Als ich letzte Woche in London einen ersten Blick auf Saints Row: The Third werfen durfte, notierte sich der Kollege neben mir noch vor der Präsentation die Worte: „Abgedrehter Scheiß“ und meinte schelmisch, jetzt müsse er keine weiteren Notizen mehr machen, damit sei ohnehin alles gesagt. Stimmt. Aber irgendwie auch wieder nicht…

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Holy Sh*t!

Spielepräsentationen gleichen sich in der Regel wie ein Ei dem anderen: Ein Entwickler erklärt anhand einer mehr oder weniger kurzen Demo sein Spiel einer Gruppe von Journalisten, die im besten Fall gespannt, zumindest interessiert, schlimmstenfalls nur Interesse heuchelnd dem Dargebotenen folgen und wichtige Eckpunkte eilig notieren. Egal, welcher der drei Fälle gerade vorherrscht, von außen ist kaum ein Unterschied feststellbar. Außer, es geht um ein Saints Row

Saints Row: The Third - So viel Spaß kann man(n) mit einem Riesendildo haben

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Wie abgedreht kann ein Spiel sein?! Saints Row 3 setzt in dieser Hinsicht neue Maßstäbe.
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Da wird alle paar Sekunden lauthals gelacht, gejauchzt, bisweilen gar Szenenapplaus gegeben. Da enttarnt sich eine Gruppe vermeintlich seriöser Journalisten als infantiler Haufen im Geiste jung Gebliebener. Was war geschehen? Nun, „abgedrehter Scheiß“ mag es zwar beinahe vollständig beschreiben, es live am eigenen Zwerchfell zu erleben, ist etwas völlig anderes.

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Maskenball: Der erste Level inszeniert einen aberwitzigen Banküberfall.
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Da packt der Held beispielsweise einen riesigen lila Dildo vom Ausmaß einer Angelrute aus, um den Gegnern eins überzuziehen. Da platzt schon mal ein Fiesling in übertrieben blutige Einzelteile, als bestünde er aus 50 Kilo Mettwurst. Und wenn unser Alter Ego zum Finisher ansetzt, knockt er dem Gegenüber nicht einfach nur das Licht aus, sondern setzt sich dabei vor allem selbst ins rechte, indem er den erfolgreichen Tritt in die Weichteile anschließend mit einer coolen Geste oder einem kleinen Tänzchen feiert oder auf dessen Rücken noch ein Stückchen die Straße hinunter surft.

„Saints Row 3 wird noch verrückter, noch mehr over-the-top als die Vorgänger“, eröffnen die Entwickler ihre Präsentation und gehen damit genau in die richtige Richtung, wie wir meinen. Bisher hatte die Serie stets den leicht gammligen Beigeschmack eines lediglich ziemlich überdrehten GTA-Klons. Doch Rockstars Mammutprojekt verdammt – allein schon am Budget gemessen – jeden Herausforderer automatisch in die Kreisliga.

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Neue Stadt: Schauplatz von Saints Row 3 ist diesmal Steelport.
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Genau aus diesem Grund versuchen die Entwickler von Volition mit dem dritten Teil gar nicht erst vom Pussy-Wagon auf den GTA-Zug aufzuspringen. Stattdessen streichen sie ihr Vehikel neonpink, schrauben die Spaßkanone aufs Dach, geben Vollgas und bremsen nicht mal dann (oder: erst recht nicht), wenn eine alte Oma den Zebrastreifen überquert. Sprich, sie konzentrieren sich auf das, was die Serie auszeichnet: den puren Spaß, aberwitzige Ideen und ein spielgewordener Wahnsinn, der offensichtlich kranken Hirnen entsprungen sein muss.

Ein Furz im Wasserglas

Um den Unterschied zwischen Saints Row: The Third und GTA 4 zu verdeutlichen, genügt ein simples, im Grunde nebensächliches, aber dadurch umso aussagekräftigeres Beispiel: die Art und Weise, wie der Held ein Auto klaut. Niko Bellic hält dafür das Fahrzeug zunächst an, reißt die Fahrertür auf und zerrt den Besitzer heraus, um danach davon zu brausen.

In Saints Row 3 saust ihr mit den Füßen voran lässig durch das Autofenster wie durch eine Hängeschaukel, schleudert dabei den Fahrer zur anderen Seite hinaus und setzt die Fahrt fort, als sei nichts gewesen. Haustüren werden in Saints Row niemals geöffnet, sie werden grundsätzlich eingetreten. 1:0 Coolness-Punkte für Volition.

