Ich kann mich noch erinnern, wie ich das erste Mal Alien gesehen habe. Wie alt ich da war, weiß ich nicht mehr. Aber sehr wohl, dass mir das Xenomorph echte Albträume bereitet hat. Der Vater dieses Wesens war der kleine und liebenswerte Schweizer Hansruedi Giger, der leider 2014 verstorben ist. Schon lange vor Ridley Scotts Sci-Fi-Horror hatte er mit Tusche und Airbrush verstörende Welten in dem biologisch-metallenen Stil erschaffen, die seine Alien-Kreatur so besonders machte. Mit Scorn arbeitet nun ein serbisches Entwicklerteam an einem surrealen Grusel-Abenteuer, das diese unheimlichen Welten nachempfindet. Dabei können einem die ersten Eindrücke durchaus den Magen umdrehen und den nächtlichen Schlaf rauben. Ebenso wie es die Kopfgeburten von Giger tun.

Es ist ein wirklich grotesker Anblick. Weithin scheint sich eine trostlose Ebene zu ziehen, deren Oberfläche an den Brustkorb eines verwesenden Menschen denken lässt. Knochige Rippen wellen sich wie flache Dünen von Sand. Über sie gespannt ist eine feucht schwitzende Hautschicht. Reihum erheben sich hohe Türme, die sich am ehesten als Trompeten aus Sehnen und Leder beschreiben lassen. Nur dass sich aus diesen langsam aber stetig wuchtige Gewebesäcke angefüllt mit Fett und Fleisch in Richtung Boden schieben. Genau das ist eine jene Szenerien, in die einen Scorn zu Anfang werfen soll. Und zwar nicht als einen Astronauten, der zufällig auf dieser widerwärtigen Welt landete oder als jemanden, der durch ein Dimensionstor in diese bizarre Hölle fiel, sondern als einen Helden, der unübersehbar Teil jener Kulisse ist. Nämlich eine zumindest annähernd menschliche Kreatur, deren Körper von fasrigen Adern und festgewachsenen Platten bedeckt ist. Ihr von einer freiliegenden Muskulatur geprägtes Gesicht ist hingegen von einem durchscheinenden Gewebeschleier überzogen. Nur als magere Reflexionen schimmern ihre Augen durch die milchige Fläche. Für die Entwickler ist diese düstere Vision ein wahres Herzensprojekt.

Scorn - Dieses Spiel will euch Ekel, Angst und Albträume bescheren

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 9/121/12
Im Jahre 2014 hatte das Team von Scorn versucht, das Game via Kickstarter zu finanzieren. Die Kampagne scheiterte. Sie hätten zu wenig Fertiges vorgezeigt, räumen die Entwickler jetzt ein. Das Geld kam derweil sowohl aus eigener Tasche als auch von einem Investor.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Hinter Scorn steht nämlich das gerade mal zehn Mann starke Studio Ebb Software aus Serbien, einem Land, das vor 17 Jahren noch vom Kosovokrieg geschüttelt wurde. Erst im Jahr 2000 hatte es seinen ersten demokratisch legitimierten Präsidenten bekommen – und versucht sich nun schrittweise der Europäischen Union anzunähern. „Serbien ist ein sehr kleines Land und in Sachen Videospiele sind wir ziemlich hintendran“, beschreibt Studiogründer Ljubomir Peklar. „Wir hoffen das ein Stück weit zu ändern.“ Eine Entwicklergemeinde wie in den USA, Großbritannien, Deutschland oder gar Polen gäbe es nicht. Wobei durchaus auch andere Studios existieren. „Schau dir nur Underrail an, ein erfolgreiches Oldschool-Rollenspiel, das von einem serbischen Team (Anm. d. R.: Stygian Software) kommt“, meint Peklar. Wie auch dieser Entwickler habe sich Ebb erst vor vor relativ kurzer Zeit, nämlich knapp drei Jahren, zusammengefunden. Darunter seien ehemalige Mod-Entwickler aber auch erfahrene Spielemacher, die schon an Games mitgewerkelt haben. Gemeinsam hätten sie sich ein Ziel gesetzt. Nämlich etwas wirklich „Interessantes“ zu schaffen, an das sich sonst niemand herantraut: ein Game, das einem nicht nur Angst und Bange werden lässt, sondern auch körperliches Unwohlsein bereitet.

Packshot zu ScornScornRelease: PC: 2017 kaufen: Jetzt kaufen:

Im Herzen

Aus Ego-Sicht wird das namenlose Wesen durch die Kulissen gesteuert. Diese sind, wie Peklar andeutet, „gottverlassen“. Aber ihre wahre Natur soll ein Teil des Spielgeschehens sein. Denn achte man darauf, worauf und worin man sich bewegt, ließen viele Kleinigkeiten und Details ausmachen. Die Gebäude und Wege, die man durchschreitet, sind nicht einfach statisch und abgestorben, sondern ließen oft noch Funkionen erkennen. Ein Gang ziehe sich etwa langsam zusammen und strecke sich dann wieder – ähnlich einer Speiseröhre oder einem Darm. Einige Wände sollen dagegen atmen und schwitzen; eine Art Metabolismus oder Stoffwechsel erahnen lassen. Eben daraus sollen sich auch die Rätsel speisen, denen man sich im Spielverlauf stellt. Denn immer wieder stoße man auf Maschinen, die einst lebten aber scheinbar seit Jahrhunderten im Stillstand verharren, so dass deren Gelenke und Mechaniken verkrustet sind. Darunter ist beispielsweise ein riesiges Herz, das in einer Halle thront und ebenso aus dem Kontrollraum des Space Jockey aus Alien stammen könnte. Verschiedene metallene Leitungen, die ins verhornte Fleisch führen, müssen über Schalterrätsel wieder mit Nährlösungen geflutet werden. Dafür werden etwa Fleisch-Eier aus einer Wand gerissen und umgepflanzt und mit einem Kran, aus dem menschliche Arme baumeln, schlabbrige Bioblasen in Schalen gesetzt.

