Ich frage mich manchmal, ob es Fans, so richtige Fans des allerersten Saints Row gibt. Es gibt sie bestimmt, es gibt ja Fans von so ziemlich allem, inklusive Magenschmerzen und Entenkastration. Und ich kann mir vorstellen, dass sich niemand mehr die Krätze ärgert als die treuen Anhänger dieses respektablen, aber ultimativ unnötigen GTA-Klons – denn kaum einer musste wie sie beobachten, wie sich seine Lieblingsreihe immer weiter vom Ursprung und in eine eigenartige Richtung entwickelte.

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War Saints Row 2 noch eine einigermaßen normale Gangsterballade, die zwischen Euthanasie-Toden und Fäkalienbombardements flipperte, weil sie nicht wusste, wie albern sie genau sein wollte, war ab The Third eigentlich alles zu spät. Und wem groteskte Charaktere und Cabriofahrten mit Tiger im Auftrag Hulk Hogans immer noch zu bodenständig waren, der musste gar nicht so lange warten – im ursprünglich als Add-On geplanten Saints Row IV explodierte die gesamte Erde nach einer Alieninvasion, der Boss der Saints wurde gleichzeitig US-Präsident und Superman und man konnte im 50er-Jahre-Suburbia Widersacher mit einer Dubstep-Kanone zerpixeln. Nein, wirklich.

Saints Row: Gat Out of Hell - Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle

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Den Boss entführen? Nicht mit Kinzie und Johnny Gat!
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Doof? Unleugbar. Ich kann mir vorstellen, dass die Entwicklung der Reihe so manch einem stinken mag. Ich gehöre nicht dazu – die himmelschreiende Schwachsinnigkeit und der kompromisslose Mut zum Albernen gaben der Reihe ein Profil, das sie überhaupt erst ins Bewusstsein eines größeren Publikums rückte. Abgesehen von Geschmacksfragen gab es eigentlich nur ein Problem, und wer Saints Row IV gespielt oder die kurze Zusammenfassung oben gelesen hat, wird wissen, wie es lautet: Wohin jetzt? Wie will man das noch steigern?

Vorerst bleibt die Reihe uns die Antwort schuldig, denn wie erwartet ist das nun erscheinende Gat out of Hell eben keine Steigerung, keine Weiterentwicklung – es ist, trotz des dämonischen statt außerirdischen Szenarios, nicht einmal eine große Abkehr vom bereits Bekannten. Die Entwickler Volition und High Voltage halten den satanischen Ball flach, so flach, dass sie ihn schon eher vor sich herkullern. Gat out of Hell ist insofern das genaue Gegenteil von The Third: eine Nummer sicher.

Kinzie, Ex-FBI-Agentin, Computerspezialistin und Berufsmisanthropin, hat Geburtstag, und der Rest der verbliebenen Menschheit schmeißt ihr eine Party. Hacker-Kollege Matt Miller, der nicht der Klügsten einer ist, packt ein Ouija-Brett aus dem Schatz des besiegten Overlords Zinyak aus und während die Saints damit spielen, wird der Boss in die Hölle gesogen, wo er Satans Tochter Jezebel heiraten soll. Das lassen Kinzie und Johnny Gat allerdings nicht auf sich sitzen, sie steigen dem Boss in die Hölle nach und fassen einen Plan, der sich zusammenfassen lässt mit „Schieß dem Teufel ins Gesicht.“

Saints Row: Gat Out of Hell - Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle

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Hach ja, der Obermotz. Höher kann man quasi nicht stapeln.
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Klasse Plan. Leider sind die beiden nicht zur Hochzeit geladen und eine Audienz bei Satan ist nicht leicht zu kriegen. Die Lösung ergibt sich aber recht bald: Luzifer hasst es, wenn seine Autorität untergraben wird, also müssen die beiden Saints ihm an den Huf pinkeln, damit er sich zeigt. Die Übersetzung dafür lautet: Richte Chaos an. So viel wie möglich, auf alle erdenkbaren Arten, Hauptsache, es gibt Stunk.

Wer noch eine Dosis Saints Row IV möchte, sollte sich diese launige Nummer günstig besorgen. Wer auch nur einen Funken Andersartigkeit will, macht einen großen Bogen drumherum.Fazit lesen

Wer The Third und vor allem IV gespielt hat, weiß, dass eine Vielzahl der Missionen, vor allem der Sidequests, nur dazu da war, dem Spieler die Nebenaktivitäten in der Open World näherzubringen. Die Prämisse von Gat out of Hell wird dazu genutzt, dieses Prinzip auf die Spitze zu treiben. Unter der Anleitung ihres alten Ultor-Rivalen Dane lernen der psychotische Gat und die sozial beschränkte Kinzie nach und nach allerlei Aktivitäten kennen, mit denen sie Satan die Hölle heißmachen können.

