Crytek musste schon oft ungerechtfertigte Vorurteile einstecken. Von Grafikdemos war oftmals die Rede, auch wenn Far Cry und Crysis durchaus ihre spielerischen Vorzüge bewiesen. Bei Ryse passt das Vorurteil allerdings wie die Faust aufs Auge. Dieser Xbox-One-Starttitel zeigt, wie richtig gute Spiele mal aussehen könnten, ist aber nicht mehr als ein überlanger Werbespot für die neueste Cry-Engine.

Die neue C-Klasse

Hört ihr Stimmen im Hintergrund? Diesen dramatischen Sprecher aus vielen Kino-Trailern. Psst, er spricht wieder: „Er tat nur seine Pflicht...“ (dramatische Pause ), „...doch eines Tages, als seine Familie sinnlos abgeschlachtet wurde...“ (Blut spritzt, Schreie im Hintergrund, noch dramatischere Pause), „..da starb der Mensch in ihm“. (Close-up auf einen von Schmutz und Schweiß gezeichneten römischen Zenturio). „....Erleben sie Jean-Claude van Damme in ...RYSE - Son of Rome! Jetzt im Kino!“

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So in etwa stell ich mir Ryse als Film vor. So richtig Van-Damme-mäßig eben, mit hirntoten Prügelknaben, die zu sechst um den Helden herumstehen, aber nacheinander angreifen. Mit spärlichen Dialogen und übers Knie gebrochenen Wendungen, die nicht mehr Sinn haben, als die Handlung an den nächsten effektgarnierten Schauplatz zu bringen. Ryse ist der C-Klassen-Actionfilm, den RTL2 nachts um 2 Uhr ausstrahlt, weil er bei voller Geistesanwesenheit kaum zu ertragen wäre.

Worum es geht? Eine fiktive Variante des alten Roms wird von Barbaren heimgesucht, die Imperator Nero an den Kragen wollen. Der Zenturio Marius Titus wird in die Ereignisse verstrickt und verliert dabei seine ganze Familie. Dem einfachen Rachemotiv folgend, sucht er die Verantwortlichen auf und gerät dabei in viele offene Schlachtfelder.

Hohl, unglaubwürdig, dünn erzählt. Zumindest inhaltlich. Für Augen und Ohr brennt die Frankfurter Spieleschmiede dagegen ein Feuerwerk ab, das seinesgleichen sucht. In der ersten Spielstunde starrt man gebannt auf die choreographierte, ästhetisch vermittelte Gewaltorgie inmitten gigantischer Kriegsszenarien, die jeden noch so lahmen Sandalenfilm aufschütteln würden. Scharfe Klingen bohren sich durch weiche Körperteile, Köpfe fliegen, Blut fließt, Gebäude bersten. Und zwar in einer Qualität, die die Kinnlade ausleiert. Man bekommt den Mund gar nicht mehr geschlossen.

Grafisch bombastisch, inhaltlich ein Treppenwitz. Abseits des beeindruckenden Eyecandy nicht einmal die Videotheksmiete wert.Fazit lesen

Dass Ryse nur in 900p berechnet und auf 1080p hochskaliert wird, habe ich nicht im Geringsten bemerkt. Knackscharfe Texturen mit diversen Oberflächen machen selbst die hölzerne Rückseite eines Schildes zu einem interessanten Objekt. Alle fünf Meter wartet ein neues Detail. Matt schimmernde Rüstungen, Kleidung mit eingewobenem Gold, realitätsnah aufrollende Standarten, auflaufende Galeeren, die in Tausende von Einzelteilen zerfallen. Ginge es allein um den Schauwert, würde Ryse wohl mit Preisen nur so überhäuft.

Die vermittelte Größe aller Schauplätze nimmt epische Ausmaße an, obwohl man sich faktisch durch schlauchige Gassen arbeitet. Aber das Panorama weiß wunderbar zu täuschen. Das Auge wandert Mal um Mal über endlos wirkende Landstriche, die bis zum Horizont mit Leben gefüllt sind. Selbstverständlich ermöglicht durch viel optische Mogelei, aber wer will denn kleinlich sein.

Quick-Time-Monotonie

Dummerweise unterbricht Ryse die Next-Gen-Begaffungstour jedoch mit vielen belanglosen Kampfeinlagen, die einfältiger nicht sein könnten. Ein Knopf zum Abwehren, einer zum Wegstoßen des Gegners, einer zum aktiven Ausweichen und einer für Schwertschwünge. Eine übliche Hack-and-Slay-Steuerung, könnte man meinen, wenn die Schlachten nicht rundenweise abliefen. Nicht etwa wie in klassischen Rollenspielen, sondern so, als hätte man God of War mit „Reise nach Jerusalem“ verquirlt.