Scorn - Dieses Spiel will euch Ekel, Angst und Albträume bescheren

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Angetrieben wird der fleischige Albtraum von der Unreal Engine 4. Dabei ist das 10-Mann-Studio Ebb Software noch nicht ganz mit der Optik zufrieden. Es wird momentan noch an eigenen Shadern und Effekten gearbeitet, die der Umgebung sprichwörtlich noch „mehr Leben“ einhauchen sollen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

All die Puzzelei soll jedoch nicht linear ablaufen, sondern in einer weitgehend offenen Spielwelt stattfinden. „Es ist ähnlich wie bei Dark Souls“, verspricht Studiogründe Peklar. Es gäbe also vorgezeichnete Pfade. Aber diese könnten von Beginn an frei beschritten werden und führen in optisch wie auch funktional unterschiedliche Areale. Geburtsstätten, Kraftwerk-artige Industrieanlagen und mehr. Die sollen dabei auch Gefahren bereit halten. Auch wenn die Zivilisation, die die Welt von Scorn errichtet hat, vergessen scheine, hat doch einiges überlebt. Die meisten Wesen, denen man dabei begegne, würden einem nicht schaden wollen oder können. Andere dagegen schon. Denn mit seinem Tun weckt der bio-mechanische Abenteurer auch zornige Geschöpfe, die bis dato schlafend in Biohüllen verharrten: darunter humanoide Wächter mit scharfen Zähnen und Kronen aus Horn. Als Mittel zur Gegenwehr gibt’s eine eine Art lebende Pistole. „Das darfst du dir aber nicht vorstellen wie bei einem Shooter“, relativiert der Entwickler. „Es ist eher wie bei Oldschool-Survival-Horror-Games wie Resident Evil.“ Jeder Einsatz will wohlüberlegt sein. Zuzüglich der Munition wird die Feuerkraft nämlich auch durch die eigenen Körpersäfte gespeist, so dass der Held bei jedem Schuss vor Schmerzen aufschreit. Dazu kann die Waffe allerdings auch mit verschiedenen Aufsätzen modifiziert werden, die mit dem Griffstück zusammenwachsen. Etwas, das „dich anekeln und krank machen soll“.

Fragen über Fragen

Das gesamte Universum von Scorn basiert auf den freien Interpretationen und Nachahmung der Werke von HR Giger. Aber nicht nur. Auch die ebenso irritierenden Malereien und Zeichnungen des Polen Zdzisław Beksiński, der 2005 von einem 19jährigen mit mehreren Messerstichen ermordet wurde, inspirieren die Macher. Vor allem seine phantastischen Landschaften, in denen organische Gewebe von Gebäuden und Wesen Besitz ergreifen und sie in unnatürliche und schmerzhafte Posen zwingen. „Beide Künstler haben den wohl größten Einfluss“, bestätigt der serbische Spielemacher. „Aber wir haben sie nicht gewählt weil ihre Werke einfach cool ausschauen. Sondern weil Aspekte ihres Stils und ihrer Arbeit einfach zu den Themen und Ideen passen, die wir mit Scorn bedienen wollen.“ Denn das existiere letztlich als interaktives Vehikel für Fragen und Gedanken, die sie in die Welt tragen möchten. Dabei spiele der Körper und dessen Verfall eine wichtige Rolle; das Fassen, befühlen und verletzt werden. Daher sähe man bei jeder Aktion im Spiel auch die Hände und Beine des Heroen agieren. Maschinen werden bedient, indem der ganze Arm hinein geschoben wird oder indem Gewebestücke und Knochen gegriffen und gezogen werden.

Scorn - Dieses Spiel will euch Ekel, Angst und Albträume bescheren

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 9/121/12
Die bizarren Umgebungen scheinen perfekt für ein Virtual-Reality-Game. Aber bisher ist nichts in diese Richtung geplant. Vor allem auch, da die Entwickler abwarten wollen, was sich in Sachen „Bekämpfung von Motion-Sickness“ abzeichnet.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Aber: Warum tue ich, was ich in diesem Spiel tue? Was ist das für eine Welt? Wer ist der Held? Was zum Henker geht hier vor? Und warum sollte jemand so ein ekliges Game spielen wollen? „Das sind berechtigte Fragen. Und um diese geht’s in Scorn auch“, lacht Peklar. „Wobei es wichtig ist, dass du diese Fragen und deren Antwort selbst entdeckst.“ Ähnlich Dear Esther und Gone Home solle sich die Story, so man sie denn so nennen kann, vielfach durch ihre Kulisse erschließen. Dabei solle der Spieler auch verstörende Dinge zu sehen bekommen, von denen er sich abwenden möchte, aber nicht kann. Seien es etwa zerreißende Fleischwände oder ein grässlich ausschauendes, lebensunfähiges und daher leidendes Geschöpf, das nach seiner „Geburt“ blutend und wimmernd über den Boden kriecht. Zwischensequenzen oder Dialoge? Gibt es nicht. „Wir versuchen ein unangenehmes aber intelligentes Erlebnis zu erschaffen, das dein Denken befördern soll“, so Peklar weiter. „Möglichst auch lange, nachdem du fertig gespielt hast.“ Die Entwicklung von Scorn sei schon weit gediehen. Jedoch sei es aber auch ein sehr aufwändiges Projekt, weswegen es in zwei Episoden geteilt werde. Die erste soll den Titel Dasein tragen und 2017 erscheinen.