Miami ist eine schöne Stadt. Das zeigte uns schon 1983 das Gangsterepos »Scarface«, das Aufstieg und Fall des Ganoven Tony Montana portraitierte. Al Pacino glänzte damals in der Rolle des krötigen Kleingangsters, der sich 1980 von Cuba aufmachte, in den USA zu Ruhm und Ansehen zu gelangen.

2006 wurde der Stoff erstmalig im gleichnamigen Computerspiel für den PC und die PS2 umgesetzt. Über ein Jahr später legte Hersteller Radical Entertainment nach und brachte jetzt eine speziell auf die Wii zugeschnittene Fassung heraus. Wir haben uns ins Miami des Jahres 1983 gebeamt und überprüft, ob das Bösesein auch auf der Wii Spaß bringt.

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Bleihandlung
Wer seinerzeit schon auf dem PC oder der PS2 Tony zum Wiederaufstieg in Miamis Unterwelt verholfen hat, sei gewarnt. Ähnlich wie im Fall des kürzlich besprochenen »Resident Evil 4« handelt es sich auch bei »Scarface - The World is yours« um die inhaltsidentische Wii-Ausgabe der Vorgängerversionen. Erweiterungen oder neue Features sind nicht zu erwarten. Stattdessen präsentiert sich das Programm im bekannten Umfang, ist dafür aber auf die Wii-Steuerung optimal angepasst worden.

Scarface: The World is Yours - Ein einschneidendes Erlebnis: Auch auf der Wii erobert Tony Montana die Unterwelt.

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Werden immer dreister: Straßen-Schuhputzer, die ihre Dienste anbieten.
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Wie schon aus den 2006er Versionen bekannt, setzt die Handlung da ein, wo der Film aufhört. Doch während Tony dort in seiner Villa im Kugelhagel stirbt, entkommt er im Spiel seinen Mördern und ist damit zwar quicklebendig, steht aber vor den Trümmern seines Imperiums, das sein Erzrivale Sosa übernommen hat. Also macht er sich daran, mit viel Blei und wüsten Flüchen seine alte Macht wieder aufzubauen und sich am großen Konkurrenten zu rächen - koste es, was es wolle. Nachdem er zunächst seine alte Villa zurückbekommen hat, geht es darum, die Stadt Stück für Stück zurückzuerobern.

Dabei kommt es zwangsläufig zu diversen Reibungsverlusten mit gegnerischen Gangs, die sich Tony in den Weg stellen. Da wir uns hier mit einem Wii-Spiel beschäftigen und deshalb viele jüngere Zocker diese Zeilen lesen könnten, ersparen wir uns eine genauere Beschreibung dessen, was wir mit »Reibungsverlusten« meinen. Sagen wir einfach, am Ende sind alle tot, Tony hat wieder ein Stückchen des Kuchens zurückbekommen, und sein Einfluss ist gestiegen.

Packshot zu Scarface: The World is YoursScarface: The World is YoursErschienen für PC, PS2, XBox und Wii kaufen: Jetzt kaufen:

Ladenhüter
Der besseren Übersicht halber ist das virtuelle Miami in vier Stadtteile aufgeteilt, die nacheinander unter Kontrolle gebracht werden. Um Waffen, Autos und subordinierte Schläger einkaufen zu können, muss als erstes Geld verdient werden. Viel Geld. Das bekommt man, indem man beispielsweise für Ladenbesitzer diverse Jobs erledigt. Hat man sich nach und nach genug Kohle beiseite geschafft, kann man sich ein paar Angestellte zulegen und natürlich seine eigenen Autos kaufen.

