Beißender Wind pfeift uns um die Ohren, ein tobendes Unwetter spült Schiffsplanken und Leichen an die Küste. Wir erwachen an einem kleinen Strand, sind geschwächt und haben unsere komplette Ausrüstung verloren. Inklusive Gedächtnis. Klingt bekannt? Kein Wunder, Risen stammt aus der Feder von Piranha Bytes, den Entwicklern der Gothic-Reihe.

Nachdem das Essener Team die Gothic-Rechte an den ehemaligen Publisher JoWooD verloren hatte, war es gezwungen einen Neuanfang zu wagen, ein neues Spiel mit neuem Namen und neuem Setting zu entwickeln. Zumindest die letzten beiden Punkte haben sie dann auch verwirklicht, ansonsten, soviel sei bereits jetzt verraten, fühlt sich Risen erstaunlich bekannt an – und ist dennoch großartig geworden!

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Reise ins Unbekannte

Ein namenloser Held, eine unbekannte Vulkaninsel und ansonsten nicht sonderlich viele Informationen. Der Spielstart gleicht einem Stoß ins kalte Wasser. Nachdem der hübsche Vorspann über den Bildschirm geflimmert ist, findet man sich direkt im Spiel wieder, einen individualisierbaren Helden gibt es nicht - typisch für Piranha Bytes. Der Namenlose wird als Schiffsbrüchiger an den Strand einer mysteriösen Insel gespült. Und dort ist so einiges los: Seltsame Tempel erheben sich aus dem Boden, aus ihnen strömen ganze Horden aggressiver Bestien über das Land und machen den abendlichen Spaziergang zu einer gefährlichen Angelegenheit.

Risen - Endlich: der Gothic-Nachfolger im Testcheck

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Der neue Namenlose ist nicht minder markig als der geliebte Gothic-Held.
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Zu allem Überfluss taucht auch noch die Inquisition auf der idyllischen Tropeninsel auf und sperrt als erste Amtshandlung sämtliche Bürger per Gesetz in der Hafenstadt ein. Wer gegen diese Anweisung verstößt und außerhalb der Stadt herumlungert, darf nicht mit Gnade rechnen. Dem obligatorischen Niedergeknüppel folgt ein Transport in die Vulkanfestung, dem Hauptquartier der Inquisition, aus welchem man so schnell nicht mehr entkommt. Zwangsrekrutierung, nennt sich das dann.

Selbstverständlich gibt es Bürger, die sich das nicht gefallen lassen wollen, jene Aufständischen, die sich selbst Banditen nennen, haben sich in einem tiefen Sumpf verbarrikadiert und tun alles um der Inquisition das Leben so schwer wie möglich zu machen. Damit wären die Hauptgruppierungen von Risen auch schon erläutert. Klar – Gothic lässt schön grüßen – darf man sich beiden Fraktionen im Laufe des Spiels anschließen. Lässt man sich von der Inquisition zwangsrekrutieren, wird man im Stabkampf ausgebildet oder hat die Möglichkeit Magie zu studieren.

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Keine Inselidylle: Die Inquisition herrscht auf grausame Weise.
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Die Banditen wiederum, grobschlächtige, raue Mistkerle, setzen eher auf klassischen Axt- oder Schwertkampf. Die Fraktionswahl bestimmt die Aufgaben und Geschehnisse der ersten beiden von insgesamt vier Kapiteln maßgeblich, danach laufen beide Handlungsstränge zusammen und münden in einem einheitlichen Storyverlauf. Für ausreichend Wiederspielwert ist damit also schon mal gesorgt, wer wirklich alle Facetten von „Risen“ sehen möchte, muss das Rollenspiel zwangsläufig mehrmals angehen.

Wüste Wildschweinattacken ade

Ob man sich nun für das Schwert oder den Kampfstab entscheiden mag - das Kampfsystem ist leicht zu erlernen und dennoch fordernd. Totklicken durch Vergewaltigung der rechten Maustaste funktioniert im Gegensatz zu Gothic 3 nicht mehr, vielmehr ist aufmerksames Beobachten angesagt. Besonders humanoide Gegner blocken die Angriffe des Helden gerne ab oder erwidern Angriffsschläge mit einer Konterattacke.

