Piranha Bytes können einem schon leid tun. Mehr noch als viele andere Spielestudios, die ein Steckenpferd haben und zu diesem Fortsetzungen produzieren, sind sie einem alten Dilemma unterworfen: Wenn sie alles genau wie vorher machen, kriegen sie Beschwerden an den Kopf geworfen. Ändern sie ihr Spiel, motzen die originalen Fans mit einem gewissen Recht.

Risen 3: Titan Lords - Erster CGI TrailerEin weiteres Video

Nachdem also das erste Risen im Wesentlichen das gute alte Gothic war, dem man die Seriennummer abgefeilt hatte, gab es ein bisschen Genörgel. Die Verlagerung des zweiten Teils in ein Piraten-Szenario, komplett mit Palmen, Papageien, Entersäbeln und einschüssigen Pistolen, führte ebenfalls zu erwartungsgemäß durchwachsenen Reaktionen. Hinzu kam, dass einige Leute die relative Abwechslungsarmut der Umgebungen bemängelten.

Risen 3: Titan Lords - Ein astreiner Mischling - klingt gotisch, ist aber so

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"Moment, bin ich jetzt Pirat oder Krieger oder wie?"
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Die Lösung für diese Zwickmühle ist ebenso offensichtlich wie gewagt: In Risen 3 – Titan Lords darf man beides erleben, je nachdem, in welchem Teil der Welt man sich nun gerade aufhält. Aus diesem verständlichen Kniff macht man auch überhaupt keinen Hehl, die Frage ist aber, ob das Ganze aufgeht. Beim Versuch, alle Leute zufriedenzustellen, hat sich schon so mancher Spieledesigner einen Bruch gehoben und am Ende eine stilistische Pampe hervorgebracht, die nun wirklich gar nicht mehr ging.

Packshot zu Risen 3: Titan LordsRisen 3: Titan LordsErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: ab 8,91€

Es lässt sich auch so pauschal nicht sagen, ob sich nicht wieder einige Leute vor den Kopf gestoßen fühlen werden, ich aber zumindest finde die durch das Hybrid-Szenario eingeführte Abwechslung durchaus reizvoll. Die Frage, mit welchem Aspekt dieser Vielfalt man zuerst Berührung hat, hängt ganz maßgeblich von der klassischsten aller Piranha-Bytes-Fragen ab: Welcher der obligatorischen drei Fraktionen schließe ich mich an?

Denn natürlich ist unser abermals namenloser Held mal wieder ordentlich in Schwierigkeiten. Bei einer Schatzsuche mit seiner aufreizenden Piratenschwester Patty stolpert der Freibeuter in einer Ruine über ein Portal, aus dem flinkerhand ein dämonischer Fürst erscheint und ihm ganz ohne Strohhalm die Seele aus dem Körper saugt. Um seinen Körper, den wir hauptsäüchlich steuern, also wieder zu beseelen, braucht er die Hilfe von einem mächtigen Magier. Wie der Zufall so will gibt es davon genau drei, sie befinden sich auf verschiedenen Inseln und wollen uns nur helfen, wenn wir uns ihrer jeweiligen Fraktion anschließen. War ja mal wieder klar.

Risen 3: Titan Lords - Ein astreiner Mischling - klingt gotisch, ist aber so

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Der erste Eindruck ist piratisch, doch auch klassische Gothic-Ästhetik gibt es nicht zu knapp.
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Ab hier tritt die Story ein bisschen in den Hintergrund – sie ist durchaus okay und meldet sich immer mal wieder zu Wort, aber man kann zahllose Stunden in der Welt von Risen 3 verbringen, ohne auch nur einmal an die hauptsächliche Quest zu denken. Insbesondere der zweite Strang der Handlung, ein Geisterpirat, gegen den man eine Allianz schmieden muss, ist quasi gar nicht präsent und wird nebenbei erledigt. Wie ein überdimensionierter Marshmallow-Mann ist er am Ende schwupps, einfach da, wird erledigt und wirkt somit eher wie eine Temposchwelle auf dem Weg zum Finale als eine Säule der Handlung.

Schön, unterhaltsam und einfach gut - sowohl alten Fans als auch Neueinsteigern wärmstens empfohlen.Fazit lesen

Auch ansonsten bestimmt die Frage, ob man sich anfangs den Wächtern, Dämonenjägern oder Piraten anschließt, weniger, was man erlebt, sondern nur die Reihenfolge – die jeweils anderen Oberhäupter werden wir auf ihren Inseln ebenfalls besuchen und insofern also fast alles einmal abklappern. Wer allerdings einen der beiden Stile – entweder Gothic-Fantasy oder piratische Karibik – stark bevorzugt, sollte anfangs die ihm sympathischere Fraktion im jeweiligen Szenario wählen und hat dann die Option, den Rest eher schnell abzuhaken.

