Es hatte stets ein wenig den Anschein, als hätten die Risen-Macher von Piranha Bytes aus Essen seit jeher eher weitere Gothic-Teile als neue Rollenspiele entwickelt, dann jedoch alles dafür getan, dass diese auf keinem Fall all zu sehr wie ihre einstigen Erfolge ausschauen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil die Rechte an Gothic bis vor kurzem noch bei Pleite-Publisher JoWood lagen. Mittlerweile hat Piranha Bytes sie jedoch wieder – vielleicht machen die Entwickler daher bei Risen 3: Titan Lords keinen Hehl mehr aus ihrer Vergangenheit. Tatsächlich könnte dieses ur-deutsche Rollenspiel glatt als das neue Gothic durchgehen...

Risen 3: Titan Lords - Erster CGI TrailerEin weiteres Video

Alles anders, alles neu?

So oder so: Das 25-Mann-Team aus dem heimeligen Essen hat einigen Ansporn, mit Risen 3 Großes zu leisten. Nicht zuletzt, weil es mit Risen 2: Dark Waters so einige der sonst treuen Fans vergrätzt hat. Statt der gewohnt rauen Atmosphäre präsentierte die letzte Auskopplung quakende Papageien, tropische Inselromantik und in Rum getränkte Piratengeschichten. Ein gescheiterer Versuch, eine größere Spielerschaft anzusprechen und ein Fehltritt, der von den Fans nicht unbedingt bitterböse, aber mit einem rotzigen Maulen abgestraft wurde.

Schon deshalb schleudert Risen 3: Titan Lords den Spieler als traditionell namenlosen Heroen in eine herrlich archaische Mittelalterkulisse, in der die übergreifende (wenn auch etwas abstruse) Story der Vorgänger fortgeschrieben wird. Nachdem nämlich in den ersten Teilen überall auf der Spielwelt merkwürdige Ruinen aus den Boden wuchsen, aus denen sich monströse Kreaturen hervorstülpen und letztlich auch noch die grässlichen Titanen geweckt wurden, ging ein Großteil der Menschheit vor die Hunde. Dazu machen es die sogenannte Schatten, bösartige Wesen, die aus totenkopfgleichen Höhlen strömen, es den verbliebenen Menschen nicht unbedingt leichter.

Risen 3: Titan Lords - Ein Gothic in Risen-Gestalt?

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Nach dem doch sehr durchwachsenen zweiten Teil scheint Risen 3 wieder richtig rund zu werden. Hoffentlich.
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Vor allem der aus Third-Person-Sicht gelenkte und neue Heroe hat einigen Grund, mit der Situation unzufrieden zu sein. Schließlich rennt er gleich zu Beginn von Risen 3 einem Schattenlord in die Arme, der prompt versucht, ihm die Seele aus dem Körper zu lutschen – allerdings nur mit partiellem Erfolg. Denn irgendwie schafft es der Abenteuer dem Griff des Unterweltfürst zu entkommen, bevor ihm dieser alles an Lebensessenz aus der fleischlichen Hülle saugt.

Von diesem Moment an halbtot, halblebendig, und durch den Angriff zudem mit einem fiesen Bann belegt, ist's nun Ziel, die eigene Seele zu retten und dem weltbedrohenden Bösen schon aus Prinzip eins vor den Latz zu knallen. Freilich geschieht das nicht auf geradlinigem Weg, sondern scheucht den Spieler durch eine große und mit Aufgaben gespickte Spielwelt. Die ist jedoch nicht wie Skyrim durchgängig gestaltet, sondern in einzelne Abschnitte, zumeist Inseln, unterteilt. Die sollen allerdings vielfältiger und abwechslungsreicher ausfallen denn je.

Risen 3: Titan Lords - Ein Gothic in Risen-Gestalt?

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Auch Abseits von Kampf und Zauberei entfaltet der Heroe Talente: Schwerter schmieden, Würstchen braten oder blaue Energiekristalle abbauen.
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Gothic, bist du's?