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"Oops, das hier ist die deutsche Version? Dann packe ich die Kettensäge natürlich sofort wieder ein!"
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Außerdem ist es möglich, irgendwann selbst einen Laden zu übernehmen. Die dort verkauften Gegenstände wiederum versorgen Tony mit Geldnachschub - allerdings nur, wenn er nicht zuviel Druck durch verfeindete Gangs erhält, denn das treibt die Preise nach unten. Also muss man auch immer ein Auge auf die entsprechende Bildschirmanzeige haben. Wird nämlich der Gangdruck zu groß, wirkt sich das kontraproduktiv auf die Geschäfte aus. Dann kann man sich entweder freikaufen, oder man stattet einer Mitbewerbergang einen bleihaltigen Besuch ab.

Gleichzeitig sollte man auch ein Auge auf die Gesetzeshüter haben, denn die reagieren auf Beschuss und aggressives Verhalten äußerst unwillig und jagen Herrn Montana quer durch die Stadt. Je nachdem, was er sich hat zuschulden kommen lassen, kann man entweder durch Bestechung den Suchlevel nach unten drücken, oder es hilft nur noch die schnelle Flucht, da die Cops nicht mehr diskutieren, sondern Blei sprechen lassen.

Wer bei hektischen Fluchten sein schönes Auto demoliert, hält einfach eine Karre auf der Straße an, prügelt den Besitzer raus und übernimmt selbst das Steuer. Hat man Glück, und der Raub ging nicht direkt unter den Augen der Bullen über die Bühne, sinkt der Suchlevel etwas ab. Je unauffälliger man sich in der Folge verhält, desto weniger wird man verfolgt, bis man sich schließlich wieder ungestört durch die Straßen pöbeln kann.

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Trendiges Modeaccessoir, das schnittig aussieht: Kettensäge
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Wer ein kleines Päuschen von den anstrengenden Prügel- und Schießorgien braucht, der schnappt sich einfach einen Wagen und kreuzt ein bisschen durch die Stadt oder vergnügt sich mit Minispielchen. Das entspannt nicht nur, sondern man kann dabei auch ungestört dem hervorragenden Soundtrack lauschen, der einen großzügigen Querschnitt durch die Hits der Achtziger Jahre bietet. Einziger Nachteil: da es keine frei wählbaren Radiosender gibt, kann man nicht zwischen einzelnen Sendern und Musikgattungen hin und her schalten.

Erinnerungsvermögen
Das alles erinnert nicht nur sehr an die GTA-Reihe, sondern spielt sich nahezu 100-prozentig auch so - nur eben diesmal auf der Wii. Man steuert Tony in der Schulterperspektive mit dem Nunchuk durch die Stadt, Zielen und Ballern übernimmt die Wii-Mote. Insofern herrscht zwischen den beiden Kontrolleinheiten eine sehr ausgewogene Aufgabenteilung.

Die Fernsteuerung ist neben dem Zielen und Umschauen auch mit der Waffenauswahl sowie dem Ausführen von Aktionen betraut. Mit einem kurzen Klick auf den A-Button beleidigt Tony sein Gegenüber oder redet mit ihm, hält man den Knopf gedrückt, sprintet er los. Will man einen Gegner im Nahkampf verhauen, bewegt man bei gedrückter B-Taste den Controller hin und her. Das funktioniert recht zuverlässig und nahezu verzögerungsfrei. Auch die Zielerfassung mit dem Nunchuk klappt in Verbindung mit der Wii-Mote nach kurzer Einarbeitung sehr gut.

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Gegen Lärmbelästigung durch tieffliegende Hubschrauber hilft nur hartes Durchgreifen
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Fahren klappt ebenfalls unproblematisch, denn sämtliche Funktionen der Karren werden mit dem Nunchuk gesteuert, lediglich Gas geben tut man mit der Fernbedienung. Muss man während der Fahrt allerdings schießen, so kommt man leicht ins Trudeln, denn während man die Nunchuk-Hand möglichst ruhig hält, muss man mit dem Controller zeitweise recht heftig herumrudern. Grobmotoriker kommen dabei leicht mal ins Schwitzen. Das wiederum dürfte allerdings dem Anspruch Nintendos entgegenkommen, eine Konsole für den vollen Körpereinsatz konstruiert zu haben. Um sich mit der Wii-spezifischen Bedienung anzufreunden, sollte man deshalb einen Blick auf das gut gemachte Tutorial werfen.