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Was zu beweisen war.
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„Schnell“ ist bei Rollenspielen natürlich relativ. Tatsächlich kann man durch Risen 3 für RPG-Verhältnisse relativ zügig durchheizen, wenn man kein zwangsstörungsgeplagter Übersammler ist. Für unseren Test haben wir einen Run mit etwas über 20 Stunden hingelegt, in dem wir einiges gesammelt haben, viele Nebenquests mitgenommen haben und erst gegen Ende ein bisschen Tempo machten. Realistischer sind wohl 30 Stunden bei einem Otto-Normal-Spieler, was völlig okay ist.

Der Voodoo-Gott allerdings gnade den Perfektionisten, denn die relative Belanglosigkeit der Hauptstory verblasst im Vergleich zur schieren Fülle an Inhalten, mit denen Risen 3 ansonsten auftrumpft. Lange, bevor das Finale erreicht ist, ploppte bei uns die Trophäe für 300 erledigte Quests auf, ganz zu schweigen von sammelbaren magischen Artefakten, die den Charakter verbessern, Minispielen oder auch einfach nur dem guten alten Gestöber durch die Wildnis mit dazugehöriger Hatz von Wildtieren, Dämonen und derlei Kroppzeug mehr.

Ach übrigens, um diesen alten Gothic-Gag an dieser Stelle aus dem Weg zu räumen: Wildschweine sind entschärft worden und man braucht nun keinen himmlichen Beistand oder einen 40-Mann-Schlachtzug mehr, um die Biester mit dem tödlichen Rammangriff zu erledigen. Das war die gute Nachricht: Die schlechte: Es gibt Nashörner...

Gute Mechanik, gute Welt - gute Güte!

Jedenfalls ist Risen 3 lang und zum Bersten gefüllt. Hart, um den schlechten Sexwitz abzuschließen, erscheint es nicht wirklich, obwohl man natürlich den Schwierigkeitsgrad hochstellen könnte. „Fordernd“ ist vielleicht eher das Wort, denn eine weitere erfreuliche Eigenschaft des Spiels ist sein gutes Kampfsystem.

Wer die Vorgänger gezockt hat, wird hier kaum überrascht: Blindes Hacken führt eher selten zum Erfolg, stattdessen gilt bei jeder Gegnerart, die sich alle im Verhalten und der Taktik etwas unterscheiden, die Palette an Möglichkeiten anders zu nutzen. Rhythmische schnelle Angriffe oder langsame starke Attacken? Oder doch Parade und Riposte?

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Ordentlich auf die Mütze - an der Kampfmechanik gibt es nichts zu beanstanden.
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Wann weiche ich aus, wann schlag ich wieder zu, welchen Zauber benutze ich in welcher Situation usf, all das sorgt dafür, dass man höchstens sehr spät, wenn man die Welt ein bisschen überrundet hat und mächtiger geworden ist, vollkommen sorgenfrei in die Kämpfe geht.

Es ist leider anfangs ein bisschen schwer einzuschätzen, welche der drei Fraktionen Zugang zu welchen Zaubern liefert und letztendlich sind die meisten Charaktere dann doch eher Hybriden mit Schwert, Pistole und etwas magischem Support. Das muss durchaus nicht so sein, besonders nicht, wenn man sich den eher auf Offensive getrimmten Wächtern angeschlossen hat, aber für jemanden, der zum ersten Mal spielt, wird das Ganze nicht sehr gut erklärt.

Dennoch, mechanisch gibt es hier wenig zu beanstanden. Allenfalls ein paar vereinzelte Seeschlachten gegen leviathanische Ungetüme wirken aufgesetzt und wecken das Gefühl von „Bei Black Flag abgeguckt, aber einfach nicht so gut“. Die Auseinandersetzungen zu Fuß allerdings sind geil und schaffen eine tolle Balance aus Anspruch an den Spieler und dem Gefühl, dass der Charakter mächtiger wird.

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"Ich erspähe Langzeitmotivation! Bones, meinen Eimer!"
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Die Wahrheit aber ist, dass ein Rollenspiel mindestens so sehr von seiner Spielwelt lebt wie von seiner Funktionalität. Wir können noch so sehr die Säbel rasseln lassen, unsere Feinde mit Voodoo-Flüchen belegen oder es Schwefel und Feuer vom Himmel regnen lassen, es ist alles nicht wirklich viel wert, wenn die Welt nicht zur Erforschung einlädt – erst recht nicht, wenn die Story, wie anfangs erwähnt, eher Beiwerk ist und den Spieler kaum bis gar nicht vorantreibt. Irgendwoher muss die Motivation kommen.

