Es gibt viele Spiele, die ich als ‘anders’ beschreiben würde; als originell oder besonders gut in diesem oder jenem Aspekt. Gerade Indie- und Kickstarter-Titel spielen mit den Grenzen der Genres, aber Scorn – ist anders. Anders, als die anderen. Es ist ein Shooter und es ist kein Shooter. Es ist Horror und es ist kein typischer Horror. Was es für mich ist, verrate ich euch im Special.

Ab in die Höhle des hautlosen Menschen:

Scorn - Gameplay Trailer

Was ist Scorn? Ein Kickstarter-Projekt des serbischen Entwicklerstudios Ebb Software. Ein Spiel, das von den Machern selbst als “atmosphärisches Horror-Adventure in der Ego-Perspektive” beschrieben wird, ein ziemlich generischer Titel. Im nächsten Absatz jedoch schreiben sie “Du wirst verschiedene verbundene Regionen auf eine nicht-lineare Weise erkunden. Die unangenehme Umgebung ist ein Charakter für sich.

Scorn - Ich habe keine Haut und ich muss schreien

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Erinnert ihr euch an die Kunst von Alien? (Bild: H.R. Giger - "ZDF" Work No. 433, 1980)
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Damit kann ich etwas anfangen. Diese unangenehme, fleischige Welt habe ich in der Scorn-Alpha durchquert. Sie wurde von H.R. Gigers Werken inspiriert, die auch als Grundlage für Ridley Scotts Alien dienten. Und nein, Scorn hat rein gar nichts mit Alien zutun.

Unangenehm: Erkläre mir nichts

Ihr betretet die Welt von Scorn als Mensch ohne Haut. Schaut ihr an euch herunter, seht ihr die Muskeln und Sehnen eurer Beine; die Hände dagegen wirken normal. Behäutet. Ich bin nicht einmal sicher, ob das ein Wort ist – aber es erscheint mir richtig, seltsame Worte für dieses Spiel zu benutzen.

Scorn - Ich habe keine Haut und ich muss schreien

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Steckt den Zahn in das Fleisch
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Nichts wird erklärt, es gibt kein Tutorial; was sicherlich auch daran liegt, dass ich eine Alpha-Version gespielt habe. Aber das Schweigen passt dennoch ins Geschehen: Ihr allein, nackt bis unter die Haut, in einer dunklen, außerirdischen Höhle. Mit einer Maustaste hebe ich meine Knochenwaffen (die einen Fischschwanz hat), mit der anderen schieße ich. Nach einer Weile fällt mir auf, dass meine Munition für die seltsame Waffe Zähnen ähnelt. Und diese Zähne in meinem ‘Inventar’ (was nichts weiter als eine kurze Anzeige ist) in einem Halbkreis angeordnet sind.

Da draußen ist also etwas, das mich töten will. Und ich werde es mit meinen Zähnen erschießen. Fängt gut an.

Sadistisch: Hilf nicht

Den ersten Raum verlasse ich, indem ich einen Stein mit seltsamen Runen anhebe, der kurz aufleuchtet und die Tür vor mir öffnet. Drei Wege stehen mir offen, ganz klassisch: geradeaus, rechts, links. Es dunkel, aber auf eine Art auch hell. Als würden die braunen Wände schummrig leuchten. Ich teste die Tastaturbelegung: rennen, schleichen, schießen. Das Gameplay ist genauso nackt, wie meine Figur, aber es reicht aus.

Ich wähle links, da ich hoffe, dort einen Nebengang und nicht die ‘Hauptmission’ zu finden. Falls es die überhaupt gibt. Worauf ich stoße, ist eine gigantische Säule, überzogen mit einem blutigen Netz aus Adern. Am unteren Ende verdicken sich die Schläuche und etwas hängt daran. Ich nähere mich. Es atmet. Es ist wie ein Wurm oder ein Pilz; an der einen Seite sind eine Menge schwarzer Drüsen und es hat Beine. Wo der Kopf ist, weiß ich noch nicht. Aber es ist behäutet.

