Die Faszination am grafischen Detail lässt nicht ab. Selbst ein Jahr nach der Erstveröffentlichung beeindruckt Cryteks Römer-Spektakel mit abgefahren akribisch in Szene gesetzter 3D-Magie. Da schaut man gerne hin. Wenn dem Rest des Spiels nur ein Bruchteil der Mühe widerfahren wäre, gäbe es keinen Grund zu meckern.

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Wenn die Veröffentlichung von Ryse auf dem PC einen Vorteil mitbringt, dann ist es die Unabhängigkeit von einer stigmatisierten Plattform. Hier kann keiner mehr meckern, es liefe auf dem ach so schrecklichen Teufelswerkzeug Xbox One. Keiner kann sich über die minimal verminderte Auflösung von 900p beschweren, was sowieso der Gipfel aller Sinnlosigkeit ist, weil kein normalsterblicher Mensch den Unterschied zwischen 900p und 1080p erkennt. Und an die Schlaumeier, die meinen, sie könnten es doch: Wie soll das gehen, wenn es doch nur die Texturen betrifft, weil die Geometrie pixelgenau auf 1080p hochskaliert wird? Wenn sämtliche Texturen in Bewegung sind und sowieso ständig im Blickfeld des Spielers hin und her zoomen, wie soll man dann irgendwelche angeblichen Unschärfen ausmachen? Dass viele Texturen eine Auflösung von sagenhaften 4096 Pixel mitbringen und somit den HD-Standard weit übertreffen, wird ebenso geflissentlich ignoriert – aber Hauptsache die Klappe aufreißen.

Ryse - Son of Rome (PC) - In Rom fällt ein Sack Ryse um

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Brenzlig wird es in Ryse das ein oder andere Mal.
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Welch eine Genugtuung muss das für Crytek darstellen, den platten und nicht zuende gedachten Pseudo-Argumenten der ideologisierten Pixelzähler zu entkommen, weil man die Auflösung von Ryse sogar auf 4K hochdrehen kann. Prima, dann können wir uns nämlich endlich darauf einigen, dass es an der Grafik von Ryse nicht das Geringste zu meckern gibt.

Die Geschichte des römischen Legionärs Marcus wird anhand einer Grafikpracht vermitteln, die Ihresgleichen sucht. Angefangen bei den Spielfiguren, deren Animationen in Teilbereichen kaum von echten Menschen zu unterscheiden sind. Haut und Haare, Augen, Gesichtsmimik, Gestiken,ja selbst Bartstoppeln gehören hier zur Charakterdefinition und hinterlassen mehr Eindruck, als man auf den ersten Blick vermutet. Cloth-Rendering, Multitexturen, mehrschichtige Bumpmaps, unzählige Material-Shader, Partikel für Explosionen und Rauch....egal was man hier näher beleuchtet, es beeindruckt mit beinahe filmtauglicher Visualisierung.

Schade nur, dass spielerisch weit weniger los ist. Marcus schnetzelt sich mit Gladius und Pilum durch die Horden wilder Gegner, die sich nicht nur dem allmächtigen Rom widersetzen, sondern auch noch seine Familie auf dem Gewissen haben. Zwei Knöpfe auf dem Joypad oder alternativ Links- beziehungsweise Rechtsklick auf der Maus dienen als Basis für den Kampf, den Rest erledigt das Programm automatisch. Soll heißen: Marcus beherrscht einige beeindruckende Choreographien für den Schwertkampf, doch entscheidet das Programm, welches Bewegung gerade an der Tagesordnung steht. Das gilt insbesondere für die Finisher, die man per Quick-Time-Event auslösen soll, wenn ein Gegner nach einigen Schwerthieben geschwächt wurde. Blut, Schreie, entsetzte Grimassen auf sterbenden Gesichtern. Nein, Ryse fehlt es garantiert nicht an entsetzlichen Momenten, deren dünner Spielinhalt kaum über das Niveau einer 8-Bit-Double-Dragon-Adaption hinausgeht. Es fehlt lediglich an Konsequenz, denn selbst verfehlte Quick-Time-Events quittiert Marcus mit Blutrausch und bohrender Klinge.

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Grafikpracht an allen Ecken und Enden.
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Um das Kind beim Namen zu nennen: Ryse ist spielerisch flach, einfältig und repetitiv. Es langweilt so schnell, dass man nach spätestens einer halben Stunde kaum noch wirklich hinschaut, was man tut. Tatsächlich ist die Kampfmechanik dermaßen blockig auf Einzelaktionen zugeschnitten, dass man Ryse spielen kann, ohne hinzusehen, wenn man einmal den Rhythmus der Feinde inne hat.

Etwas schöner, etwas flüssiger, aber nach wie vor ein hirnloser Brawler.Fazit lesen

Wobei die PC-Fassung sogar einen Tick flüssiger, runder, ja vielleicht sogar schneller zu sein scheint als das Xbox-One-Original. Vielleicht ist es auch nur Einbildung. Ändert sowieso nicht viel am Endergebnis.