Ich habe bereits geschrieben, dass die Welt stilistisch ein Hybrid und bis zur Oberkante Unterlippe gefüllt mit Beschäftigungen gefüllt ist. Was ich aber noch nicht gesagt habe (und was sich auch in einem Text nur schlecht wiedergeben lässt) ist, wie sauwohl man sich in ihr fühlen kann. Ich habe, weil ich ein hundsgemein einfallsloser Autor bin, ein Lieblingsadjektiv für solche Gelegenheiten: stimmig. Die Welt von Risen 3 ist fragmentiert zwischen Palmen und Mischwäldern, zwischen Schwertern und Pistolen, zwischen Voodoopuppen und guten alten Feuerbällen, aber eigenartigerweise kann ich mich total in ihr verlieren.

Schön, weil nicht perfekt

Man braucht warscheinlich ein gewisses Mindset dafür, zum Beispiel, um die verschiedenen Inseln als eigenständige Welten zu betrachten. Was aber ebenfalls nicht schadet und was ich sogar als eine der großen Stärken des Spiels bezeichnen würde, ist die durchweg gelungene Präsentation. Es beginnt mit dem Erfahrungswert, den Piranha Bytes für ihre beiden Szenarien mitbringen, ihrem Gespür, beides auch nebeneinander umzusetzen.

Hinzu tritt eine wirklich ansprechende Grafik, die zauberhafte Panoramen mit atemberaubenden Weitblick zaubern kann. Raschelnde Baumkronen und bröckelnde Burgruinen werfen ihre Schatten auf üppige Gräser, Quellbäche rieseln durch kleine Gesteinsformationen – und dann wieder turnen Äffchen und krabbeln Insekten durch satte Dschungel, während der Spieler quasi schon die schwüle Hitze und die bald einsetzende Malaria zuhause zu spüren vermeint. Wenn man einen Spagat hinlegt, müssen beide Beine stabil sein, und in Risen 3 sind sie es sowohl stilistisch als auch technisch.

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Schön anzusehen, und die Umgebung ist auch nicht übel.
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Die Sprachausgabe fällt etwas durchwachsener aus – oder zumindest würde ich das sagen. Der feige Pluralismus an dieser Stelle rührt daher, dass ich seit jeher das Gefühl habe, knallharte Gothic-Fans hätten irgendwie andere Ansprüche als ich. Was in deren Lager oft gelobt wurde, stößt bei mir manchmal auf Unverständnis, und zum Beispiel hätte ich dem Spiel insgesamt eine stabilere und qualitativ weniger schwankende Sprecherleistung und Dialogregie gewünscht.

Gerade der viel zu dick auftragende Kehlkopfkrebs-Patient, der in der englischen Sprachausgabe den Helden spricht, könnte auf dem Solid-Snake-O-Meter mal ein paar Stufen zurückschalten. In der deutschen Sprachausgabe hingegen stelzen sich alle Sprecher etwas lustlos und affektiert durch die Gespräche – leider immer noch viel zu oft der deutsche Standard.

Auch der ruppige Ton der Dialoge ist etwas, das Gothic-Fans wohl gut gefällt. Mich persönlich nervt es ein wenig, dass zwanghaft alle Charaktere fluchen wie die Rohrspatzen, wohl in dem Versuch, die Welt dadurch erwachsen und kernig wirken zu lassen, was natürlich gehörig nach hinten losgeht bzw. sein genaues Gegenteil erreicht.

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Kleine Mängel tun dem tollen Gesamteindruck keinen Abbruch.
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Das alles ist der Immersion aber nicht oder nicht maßgeblich abträglich, was Bände darüber spricht, mit wie viel Kenntnis und Gefühl die Welt gearbeitet wurde. Piranha Bytes verstehen ihr Handwerk und sie verstehen ihre Spieler – selbst, wenn diese keine heterogene Masse sind, sondern versprenkelt zwischen Rollenspiel-Urgesteinen, Piraten-Fans und unbefleckten Einsteigern. Auch eine Art, mit drei Fraktionen umzugehen.

Man sieht also, Risen 3 – Titan Lords hat seine Schönheitsfehler, wird dadurch aber nicht schlecht, sondern vereinzelt sogar umso ansprechender. Eine Menge eigene Identität sorgt dafür, dass man gerne eintaucht und sogar nichtmal im Kopf den Vergleich zu anderen großen RPG-Reihen herstellen will. Risen 3 ist sein eigenes Ding, eine wundervolle Fortsetzung und auch ein saftiger Köder für all jene, an denen die Reihe bislang vorbeiging.