Fünf Jahre Ebbe auf dem Musikspielmarkt und kein nennenswerter Konkurrent außer dem Pseudo-Gitarrentrainer Rocksmith in Reichweite? Da ist doch durchaus Platz für ein Rock-Band-Revival, das den einst heißgeliebten Vier-Spieler-Musikgenuss mit Fake-Instrumenten wieder auflodern lässt. Ein kurze Anspielgelegenheit in München ließ keine Zweifel am Spaßgehalt des Current-Gen-Neuanlaufs, wohl aber an dessen Vermarktung.

Rock Band 4 - Freestyle Trailer

Aaron Trites von Harmonix sitzt auf der geradezu winzigen improvisierten Bühne eines kleinen Münchener Clubs und klickt sich durch eine Powerpoint-Präsentation. Rock Band kehrt auf der Xbox One und der PlayStation 4 zurück, verspricht er, und zwar noch dieses Jahr. Aber ohne Bruch im bisherigen Konzept. Was er an Neuerungen und Zielen aufführt, klingt wie eine Liste voller Alibis. Irgendwas muss ja neu und erwähnenswert sein, denn eine Pressemeldung des Typs „Ist so wie früher, nur bunter“ klingt nicht gerade aufregend.

Butter bei die Fische: Das Meiste davon ist reine Makulatur, einige wenige Aspekte gehen als Verbesserungen im Feinschliff durch. Etwa die Möglichkeit, nun beim Gesang zu improvisieren, oder ein Abstimmverfahren am Ende eines Songs, der den weiteren Spielverlauf demokratisch regelt. Es ändert nichts am grandiosen Spaß, den man mit diesem Programm haben kann. Kommen vier Pseudo-Musikanten zusammen und ziehen den Stock aus dem Allerwertesten, hält der Spielspaß so lange, wie die Setliste kultgeladene Musikstücken hergibt. Wer dem Spielprinzip noch immer überdrüssig ist oder neue Ansätze sucht, wird dagegen mit den Augen rollen, denn wenn man es genau nimmt, vollzieht Rock Band in seiner Evolution einen Schritt zurück.

Mehr vom gleichen Spaß

Eines vorweg: Für alle Fans von einst, die sich nichts weiter wünschen als neue Songs und fortlaufende Unterstützung in Sachen Community und Instrumente, könnte es nicht besser kommen. Alle alten Standard-Controller können entstaubt und weiter verwendet werden, also alle Gitarren, Mini-Drums und Mikrofone. Selbst Last-Gen-Modelle von Guitar Hero will Harmonix beim Sprung zur Xbox One und PlayStation 4 einbinden, wobei nicht völlig klar ist, ob das gleich am Veröffentlichungstag der Fall ist. Im schlimmsten Fall würde ein Patch nachgereicht werden.

Aaron Trites hat keinen einfachen Job: Er muss erklären, warum Rock Band 4 eine sinnvolle Fortsetzung, nicht nur ein aufgehübschtes Rock Band 3 ist.

Die Kompatibilitätsfrage hat oberste Priorität, ist aber noch nicht vollständig geklärt. Daher gibt es noch keine Bestätigung, ob Luxusvarianten eventuell aus der Liste fallen. Etwa echte E-Drums, die bei Rock Band 3 noch über über den Midi-Adapter von Mad Catz Anschluss fanden,oder der offiziell lizenzierte „Ion Drum Rocker“ mit Bauteilen von Alesis. Im Laufe des Jahres erfahren wir mehr.

Ebenfalls erfreulich, aber nicht ganz verlustfrei: Schon jetzt bestätigt Harmonix die kostenlose Übernahme aller Download-Songs, sofern man in derselben Konsolen-Familie bleibt. Heißt im Klartext: DLC-Songs, die ihr auf der PlayStation 3 erworben habt, machen unter demselben Benutzerkonto den Sprung auf eure PS4. Das Gleiche gilt für den Sprung von der Xbox 360 auf die Xbox One. Cross-Kompatibilität zwischen den Systemen wird es bei den Download-Inhalten allerdings nicht geben.

Packshot zu Rock Band 4Rock Band 4Erschienen für Xbox One und PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Seid ihr von der Xbox 360 auf die PS4 umgestiegen, habt ihr Pech. Aber das war nicht anders zu erwarten. Es geht hier nicht um Spielstände wie bei GTA V, sondern um einen Haufen Musikrechte. Wobei anzumerken wäre, dass eine Übernahme von teuer eingekauften Zusatzinhalten rein digitaler Natur selbstverständlich sein müsste, sofern sie kompatibel gemacht werden kann. Und zwar nicht seitens kleiner Studios wie Harmonix, sondern im besten Bestreben der beiden Konsolen-Riesen.

Die Übernahme der Download-Lizenzen hat auch Vorteile für Neueinsteiger, denn so stehen mindestens 1500 Songs (abhängig vom System – in der Xbox-Familie sind es etwas mehr) vom ersten Tag an zum Nachrüsten der eigenen Bibliothek zur Verfügung. Experten fällt an dieser Stelle auf, dass die Gesamtbibliothek in den letzten fünf Jahren geschrumpft ist. Tatsächlich stehen heute weniger Titel zur Verfügung als noch 2012, da Harmonix nicht alle Lizenzen erneuern konnte. Für Kunden von einst spielen auslaufende Lizenzen aber keine Rolle – ein gekaufter Titel bleibt dauerhaft in eurem Besitz und funktioniert weiterhin, selbst wenn Neueinsteiger ihn nicht mehr erwerben können.

