Rock Band 4 ist ein interessantes Beispiel für die Tücken der vorherrschenden Konsolenpolitik. Der Slogan „Gründe eine Band und rocke die Welt“ verspricht nämlich ein einfach zugängliches Vergnügen. Vier Leute, eine Konsole, aufgedrehte Boxen und ab geht die Post. Kann man so stehen lassen, wenn man bereit ist, bei Musikrepertoire und Instrumenten von Null anzufangen. Für viele, die das Bandgründen schon einmal in der vorangegangenen Konsolengeneration ausprobiert haben, könnte der Umstieg auf Rock Band 4 dagegen unnötig kompliziert und frustrierend ausfallen.

Rock Band 4 - Freestyle Trailer

Just in diesem Moment schüttele ich in Unglauben den Kopf und wundere mich, wie Harmonix nach so vielen Jahren harter Erfahrung noch immer derart naiv in den Tag hinein publizieren kann. Ich komme mir vor als wär's 2007.

Rock Band 4 ist streng genommen keine Fortsetzung des Rock-Band-Franchises, sondern eine Art Reboot. Es funktioniert auf die gleiche Weise und verspricht sowohl die Verwendung altbekannter Pseudo-Instrumente, als auch das Einflechten bereits erworbener Download-Songs. Sämtliche Spielregeln bleiben wie gehabt. Kleine Klötzchen auf Notenbändern und ein Karaoke-Text samt Tonhöhengrafik weisen vier Pseudo-Musiker an Mini-Gitarre und Pappteller-Schlagzeug an, wie sie ihre vereinfachten Plastik-Instrumenten zu bedienen haben. Spielen sie ihr Kunststoff--Equipment wie vorgesehen, so ertönt ein Musik-Playback fehlerfrei aus den Boxen, wodurch die Illusion entsteht, man erzeuge in begrenztem Maße Musik.

Rock Band 4 - Zahnloses Comeback

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Im Kern ist Rock Band 4 noch immer ein verdammt spaßiges Partyspiel, aber im Detail hat es stark nachgelassen.
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Der Name ist natürlich Programm, denn markige Rock-Musik mit Gitarren und deftigen Drums steht klar im Vordergrund. Hier hat sich in den zweieinhalb Jahren Abstinenz so gut wie nichts geändert, sofern man in die Rechnung nimmt, dass alle Pro-Instrumente sang- und klanglos gestrichen wurden. Das Keyboard hat also ausgedient und die Pro-Gitarre wird eingemottet. Im März 2013 lief der letzte offizielle Download-Song für Rock Band 3 vom Stapel, doch rein spielerisch könnte man meinen, es ginge hier um eine Rock-Band-2-Mod aus dem Jahr 2009.

Schaut man genauer unter die Haube, so schlummert ein komplett neu programmiertes Spiel unter der grafischen Fassade. Rock Band 4 tut nur so, als ob es mit früheren Iterationen verwandt wäre, und diese Imitation glückt nicht überall.

Den Ton nicht getroffen

Woran man das merkt? An so ziemlich allem, was auf dem Bildschirm zu sehen oder zu hören ist. Angefangen bei der Gestaltung der Notenbänder, auf denen unnötig verspielt kolorierte und somit relativ schlecht erkennbare Symbole entlang laufen. Dann an der extrem stimmungsarmen Präsentation und sogar an der Klangqualität. Dieser Kritikpunkt bezieht sich immerhin nicht auf die Studiotracks der Künstler. Gemeint sind hintergründige Fangesänge. Eigentlich ein gerne gesehenes Feature, das sich Rock Band-Fans zurückwünschten, weil es im dritten Ableger plötzlich gestrichen wurde. Diese Gesänge setzen ein, wenn die virtuelle Band besonders gut spielt.

Packshot zu Rock Band 4Rock Band 4Erschienen für Xbox One und PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Doch während das Publikum in Rock Band 2 wie eine echte Meute in einer Konzerthalle klang, wirkt es in Teil 4 auffällig schlecht unter den Originalton gemischt. Aufmerksame Forenbesucher wissen, dass die Jungs bei Harmonix solche Publikums-Spuren eigenhändig aufnehmen. Dafür wird die gesammelte Entwicklercrew in einen Raum zitiert und zum Mitsingen verdonnert. Dieser Fakt gehörte bei Rock Band 2 noch zum Insider-Wissen, im aktuellen Ableger ist die Vorgehensweise dagegen völlig klar. Man hört es in jeder mitgesungenen Zeile.

