersatz aus: Mal fliegen wir Rennen, mal müssen wir einfach eine bestimmte Anzahl von

Gegnern vernichten. Mal gilt es einen Polizeikonvoi oder eine bestimmte Zielperson zu eliminieren, um aus den Trümmern ein bestimmtes Objekt zu fischen. Schade: Die durchaus große Welt ist nicht fließend, sondern in einzelne Levelabschnitte mit beachtlichen Ladezeiten unterteilt. Auch ohne konkreten Auftrag können wir einfach umherfliegen und Schiffe abknallen - Auswirkungen hat das nicht - jedoch wird die anfangs reizvolle Freiheit schnell langweilig: Außer Kämpfen und Rennen fliegen gibt es leider nichts zu tun.

Ich kenne jemanden, der jemanden kennt…
Aufgrund fehlender Sub- oder Nebenquests ist der dauerhaft einzig sinnvolle Weg des Spielers der lineare Handlungsstrang: Kurz nachdem wir Fotos vom Tatort geschossen haben, erhalten wir einen Anruf von einer Person namens "Tiefer Schlund", der uns mitteilt, es seien wichtige Beweise beiseite geschafft worden. Abgesehen davon, dass der Namens-

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Gag eher ein Rohrkrepierer ist (was auch an der Übersetzung liegen mag), läutet dieser unscheinbare Anruf eine zähe und scheinbar endlose, für das Spiel aber leider typische Missionsfolge ein, die im Prinzip immer nur die gleichen Gameplay-Prinzipien aufkocht. Um beim Beispiel zu bleiben: Wir erfahren über Umwege, dass ein Polizist namens Ficus über den Verbleib der Beweise Bescheid weiß, doch der will uns nur helfen, wenn wir drei Aufträge für ihn erledigen - die allesamt Kämpfe involvieren. Am Ende wird Ficus ermordet und wir sind keinen Schritt weiter.Diese Gamedesign-Bremse würde man von McGee eigentlich nicht erwarten, doch es ist nur eines von mehreren Beispielen: Ruft uns unterwegs ein Informant an, müssen wir erst zu einer Plattform fliegen, aussteigen und zu einem bestimmten Kommunikator laufen um das Gespräch zu führen.

Kämpfe werden dadurch unnötig in die Länge gezogen, dass die flinken Gegner einfach Powerups einsammeln um sich vollständig zu heilen - man muss sie also hart und schnell treffen, sonst geht der Spaß von vorne los.

Einfalt statt Vielfalt
Wer sich wundert, warum Mercury Steam so etwas macht, dem sei das Konzept der künstlich verlängerten Spielzeit erklärt: Gibt das Spiel nicht genug Content her, um lange genug am Monitor zu beschäftigen, werden so lange Hürden eingebaut bis die Spielzeit stimmt - oder Spieler gefrustet aufgeben. So auch bei Scrapland: Die gesamte Kampagne verwurstet immer die gleichen

Schemata, d.h. die Gestalt eines anderen anzunehmen um Dritte zu täuschen, Rennen zu gewinnen oder eine Anzahl von Gegnern zu vernichten - das ganze Verbunden mit elendigen Laufwegen.

So schön es auch ist, dass ein Pfeil stets die Richtung zum nächsten Missionsziel angibt, es macht nur deutlich, dass sonst nicht viel los ist in der Welt von Scrapland: Es gibt keine Nebenmissionen, kein Handelssystem und keine geheimen Orte.

Die am Anfang so interessanten Roboter verlieren dadurch an Bedeutung, dass es immer die gleichen sind: Wer auf den zehnten Priester trifft, der die exakt gleichen Wörter sagt, oder vom zwanzigsten Polizisten zum Zahlen einer Schutzsteuer aufgefordert wird, der ignoriert bald die an sich atmosphärische Welt und hechelt von einem Missionspunkt zum nächsten.

Die "irren Wetten" des "irren Spielers", die im Prinzip auch wieder

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nur Search & Destroy bzw. Duell-Missionen sind, können langfristig ebenso wenig motivieren wie die kurzweiligen Mehrspielerduelle.

Atmosphärische Welt
Das Szenario und die Welt hätten so viel mehr hergegeben: Der Grafikstil mit seinen kunterbunten Texturen

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und grellen Lichteffekten sorgt für Stimmung und die fantasievollen Charaktermodelle können sich wirklich sehen lassen. Auch die Häuserschluchten Kimeras und die unzähligen Schiffe sind nett anzuschauen - auch wenn die Innen-Level eigentlich wenig detailliert sind, hat uns die Grafik von Scrapland sehr gefallen. Für Musik und Sound gilt das nur eingeschränkt: Die rhythmische Untermalung geht in Ordnung, aber die deutsche Sprachausgabe krankt unter zu wenigen Sprechern, die teils noch einen merkwürdigen Akzent haben. Vor allem Hauptcharakter D-Tritus hätte eine charismatischere Stimme verdient gehabt.Pro & Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ skurrile Roboterwelt mit vielen Details + hübsche, stilvolle Grafik + Raumschiff Um- und Aufrüstung + Idee der großen Datenbank…

Contra:
- …die sich leider schnell abnutzt - mangelnde Abwechselung bei den Aufträgen - nur wenige, unterschiedliche Charaktere - äußerst zäher SpielflussPro & Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ skurrile Roboterwelt mit vielen Details + hübsche, stilvolle Grafik + Raumschiff Um- und Aufrüstung + Idee der großen Datenbank…

Contra:
- …die sich leider schnell abnutzt - mangelnde Abwechselung bei den Aufträgen - nur wenige, unterschiedliche Charaktere - äußerst zäher Spielfluss