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Das Kampfsystem wurde erfreulicherweise überarbietet und frustriert nicht mehr.
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Besonders zu Beginn des Spiels lassen sich Duelle nur durch geschickten Einsatz gut getimter Blocks und anschließenden Einsatz ebenfalls zeitlich abgestimmter Schlagkombinationen gewinnen. Schläge werden mit der linken Maustaste ausgelöst, Blocks mit der rechten Maustaste. Auch seitliche Hiebe sind durch Kombination mit der WASD-Steuerung möglich und lassen sich in Komboangriffe einbauen.

Das Fernkampfsystem wiederum spielt sich wie ein klassischer Shooter. Legt man Hand an einen Bogen oder eine Armbrust zoomt die Kamera über die Schulter und ein Fadenkreuz erscheint in der Bildmitte. Auch klassische Magie, wie etwa der obligatorische Feuerball, wird per Fadenkreuz gewirkt. Hier zählt eher reaktionsschnelles Klicken, cleveres Taktieren ist eher nicht gefragt.

Atmosphärisch, praktisch, gut

Durchstreifen wir die Welt von Risen, so fällt eines ganz deutlich auf: Hier waren Profis am Werk! Die Spielwelt wirkt dermaßen organisch und lebendig, dass man gerne mal für ein, zwei Minuten an einer Stelle verharrt, um die wundervolle Natur als stiller Beobachter zu bestaunen. Jeder einzelne Quadratmeter wurde von Hand modelliert, jeder Baum gezielt platziert, jeder Felsen händisch an seine Position geschleppt.

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Hach ja...an der Spielwelt konnten wir uns kaum satt sehen.
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Die Umgebung ist verwinkelt und verschachtelt, überall locken interessante Orte. Ob das nun eine zerstörte Karre ist, welche am Wegesrand liegt, ein alter, von Skeletten bevölkerter Friedhof oder eine kleine Höhle, bis obenhin befüllt mit Gold und Gemmen -, alles wirkt liebevoll und durchdacht, es gibt keine leeren Stellen in dieser Spielwelt. Die Größe hat Piranha Bytes im Vergleich zu Gothic 3 um einiges reduziert, die „Risen“-Spielwelt ist kleiner, dafür aber dichter mit Handlung befüllt.

So wie Gothic 3 hätte sein sollen: Risen ist das bisher beste Spiel aus dem Hause Piranha Bytes!Fazit lesen

Doch nicht nur die Oberfläche der Insel gilt es zu entdecken, quasi die gesamte Landschaft ist untertunnelt. Circa 40 Prozent der Spielzeit - die sich immerhin auf satte 40 Stunden beläuft - verbringt der Held unter Tage, in düsteren, unheimlichen Katakomben, gespickt mit fiesen Monstern, gefährlichen Fallen und manchen Rätseln. Apropos Monster: Zwar ist die Welt absolut frei begehbar, doch an manche Gegenden sollte man sich erst spät wagen. Starke Monster riegeln bestimmte Bereiche der Insel ab. Wer als blutiger Möchtegernheld in solche Regionen vorzudringen versucht, der wird recht schnell und oft die Todesanimation zu Gesicht bekommen.

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Es gibt viel zu entdecken: Wer abseits der Wege herumstöbert, findet immer wieder Interessantes.
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So hübsch die Welt auch gestaltet sein mag, grafisch ist „Risen“ nicht auf der Höhe der Zeit. Kantige Charaktermodelle, übertriebene Überblendeffekte und teilweise maue Texturen erinnern sehr stark an das letzte Spiel des Entwicklers, das immerhin aus dem Jahre 2006 stammt. Doch die Grafikengine hat auch ihre guten Momente, etwa wenn die Sonne durch das Palmendach scheint und das volumetrische Licht mit Godrays glänzt. Oder aber wenn die Sonne über der Insel Faranga langsam gen Horizont sinkt und die Umgebung in ein wohlig warmes, rötliches Dämmerlicht taucht. Diese Szenen untermalt von der wundervollen Musik sorgen für Gänsehautmomente.

Direkt ins Fressbrett

Die Geschichte ist wundervoll erzählt und wird von sehr guten Synchronsprechern passend in Szene gesetzt. Wer allerdings bunte High-Fantasy mit Elben und Zwergen der Marke Oblivion erwartet, ist im falschen Spiel. Hier waren die Gothic-Entwickler am Werk, und das bedeutet markige Sprüche, mit dem gewissen Ruhrpott-Charme, wie sie ihn selbst gern bezeichnen.