Soll heißen: Jeder Schlag und jedes Abwehrmanöver wird in eine in eine Art Momentaufnahme gequetscht, die typischen Quick-Time-Events entspricht. Eingeblendete Buttons vermeidet Crytek, stattdessen indizieren farbliche Umrandungen, was als nächstes passiert.

Ryse gaukelt Echtzeitschlachten und Handlungsfreiheit im Kampf vor, aber in Wirklichkeit greift jeder Widersacher nach einem klar erkennbaren, einfach gestrickten Muster an und muss mit einer bestimmten Reihenfolge an Moves aufs Kreuz gelegt werden. Bei den schwächlichen Rekruten reicht meist zeitiges Abwehren, gefolgt von kurzen Kontern. Trägt der Barbar einen Schild, will er hingegen vorher mit einem Stoß aus der Balance gebracht werden. Der dritte Typ Schlachtvieh verwendet eine starke Waffe, die Marius nicht so leicht pariert. In dem Fall ist Ausweichen angesagt.

Wäre für ein Actionspiel durchaus vertretbar, wenn man nur selbst Einfluss auf den Verlauf der Schlacht hätte. Einen beschildeten Barbaren umkreisen, einen unaufmerksamen Moment ausnutzen? Vergesst es! Trägt er etwas zur Verteidigung, dann will er zuerst aus der Balance gebracht werden, sonst kämpft man quasi gegen eine Betonwand. Da gibt es keine Ausnahmen und kein Erbarmen.

Ryse - Son of Rome - Die hohlste Grafikbombe der Welt

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Viel Gewalt, geile Grafik, doofes Kampfsystem, gähnende Langeweile.
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Sitzen ein paar Streiche, darf man zudem aufwändig choreografierte Hinrichtungen ausführen, die Boni für Lebenskraft, Angriffsstärke oder eine erhöhte Ausbeute an Rufpunkten spendieren. Von diesen Tötungsmanövern gibt es etliche, und sie sind in Sachen Kampfästhetik durchaus sehenswert. Aber man sieht sich sehr schnell an ihnen satt weil man ständig geklonte Varianten ein und desselben Gegnertyps in die Mangel nimmt. Höhepunkte? Abwechslung? Nicht auszumachen.

Packshot zu Ryse - Son of Rome Ryse - Son of Rome Erschienen für Xbox One und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Ich komme mir in Ryse zeitweise vor wie bei einem zweitklassigen 16-Bit-Brawler. In manchen Szenen stehen drei oder vier exakt gleich aussehende Hünen in der Arena. Eineiige Vierlinge. Muss das sein? Reichen 8 GB RAM und 50 GB Blu-ray in der neuen Generation nur noch für fünfeinhalb Gegnertypen?

So schön die Kampfkunst des römischen Recken auch dargestellt wird, ohne Entscheidungsfreiheit und ohne Bezug zu den Gegnern schwindet die Aufmerksamkeitsspanne erstaunlich schnell. Es läuft sich dermaßen tot, dass man irgendwann nur noch mit einer Hand spielt, sich nebenbei unterhält oder das Handy bearbeitet.

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Huiuiui, sieht das gut aus!
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Ryse zeigt keinerlei inhaltliche Entwicklung, an der man nennenswert wachsen kann, nachdem man das Kampfsystem durchschaut hat. Es ist eine ewig andauernde, mitunter zähe Angelegenheit, die man kaum länger als ein, zwei Stunden am Stück ertragen kann. Stellt euch vor, jemand hätte das Kampfsystem von Assassin's Creed in einer weniger umwerfenden Form in einen Schlauch gezwängt und lässt euch keine andere Wahl, als euch durch Bäuche zu schlitzen, Arme abzuschlagen und Schädel zu durchbohren. Eine brutale Endlosschleife aus Hinrichtungen voller Eingeweide und verstümmelten Körpern, die nur selten von kleinen Ablenkungsmanövern unterbrochen wird.

Mal schießt man mit einer Armbrust in die Meute, mal fährt man eine Zugbrücke durch Beschuss der haltenden Seile durch und wieder ein anderes Mal läuft Marius mit einer ganzen Kompanie in Schildkrötenformation durch den Pfeilhagel. Kurze Lichtblicke, die Crytek ganz mit genau der gleichen Sorglosigkeit wiederholt, bis es einem um Hals herauskommt.

Am Anfang sind das prima Schauwerte. Crytek beweist ein Auge für pompöse Schlachtchoreografie. Wenn Ryse zeigen soll, was Entwickler technisch mit der Xbox One anstellen können, dann Gratulation. Achievement unlocked! Ryse verdient dafür sogar einen Grafik-Award. Leider bleibt das Spiel dahinter weit zurück.