Es gibt Tage, an denen hassen wir unseren Job. Zum Beispiel, wenn Günther Beckstein ein weiteres Mal erklärt, warum wir Zocker potentielle Massenmörder seien. Oder wenn „Frontal 21“ neue Erkenntnisse über die verrottete Psyche eines Computerspielers liefert. Oder wenn Spiele wie „Schach gegen die Achse des Bösen“ auf unseren Schreibtisch flattern.

Hinter dem martialischen Titel verbirgt sich eine konventionelle Schachsimulation, die aus Gründen eines gesteigerten Unterhaltungswertes in ein satirisch-politisches Gewand gekleidet wurde. Doch bedauerlicherweise geht der Witz voll nach hinten los, denn das Programm ist weder sonderlich humorvoll, noch ist es gut gemacht. Und da wundere sich noch mal jemand über die Zusammenhänge zwischen Zocken und unkontrollierten Gewaltausbrüchen.

Bauernopfer

Satire darf alles. Das dachten sich wohl auch die Jungs von Elexicon Entertainment und haben eine Schachsimulation auf den Markt gebombt, bei der es alles andere als politisch korrekt zur Sache geht. Denn hier tritt man entweder auf Seiten der US-amerikanischen Weltverbesserer unter „Ol' Dumpy Head“ George W. Bush gegen die Mächte der Finsternis an, oder man schließt sich eben diesen Herren an und legt als Bin Laden und Co. die amerikanischen Blockheads übers Knie.

Schach gegen die Achse des Bösen - Satire darf alles: In diesem Schachspiel schlagen sich George W. und Osama die Köpfe ein.

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Auf Seiten der guten Jungs sind neben Bush als König unter anderem Ex-Verteidigungsminister Donald „Rumms“ Rumsfeld als panzerfahrender Turm und Condoleeza „ich erklär Dir die Welt“ Rize als katanaschwingender Springer im Kill-Bill-Outfit dabei. Oberwicht Bin Laden fungiert auf der Gegenseite als König. Kim Jong Il gibt, ganz travoltamäßig hüftschwingend, die Königin, während Bond-Gegner Blofeld als Springer seine Züge stilecht in einer Rakete absolviert.

Die Zusammenstellung ist wohl witzig gemeint, wirkt aber völlig willkürlich und lässt den geschichtlich-filmhistorisch interessierten Zocker einigermaßen ratlos zurück.
Schlägt eine Figur die andere, werden kurze, individuelle Sequenzen abgespielt. Während Mr. President texanisch-gelassen aus zwei Ballermännern das Feuer eröffnet, wirft sein königliches Gegenüber einen Pantoffel. (Achtung! Das soll witzig sein!) Kim Jong Il kegelt seine Gegner mit einer Bombe aus dem Rennen, und Condy verarbeitet die bösen Buben mit ihrem Katana zu Brotaufstrich.

Zugzwang

So weit, so gut. Doch leider bleibt jeder Keim von Humor oder gar echter Satire im Ansatz stecken. Und das hat mehrere Gründe. Denn „Schach gegen die Achse des Bösen“ ist und bleibt eine Simulation des Königsspiels, nicht mehr und nicht weniger. Das einzig originelle, was über eine staubtrockene Schachsimulation hinausgeht, sind die Animationen, mit denen sich die Figuren gegenseitig schlagen. Doch derlei Schabernack ist spätestens seit „Battlechess“, das in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert, nichts Neues mehr.

Schach gegen die Achse des Bösen - Satire darf alles: In diesem Schachspiel schlagen sich George W. und Osama die Köpfe ein.

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Das Rauchverbot wird in Berlin jetzt auch im Freien konsequent durchgesetzt.
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Und das bringt uns zum Tiefpunkt des Programms. Denn die vollkommen unzulängliche technische Präsentation spottet jeder Beschreibung. Immerhin leben wir in Zeiten von Rechnern, die mal eben komplette amerikanische Präventionskriege vom Erstschlag bis zum finalen Diktatorensturz in nur wenigen Sekunden durchsimulieren – und das unter vollständiger Einbeziehung möglicher Kollateralschäden. Oder anders ausgedrückt: Auch eine animierte Schachsimulation könnte von DirectX 10 profitieren und muss nicht aussehen wie ein hingerotztes Klötzchenspiel im Retro-Look der Achtziger Jahre. Auch der Comicstil vermag an der mangelhaften Optik nichts zu ändern.

