Dass es die Stalker-Macher bei GSC Gameworld mit der Pünktlichkeit nicht so genau nehmen, wissen wir. Scheinbar nimmt jedoch nicht jeder diesen Umstand so gelassen hin, wie GSC selbst. Noch vor der Fertigstellung des Chernobyl-Schockers spaltete sich ein Teil des Teams ab, formierte sich unter dem Namen B-Cool neu und begann die Arbeiten an einem eigenen Shooter-Projekt.

Selbiges ist mittlerweile fertig und will die Actionwelt gehörig aufmischen. Oder? „Scorpion will gar nicht erst gegen die großen Titel wie Bioshock und Crysis antreten, sondern lediglich als solider, geradliniger Shooter verstanden werden“, erklärte uns der Publisher vor kurzem bei einem Besuch. Ein Spiel also, gemacht für das Mittelmaß? Nun, beinahe - der Blick auf die finale Version verrät, dass Scorpion sogar diese Mindestanforderung unterbietet.

Komm zur Sache, Schätzchen

Das nennen wir mal konsequent: Bevor es in „Scorpion“ so richtig losgeht, sind wir schon mittendrin. Ohne lange Umschweife, Erklärungen oder behutsame Einführung wirft euch der russische Ego-Shooter direkt in sein kaltes Szenario. Unser Alter Ego schwafelt noch irgendetwas von „Virus“ und „Auftrag“, per Funk meldet sich eine unbekannte junge Dame, bellt ein paar Anweisungen ins Mikrofon – der Rest bleibt unserer Phantasie überlassen.

Scorpion: Disfigured - Von wegen Geheimtipp

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Braun in grau in braun: Optisch wirkt Scorpion, als wäre ein Eimer Linsensuppe in die Grafikpalette gefallen.
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Tatsächlich mussten wir erst im Handbuch blättern, um herauszufinden, was „Scorpion“ denn nun eigentlich von uns will. Kein Introfilmchen, kein Dialog, nicht einmal eine schnöde Textbox will uns erklären, worum es hier geht. Wohl auch, weil die Story nur als schnöder Aufhänger für ein paar brachiale Stunden Ballerei dient. Trotzdem: Derart lieblos wie hier, wurden wir schon lange nicht mehr an einen Titel herangeführt.

Was im Übrigen auch auf das nicht-existente Tutorial zutrifft: Nicht einmal die rudimentärsten Funktionen (springen, ducken) erklärt uns „Scorpion“. Und dass, obwohl euer Charakter über eine breit gefächerte Palette von Optionen verfügt: Nach wenigen Minuten ploppen Bildschirmnachrichten auf, die wir zunächst kaum nachvollziehen können, Waffen und Skills wollen aufgewertet werden. Wie man letztere überhaupt nutzt, fanden wir erst nach weiteren dreißig Spielminuten heraus.

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Story? Is nich! Dafür will euch diese junge Dame irgendetwas mitteilen. Wer sie ist? Egal!
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Der erste Eindruck zählt, heißt es bekanntlich im Volksmund. Und würde man an dieser Stelle davon ausgehend eine frühe Einschätzung abgeben müssen, würde „Scorpion“ wohl kaum noch einen Blumentopf gewinnen können. Dass wir uns nicht getäuscht haben, zeigen denn auch die folgenden Stunden. Ja, „Scorpion“ ist wahrlich ein konsequentes Stück Software – nur eben in den falschen Momenten.

Mysteries of Mittelmaß

Eines der größten Mankos in Scorpion durchtrennt mit Schmackes die Hauptschlagader eines jeden Ego-Shooters: Die Feuergefechte spielen sich grausig und größtenteils spaßbefreit. Beispiel gefällig? Von Beginn an stecken die Gegner unglaublich viel ein, so viel, dass sogar die reichhaltig verteilte Munition immer wieder knapp wird. Nun war das in „Crysis“ etwa ganz genauso, nur wusste man dort zumindest, wann man getroffen hatte.

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Ob man sein Ziel verletzt hat, merkt man meist erst, wenn die Biester tot umfallen.
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In „Scorpion“ fehlen während der Schusswechsel hingegen die Trefferanimationen. Trotz mehrerer Schüsse mit der Schrotflinte auf geringste Entfernung torkelt die hässlich texturierte Mutantenbrut weiter beherzt auf euch zu und scheint sich an den herumsurrenden Projektilen kaum zu stören. Erst wenn die grobschlächtigen Biester stöhnend zu Boden sacken, stellt sich heraus, dass man doch nicht zu doof zum Zielen ist.

