Es ist der Aufbruch in eine neue Welt, ins Ungewisse. Ein Abenteuer ohne Sicherheitsnetz, dafür mit jeder Menge Pioniergeist und der einmaligen Möglichkeit, Neuland zu betreten, es nach eigenen Vorstellungen zu formen, sich selbst zu verwirklichen. Diese Reise kennt nur die Flucht nach vorn; Stillstand ist keine Option. Oh, und für Robinson: The Journey gilt übrigens dasselbe.

Robinson: The Journey - Trailer

Eines der bislang größten Virtual-Reality-Missverständnisse ist die vorauseilende Annahme, bestehende Prinzipien und etablierte Spielkonzepte nahezu unverändert übernehmen zu können. An der Schwelle des 3D-Zeitalters kam die Branche in Teilen zu einem ähnlichen Trugschluss, als sie vor der Aufgabe stand, zweidimensionale Mechaniken in die dritte Dimension zu übertragen. Fragen, die sich zuvor nie gestellt hatten und heute geradezu trivial anmuten, erforderten ein grundlegendes Umdenken der Entwickler, brachten schließlich Neuerungen wie den Analogstick oder verschiedene Kameraperspektiven und damit ein völlig neues Spielgefühl mit sich. PlayStation VR, Oculus Rift und HTC Vive erfordern reichlich 20 Jahre später einen vergleichbaren Sinneswandel.

„Wir mussten quasi bei null anfangen“, beschreibt Crytek-Produzent Fatih Özbayram diesen Prozess – und skizziert damit zugleich euer Schicksal in Robinson: The Journey. Die Parallelen zwischen Entwicklern und Protagonist sind beinahe zu groß, um Zufall zu sein: Hüben wie drüben ist die Ausgangslage eine missliche, das bevorstehende Abenteuer ein nur unzureichend kartiertes. Weder das deutsche Studio noch sein auf einem fremden Planeten gestrandeter Junge kann sich auf eine Anleitung verlassen, muss stattdessen vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen, Erfahrungen sammeln, aus Fehlern lernen.

Robinson: The Journey - Dino Crysis

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Trotz stufenloser Bewegung bleibt das Frühstück bei Robinson im Magen. Andere Spiele, wie etwa Resident Evil 7, haben da noch so ihre Probleme.
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Dutzende Prototypen sollen dem vorausgegangen sein, was zeitgleich mit Sonys VR-Brille am 13. Oktober zu einem bislang nicht festgelegten Preis erscheint. Özbayram erzählt von etlichen Brainstorming-Sessions, von verworfenen Ideen und dem Beratschlagen mit anderen Entwicklern auf dem beschwerlichen Weg zu einem funktionalen spielerischen Fundament. „Niemand hat eine Patentlösung für all die großen und kleinen Probleme, mit denen wir täglich konfrontiert sind – da hilft nur Ausprobieren. Anders als es normalerweise der Fall ist, findet in weiten Teilen der Branche allerdings ein reger Austausch an Erkenntnissen statt.

Diese Vernetzung ist zwingend notwendig, soll die Virtual-Reality-Technik irgendwann mehr zustande bringen als Minispiele und Tech-Demos. Bereits banalster Urschleim führt mit Brille auf der Nase plötzlich zu gravierenden Problemen, wie all jene unter euch wissen werden, die zum verschwindend geringen Prozentsatz der VR-Nutzer gehören. So ist es kein Zufall, dass ihr euch in vielen Spielen bislang lediglich mittels Teleportation über kurze Strecken fortbewegt – bei stufenloser Bewegung, wie sie sonst in Spielen Usus ist, landet der eigene Mageninhalt andernfalls schnell auf dem Teppich. Nach 40-jähriger kommerzieller Videospielgeschichte sind wir also wieder an einem Punkt angelangt, an dem uns bereits die geradlinige Bewegung einer Spielfigur Kopfzerbrechen bereitet. Halleluja.

Oder besser: bereitete. Robinson nämlich trägt Cryteks Testballons Rechnung und ist, das wird schnell deutlich, ein Resultat akribischer Planung. Zig Elemente haben die Frankfurter in den vergangenen Monaten erprobt, oder um es mit den Worten des ehrgeizigen Produzenten zu sagen: „Wir haben uns überlegt, was die virtuelle Realität auszeichnet, was die Besonderheiten dieser neuen Technik sind.“ In der Konsequenz diktierten die Mechaniken das Spiel, nicht vice versa, wie es sonst oft der Fall ist.

Robinson: The Journey - Dino Crysis

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Dürfen wir vorstellen: Mini-Glados und Aaaww, eure zwei schnuckeligen Begleiter.
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Die Frankfurter wussten beispielsweise, dass ohne durchgängige Bewegung kein flüssiges, immersives Spielerlebnis möglich wäre, haben deshalb an verschiedenen Variablen geschraubt, bis das Ergebnis schließlich zufriedenstellend (lies: nicht kotzreizrerregend) war. Und weil eine Einsicht dieser wortwörtlichen Probeläufe „Je langsamer, desto besser“ lautete, ist ihr einsamer Held eben ein Junge, da sich Kinder gemeinhin langsamer fortbewegen als Erwachsene.