Immerhin ist das Spielbrett stufenlos dreh- und zoombar. Doch wer braucht so etwas in einem Schachspiel, in dem es zu jedem Zeitpunkt auf den bestmöglichen Überblick ankommt? Sinnvoll ist die Perspektivenänderung deshalb nur aus einem Grund: um die Animationen der Figuren möglichst aus der Nähe zu erleben.

Schach gegen die Achse des Bösen - Satire darf alles: In diesem Schachspiel schlagen sich George W. und Osama die Köpfe ein.

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Aufdringlich: die Reporter von Al'Jazeera.
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Das wird jedoch aufgrund der Uraltgrafik und den lieblosen, immer gleichen Bewegungsabläufen schon nach wenigen Minuten zur Qual. Dem möchten Sound und Musik natürlich in keiner Weise nachstehen. Über die akustische Untermalung der ärmlichen Animationen decken wir an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens. Und was die nervige Dudelmucke betrifft, so hat die nur einen einzigen Vorteil: Man kann sie in den Optionen komplett abschalten.

Dieses Spiel hat etwas mit meiner letzten Freundin gemeinsam: Beide haben einen glücklichen Mann sehr alt gemacht!Fazit lesen

Rochade

Ob angesichts von soviel Wut und Trauer über die technischen Mängel des Programms wenigstens die Schachengine über ungeahnte Qualitäten verfügt, können wir ehrlicherweise nicht abschließend beantworten. Der Schwierigkeitsgrad der KI ist jedenfalls stufenlos regelbar. Auf der niedrigsten Einstellung gelang es uns zumindest schon nach wenigen Minuten, die gegnerische Königin, pardon, Kim Jong Il, von der Platte zu putzen. Und davon kann George W. Bush im wahren Leben nur träumen. Die anderen Figuren verhalten sich im einfachen Modus ebenfalls sehr vorhersehbar, so dass sich auch Einsteiger an vielen billigen Animationen berauschen können. Nur – wer will so etwas schon?

Wer es etwas niveauvoller mag, der schraubt die KI tapfer nach oben und sieht zu, wie der Gegner die eigenen Truppen abkocht, oder befördert sie zielgerichtet ins virtuelle Walhalla. Und wer nicht weiter weiß, lässt sich den nächsten Zug anzeigen. Die Bewegungsmöglichkeiten einer Figur werden farbig gekennzeichnet, sobald man sie per Mausklick auswählt. Das ist für Anfänger recht hilfreich, Schachveteranen werden darüber wohl eher die Mundwinkel in Richtung Kniescheibe bewegen.

Schach gegen die Achse des Bösen - Satire darf alles: In diesem Schachspiel schlagen sich George W. und Osama die Köpfe ein.

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Enthüllt: nicht verwendete Cut-Scenes in Quentin Tarantinos Kultstreifen.
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Auch das Tutorial strotzt nicht gerade vor Originalität. Wer absolut keinen Schimmer vom Schach hat, der mag den trockenen Textwüsten vielleicht noch die eine oder andere Information entlocken. Alle diejenigen, die sich womöglich sinnvolle Tipps in der Einführung erhoffen, werden sie nach kurzer Zeit ernüchtert wieder schließen. Immerhin können sich Gleichgesinnte online treffen und gegeneinander antreten. Das halbiert immerhin den Leidensdruck, denn wie heißt es so schön: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Was bleibt, ist die Feststellung, dass sich Humor und Anspruch auch in Computerspielen keinesfalls immer kongruent verhalten. Und dass beileibe nicht alles, was für sich den Ausdruck „Satire“ in Anspruch nimmt, diesen auch verdient hätte. Aber das wissen wir ja nicht erst, seitdem George W. Bush an der Macht ist...