Denn einfach ist das wahrlich nicht. Die Steuerung ist nämlich derart komplex geraten, dass man sich in hitzigen Gefechten immer wieder verzettelt. Sage und schreibe fünfzehn Tasten benötigt ihr, um auf jegliche Eventualitäten reagieren zu können - natürlich fein säuberlich neben die WASD-Tasten gequetscht. Statt Granaten zu werfen aktiviert man so schon mal den Nachtsichtmodus oder schluckt drei Healthpacks auf einmal.

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Unsinnig: Im Zeitlupen- Modus seit ihr genauso träge wie die Gegner, wodurch der eigentlich hilfreiche Effekt wieder aufgehoben wird...
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Neben dem Einsatz der üblichen Schießprügel, verfügt euer Charakter auch über spezielle Psi-Fähigkeiten. Warum, wieso und weshalb sei an dieser Stelle genauso ausgespart, wie im Spiel, wo derartige Umstände eben einfach vorausgesetzt werden. Fakt ist, dass psionische Spielereien wie Gedankenkontrolle, Telekinese oder Gauss-Attacke in der Theorie nicht unspannend klingen, in der Praxis aber kaum zu gebrauchen sind.

Spielerische Minusleistung in trist und grau: „Scorpion“ versucht viel, macht dabei aber nichts richtig.Fazit lesen

Das Problem ist hier abermals die Steuerung: Da man die Kräfte nicht nebenbei, also während eines Schusswechsels einsetzen kann, sondern umständlich per dritter Maustaste in den PSI-Modus wechseln muss, wird deren Einsatz zum Friemelspielchen. Eine quälend lange Animation begleitet diesen Wechsel – wertvolle Sekunden verstreichen, in denen man den wild drauflos ballernden Gegnern schutzlos ausgeliefert ist. Wir haben während des Tests daher meist auf deren Einsatz verzichtet.

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Achtung im Feuergefecht: Wer stirbt, beginnt ganz von vorne - Auto-Savespots fehlen.
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Am Nützlichsten präsentiert sich da noch der BulletTime-Modus (oder wie er hier unfreiwillig komisch benannt ist: Zeit-Entschleuniger). Anders als in FEAR werdet ihr dadurch jedoch nicht automatisch reaktionsschneller als die Gegner, sondern bremst ebenso aus. So verkommt die psionische Spielerei zur nutzlosen Staffage. Immerhin: Im Zeitlupen-Modus zielt es sich besser.

Tonaler Totalausfall

Was bleibt ist der Blick auf ein über weite Strecken spannungsarmes und atmosphärefreies Spielerlebnis, dass gerade so an der Untergrenze der Durchschnittlichkeit kratzt. Das Leveldesign wirkt kaum durchdacht, grafisch sehen die Innen- und Außenareale furchtbar karg und trist aus, technisch veraltet ist „Scorpion“ obendrein. Echte Missionen gibt es ebenfalls nicht, sieht man einmal vom „Finde den Ausgang/Laptop/Schalter“-Einerlei ab.

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Die Gegner-KI verhält sich meist schlau, hat aber mit Fehlern zu kämpfen. Trotzdem ist sie noch das Beste an Scorpion.
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Von der viel gepriesenen KI ist auch nur gelegentlich etwas zu spüren: Ja, eure Gegner verhalten sich relativ intelligent, suchen die schützende Deckung oder umlaufen eure Stellung. Aber beinahe ebenso oft stehen sie auch in der Gegend herum, drehen sich mitten im Feuergefecht von euch weg oder ignorieren euch in seltenen Fällen glatt völlig. So wird auch der einzige gute Eindruck den „Scorpion“ hinterlässt letztlich geschmälert.

Ein wirklicher Grund, warum nun unbedingt „Scorpion“ die Sammlung derjenigen Shooter-Fans bereichern sollte, die schon alles gesehen haben, erschließt sich nicht. Es fehlen große Momente, ja, selbst mittelgroße oder – bei Gott – auch kleine Momente, die das lethargisch uninspirierte Einerlei aufbrechen würden. Doch es gibt sie nicht. Stattdessen Ärgernisse am laufenden Band: Hier ein Clipping-Fehler, da ein ungewollter SoundLoop, sterben wir, müssen wir mangels Autosave-Punkten am Beginn des Kapitels anfangen und und und…

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Der Sound ist ein Wtz - mehr gibt es dazu gar nicht zu sagen.
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Eine besondere Erwähnung gilt an dieser Stelle dem katastrophalen Sound: Die deutsche Sprachausgabe ist ein schlechter Witz, die Waffensounds klingen bleiern und dumpf, Umgebungsgeräusche gibt es quasi überhaupt nicht und generell ist der Ton falsch abgemischt. Den Vogel schießt jedoch die freundliche Frauenstimme ab, die euch nützliche Tipps wie „Das könnt ihr nicht aufnehmen“ zuflüstert: Beim ersten Mal ist es noch nützlich – nach dem dreißigsten wird es zur nervenden Tortur…