Es ist, als würde der Spieler bandit4 an einem Lagerfeuer sitzen und in der Dämmerung des frühen Abends von seinen Erlebnissen in der gnadenlosen, apokalyptischen Welt berichten. Statt am Lagerfeuer zu sein, tippt er aber seine Geschichten aus der Welt von Rust in das Steam-Forum und anstelle eines langen, erholsamen Schlafes, wird er sich wohl kurz nach seinem Bericht wieder in die endlichen Weiten des Spiels geworfen haben. Im Grunde aber ist das egal, denn die Reaktionen auf seine Erlebnisse sind die gleichen.

Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen

„Ich hatte erst vor kurzem neue Kleidung und die Blaupause für eine Pistole gefunden. Mein Rucksack war voller frischer Nahrung und ich hatte reichlich Verbandszeug angesammelt. Ausgerechnet jetzt traf ich auf eine Gruppe von Menschen, deren Schüsse sie bereits von Weitem ankündigten. Ich legte mich flach ins hohe Gras und hoffte, dass sie vorüberziehen würden, doch die Schüsse kamen näher und ich entschloss mich, davonzulaufen. Sie durften mein wertvolles Inventar, das ich mit mir rumschleppte, nicht plündern! Sie trafen mich drei Mal in den Rücken und ich begann schwer zu bluten, rannte aber weiter. Ich verbrauchte zwei große Packungen Verbandszeug und versteckte mich schließlich in einer großen Mülltonne. Fast eine Viertelstunde verharrte ich regungslos dort und lauschte nach den Banditen, die irgendwo da draußen noch sein mussten. Nichts war mehr zu hören. Ich musste sie abgehängt haben.“

Das digitale Publikum seiner Geschichte erkundigt sich umgehend nach dem Server und dem Ort, wo der Überfall auf bandit4 stattgefunden hat. Die einen wollen diese Gegend vorerst weitläufig meiden, um nicht auch Opfer eines Angriffs durch die unbekannte Gruppe zu werden. Andere hingegen schwören Rache und wollen sich schwerbewaffnet zu den „Blutfeldern“ aufmachen, wie der Schauplatz kurzerhand in den Kommentaren genannt wird.
Hier sehen wir das wohl wichtigste Feature des neuen Sterns am Himmel des Open-World-Genres in Aktion: Der Mensch. Aber beginnen wir am Anfang.

Rust stattet den postapokalyptischen Überlebenden zu Spielbeginn mit neolithischem Hightech-Gerät aus: Ein Stein und Lendenschurz. Damit ausgerüstet schmeißt sich der Spieler in den nächsten Wald und beginnt wie irre, Holz abzubauen und neue, noch tollere Steine zu finden. Ohne einen guten Guide in der Schreibtischablage gestaltet sich der Einstieg allerdings zu Beginn noch etwas schwierig. Vieles muss ausprobiert werden und auch die anderen Spieler auf dem Server sind manchmal alles andere als eine große Hilfe.

Wege durch die Apokalypse I - Schere, Stein, Maschinengewehr: Was kann Rust?

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Nicht immer kann man sich auf die Hilfe der Mitspieler verlassen
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Bald hat man die einfachsten Baupläne herausgefunden und genügend Materialien zusammen, um eine erste, notdürftige Unterkunft zu bauen, die fortan als Basis und Unterschlupf dient: Minecraft lässt grüßen!

Diese Spielmechaniken sind aber längst keine Neuheit mehr, die dem Spieler ein lautes, verzücktes Quietschen entlocken: Genreveteranen, wie das bereits erwähnte Minecraft, oder auch neuere Spiele wie DayZ oder Don't Starve wagen sich an das mittlerweile etwas durchgenudelte Konzept „sammeln, finden, bauen“. Auch die Statistik bei Steam spricht Bände über den aktuellen Trend: Derzeit sind vier der fünf erfolgreichsten Early Access-Spiele mit dem Genre „Survival“ gekennzeichnet. Was macht Rust nun aber so besonders, dass User wie bandit4 sich die Zeit nehmen, ihre fast traumatisch klingenden Erlebnisse in Foren loszuwerden?

Wer Rustet, der rostet

Teilweise lässt sich die Antwort bereits bei den grundlegenden Features des Spiels finden: Zum einen schafft der individuelle Häuserbau der Spieler einzigartige Landschaftstriche, die bereits in der frühen Alpha-Phase schon große Dorfgemeinschaften hervorbringen können.

Zum anderen haben sich auch die Entwickler etwas einfallen lassen, um die Spieler aus dem sicheren Schutz ihrer Häuser zu locken: Regelmäßig kommt es zu sogenannten „Airdrops“, bei denen Versorgungsflugzeuge, die sich bereits kilometerweit durch lautes Dröhnen ankündigen, wertvolle Gegenstände und Nahrungsmittel abwerfen. Der Kampf um die neuen Ressourcen kann dann schon zu einem Spektakel werden, das ähnliche Szenen aus „The Hunger Games“ problemlos in den Schatten stellt.