Mehr vom Gleichen

Marcus kennt noch ein paar weitere Aktionen. Er kann Angriffe blocken, per Rollmanöver ausweichen und sogar kurzzeitig in Rage verfallen. Gelegentlich darf er sogar Truppen befehligen oder in Schildkrötenformation voranschreiten. Nur hat nichts davon auch nur halb so viel Einfluss auf den Spielverlauf wie das wenig fordernde Zwei-Knopf-System für's Austeilen, weil sämtliche Gegner viel zu einfach zu durchschauen sind. Da gibt es zum Beispiel einen Fettsack, der erst per Schubser aus der Balance gebracht werden will, bevor er wirksame Treffer einsteckt.

Einmal besiegt, stellt er bei den nächsten 2465 Malen, in denen er Marcus begegnet, kein Problem mehr dar. Wenn Marcus gegen ihn verliert, dann wegen der schlechten Reflexe des Spielers oder wegen einer schwer abschätzbaren Überzahl. Aber was heißt schon Überzahl. Ryse erfüllt das Actionfilm-Klischee und lässt in der Regel nur einen Gegner auf einmal ran, auch wenn vier oder fünf um Marcus herumstehen. Wie frustrierend durchschaubar dieses Programm ist, lässt sich kaum in Worte fassen.

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Der des Gegners verwandelt sich in ein wenig blutiges Steak.
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Weder wählbare Perks, die Boni für geglückte Quick-Time-Events ausspucken, noch das Aufleveln des Charakters über Erfahrungspunkte täuschen über die gnadenlose Tiefstapelei dieses hirnlosen Prügelspiels hinweg. Man muss sich das einfach mal auf de Zunge zergehen lassen: Marcus verdient Erfahrung, die man hauptsächlich dafür einsetzt, neue Finishing-Move-Animationen einzukaufen, die man gar nicht selbst auswählen oder rechtzeitig aktivieren darf. Ryse spielt sich zu 75% von selbst. Upgrades für Lebenskraft und Angriffsstärke? Geschenkt! Hat am Ende nur Einfluss auf die Dauer eines Kampfes, nicht auf das Geschick des Spielers oder seiner Spielfigur. Immerhin: Crytek hat sich inzwischen vom Mikrotransaktionen verabschiedet. Es ist auf dem PC also nicht mehr möglich, neue Talente per Echtgeld einzukaufen.

Und so prügelt man sich Stunde um Stunde durch ein Meer vergessenswerter Kontrahenten, die man lediglich erträgt, weil man die Grafikpracht der nächsten Szenerie begutachten möchte. Aaaahs und Ooohs der Verzückung entgleiten einem immer wieder, sei es wegen grandioser Spiegelungen in Pfützen oder liebevoll platzierten Gewächsen und Lichtkegeln in einem Waldstück.

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Leider zerstört die Anzahl der Quick-Time-Sequenzen jegliches Kampfgefühl.
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Die optisch noch opulenteren Zwischensequenzen verleiren allerdings einiges an Faszinantion, wenn man feststellt, dass sie alle vorberechnet sind. Selbst schwache Rechner nudeln sie in 120 Bildern die Sekunde herunter. Na, da wollte uns einer wohl auf Xbox One einen Bären aufbinden, was? Nicht, dass die Echtzeit-Passagen deswegen an Eindruckskraft verlören. Es steckt lediglich weniger unbegreifliche Know-How in der Umsetzung als zuerst angenommen.

Was den Hardware-Hunger angeht, so ist Ryse sogar erstaunlich genügsam. Auf einem Quadcore samt inzwischen altertümlicher Geforce GTX 660 läuft alles zufiedenstellend in 25 bis 30 FPS in 1080p. Mit allen Grafiksettings auf Maximum, wohlgemerkt. 4K oder Kantenglättung kann man sich bei solchen Karten mit 2Gigabyte Video-RAM natürlich abschminken, aber es ist schön zu wissen, dass man für Cryteks Schnetzelorgie keinen PC-Master-Race-Schwanzverlängerer benötigt.

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So wie sich die Römer hinter den Schilden ihrer Kameraden verstecken, versteckt sich Ryse hinter einem bombastischen Grafikblendwerk.
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Obendrein zeigt der direkte Vergleich, dass die Xbox-One-Fassung von vo einem Jahr ziemlich gut ausgearbeitet wurde. Mit bloßem Auge sind unter 1080p nur sehr wenige Unterschiede zu erkennen. Wer eine 4K-Auflösung auf seiner Spielemaschine zustande bekommt, erlebt selbstverständlich ein noch schärferes Grafikbrimborium, aber ohne zündenden Spielinhalt hat man davon herzlich wenig.

Der einzige Lichtblick, der zumindest für eine halbe Stunde echten Spaß durch Kooperation beziehungsweise Wettbewerb bringt, ist der Online-Modus in der Arena. Da aber auch hier nur in Massen geschnetzelt wird, nutzt sich der Koop-Effekt schnell ab.