Nach dem GAU im russischen Atomreaktor von Tschernobyl wandelte sich die Gegend um die einst lebendige Stadt zur radioaktiv verseuchten Zone, in der gar wundersame Dinge vorgehen und grässliche Mutationen Schrecken verbreiten, während unerschrockene Söldner, die so genannten Stalker, auf der Jagd nach mächtigen Artefakten, Ruhm und Reichtum in der unwirtlichen Landschaft ihr Glück suchen und dabei nicht selten den Tod finden.

Diese Geschichte bildet den bekannten Hintergrund des Hit-Shooters „S.T.A.L.K.E.R. Shadow of Chernobyl“ (Test lesen), dessen Prequel Clear Sky demnächst noch offene Story-Fäden aufgreifen und zu Ende erzählen wird. Was jedoch die Wenigsten wissen: Bereits Ende der 70er Jahre, also lange vor dem Tschernobyl-GAU von 1986, erschien in der damaligen Sowjetunion ein Film, dessen Story frappierende Ähnlichkeit zum Spiel von GSC Gameworld aufweist. Sein Name: Stalker.

S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky - Interview # 47 weitere Videos

Alles nur geklaut?

Eine menschenfeindliche Gegend, die von allen nur bedeutungsschwanger „die Zone“ genannt wird und in der merkwürdige wie übernatürliche Dinge vor sich gehen, eine Gruppe von Glücksrittern, die in die Zone vorstoßen, um Ruhm und Reichtum zu finden, und ein mythischer Wunschbringer, der sich im Zentrum dieser Zone befinden soll und über die Macht verfügt, die tiefsten Sehnsüchte wahr werden zu lassen: Das sind die Motive, die das Computerspiel S.T.A.L.K.E.R. mit seiner Filmvorlage eint…

S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky - gamona deckt auf: die geheime Filmvorlage zu Stalker

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 91/971/97
Eine menschenleere Zone war bereits Schauplatz des Films "Stalker".
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Überraschend viele, wenn man bedenkt, dass die Entwickler ihre Inspirationsquelle in Interviews und Pressemeldungen niemals nennen. Wollen sie etwa verheimlichen, dass sie die Story ihres Spieles dreist geklaut haben? Oder liegt es daran, dass der zugehörige Film außerhalb von Russland allenfalls Filmkunst-Experten ein Begriff ist?

Vom Buch zum Film zum Spiel

„Ich bin überrascht, dass du überhaupt je davon gehört hast“, bestätigt uns Entwickler Oleg Yavorsky letztere These, als wir ihn Anfang Juni bei einem Interview in Hamburg darauf ansprechen. „Stalker ist in Russland ein absoluter Kultfilm! Im Rest der Welt kennen ihn jedoch die Wenigsten.“

S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky - gamona deckt auf: die geheime Filmvorlage zu Stalker

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 91/971/97
"Mit unserem Spiel wollten wir eine ähnliche Atmosphäre schaffen wie der der Film." (Oleg Yavorsky)
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Als sich GSC Gameworld, das Entwicklerstudio von S.T.A.L.K.E.R., damals für das Tschernobyl-Setting entschieden und zu Recherche-Zwecken die Gegend um den havarierten Kernreaktor besichtigt habe, seien vielen Teammitglieder sofort die Bilder von der mysteriösen Zone aus dem Stalker-Film in den Sinn gekommen. „Da war uns klar, dass wir mit unserem Spiel eine ähnliche Atmosphäre schaffen wollten und einige Reminiszenzen an den Film einbauen mussten“, erklärt Oleg. „Insofern ist S.T.A.L.K.E.R. keine Umsetzung des Films – dafür ist die Story über weite Strecken einfach zu unterschiedlich. Aber es gibt deutliche Anspielungen für Leute, die den Film kennen.“

S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky - gamona deckt auf: die geheime Filmvorlage zu Stalker

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 91/971/97
Das Kinoplakat deutet die surreale Stimmung des Films an.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Der Titel ist wohl die offensichtlichste davon: Der Film Stalker stammt aus dem Jahr 1979. Regisseur ist Andrej Tarkowski, der jüngeren Kinogängern vermutlich für das Original von „Solaris“ bekannt sein dürfte, dessen amerikanisches Remake mit George Clooney vor wenigen Jahren im Kino lief. Doch auch dem Film Stalker liegt wiederum eine Vorlage zugrunde: Er basiert auf der Science-Fiction-Erzählung „Picknick am Wegesrand“ von Arkadi und Boris Strugazki.