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Völlig überdrehte Action steht im Mittelpunkt.
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Ob es bei so viel Aberwitz auch Ideen gegeben hätte, die man in der Entwicklung wieder fallen ließ, weil sie dann doch zu heftig waren, fragen wir im Interview. Ja, lacht der Entwickler, mit einem weinenden Auge allerdings. Er fand die Idee mit dem „Furz im Glas“ saukomisch, eine Waffe mit ganz besonderer „Durchschlagskraft“. Spätestens jetzt ist klar: Saints Row 3 pfeift nicht nur auf den guten Geschmack, es spuckt ihm mitten ins Gesicht.

Der kleine freche Bruder von GTA: unkonventionell, laut, stets zu Blödsinn aufgelegt.Ausblick lesen

Bereits der erste Level ist ein spektakuläres Happening der besonders skurrilen Sorte: Mit albernen Elvis-Masken verkleidet überfallen wir und unsere Gangsterkumpel eine Bank, ähnlich der kultverdächtigen Bankraubszene aus „Gefährliche Brandung“ oder dem einleitenden Clownsüberfall in „The Dark Knight“.

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Einer wird gewinnen: Faust auf Auge oder Bullet in the Head?
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Damit erschöpfen sich die Parallelen zu den Inspirationsquellen aber bereits, denn ein Banküberfall à la Saints Row verschießt die Patronenkugeln in ganzen Lachsalven: Da wartet eine Schar Stripperinnen in der Schlange vor dem Schalter (nein, keine Ahnung, wo die herkommen), und auf dem Weg zum Tresor bitten uns begeisterte Fans um Autogramme.

Das Geld wird am Ende auch nicht einfach in die Taschen gesteckt, stattdessen reißen wir den kompletten Tresor aus seinen Betonfugen und lassen uns darauf per Hubschrauber durch den Kugelhagel abtransportieren. Saints Row zelebriert Spaß und Zerstörung in ähnlichen Regionen wie die überdrehte Just-Cause-Serie, es stürzt sich mit ausgebreiteten Armen ins Chaos und lässt sich von dessen Welle davontragen.

Mach kaputt, was im Weg steht

Ähnlich große Lust am Destruktiven zeigt Saints Row: The Third bei seinen Nebenmissionen: Der Name „Tank Mayhem“ sagt eigentlich schon alles – hier geht es darum, in einem Panzer möglichst viel Stadt in Schutt und Asche zu legen. In einem, durchgeknallten japanischen Game-Shows nachempfundenen, Minispiel schießt ihr waghalsige Stuntmänner (oder Krankenschwestern...) per Riesenkanone auf dem Autodach durch die Luft, um Punkte zu kassieren.

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Das ultimative Spaßvehikel: ein Jumpjet.
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Ganz wichtig für jedes Saints-Row-Spiel: das Herumbasteln am eigenen Charakter. Im Kostümladen können wir unseren Helden mit schicken Klamotten ausstatten: der glänzenden Elviskluft, dem schnittigen Zweireiher bis hin zum lilalaunebärigen Buzz-Lightyear-Gedächtnisraumanzug. Passend dazu ein Besuch beim Schönheitschirurgen, wo sich das Aussehen des Helden beliebig verändern lässt: von bärbeißiger Quängeltante bis zum Steroidknotterknilch.

Gleiches gilt selbstredend für den fahrbaren Untersatz: In der Werkstatt baut ihr eure Rostlaube vom schneidigen Sportwagen zum fahrenden Hotdog um. Das einzig wahre Spaßvehikel für große Jungs finden wir dann aber in einem Hinterhof eingeparkt: einen waschechten Kampfjet mit Senkrechtstarter-Funktion.

Um diesen zu ergattern, müsst ihr ihn übrigens nicht erst drölfzig Stunden freispielen. "Firmen-Philosophie!", heißt es bei Volition. Fast alle Fahrzeuge, Waffen und Klamotten sollen von Anfang an verfügbar sein. Man möchte den Spieler nicht in seiner Freiheit einschränken, sondern ihm stets die eigene Wahl lassen, auf welche Weise er Spaß haben möchte. Und jetzt entschuldigt uns bitte, wir müssen noch Einiges kaputt machen…