Weder grafisch noch beim Spielablauf wurde viel geändert. Das meiste ist Makulatur. Spaß macht's aber immer noch.

Sehr wahrscheinlich machen Export-Lizenzen von Rock Band 1 und 2 sowie dem Green-Day-Ableger ebenfalls den Sprung in die nächste Generation – unterm Strich waren sie Download-Bündel, die mit zehn Euro Abstrich bezahlt wurden. Das Grundrepertoire von Rock Band 3 (84 Titel) könnte allerdings verloren gehen, da keine Export-Funktion vorliegt. Auch hier müssen wir auf weitere Informationen im Laufe des Jahres vertrauen. Weiterer DLC-Nachschub soll in festem Rhythmus folgen – und da ist Harmonix ziemlich zuverlässig, wie die Jahre 2007 bis 2012 eindrucksvoll bewiesen.

Immer noch verdammt spaßig, wenn die richtigen Leute zusammenkommen. Aber nüchtern betrachtet leider nur ein entgräteter Neuaufguss.Ausblick lesen

Was fehlt?

Rock Band 4 soll den ursprünglichen Gedanken des Spielprinzips wieder aufleben lassen: Rhythmus abklopfen statt echtem Notenpauken. Darum fliegen sowohl das Keyboard als auch die Pro-Gitarre – beide erst in Rock Band 3 eingeführt – im vierten Ableger aus dem Sortiment. Letztere Wahl ist verständlich. Das Pro-Gitarren-System war umständlich zu notieren, die zugehörige Hardware knapp und inzwischen gibt es ja mit Rocksmith eine Ausweichmöglichkeit für alle, die einen Pseudo-Musiktrainer suchen.

In Sachen Keyboard stößt man bei der Community allerdings auf Unverständnis. Angeblich spielten nur wenige Rock-Band-3-Käufer dieses Instrument. Nun, zumindest hier in Europa verwundert das kaum, wenn Mad Catz erst Monate nach Einführung des Spiels genug Keyboards und Midi-Adapter nachliefert. Schlimmer ist jedoch, dass einstigen Keyboard-Investoren nach nur einem Spiel abserviert werden, was Kosten einsparen mag, aber zugleich das Vertrauen einiger Kunden pulverisiert. Der ein oder andere stieg womöglich erst mit dem Tasteninstrument ein, gerade weil es mehr echten musikalischen Wert hat als so eine Fünf-Knopf-Balalaika.

Einziges Trostpflaster in dieser Hinsicht: Das Spiel ist diesmal als langfristige Plattform ausgelegt und wird nicht mit jährlichen Iterationen bedacht. Stattdessen sollen kostenlose Updates die Bedürfnisse der Community befriedigen. Keyboard-Unterstützung und weitere Spielmodi könnten nachträglich folgen.

Mad Catz liefert minimal verbesserte Modelle der altbekannten Instrumente. Aber auch alte Varianten sollen kompatibel sein. Neukauf ist nicht zwingend nötig.

Was ist neu?

Apropos nachträglich eingefügt: Wie unsere amerikanischen Kollegen von IGN berichten, erweitert Harmonix den Kampagnen-Modus mit Rollenspielelementen, die den Karriereverlauf der eigenen virtuellen Band beeinflussen sollen. In München gab es leider noch keine Gelegenheit, ihn anzuspielen. Auch birgt das Ganze in der Theorie wenig Potenzial zur Vertiefung. Um wirklich alle Rock-Klischees auf interessante Weise zu bedienen (Drogen, Groupies, Allüren, PR) müsste man die bisherige Altersfreigabe sprengen. Und am Ende birgt das Spiel doch den meisten Spaß durch den karaokeähnlichen Ansatz des gemeinschaftlichen „Musizierens“ trotz fehlender Echtwelt-Talente. Warum Harmonix genau an dieser Stelle die Bedürfnisse einiger weniger im harten Community-Kern bedient, und andere bei den Instrumenten ausschließt, ist rätselhaft. Immerhin klingt es auf Papier gut – Kampagne mit RPG-Elementen. Na mal schauen, wie viel davon wirklich Einfluss auf die Banddynamik und den Spielverlauf nimmt.

Und sonst? Nun, die bereits erwähnte Improvisationsmöglichkeit im Gesang ist ein begrüßenswert fortschrittliches Feature. Stimmlich sichere Performer brauchen zwecks Highscore nicht mehr der Original-Gesangslinie strikt zu folgen, sondern können bei korrektem Timing frei ausschweifen, so lange sie in der richtigen Tonleiter bleiben, was der Imitations-Neigung typischer Karaokesänger entgegenwirkt.

Der Rest ist leider unnötiger Firlefanz. Sänger dürfen bei einem Auftritt direkt zum Publikum sprechen, um es anzuheizen, was aber schon nach den ersten drei Malen ziemlich aufgesetzt rüberkommt, und Drummer bekommen auf Wunsch zufällig generiert Trommelwirbel anstelle eines (noch immer optional zuschaltbaren) Improvisationsbereichs. Zumindest der Pro-Drums-Modus mit zusätzlichen Becken samt getrennter Notation sowie der Harmonie-Modus für mehrstimmigen Gesang bleiben aus Rock Band 3 erhalten, wie das Menü der angespielten Pre-Alpha-Fassung hergibt.