In der vorgeführten Beta-Fassung landet der Namenlose etwa auf Taranis an. Einer Insel, auf der einige Zauberer versuchen, mittels Obelisken, Kristallmagie und einem sogenannten Reaktor, dem Wüten der Titanen zu entgehen. Schon bei den ersten Minuten auf dem Eiland geht einem Gothic-Fan das Herz auf. Während man von einem Kerl namens Baker zur Magierfestung geleitet wird, streift man über Trampelpfade durch einen mitteldeutschen Nadelwald, an kargen Felswänden und sprudelnden Wasserfällen vorbei. Fast so, als würde man den Rennsteig in Thüringen entlangwandern, oder Khorinis aus Gothic 1 durchstreifen. Weiter soll es den Spieler später jedoch noch in ganz andere Gefilde verschlagen: das verwüstete Schattenland, feuchte Tropenwälder und einiges, was jedoch noch geheim bleiben soll.

Risen 3: Titan Lords könnte nicht nur das beste Spiel von Piranha Bytes seit Jahren werden, sondern vor allem ein großer Dienst an den Fans, die dem Studio jeher die Treue halten!Ausblick lesen

Beeindruckend dabei: zumindest in der vorgeführten PC-Fassung macht Risen 3 verglichen mit den Vorläufern grafisch eine ziemlich gute Figur. Knackscharfe Texturen überziehen die Landschaft, die Wipfel von Bäumen wiegen sich im Wind, Staub weht umher, glühende Energiewirbel drehen sich in den Wolken – überraschend atmosphärisch. Gern bleibt man mal hier und da stehen, um sich einfach die Gegend zu betrachten.

Auch spielerisch scheinen die Jungs bei Piranha Bytes wieder an alte Pfade anzuknüpfen. Viel häufiger sollen sich Quests und Herausforderungen auf verschiedene Arten lösen lassen. So mag einem etwa ein gewisser General Magnus in der Magierfestung nicht zu den Zauberern vor lassen. Was also tun? Sich mal umsehen, was die Trutzburg sonst so zu bieten hat und einfach mal in den Brunnen hüpfen, dessen tiefer Schacht eigentlich wenig einladend ausschaut. Aber nach einem langen Fall landet der Heroe in einem von leuchtenden Kristallen gespickten Wasserbecken, durch das man nun – ja, der Held kann wie seinerzeit in Gothic schwimmen – bis in den Burgkeller tauchen und dann die Tagungsräume der magisch begabten Robenträger vordringen kann.

Ein anderer Weg? Einfaches Zuhören. Denn recht oft sollen sich Quests und Spielansätze auch simpel aus aktiven geführten oder auch belauschten Gesprächen ergeben. So jammert der restriktive General Magnus etwa davon, dass er jemanden suche, der in den Kristallminen nach dem Rechten schaut. Der letzte Rapport seiner Handlanger liege nämlich schon eine besorgniserregende Weile zurück.

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Auch einige Rüstungen erinnern verblüffend an jene, die man aus Gothic-Zeiten kennt. Typisch Risen hingegen: ein Okular, das Gegner schon frühzeitig sichtbar macht.
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Kombo-König?

So kann sich der Spieler also auch auf die Suche nach den entsprechenden Bergbaustätten machen, um sich bei dem Wachführer anzudienen. Auf dem Weg dahin lassen sich quasi nebenbei einige Scavenger-Killervögel, Drachensnapper-Echsen schnetzeln oder Nebenquests absolvieren. So wurde etwa das Lager von Jäger Walker von einigen Kobolden in Beschlag genommen, die nun dafür büßen sollen. Ob der Spieler, wie in diesem Fall, seinen Mitmenschen hilft, sie ihrem Schicksal überlässt oder daraus vielleicht sogar Gewinn zieht, hat Einfluss auf den Spielverlauf.