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Was bist du?
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Ich gehe weiter und treffe auf ein anderes Wesen, das mich angreift. Ich schieße in einen roten Sack, der aus seinem Bauch hängt und es platzt. Hinter mir kommt das andere Ding angekrochen und ich schieße wieder. Es zuckt, ich trete zurück und beobachte es. Und dann beginnt es, ganz langsam über den Boden zu kriechen. Schritt für Schritt. Sein Unterleib rutscht über den Boden und eine dicke Blutspur bleibt zurück.

Soll ich es erschießen und von seinem Leid erlösen? Ich will, aber dann bin ich doch zu fasziniert von dieser lebendigen KI, sodass ich einfach zuschaue. Scorn bringt meine sadistische Seite zum Vorschein. Später, als ich im großen, weiten Internet umherwandere und mich über das Spiel informiere, lese ich, dass die Kreaturen in Scorn nicht aggressiv sein müssen. Einige sind euch gegenüber neutral eingestellt, einige flüchten sogar. Sie reagieren auf euch, auf mich, und ich fühle mich seitdem nur noch schlechter. Was für ein Spiel.

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Etwas wartet am Ende des Ganges
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Verträumt: Sieh’ nicht hin

Wie viele Horror-Games geht es in Scorn vor allen Dingen darum, zu überleben und Rätsel zu lösen. Mit einer organischen Maschine, die sich über dunkelrote Adern mit meinem Arm verbindet, ändere ich die Farbe des Türöffner-Steins und kann weitere Räume erkunden. Dabei ähnelt die Struktur der Karte mehr einem Labyrinth; einer nicht-offenen und dennoch nicht-linearen Welt, die ich Abschnitt für Abschnitt durchschreite.

Dann kommt der albtraumartige Todes-Tentakel. Ein weiß-leuchtendes, langes Etwas, das ich von weitem erblicke; doch das Weiß geht auf mich über. Mein Bild wird immer heller, mein Herz rast und mein hautloser Mann beginnt zu schwanken, während sein Leben rapide sinkt. Ich verliere das Bewusstsein, sterbe und beginne das Level von Neuem.

Was ich von Scorn lerne, sind einfache Regeln: Keine Erklärungen, kein Mitleid, keine Hinsehen. Es ist eine vollends organische, seltsame Welt, in der Gameplay, Sound, Design und die KI eine bizarre Einheit bilden. Dennoch fühle ich mich nach den ersten Stunden im Spiel sehr allein. Ob Ebb Software ganz ohne Story oder einen weiteren Anreiz zum Erkunden auskommt, glaube ich nicht. Etwas fehlt, egal wie grafisch beeindruckend und grausig die Horror-Mär bis jetzt ist.

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Nackt bis auf das Fleisch
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Scorn ist der Albtraum, den Ridley Scott’s Alien träumen könnte

Von H.R. Giger inspiriert, entführt euch das Spiel in einer dunkle, organische Welt, in der bizarre Wesen an Schläuchen hängen, die aus der Wand kommen; in der ihr eure Zähne in eine Knochenwaffe steckt, um damit zu schießen. In der ihr einen Menschen spielt, der keine Haut hat.

Ein grafisch beeindruckender Auswuchs des Horror-Genres, in dem es bis jetzt nur um das Erkunden und Überleben in einer bestialischen Welt geht. Die Shooter-Elemente sind langsam, melancholisch, ebenso gibt es keine Jump-Scares. Stattdessen erwartet euch Body-Horror vom Feinsten; ein durchweg unangenehmes, schönes Spiel, das ein Klassiker werden könnte, wenn die Vollversion nicht wie die Alpha gänzlich auf Story-Elemente verzichtet.

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Ebb Software arbeiten bereits zwei Jahre an dem Spiel und plant nun, den ersten Teil von zweien im Oktober 2018 auf den Markt zu werfen. Es bleibt abzuwarten, wie viel sich bis dahin noch ändern wird.