Neuanfang
Kenner des Spiels wissen, dass der gute Tony bei falscher Handhabung relativ leicht ins Gras beißt. Das dürfte auch schon so ziemlich der größte spielerische Unterschied zwischen »Scarface« und der GTA-Reihe sein, denn ein Krankenhaus, in dem man ihn wieder zusammenflickt, gibt es nicht. Überdies verliert man im Falle von Tonys Ableben auch alles Geld, was er zu diesem Zeitpunkt bei sich trägt.

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In der amerikanischen Version geschnitten: der erhobene Mittelfinger
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Deshalb sollte man von Zeit zu Zeit eine Pause in seinem kriminellen Handeln einlegen und eine Bankfiliale besuchen. Dort kann man seine Kohle nicht nur einzahlen und so im Falle des virtuellen Todes erhalten, sondern sichert auch gleichzeitig seinen Spielstand. Um nicht bei jedem Gefecht mit einem dahergelaufenen Straßengangster das zeitliche zu segnen, kann Tony im Verletzungsfalle bei einem der Blutspende-Mobile seine Gesundheit wieder auffrischen lassen. Jede Schießerei oder rasante Autofahrt steigert außerdem seinen Wutlevel.

Ist er komplett aufgefüllt, kann man durch kurzes Schütteln des Nunchuk in einen Berserker-Modus schalten. Dabei ballert man auf dem rot eingefärbten Bildschirm in der Egoperspektive auf alle Gegner im Umfeld und erhält für jeden erledigten Konkurrenten tüchtig Lebensenergie. Außerdem ist man in dieser Zeit praktisch unverwundbar. Da der Wutmodus jedoch nur einige Sekunden währt und nicht abgebrochen werden kann, sollte man ihn wirklich nur in brenzligen Situationen einsetzen. Denn bis er wieder verfügbar ist, dauert es recht lange.

Super-Mario-Montana
Natürlich gibt es auch an der Wii-Version von »Scarface« einiges zu meckern. Die Grafik ist nicht nur unzeitgemäß, sondern selbst für Wii-Verhältnisse erstaunlich schlecht. Insbesondere der Himmel erinnert in seiner quietschigen Buntheit eher an einen Super-Mario-Titel als an ein Actionspiel für Erwachsene. Auch der Detailgrad lässt sehr zu wünschen übrig, von der kantigen Mimik einmal ganz abgesehen.

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Wenn nichts mehr geht, werden halt die schweren Geschütze ausgepackt.
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Die deutsche Version ist, wie nicht anders zu erwarten, natürlich auch auf der Wii arg beschnitten. So kann man bei Kämpfen weder Körperteile abtrennen noch fließt übermäßig viel Blut. Auch der bei vielen Fans beliebte Einsatz der Kettensäge bleibt in der hiesigen Version außen vor. Immerhin wurde nicht am Actiongrad herumgeschraubt, so dass auch in Deutschland heftig geprügelt, geschossen und geflucht werden darf. Insofern sind die Beschnitte auch in erster Linie kosmetischer Natur, abgesehen von den Kettensägen-Einlagen.

Die Frage, inwiefern inhaltliche Eingriffe bei Computerspielen den Spielspaß mindern oder nicht, kann wohl nur jeder für sich beantworten. Solange die Einschnitte nicht dazu führen, dass einem die Handlung um die Ohren fliegt, weil entscheidende Teile fehlen oder bis zur Unkenntlichkeit gekürzt wurden, sind sie wohl vertretbar. Auch trotz der Anpassungen an den deutschen Markt ist und bleibt »Scarface« ein Spiel für Erwachsene. Und die werden mit diesem Programm auch auf der Wii gut unterhalten - zumindest solange, bis der nächste GTA-Teil herauskommt.