Die geschädigte Halbseele des Alter-Ego kann durch gute Taten geheilt oder mit bösem Tun geschädigt werden. Wer dem dunklen Weg der Macht folgt, fällt irgendwann dem dämonischen Schatten auf seinem Herzen anheim. Welche Auswirkungen das hat? Unter anderem kuriose Albträume, bei denen man ins Totenreich purzelt, wo verstorbene Charaktere wie der Inquisitor Mendoza für einen Plausch bereitstehen und Gothic- und Risen-typisch Sätze wie „Was ist das für eine Scheiße!“ von sich geben...

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Also besser mal Kerls wie guten Walker bei seinem Kobold-Problem behilflich sein. Dabei zeigt sich gut, dass sich die Essener Entwickler auch die Kritik am grobschlächtigen Kampfsystem zu Herzen genommen haben. Das ist zwar immer noch recht gemächlich, wirkt aber trotzdem eleganter und zackiger als zuvor. Mit schweren und leichten Schlägen lassen sich nun rudimentäre Kombos vollführen, bei denen der Recke auch mal einen Wirbelschlag hinlegt oder das Schwert tief zwischen die Rippen eines Skelettkriegers rammt – und damit zusätzlichen Schaden anrichtet. Und nach einer gekonnten Parade eine Seitwärtsrolle hinzulegen und einem Kobold einen Feuerball in den Rücken zu schleudern, geht flüssig und schaut auch ganz cool aus.

Das heißt aber alles nicht, dass die Kämpfe leichter vonstattengehen würden als in Risen 1 und Dark Waters. Auch weiterhin sollen sich die Gegner nicht dem Können und Level des Spielers anpassen. Heißt: Wer sich zu schnell zu weit in gefährliche Regionen vorwagt, wird eben rasch und oft sterben oder muss sich eben mit Taktik, Finesse oder flinken Fußes durchbeißen. Genau wie's sein soll.

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Hübsch sieht's ja aus.
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Zurück zu alter Größe?

Über kurz oder lang ebnen Missionen und Aufträge auch den Weg zur Aufnahme in die wieder vorhandenen Gilden, die jetzt eine ähnlich gewichtige Rolle wie einst in Gothic spielen sollen. Sie sind also Fraktionen, mit denen sowohl bestimmte Ausrüstungsgegenstände, aber auch exklusive Missionen und Fähigkeiten verfügbar werden, die den Weg des Spielers und damit wohl auch verschiedene Spielenden bestimmen. Bisher sind allerdings nur die Wächter als eine von diesen bestätigt. Über den Rest … ja, da können Fans der Piranha-Bytes-Spiele wohl schon recht zielsicher spekulieren. Es scheint also wirklich, als würde Piranha Bytes mit Risen 3 die gröbsten Fehler ausmerzen und zu dem zurückkehren, was Spieler und Kritiker einst an ihren Rollenspielen so hoch lobten.

Jeder Baum, jeder Fels und jeder Nichtspielercharakter soll per Designerhand und mit einem Hintergedanken platziert worden sein. Selbst in Kisten und Schränken findet sich kein Zufallsschnickschnack wie in anderen Rollenspielen, sondern ausgewählte Gegenstände. Mit alldem scheint es, als habe sich der deutsche Entwickler mit dem Gedanken angefreundet, dass seine Spiele wohl in absehbarer Zeit nicht zu großen Mainsteam-Hits heranwachsen werden, aber dafür seit Jahren eine breite und ziemlich treue Spielergemeinde um sich scharen.

Eine, die statt Bombast-Grafik eher liebevolle Details würdigt, Raffinesse und Vielfältigkeit der Geradlinigkeit und Dauer-Action vorzieht und lieber rau-dreckige Kulissen statt ausgelutschten Mainstream-Szenerien durchwandert. Und eben genau für jene scheint dieses neue Gothic …, Verzeihung, Risen 3: Titan Lords gemacht.