Die Interaktion mit den Mitspielern ist der Schlüssel zum Spielspaß. Zwar erscheint die weite, offene Inselwelt zunächst kaum mehr besiedelt als ein Industriegebiet nach Feierabend, doch trifft man schon bald während der ersten Streifzügen auf primitive, aber teilweise auch enorm große Häuser und sogar Festungen von anderen Spielern. Andernorts entdeckt man immer wieder Häuserruinen und ganze Dörfer, die von erfolglosen Spielern zurückgelassen wurden. Wie der unmittelbare Austausch dann mit den anderen Überlebenden aussieht ist vollkommen unvorhersehbar und macht einen großen Reiz des Spielerlebnisses aus.

Unendliche Videomengen auf YouTube dokumentieren die ganz unterschiedlichen Arten des Kontaktes: Es wird gehandelt, miteinander geplaudert, ein Spaziergang gemacht, aber auch Geiseln genommen, bewusstlos geschlagen oder terrorisiert.

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Kulte und Religionen sind beliebte Zufluchtsorte, die mitunter komplette Server für sich beanspruchen
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Das Spiel bietet einen offenen Spielplatz für das menschliche Verhalten und es ist faszinierend zu beobachten, wie virtuelle Religionen und Gemeinschaften gegründet werden um ihren Platz in der Spielwelt zu behaupten oder wieder unterzugehen.

Early Access durch und durch

Ein weiterer unerbittlicher, aber unsichtbarer Gegner des Spielspaßes ist der technische Stand von Rust. Dort, wo bei Steam normalerweise die wichtigsten Produktinformationen aufleuchten, skandiert ein Warnhinweis der Entwickler den unfertigen Zustand des Spiels und dass man sich den Kauf wirklich gut überlegen solle:

„WARNUNG! DIESES SPIEL BEFINDET SICH IN EINER FRÜHEN ALPHA-PHASE. BITTE NICHT KAUFEN, SOFERN DU NICHT AKTIV AN DER WEITERENTWICKLUNG DES SPIELS MITWIRKEN WILLST UND AUF SCHWERE TECHNISCHE FEHLER UND MACKEN VORBEREITET BIST.“

Hat man diese schriftliche Barriere allerdings erst einmal überwunden, stößt man auf den Streifzügen durch die Welt auf unerwartet wenige, dafür aber nicht weniger nervige Problemchen: Ein simples Craftingsystem, das manche mächtige Gegenstände zu schnell verfügbar macht? Darüber kann angesichts der Alpha-Version des Spiels noch hinweggesehen werden. Problematischer ist allerdings die überaus hohe Populationsdichte von Hackern und Cheatern, die die wenigen Regeln in der Welt von Rust gezielt umgehen und manipulieren.

Wenn man nach Stunden harter Arbeit endlich eine große uneinnehmbare Festung aus schweren Eichenbrettern mit einem massiven Eingangstor abgeriegelt hat, ist es frustrierend zu beobachten, wie ein anderer Spieler dank Cheats auf Knopfdruck neben den gehorteten Vorräten auftaucht, diese plündert und wieder verschwindet.
Hierbei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass sich das Spiel immer noch in einer sehr frühen, unfertigen Version befindet und die Entwickler sich des Problems bewusst sind.

Facepunch Studios kümmert sich glücklicherweise um einen beständigen Fluss an größeren und kleineren Updates, die das Spielgefühl nach und nach immer weiter aufbessern. Und die Anstrengungen tragen Früchte: Schon jetzt, in diesem noch sehr frühen Stadium des Spiels, macht das Erkunden und Leben in der virtuellen Welt trotz der kleinen Stolpersteine Spaß.

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Frustfallschirm: Sowohl im Spiel als auch in den Foren sind gute Seelen unterwegs, die mit Rat und Sarkasmus weiterhelfen
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Und auch, wenn durch ein gelegentliches Reset des Servers nach einem großen Patch sämtliche Besitztümer in der Spielwelt verschwinden, so wird man immer wieder mit neuen, unvergesslichen Geschichten belohnt. Wer sich allerdings über das ständige Ableben der digitalen Spielerpersönlichkeit wundert, dem sei ein Blick in das rege diskutierende Steam-Forum empfohlen.

Kaufen: Ja, Nein, Vielleicht?

Rust schafft es, aus der blutverschmierten und schweißgebadeten Masse aus Survivalspielen hervorzustechen. Obwohl das Setting für Spieler, die auch nur ab und zu das Internet einschalten, nichts Neues bietet, steckt in den Spielmechaniken eine Menge Spielspaß: Das Crafting-System ist zwar noch simpel, birgt aber viel Potential in sich und sorgt für den beliebten Minecraft-Charme. Die Begegnungen mit anderen Spielern verlaufen immer unterschiedlich und können je nach Art des Aufeinandertreffens begeistern oder frustrieren. Aktuell ist der Early Access-Titel für 18.99€ zwar ein kostenintensiver Sprung ins programmierte Ungewisse, allerdings die Investition wert.

Derzeit ist der einzige, große Konkurrent von Rust die zombiegeflutete Welt von DayZ. In unserem zweiten Teil von „Wege durch die Apokalypse“ werfen wir einen Blick auf den großen Mitbewerber, der uns in seiner digitalen Welt zum Überlebenskampf herausfordern will und beantworten die Frage, ob 'Zombies' und 'Apokalypse' wirklich so untrennbar zusammengehören wie Schuh und Kaugummi.