Rock Band 4 strotzt nur so vor Halbherzigkeit, Unsicherheit und fehlender Stiltreue. Nach wenigen Stunden Probespiel stehen große Zweifel wie ein Elefant im Raum, obwohl das Spielsystem unverwüstlich bleibt und grundsätzlich dasselbe Vergnügen bereitet wie zu seiner Glanzzeit. Nur ein einziges Trostpflaster hilft über den Schock hinweg, nämlich die Aussage seitens Harmonix, Rock Band 4 würde stetig ausgebaut und im Laufe der Zeit verbessert werden.

So unverwüstlich spaßig das Spielprinzip auch sein mag, Teil 4 macht in vielen Belangen einen viel zu großen Schritt rückwärts und ist obendrein nur halb fertig.Fazit lesen

Hoffen wir es, denn für Besitzer von Rock Band 3 gibt es augenblicklich kein einziges schlagkräftiges Argument für eine Anschaffung der neuesten Iteration. Wer von Teil 3 zu Teil 4 übersetzt, verliert einen ganzen Haufen Songs und viele Instrumente. Obendrein wird er auch noch mit einem Witz von einer Karriere abgespeist.

Verbranntes Geld

Fangen wir mit den Songs an. Harmonix verspricht, man dürfe Download-Songs aus der letzten Konsolengeneration weiter verwenden, sofern man in derselben Herstellerfamilie bleibt. Man lädt alle als gekauft markierten Titel unter demselbem Account (einzeln!) aus dem Ingame-Store. So zumindest die Theorie.

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Halbherzig, unfertig, inkonsequent. Rock Band 4 ist leider nur ein Schatten seines Vorgängers.
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In der Praxis ist das nicht ganz so rosig wie erdacht, denn alle Songs, zu denen Harmonix keine Lizenzverlängerung erwerben konnte, fliegen ebenfalls aus eurem Repertoire, da sie einfach gar nicht mehr in der Bibliothek stehen. Am herbsten ist dabei der Verlust des Rock Band Network, in dem man einst die besten Schwermetall-Kracher fand.

Songs gefeierter Gruppen abseits des Mainstreams wie etwa „All Shall Perish“, "Andromeda", „Between the Buried and Me“, „Emmure“ „Drowning Pool“ und viele andere gehen verloren und werden nach bisherigem Stand nie wieder nutzbar sein, da das System des Rock Band Network mangels Zugangs durch die Original-Programmierer aufgegeben wurde. Im Klartext heißt das: jeder, der einst ins Rock Band Network investierte und zu Rock Band 4 wechselt, hat sein Geld verbrannt, es sei denn er betreibt Rock Band 3 und 4 parallel. Warum dann nicht gleich bei Teil 3 bleiben? So dolle sind die 60 mitgelieferten Tracks der Neuauflage nicht, als dass sie den Tausch wert wären. Um genau zu sein, stellt der Soundtrack die größte Ansammlung an Lückenfüllern dar, die Harmonix je zusammengestellt hat. Zehn, zwölf Songs sind recht gut, zugegeben. Aber wenn man mit U2 wirbt und dann zwei Schrottsongs vom neuen Album auftischt, darf man wahrlich keine Jubelstürme erwarten.

Die Angelegenheit mit den DLC-Ausfällen endet in einem Vertrauensbruch, der das Zücken der Kreditkarte in Zukunft massiv erschwert. Aber das Thema „verbranntes Geld“ findet an dieser Stelle noch lange kein Ende. Wer von der Xbox 360 zur PS4 wechselte (oder von der PS3 zur Xbox One), hat Pech und muss seine Bibliothek von vorne aufbauen, obwohl es um Inhalte derselben Spielplattform geht und streng genommen sogar um ganz normale Musik mit ein paar Extras außenherum. Harmonix ist dafür nicht verantwortlich, dennoch wird klar, wie sinnlos es ist, in einer hermetischen Konsolenwelt mit wechselnder Marktdominanz überhaupt in DLC zu investieren, wenn Konsolenhersteller ihre Inhalte spezifisch an eine Hardware binden. Die schöne neue... verzeiht, die inzwischen doch recht alte DLC-Welt ist schal und benutzerfeindlicher als zuerst gedacht.

