Hurra! Endlich bin ich Großkaufmann. Der Rat der Zehn in Venedig hat meiner Beförderung zugestimmt. Doch billig war das nicht. Senatoren sind stur, launisch und teuer. Da musste ich mein Goldsäckel lockern und reichlich Bestechungsgelder auf den Tisch klimpern lassen, um die nötigen fünf Stimmen für meinen neuen Rang zu sichern. Es stimmt halt doch: Geld ist der Schlüssel, der alle Türen öffnet. Hätte ich die Gunst der Familien allein durch Aufträge oder das Versenken von Piratenschiffen erreichen wollen - ich würde noch immer Früchte und Holz zwischen Zara und Venedig Spazieren fahren.

Rise of Venice - "Beyond the Sea" DLC TrailerEin weiteres Video

Rise of Venice ist anstrengend. Und das ist gut so. Am Aufstieg der Lagunenstadt teilzuhaben ist, als wolle man drei Dutzend Teller gleichzeitig jonglieren. Hier was drehen, dort was auffangen, rotieren, korrigieren, Scherben zusammenfegen, weitermachen. Wem Port Royale 3 auf Dauer zu simpel wurde, wird nun die Gaming-Minds-Hymne singen. Der Quasi-Nachfolger macht einiges besser: weniger Autopilot, mehr Komplexität, solides Interface, nachvollziehbare Warenkreisläufe. So soll es sein.

Für den ersten Ausflug in die Wirtschaftswelt des Mittelmeers bietet sich die Kampagne an. Ihr schlüpft in die Rolle des jungen Giacomo Da Narni, der seinem Vater am Sterbebett verspricht, ein erfolgreicher Händler zu werden. Durch Aufträge und geskriptete Ereignisse werdet ihr dann für den Geschäftsalltag fit gemacht, bevor die Kampagne in ein freies Spiel umgewandelt wird. Letzteres könnt ihr auch separat im Hauptmenü starten und dann alles nach Belieben justieren, vom Startkapital, der Einwohnerzahl, den Preiskurven und den Zufallsereignissen bis hin zur Piratenaktivität oder dem Preisverfall von Waren. Ebenfalls möglich sind Ranglisten-Spiele mit festen Zielbedingungen sowie Mehrspielergefechte im lokalen Netzwerk oder dem Internet.

Rise of Venice - Wer braucht schon Urlaub am Mittelmeer? Uns lockt Profit!

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Auch aus der Nähe sieht dieses Venedig für eine WiSim erfreulich gut aus. Der Waldbrand rechts trübt das Idyll freilich ein wenig.
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Dreh- und Angelpunkt ist die große Seekarte. Hier wird vom Gesamtüberblick herangezoomt, bis man die Details der einzelnen Städte ausmachen kann. Für eine Wirtschaftssimulation zaubert die Engine von Rise of Venice bemerkenswert hübsche Nahansichten auf den Bildschirm. In den Städten wuselt es, Flaggen flattern im Wind, fein ausmodellierte Schiffe mit fleißigen Matrosen schaukeln sanft im Wellengang des Mittelmeers, flirrende Hitze kündet einen verheerenden Waldbrand an, Stürme peitschen mit Blitz und Donner an die Küste - da lässt man doch gern mal den Blick von den Bilanztabellen hin zum Mittelmeerpanorama schweifen, bevor man sich wieder dem Geschäftsalltag zuwendet.

Wirtschaft in Handarbeit

Doch genug des grafischen Schnickschnacks, kommen wir zu Brot und Butter von Rise of Venice: dem Handel. Fässer mit Baumwolle, Hanf, Honig, Farbstoffen, Weizen und 17 anderen Gütern füllen die Bäuche eurer Konvois. Günstig einkaufen, teuer verkaufen bringt Profit, solange man Angebot und Nachfrage und die laufenden Kosten im Auge behält. Um in einer der 25 Städte überhaupt handeln zu dürfen, müsst ihr dort zunächst eine Konzession erwerben. Schon das kann sehr teuer werden und wenn die Stadt mit Genua im Bunde ist statt mit Venedig, bleibt euch nur eine immense Bestechung, damit man euch den Handel erlaubt.

Packshot zu Rise of VeniceRise of VeniceErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Auf dem Marktplatz verschiebt ihr die Waren per Regler und könnt dank deutlicher Zahlen und vier kleiner Marker auf Seiten der Stadt sofort sehen, wie es um den lokalen Vorrat und den Preis einer Ware bestellt ist: Vier rote Marker signalisieren akuten Mangel, vier grüne extremen Überschuss.

Rise of Venice überzeugt durch sein solides Wirtschaftssystem mit nachvollziehbaren Warenkreisläufen.Fazit lesen

Doch so simpel das klingt, so komplex und dynamisch sind die Auswirkungen im Hintergrund: Ist der Markt für eine Ware fast leer gefegt und alle Anzeigen rot, dann ist ihr Preis auf dem Höhepunkt und es lohnt sich, genau diese Ware zu verticken. Das spült nicht nur Geld in eure Kassen, dadurch belebt ihr auch das Wachstum der Stadt, ermöglicht die Produktion anderer Waren und steigert eure Beliebtheit.