Auch in der Buchvorlage steht eine Zone im Mittelpunkt der Handlung, wo merkwürdige Dinge vor sich gehen und übernatürliche Artefakte mit teils vernichtender, teils unvorstellbar mächtiger Wirkung entstanden sind. Während hier Aliens als Verursacher der Zone genannt werden und im Spiel der Reaktorunfall die Begründung liefert, bleibt die Herkunft der Zone im Film hingegen unerklärt. Allen gemein ist jedoch, dass verschiedenste Gruppierungen an den ungeahnten Möglichkeiten der Zone Interesse hegen – allen voran Söldner und Schatzsucher, oder Stalker, wie sie später im Film genannt werden.

Der Film: ein Meisterwerk der Filmgeschichte

Im Film sind die Stalker eine Art Söldner, die „Touristen“ illegalerweise in die militärisch abgeschirmte Zone führen, wo diese nach Reichtum, Erleuchtung oder Macht suchen. Außerhalb der Zone herrscht Elend unter denen, die die Auswirkungen der Zone täglich zu spüren bekommen: Mutationen und unerklärliche Phänomene sind an der Tagesordnung.

S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky - gamona deckt auf: die geheime Filmvorlage zu Stalker

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 91/971/97
Der Stalker im Film wird gespielt von Aleksandr Kaidanovsky.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Im Laufe der Zeit haben die Stalker jedoch die Fähigkeit entwickelt, die Fallen und Anomalien der Zone zu erkennen, sie vorauszuahnen und so zu vermeiden. So gerüstet soll der Titel gebende Stalker den „Schriftsteller“ und den „Professor“ – die wirklichen Namen erfährt man nie – durch die Gefahren der Zone leiten, bis zu einem sagenumwobenen Ort: dem so genannten „Zimmer“, ein Raum, in dem der Legende nach Wünsche erfüllt werden sollen.

Die Reise dorthin wird zu einer philosophischen und spirituellen Parabel über Hoffnung, Sehnsüchte, Egoismus und Humanismus, bis die drei Reisenden an ihrem Ziel angelangt erkennen müssen, dass der Wunschbringer ihnen am Ende auch nicht helfen kann. Die teils quälend langen Kameraeinstellungen, in denen oftmals kaum etwas Nennenswertes passiert, und die Kontraste zwischen Farb- und Monochromeinstellungen mögen für manchen anstrengend sein, sie unterstreichen aber die Sinn- und Ausweglosigkeit der beschwerlichen Reise.

S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky - gamona deckt auf: die geheime Filmvorlage zu Stalker

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 91/971/97
Stalker gilt als einer der besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„Stalker gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen“, schwärmt Oleg Yavorsky von seiner Vorlage. „Diese unglaubliche philosophische Tiefe und die existenziellen Fragen, die er anspricht, machen ihn definitiv zu einem der besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten.“ Eine Meinung, die auch die Bundeszentrale für politische Bildung teilt: Diese erhob Stalker in den offiziellen Filmkanon der 20 wichtigsten Filme, die für den Unterricht an deutschen Schulen empfohlen werden.

Parallelen zwischen Film und Spiel

Auch am Ende des Spiels S.T.A.L.K.E.R. findet man im Herzen des Atomreaktors einen Wunschbringer, der den Spieler zu fünf der insgesamt sieben möglichen Endsequenzen führt.

Wer beispielsweise im Laufe seiner Stalker-Karrierre ein randvolles Bankkonto angehäuft hat, wird vom Spiel als gierig eingestuft und muss in einem Cinematic-Video mit ansehen, wie der eigene Charakter sich von der Wunschmaschine Reichtum erbittet und anschließend von einem Berg Goldmünzen erschlagen wird. Nur wer der Verführungskraft des Wunschbrunnens widersteht, bekommt das (eigentliche?) Ende des Spiels zu sehen, in dem sich sämtliche Handlungsfäden entwirren und auflösen.

S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky - gamona deckt auf: die geheime Filmvorlage zu Stalker

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 91/971/97
Das Prequel Clear Sky enthält wieder etliche Anspielungen auf den Film.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Der in diesen Tagen erscheinende Nachfolger S.T.A.L.K.E.R. Clear Sky spielt zeitlich vor den Ereignissen von „Shadow of Chernobyl“ und soll weitere Geheimnisse über die Zone und deren Ursprung ans Tageslicht bringen. Bisher bekannte Informationen zur Story lassen erkennen, dass GSC Gameworld wiederum einige Anleihen bei der Filmvorlage genommen hat: So beginnt die Geschichte des Nachfolgers ähnlich wie der Film damit, dass der Spieler in der Rolle von Stalker Scar eine Gruppe von Wissenschaftlern in die Zone geleiten soll, als eine neuerliche Katastrophe in Form einer zerstörerischen Druckwelle die Umgebung erschüttert…