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Einen Teil eures Equipments müsst ihr ersetzen, wenn ihr bei Rock Band 4 mitmischen wollt.
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Auf der materiellen Seite wird es nicht besser. Während die meisten kabellosen Instrumente aus der Sony-Familie weiterhin nutzbar bleiben, gucken Microsoft-Jünger in die Röhre. Alte Instrumente funktionieren auf Xbox One nur durch Anschluss eines klobigen Adapters, der eine begrenzte Auswahl kabelloser Instrumente erkennt. Alle per USB verkabelten Geräte verwandeln sich beim Sprung auf die neue Generation in Elektroschrott, weil Microsoft unbedingt neue Peripherie verkaufen will. Deswegen geht man natürlich kein Risiko ein, indem man unlizenzierten Controllern aus der 360-Ära die Pforten öffnet. Dummerweise geht das auch zulasten aller Controller, die eine Lizenz vorweisen können. Ion Drum Rocker Premium Schlagzeug? Rock Band 1-Gitarren (und Drums)? Alles inkompatibel. Eine einzige Ausnahme besteht in den verkabelten Mikrofonen. PS4-Rocker haben es dank der Empfänger-Dongles und Sonys benutzerfreundlicherer Politik erheblich leichter: Auf Sonys Konsole funktioniert sogar das Ion-Drumkit der PS3.

Unglaublich, mit welcher Zielsicherheit Microsoft treue Kunden vergrault. Die gleiche Diskussion fand bereits bei Forza Motorsport und den zugehörigen Lenkrädern statt. Dummerweise trifft es aber in diesem Fall nicht die Redmonder, sondern Harmonix, deren Ruf extrem leidet.

Ein Schatten seiner selbst

Harmonix kann an der Firmenpolitik von Sony und Microsoft nichts ändern. Aber das eigene Programm ordentlich auf die Reihe bekommen wäre wahrlich nicht zu viel verlangt. Leider ist nicht einmal das gelungen.

Zuerst das Positive: Rock Band 4 funktioniert spielerisch tadellos und bringt obendrein ein paar kleine Tweaks mit. Darunter etwa automatisch wechselnde Trommelwirbel, damit auch Drummer mit latenzstarken Fernsehern problemlos den „Overdrive“ für erhöhte Punkte-Ausbeute aktivieren können. Eine weitere Neuerung besteht in freien Gitarrensoli. Theoretisch darf man in solchen Passagen nach Gutdünken auf die Tasten hauen, um ein individuelles Gitarrensolo zu zaubern. Wer dabei noch Punkte absahnen will, richtet seinen Freestyle nach den eingeblendeten Rhythmus-Empfehlungen des Notenbands aus. Alles in allem ein willkommener Hauch Kreativität mit verständlichem Wertungssystem. Kein Meilenstein für das Genre, aber eine passable Neuerung. Wer die Neuregelung nicht mag, kann per Optionsmenü zu den klassischen Regeln zurückkehren.

Ebenfalls neu: Sänger dürfen auf den oberen zwei der vier Schwierigkeitsgrade improvisieren, sofern sie im richtigen Timing bleiben. Man darf also phrasieren bis zum Gehtnichtmehr und wird trotzdem mit Punkten belohnt. Tolle Idee. Im Großen und Ganzen gut umgesetzt, bis auf ein Manko: Harmonix schränkt die Vielfalt möglicher Abweichungen ein. Statt alle Töne der passenden Tonart korrekt zu werten, wird in gewissen Passagen ein Korsett aus harmonischen Noten vorgegeben, die in das vorherrschende Akkordgeschlecht passen. Progressive Sänger haben hier das Nachsehen, selbst wenn sie in der vorgegebenen Tonart bleiben. Kann man kritisieren, aber darf nicht überbewertet werden, weil es sonst beinahe unmöglich wäre, richtiges und falsches Singen bei Durchschnittsvokalisten zu unterscheiden, beziehungsweise mit Punkten zu bewerten.

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Klar, das Spielprinzip ist immer noch toll. Es wirkt nur alles etwas mager.
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Nichts von alledem ist revolutionär, aber der Kern des Spiels samt Spaßpotenzial in der Gruppe bleibt nach wie vor unangetastet. Der Rest wirkt dagegen planlos zusammengestrickt. So gibt es etwa einen Charakter-Editor für Bandmitglieder, in dem aber derart wenige Gestaltungsoptionen zur Verfügung stehen, dass man ihn auch gleich hätte streichen können. Alle Figuren sehen sich verdammt ähnlich. Schlaksig, ohne markante Merkmale. Stark ist Rock Band 4 an dieser Stelle nur, wenn man das Repertoire an stylischer Kleidung und Instrumenten betrachtet. Von beidem gibt es allerhand freizuspielen, sofern man Geld in der Karriere anhäuft.

