Schröder blickt zurück[#11]
(von Florian Schröder)

Der Frühling ist auf dem besten Weg zu uns. Die Röcke werden wieder kürzer, die Tops wieder enger, die Stöckelschuhe höher und höher. Die zu dieser Jahreszeit erwachenden Regungen lassen Ärger und Stress vergessen - Stielaugen ersetzen den Stiernacken.

Nur einer war mit seinen Frühlingsgefühlen offenbar überfordert: John Riccitiello, studierter Wissenschaftler im Präsidenten-Dienste bei EA. Der schnaubte und stampfte und brüllte auf der New Yorker Veranstaltung "Reuters Technology, Media and Telecommunications Summit", dass sich einige die Ohren zuhielten.

Sie verpassten somit leider so stil- und taktvolle Sätze wie Als ich das Teil angefasst hatte, wußte ich, dass es eine Pleite ist - es hat sich einfach bescheuert angefühlt . Dabei spricht der 44-Jährige weniger vom Hormon-Messgerät seiner ausklingenden Männlichkeit als eher von Nokias Spielkonsole N-Gage. Von der hält er nämlich nicht viel. Gar nicht viel.

Viel halte er aber von Nokia, das ein ausgesprochen gutes Technologie-Unternehmen sei, nur bislang noch nicht den Dreh in der Spielesparte herausbekommen habe. Aber Nokia bekommt das schon noch heraus . Na ja, und: Es ist nur so, dass sie es bisher noch nicht herausbekommen haben . Danke, Herr Riccitiello für diese ungemein professionelle Einschätzung. Was er damit meint? Das werden wir noch herausbekommen, weil wir das bisher noch nicht herausbekommen haben. Wir werden uns dabei an Dingen orientieren, die sich weniger bescheuert anfühlen.

Ziemlich bescheuert dürften sich seit Freitag Unternehmen mit Schwerpunkt auf Dialer-Abzocke und Kunden-Betrug gefühlt haben. Deutschlands Aushängeschild für Gerechtigkeit, der Bundesgerichtshof in Karlsruhe, hat nach ausgiebiger Prüfung entschieden, dass Nutzer nicht verpflichtet sind, Kosten zu begleichen, die durch einen Dialer entstanden sind, den sie nicht selbst installiert haben.

Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach: Wenn sich ein Surfer auf einschlägigen Pornosites die Zeit vertreibt (und da gibt's ja ganz sehenswerte) und sich dabei unbemerkt ein Einwählprogramm auf seinem Rechner installiert, der ihn dann zu günstigen 3,63 Euro weitersurfen lässt, so geht das nicht mit rechten Dingen zu - und: Der BGH Karlsruhe meint daher, dass dieser Nutzer die Dialer-Euros nicht bezahlen muss.

Das ist nett. Zumal man sich nun gegen fremde Dialer nicht mehr wehren muss, sie einfach auf der Festplatte arbeiten lassten kann, zwar kurzzeitig abgezockt wird, sich aber das Geld per Gerichtsverfahren zurückholen kann. Summa summarum: Porno-Seiten umsonst, Schwielen an den Händen, stundenlange Zufriedenheit. Na wunderbar. Norton und co. aus! Onanie an!

Was die traurigen Sam&Max2-Fans in Zukunft machen sollen, um den verwehrten Spaß zu ersetzen, ist noch unklar. LucasArts gab am Mittwoch per Pressemeldung bekannt, dass sie das Grafik-Adventure Sam & Max 2 stoppen wollen. Der Schock war groß, das Geheule größer, nun regiert die Wut. Warum nur werden Fans über lange Zeit angeheizt und dann innerhalb kürzester Zeit mit einem einfachen "Cancel" niedergeknockt? Von Lucas Arts kommt nicht viel. Von Mike Nelson kommt nur this was not the appropriate time. Es war nicht die richtige Zeit.

Viel Zeit nahm sich Steve Purcell, Urvater von Sam & Max, als er sich an seine Mitarbeiter und an die Verantwortlichen bei Lucas Arts wandte. Es sei eine Schande, all die Arbeit, die sich das Entwicklerteam gemacht habe und all den Lob, der von der Presse ausging, mit dieser shortsighted decision (kurzsichtigen Entscheidung) auf den Müll zu werfen.

Echte Fans wird das nicht aufhalten, an das noch immer bevorstehende Adventure-Revival zu glauben. Nicht Lucas Arts und auch keine 3,63 Euro pro Minute werden das verhindern können. Auch keine Schwielen an den Händen. Denn das fühlt sich ja mindestens so bescheuert an wie Nokias N-Gage. Nicht wahr, Riccitiello? Ach, das werden Sie noch herausbekommen.

Mit bescheuerten Grüßen,
Schröder