An manchen Tagen geht die Fantasie mit einem durch. Da wünscht man sich, Nintendo würde Crytek kaufen, damit die Meister des spaßigen Spielinhalts mit den Spezialisten für geniale Grafik fusionieren. Auslöser dafür ist das Spiel Robinson: The Journey, dessen Grafikpracht unter Sonys VR-Brille ins Staunen versetzt. Nur spielerisch bekommt Crytek keinen Stein auf den anderen.

Robinson: The Journey - Trailer

Schön, aber seelenlos. Crytek in a nutshell! Da tischen einem die Grafikkünstler aus Frankfurt den zweifellos schönsten aller PSVR-Titel auf, mit toll gezeichneter Flora, potenziell charmanten Spielfiguren und eine vielversprechenden Handlung, und doch fehlt es an jeder Ecke an inhaltlicher Finesse, an Spitzfindigkeit, an Seele.

Wäre Robinson: The Journey unter Nintendos Regie entstanden, dann würde das Spiel vermutlich deutlich simpler aussehen, aber schon die ersten fünf Minuten wären mit liebevollen Einzelheiten geschmückt, mit Hingabe, die aus jedem Pixel tropft. Ein gutes Beispiel dafür ist der Tyrannosaurus Rex, dem man bei Spielstart begegnet.

Robinson: The Journey - Hübsch, aber seelenlos

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 5/71/7
Das ungleiche Duo ist durchaus sympathisch, bleibt aber doch recht blass.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Halt! Stop! Ein T-Rex? Ja, ein junger, gerade aus seinem Ei geschlüpfter Fleischfresser. Das erste lebendige Wesen, dem die Hauptfigur nach dem Absturz auf einem fremden Planeten begegnet. Obwohl der schwebende (und ungemein an Wheatley aus Portal 2 erinnernde) elektronische Begleiter namens Higs unseres noch sehr jungen Helden davon abrät, füttert Robin den kleinen Mähdrescher und gaukelt ihm vor, er wäre seine Mutter. Laika tauft er das Urzeitmonster. Ach, wie süß!

Es hätte der Start einer ungewöhnlichen Beziehung sein können. Bei Nintendo. Bei Crytek ist es das nächstbeste Gimmick auf dem Weg zu längst vorbestimmten Ereignissen in der zukünftigen Handlung. Schon erstaunlich, dass Higs lebendiger und echter zu sein scheint als dieses Echsentier mit der Überzeugungskraft einer Kasperle-Puppe. Brüllen ist Laikas einziger echter Zweck. Persönlichkeit? Hat das arme Tier so gut wie überhaupt nicht. Umso bedauerlicher, weil Robinson: The Journey von einem gefühlsbetonten Faktor profitiert hätte. Schlicht, um einen Zusammenhang zwischen den manchmal etwas lose aneinandergereihten Adventure-Elementen zu festigen.

Packshot zu Robinson: The JourneyRobinson: The JourneyRelease: PS4: 9.11.2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Es währt sowieso nicht lange. In den wenigen Spielstunden von Robinson: The Journey hält man sich mit Forschung und Erkundung auf. Kleine Schiebe- und Stapel-Puzzles, die man anhand eines Antigravitationsstrahls löst, wechseln sich mit dem Scannen von Getier und dem Erreichen fremder Schauplätze ab. Letzteres geht allerdings furchtbar langsam vonstatten, weil die Laufgeschwindigkeit Robins dem Kriechen einer Schnecke gleicht. Ein Mittel, um Motion Sickness zu unterdrücken? Ganz sicher. Wirkt aber nicht immer. Die Bewegung per Controller führt spätestens dann zu leichter Übelkeit, wenn man sich in kurzen Intervallen um die eigene Achse dreht. Wer kann, sollte sich zum Umschauen lieber auf einem Drehstuhl drehen, sonst fallen Sitzungen mit diesem Spiel aufgrund von Übelkeit ziemlich kurz aus.

Robinson: The Journey - Hübsch, aber seelenlos

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden2 Bilder
Ein hübscheres PSVR-Spiel werdet ihr aktuell nicht finden.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Zwei weitere Spielelemente erhöhen zwar die Abwechslung im Spielablauf, wirken aber ebenfalls angetackert und für den gesamten Spielablauf unbefriedigend. Einerseits wären da kleine Puzzleaufgaben, für die man in Higs Perspektive wechselt. Zu Beispiel die Ausrichtung eines Stromflusses über vorgelegte Kabel. Wäre gar kein schlechtes Spielelement, wenn man mehr Denkarbeit investieren müsste. Nur setzt uns Crytek leider Verknüpfungsaufgaben vor, die selten Vorschulniveau übersteigen. Das zweite Element sind Kletterpassagen, bei denen man lediglich die Hände des Protagonisten sieht und eben jene von Vorsprung zu Vorsprung dirigiert. Durchaus spannend und fordernd, aber über PSVR auch etwas anstrengend und in der Ausführung zu einseitig für ein Vollblut-VR-Erlebnis.

Man merkt anhand der vielen lückenhaften, aber im Prinzip durchaus durchdachten Spielelemente, dass Robinson: The Journey ein vollwertiges Spiel sein soll und kein typisches VR-Erlebnis. Nur fehlt hier genau das, was so eine im Titel versprochene Reise spannend macht: ein voller Plot, eine Handlungswendung mit Überraschungseffekt. Cryteks Werk plätschert vor sich hin, verlässt sich zu stark auf die Faszination der Umwelt mit seinen Urzeittieren und wilden Wucherungen. Spätestens nach einer knappen Stunde fragt man sich, wohin die Reise gehen soll, und bekommt keine befriedigende Antwort. Ganz schön dünnes Eis für den happigen Preis von 60 Euro.