Leider wirken sämtliche Animationen auf der Bühne unvollständig. Nicht, dass man während des Geschrubbels auf den Instrumenten großartig Zeit hätte, die Band zu beobachten. Außenstehenden fällt jedoch sofort auf, dass Gitarristen und Bassisten immer nur die oberste Saite ihres Instruments anschlagen, dass der Sänger über ein sehr begrenztes Repertoire an Bewegungen verfügt und der Drummer mit der Dynamik eines siebzigjährigen Jazz-Opas trommelt.

Bühnen mit besonderen Merkmalen fehlen genauso wie sehenswerte psychedelische Hintergründe im Musikvideo-Stil. Was nutzt denn die Umstellung auf physikalisch basierte Textur-Renderer, wenn abseits der einen oder anderen Metallplatte an den Gitarren oder verspiegelten Sonnenbrillen kein Grafikelement davon profitiert?

Die Karriere

Rock Band 4 fehlt es an ungemein vielen Kleinigkeiten, die auf den ersten Blick unwichtig erscheinen, in den Vorgänger-Iterationen aber sehr viel Stimmung vermittelten. Selbst ein Intro zur Einstimmung sucht man vergebens. Wo sind die Trivia-Facts aus den Ladebildschirmen? Wo sind die ganzen kleinen Anspielungen auf Rock-Klischees? Von der ursprünglichen Idee der Serie bleibt buchstäblich nur noch das Gerippe des Spielkerns übrig. Selbst in der Karriere kommt nichts zutage, was auch nur entfernt an die Qualität früherer Solo-Spielmodi heranreicht, auch wenn die Bedingungen ähnlich bleiben.

Im Karriere-Modus gründet man eine Newcomer Band und sackt durch erste Gigs in der Heimatstadt genug Kohle ein, um eine Tour rund um den Globus zu starten. Was in den Gigs gespielt wird, ist meistens vorbestimmt, nur selten kann man eine eigene Mini-Setliste zusammenstellen. Dadurch verkommt das ganze Konstrukt zu einer reinen Bühnen-Abklapper-Orgie. Nach dem Abschließen aller nötigen Gigs in einer Stadt sind Entscheidungen im Sinne der Band zu treffen, die immer wieder die Faktoren Kommerz und Fan-Kultur gegeneinander ausspielen. Welche Zugabe soll gespielt werden? Geben wir dem Wunsch der Fans nach oder wollen wir am nächsten Tag für das Event beim Sponsor fit sein? Darf‘s ein kleiner Van für die Tour zur nächsten Stadt sein, der die Nähe zu den Fans bewahrt, oder lieber ein echter Bus? Sowas eben... Von interessanten Band-Ereignissen oder gar RPG-Elementen keine Spur. Am Ende klappert man die Auftritte nur ab, um genug Geld für mehr Avatar-Kleidung einzusacken.

Ausgehend davon, dass blutige Einsteiger mit den 60 enthaltenen Songs klarkommen müssen, ist die Karriere denkbar kurz und nicht für einen längeren Zeitraum mit Dauersessions gedacht. Unglücklich, denn das Gros der Rock-Band-Fans gehört eher dem Geek-Volk an als den Party-Hengsten, wodurch das Einzelspieler-Vergnügen erheblich an Gewicht gewinnt. Erst recht durch die Abstinenz eines Online-Modus. Wer keine Bekannten hat, die im heimischen Domizil in die Band einsteigen, bleibt auf Dauer Solist.

Eines der größten Geheimnisse im Designprozess dieses Spiels dürfte allerdings die Begründung dafür sein, warum man keine Setlisten mehr im freien Spiel erstellen darf. Im Ausgleich dafür soll ein demokratisch aufgezogenes Abstimmverfahren angeblich die Lücken zwischen den Songs verkürzen. In der Praxis bewirkt das neue System das Gegenteil, da immer nur fünf Songs vorgeschlagen werden. Will die Band keinen dieser fünf spielen, müssen fünf neue Vorschläge eingeholt werden. Eine kurze Absprache im Songlisten-Menü funktionierte bislang immer schneller und unkomplizierter. In einem etwaigen Online-Modus hätte die Abstimmung etwas getaugt, aber doch nicht lokal, wo man direkt miteinander spricht.

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