Als scheinbar einziger Überlebender ist der Knirps auf einem fremden Planeten nahezu auf sich allein gestellt, mit nichts als seinem gesunden Menschenverstand sowie zwei Begleitern ausgestattet, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Higs, ein mechanischer Schutzengel mit der einzigen Aufgabe, den gestrandeten Robin um jeden Preis am Leben zu erhalten, ist nicht der größte Fürsprecher des neuen Dino-Kumpels seines Schützlings. Hinter Laikas kindlichem Gemüt und den unschuldigen Kulleraugen schlummert der Instinkt eines kaltblütigen Jägers, eine Bestie, die sich nur im Zaum halten, nicht zähmen lässt.

Fraglos eine beeindruckende VR-Erfahrung, der es als Spiel aber bislang noch etwas an Fleisch auf den Rippen fehlt.Ausblick lesen

Auf die Fähigkeiten der noch sehr tollpatschigen Kreatur könnt ihr jedoch kaum verzichten. Gemeinsames Herumtollen, Verstecken spielen und ähnlich unschuldige Zeitvertreibe stärken zwar das gemeinsame Band, sind aber eher gutgemeinte Zugeständnisse an den Wow-Faktor dieser Virtual-Reality-Erfahrung als spielerisch relevante Mechaniken. Der kleine Raptor folgt indes auch euren Anweisungen und hört aufs Wort, wenn ihr ihm befehlt, an eine bestimmte Stelle zu laufen oder euch einen anderen Gefallen zu tun.

Folglich stellen eine ausgeprägte Kombinationsfähigkeit und Beobachtungsgabe auf diesem faszinierendem Planeten schärfere Waffen als jeder zusammengezimmerte Jagdspeer dar. Schnelle Bewegungen sind, wir hatten das Thema bereits, keine wünschenswerten Eigenheiten eines VR-Titels und da präpubertäre Schiffbrüchige ohnehin keine gute Figur im Kampf gegen einen T-Rex abgeben würden, erwartet euch mit Robinson: The Journey primär ein Rätsel-, kein Action-Spiel. Ihr müsst eure Umgebung inspizieren, Flora und Fauna „scannen“, um an wertvolle Informationen zu gelangen – eines von Özbayrams Lieblingsthemen. „In einer früheren Version haben wir einfach eine zweidimensionale Fläche mit grünen und roten Punkten über das jeweilige Objekt gelegt, die der Spieler mit seinem Werkzeug abfährt. Erwischt er dabei einen roten Fleck, muss er von vorn anfangen.“ Nur sei dieses Minispiel in dieser Form auch problemlos in einem normalen Spiel möglich und deshalb verschenktes Potential, weshalb aus der ebenen Fläche ein umspannendes Netz wurde, das sich um das gesamte Ziel erstreckt. „Ziel des Scannens ist es doch, seine Umgebung genauestens zu erforschen und da macht es nur Sinn, sie aus verschiedenen Perspektiven aus zu betrachten, einen Dinosaurier zu umrunden, statt nur statisch vor ihm zu stehen“, so der Produzent.

Robinson: The Journey - Dino Crysis

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VR-Spiele sind dafür geschaffen, uns zum Teil einer fremden Welt werden zu lassen – und wer kann schon von sich behaupten, bereits mit Dinos herumgetollt zu haben?
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Man merkt seinen Worten an, dass es ihm ernst ist, die virtuelle Realität in Spielen als Ganzes voranzubringen – dies ist nur ein weiterer Schritt nach dem Klettersimulator The Climb, von dem auch die Kraxelmechanik in Robinson entlehnt ist. Ein dezenter Farbcode markiert auf minimal-invasive Weise, an welche Vorsprünge ihr euch krallen könnt und deutet auf weitere Aktionen in einer Welt hin, deren Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten Cryteks erklärtes Ziel ist. Nicht gerade die einfachste Aufgabe, bricht diese Illusion innerhalb einer virtuellen Umgebung ungleich schneller als vor dem Fernseher – dicke Ausrufezeichen über den Köpfen von Questgebern sollte man sich vielleicht lieber verkneifen. Aufmerksame Dinosaurier statt lethargischer NPCs und eine Umgebung, die auf den jungen Robin reagiert, euch damit zu einem essentiellen Bestandteil dieses fremden Planeten macht, entsprechen hingegen gleich mehreren Schritten in die richtige Richtung.

Zerstörung weicht Schöpfung: Das Team hinter sonst so kompromisslosen Action-Brettern wie Crysis oder Ryse scheint die spielgewordene Antithese ihrer üblichen Kompetenzen beinahe zu genießen und tatsächlich entspricht Robinson: The Journey kaum dem bisherigen Portfolio der Frankfurter. Weder Zeit noch schießwütige Gegner, nicht einmal eine Gesundheitsanzeige sitzt euch im Nacken, während ihr einen steifen Hals vom vielen Nach-oben-Starren bekommt, um einen Blick auf die turmhohen Bewohner dieses Habitats zu erhaschen.

Crytek tut sein Möglichstes, euch nicht nur an hübschen Kulissen vorbeizulotsen, will mehr als den linken Stick eures Controllers nutzen und tut das mit der größtmöglichen Konsequenz. Doch wie alle frühen Gehversuche sind eben auch die der ersten Virtual-Reality-Spiele noch etwas wackelig.