Die Hölle ist Abwesenheit von Vernunft

Klingt jetzt noch nicht so wahnsinnig anders als in den Vorgängern. Nur ist es diesmal so, dass man die Story gar nicht direkt durchspielen kann, selbst, wenn man es will. Die Haupthandlung ist grob in fünf Segmente eingeteilt und um das jeweils nächste zu erreichen, muss man Unfug anstellen, eben Open-World-Aktivitäten erledigen, Collectibles sammeln oder auch einfach nur Feinde umnieten. Dann gibt es eine Zwischensequenz, eine nicht so wahnsinnig ausufernde oder fordernde Storymission und das Spielchen geht von vorne los.

Irgendwann (und es dauert nicht sehr lange) steht man dann vor Beelzebub, haut ihm auf die Hörner, wählt anschließend eines von fünf kurzen Enden und das war's. Meh. Leider lässt diese Struktur auch wenig Platz für gleichermaßen epische wie hanebüchene Momente, Zwischensequenzen oder große Lacher, mit denen wir spätestens seit The Third verwöhnt wurden. Zwar sind Kinzie und Gat in der Open World schön redselig, aber das macht es, zumindest in meinen Augen, nicht ganz wett, zumal ich nie darüber hinwegkam, mir nicht meinen eigenen Charakter erstellen zu können, so gerne ich die beiden Arschkrampen mag.

Saints Row: Gat Out of Hell - Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle

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Neue Waffen und Kräfte sind zwar lustig, machen den Satansbraten aber nicht fett.
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Was also in Sachen Charme nicht völlig hinhaut, muss dann eben auf anderen Ebenen erreicht werden. Die sehr gute Nachricht: Gat out of Hell macht richtig Spaß, auf eben jene verruchte Rampensau-Weise, die der vierte Teil etabliert hat. Aber das ist dann auch schon wieder das Problem: Es macht auf die exakt selbe Weise Spaß. Niemand durfte im Vorfeld ernsthaft damit rechnen, dass Gat out of Hell, immerhin nur als kleines Stand-Alone angesetzt, ein Saints Row V werden würde. Beim Spielen kommt man aber nicht um die Realisierung herum: Es ist nichtmal ein Saints Row 4,5. Vielleicht 4,2, wenn mal überhaupt das.

Als einzige wirklich große Neuerung darf man die Flugmechanik zählen, die von ihrer Dynamik her an die Arkham-Games erinnert, mit Elementen wie Auftrieb und Strömung spielt und sich insgesamt ziemlich klasse anfühlt. Die vertikale Erforschung der Hölle und Nebenaktivitäten wie Hindernisflüge oder das Aus-der-Luft-Fangen von stürzenden Seelen sind schon recht unterhaltsam. Wie in Saints Row IV rührt man nach dem Tutorial quasi nie mehr eines der zahlreichen Fahrzeuge an und vermisst es auch kein bisschen.

Der Rest... ist wiederum vom Gefühl her wieder sehr ähnlich dem Bekannten. Das Waffenarsenal ist nicht so wahnsinnig üppig, bietet aber ein paar schöne Wummen, die zum Beispiel auf biblischen Plagen oder den sieben Todsünden basieren – Feinde mit Insektenschwärmen und explosiven Fröschen zu malträtieren hat schon was. Auch die euen Superkräfte (einzig der Stampfangriff wurde übernommen) sind durchaus launig, nur eben nicht atemberaubend.

Und ganz ähnliches lässt sich auch über Design und Ästhetik sagen. Die Hölle ist so stilecht, wie man sich das von einem weitestgehend ausgedachten ort nur wünschen kann, mit jeder Menge Lava, Gestein, außerweltlicher Physik wie schwebenden Plattformen und derlei mehr. Es ist ein schlichter Look, fast trist, aber er gehört nunmal dazu. Eine Umgebung jedenfalls, in der man die eher kurze Spielzeit doch ganz gerne verbringt.

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Gat out of Hell macht durchaus Spaß. Nur Begeisterung kommt nicht so recht auf.
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„Ganz gerne“ - das sind schöne Worte, entspannt und unaufgeregt. Mit solchen Vokabeln und keinen größeren lässt sich Gat out of Hell beschreiben. Selbst, wenn man ein Fan ist und sich über ein knappes Wiedersehen mit Leuten wie Dex, den Zwillingen oder Dane Vogel freut. Selbst, wenn man Spaß daran hat, in wenigen kurzen Sequenzen Blackbeard, Shakespeare und Vlad Tepes zu begegnen. Größer wird die Gefühlslage nicht. An Gat out of Hell lässt sich viel mögen, aber nichts feiern.

Und das trifft nach der Saints-Row-Renaissance, die der dritte Teil eingeläutet hat, die Reihe viel härter, als man glauben sollte. Feiern und gefeiert werden ist alles, was The Third und IV zu etwas Besonderem gemacht haben. Gat out of Hell ist, in diesem Kontext, nichts besonderes mehr, sondern ein Aufguss – einer, der immer noch recht ordentlich schmeckt, der aber lange nicht an die ursprüngliche Mischung aus herrlicher Überforderung und knalldoofer Brachialaction heranreicht. Das ist schade, war aber zu erwarten. Apropos: Erwarten wir doch alle einfach gespannt den fünften Hauptteil, ja?