Schröder blickt zurück[#9]
(von unserem leitenden Newsredakteur Florian Schröder)

Mann, war diese Woche klimatisch abwechslungsreich! Die einen gingen förmlich im Regen unter, die anderen wurden von verspäteten Schneestürmen erwischt, die dritten klagten über milde Frühlingstemperaturen. Während sich diese drei Phänomene zeitversetzt in verschiedenen Regionen Deutschlands abspielten, spürte CryTek am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, wenn sich Regen, Sturm und Hitze an einem Ort bündeln.

Top-Thema dieser ausklingenden Woche war selbstverständlich die Razzia bei CryTek, dem Unternehmen, das in absehbarer Zeit Far Cry auf den Markt bringen möchte. Am Mittwochmorgen durchsuchte die Coburger Polizei die Räumlichkeiten der Firma und statteten bei der Gelegenheit auch gleich dem Chef noch einen Hausbesuch ab. Grund für die Schnüffeleien war die Anzeige eines Ex-Mitarbeiters, der CryTek mit der Begründung anzeigte, sie würden bei der Entwicklung von Far Cry illegale Software einsetzen.

Puhh! Das ist kein leicht zu verdauender Vorwurf. Dementsprechend verwirrt war das Unternehmen und äußerte sich zunächst einmal gar nicht. Dann doch, am Mittwochnachmittag, gab der Geschäftsführer Faruk Yerli eine erste Stellungnahme. Niemand und nichts sei verhaftet oder beschlagnahmt worden, die Arbeiten an Far Cry könnten fast ohne Zeitverlust wieder aufgenommen werden - achso: Und wie die grünen Mannen auf einen entstandenen Schaden im sechsstelligen Bereich kommen, könne er sich leider nicht erklären. Aber eine Vermutung hat der Mann: Vielleicht wegen des großen Aufgebots?! Hmm, tja, rechnen Sie doch einfach noch einmal nach, Herr Yerli! Wir sprechen hier von diesem einzigen Einsatz, nicht vom Jahresgehalt einer Polizeistation in Berlin-Kreuzberg.

Kaum hatte Yerli den Rechenschieber aus dem einzigen übrig gebliebenen Bürotisch hervorgekramt, waren auch schon fast zeitgleich von Polente und CryTek erste Pressemeldungen aufgesetzt - kaum drei Stunden später. Was wir dann lesen durften, ist das beste Beispiel einer Farce zwischen Polizei und vermeintlichem Täter. Beide PMs sprachen zwar immerhin den gleichen Sachverhalt an, alles andere wäre ja auch schlimm. Doch die Art, der Umfang und die Schwere der Tat differierte in den zwei Darstellungen derart stark, dass ernsthaft von Wahrnehmungsstörungen auf beiden Seiten ausgegangen werden darf.

Hier nur ein Auszug:

Polizei Coburg: Die Kripo Coburg durchsuchte [...] die Objekte und stellten Beweismittel sicher.
CryTek: Entgegen den Behauptungen diverser Medien und Foren, möchte Crytek hiermit klarstellen, daß weder Personen verhaftet oder Gegenstände konfesziert wurden.

Polizei Coburg: Die Polizei war nach einem Hinweis eines ehemaligen Mitarbeiters der Computerfirma auf die illegalen Aktivitäten gestoßen.
CryTek: Ausgangslöser dieser Aktion war eine Anzeige von einem ehemaligen, verärgerten Praktikanten [...] .

Polizei Coburg: Nach ersten Schätzungen dürfte durch den illegalen Einsatz der Software ein Schaden im sechsstelligen Euro-Bereich eingetreten sein.
CryTek: Als Softwareentwickler ist Crytek selbst stets interessiert, Softwareprodukte von dritten Parteien rechtmäßig zu erwerben und zu nutzen!

Irritiert? Durcheinander? Keine Sorge, das ist angesichts dieses Kuddelmuddels an Sichtweisen und Schilderungen mehr als verständlich. Beweismittel, die von der Polizei beschlagnahmt wurden, die die Polizei aber in den Augen CryTeks nie mitnahm. Ehemalige Mitarbeiter, die im Grunde bloß verärgerte Praktikanten sind. Ein Schaden von mehreren Hunderttausend Euro, der aber nie entstanden ist, weil das Unternehmen stets seine verwendete Software gekauft hat und nicht illegal nutzt.

Da kann man ins Schleudern kommen. Um dem ganzen Spaß noch die Krone aufzusetzen - nur so als kleine Korinthenkackerei -, sprach die Polizei Coburg über den Zeitpunkt der Durchsuchung vom Mittwochvormittag, während CryTek die Uhrzeit mit 9 Uhr angab. Ist 9 Uhr nicht tiefste Nacht? Da arbeiten Entwickler schon? Hat die Coburger Polizei ihre Uhren etwa schon auf Sommerzeit umgestellt?

Umso lustiger ist es da, wenn sich CryTek auch noch als "kooperativ" gegenüber den Schutmännern beschrieb - wie das Erbsenzähler-Beispiel deutlich aufzeigt. Man kann dieses "kooperativ" verifizieren, drückt man beide Augen zu, einschließlich eventueller Hühneraugen an den Füßen, und schaltet man vom großen aufs Mini-Kleinhirn. Kurz: Wenn man alle oben genannten Punkte außer Acht lässt, alle Ungereimtheiten, alle Sticheleien, jaha.

Dann kann man sagen: Alles ist geklärt! Kooperation auf beiden Seiten! Fall erledigt! Worüber haben wir uns eigentlich gestritten? Aber bei aller Liebe, bei allem Verständnis für die Situation CryTeks und die der Coburger Polizei: Wenn das, was wir da am Mittwochvormittag, -nachmittag und -abend miterleben mussten, in irgendeinem Zusammenhang mit Kooperation stehen soll, dann müsste der Begriff des "Gegeneinanderarbeitens" neu überdacht werden.

Mit kooperativen Grüßen,
Schröder