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Raue Sitten: In den Dialogen wirft man uns schon mal das ein oder andere Schimpfwort um die Ohren.
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In der Folge verkündet der Held schon mal gerne seinem Gegenüber „jetzt erstmal ordentlich eins auf’s Fressbrett“ zu hauen. Die Charaktere von Risen sind harte Kerle, an deren Bartstoppeln man Streichhölzer entzünden könnte. Sie trinken lieber ein starkes selbstgebrautes Bier, als sich mit Wasser abzugeben. Geraucht wird natürlich auch, und zwar nicht nur normalen Tabak - ein Grund, warum Risen in Australien indiziert wurde. Wem das alles noch nicht genug ist, der kann sich natürlich auch im Bordell für 50 Goldstücke so richtig verwöhnen lassen.

Die dafür benötigten Taler verdient man sich dabei stilecht über Aufträge verschiedenster Couleur. Die meisten Quests des Spiels beschränken sich zwar auf die im RPG-Sektor üblichen „Bringe mir 10 Wolfsfelle“- oder „Töte 5 Wildschweine“-Aufgaben, diese werden dann aber meistens in ein hübsches Storykorsett gezwängt. Dennoch, etwas mehr Abwechslung und Kreativität hätte Risen mit Sicherheit nicht geschadet.

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Leider gehen die Quests nur selten über Genrestandard hinaus.
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Dabei kann Piranha Bytes auch anders, unter den Unmengen an Aufgaben welche es zu bewältigen gibt verbergen sich echte Perlen. Wenn zum Beispiel ein zahmer Wolf als Suchhund eingesetzt wird und uns über die Insel führt, spielt Risen sein Potential voll aus. Unerwartete Problemlösungen gepaart mit einem Ausflug durch die atmosphärische Natur hätten die Highlights des Spiels werden können.

Erfrischend bugfrei

So hart die Charaktere daherkommen, so gefordert wird auch der namenlose Abenteurer. Wer in Risen jedem Kampf aus dem Wege geht, wird nicht weit kommen, Eigeninitiative ist angesagt. Man muss sich zum Jäger und Sammler entwickeln, um eine Chance zu haben. Zwar wird man irgendwann den Abspann zu Gesicht bekommen, auch ohne regelmäßig abseits des Wegesrandes Pflanzen zu sammeln und Monster zu töten, doch damit macht man sich das Leben unnötig schwer.

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Talente erlernt ihr wie gehabt bei Trainern - gegen Lernpunkte, versteht sich.
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Mit gesammelten Pflanzen kann man sich etwa kostengünstig einen leckeren Eintopf kochen und somit auf teure Heiltränke weitestgehend verzichten. Neben den klassischen Kampftalenten bietet Risen eine ganze Palette an zusätzlichen Nebentalenten an: Wer Ringe und Waffen schmieden möchte, kann dies ebenso erlernen wie das Häuten von Tieren, den Taschendiebstahl oder das Schlösserknacken.

Sämtliche Talente sind in den übersichtlichen Menüs genauestens aufgelistet, auch Listen aller Lehrer welche dem Helden etwas beibringen können sowie Questkarten mit der Position wichtiger NPCs finden sich dort. Die Menüführung erfolgt intuitiv, das Inventar ist übersichtlich geordnet. Hier hat Piranha Bytes einiges besser gemacht, als in ihren vorherigen Spielen. Nur auf der Übersichtskarte erkennt man weiterhin nur mit viel Fantasie, wo man sich eigentlich gerade befindet.

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Die Menüs sind deutlich aufgeräumter als im Vorgänger.
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Ebenfalls um Welten besser als von Gothic gewohnt: Risen ist nahezu bugfrei. Kein einziger gravierender Fehler versperrte uns den Weg zum Outro, sogar die Monster erfreuen durch gutes Balancing und sorgen für keinen Frust, wie etwa die berühmtberüchtigten Wildschweine des Todes, der Aufhänger der Gothic 3-Berichterstattung. Lediglich Kleinigkeiten wie das teilweise irritierende Kameraverhalten bei Sprüngen aus mittlerer Höhe gibt es zu bemängeln.