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Seeschlachten spielen sich frickelig, doch wer den Bogen raus hat, darf sogar Schiffe kapern.
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Letzteres ist wichtig, denn nur mit ausreichender Beliebtheit dürft ihr ein Kontor in der Stadt eröffnen, in dem ihr Waren einlagert und handelt und das Voraussetzung für eigene Betriebe ist. Erst ab 100 Prozent Beliebtheit dürft ihr Sondergebäude wie Schulen, Kirchen und Spitäler bauen. Man sollte es sich also nicht mit den Einwohnern verscherzen. Kauft ihr trotz vier roter Marker den letzten Vorrat einer Ware auf, sinkt eure Beliebtheit, weil der Wohlstand leidet und die lokalen Betriebe und die Bevölkerung darben. Das kann man sich freilich zu Nutze machen, wenn die Konkurrenz hier produziert - flugs deren Lager leer räumen und den Notstand herbeiführen (was sogar als Mission angeboten wird).

Vier grüne Balken sind allerdings auch kein Grund zu Jubeln: Dann liegt der Warenpreis am Boden und sogar unter dem Produktionspreis. Gut für Käufer, schlecht für die Betriebe, die nun ihre Arbeiter reduzieren. Wer keine Arbeit hat, zieht weg. Eine gesunde Stadt bewegt sich also zwischen einer und zwei grünen Anzeigen - dieses Gleichgewicht zu waren ist Aufgabe des Handels also eure. Dass den Entwicklern der Spagat zwischen einem nachvollziehbaren, plausiblen Warenkreislauf und einer ausgezeichneten Bedienbarkeit gelungen ist, verdient großes Lob. Die Übersichtsfenster mit den diversen Statistiken wurden zwar auf mehrere Tasten verstreut, aber mit etwas Routine behält man problemlos den Überblick über sein Wirtschaftsimperium.

Es ist eine der großen Stärken von Rise of Venice, dass euch die Entwickler dabei wieder mehr Eigenverantwortung zumuten. Es ist nicht mehr so einfach, automatisierte Handelsrouten auf Dauer profitabel zu halten. Selbst wenn man seine Kontore scheinbar optimal eingestellt hat, die Betriebe brummen, der Wohlstand der Städte gesichert sein sollte und die Konvois emsig von Hafen zu Hafen schippern, kann eine Menge schiefgehen.

Da gibt es Piraten, Seuchen, Erdbeben, Hungersnöte, Brände, ja sogar Vulkanausbrüche. Konkurrenten lassen eure Lager plündern oder sorgen durch fiese Intrigen für ein Einfahrtsverbot im Hafen. Spendet ihr nicht regelmäßig an die Kirche, exkommuniziert der Papst ganze Städte, was deren Wohlstand verringert. Die komplexen Zahnräder des Wirtschaftssystems sind anfällig für derartigen Sand im Getriebe, weshalb man stets ein waches Auge auf die Warenströme halten muss. Der Bankrott kommt schneller als man denkt. Bleibt am Ende nur noch der Gang zum Geldverleiher mit seinen Wucherzinsen, hat man definitiv etwas falsch gemacht.

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Das war wohl nix. Der Rat der Zehn hat eure Beförderung abgelehnt. Nur wer im Rang aufsteigt darf wertvolle Güter handeln und im Senat mitmischen.
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Familien im Clinch

Richtig kompliziert wird die Angelegenheit, sobald die Politik mit ins Spiel kommt. Denn ihr wollt ja nicht nur Geld scheffeln, sondern Karriere machen. Habt ihr genug Vermögen angehäuft, könnt ihr den Senat abstimmen lassen, ob ihr im Rang aufsteigt und wertvollere Waren handeln dürft oder an politischem Einfluss gewinnt. Es ist ein langer Weg vom Krämer, der mit seiner Nussschale ein paar Fässer verkauft, bis zum Herzog mit festem Sitz im Rat der Zehn, der am Ende sogar zum Dogen gewählt werden kann.

Eurer Familie Einfluss und Macht zu sichern ist angesichts der launischen Senatoren alles andere als einfach. Jedes Ratsmitglied weiß andere Dinge zu schätzen - ob ihr nun Piraten versenkt, Betriebe aufbaut, Spitäler errichtet, die Konkurrenz sabotiert oder Handelsbeziehungen pflegt - jede Tat wirkt sich auf euer Ansehen im Rat aus. Wenn das nicht reicht, bleiben euch direkte Aufträge der Ratsmitglieder oder Bestechung. Auch Heitrat ist eine Option, wenn ihr weit genug aufgestiegen seid. Allerdings sind auch Konkurrenten unterwegs, die ebenfalls an die Spitze wollen. Sitzt so einer vor euch im Rat, agiert er gezielt gegen eure Bemühungen. Ein paar zusätzliche Optionen zur Interaktion mit den Ratsmitgliedern oder Familien wären wünschenswert gewesen, doch letztlich picke ich hier Rosinen.

Wie gut, wenn man sich bei all dem politischen und wirtschaftlichen Geplänkel auf seine Familie verlassen kann. In eurer Residenz in Venedig findet ihr euren Stammbaum. Die Familienmitglieder lassen sich für allerlei Aufgaben einsetzen. Manche steigern als Missionare eure Beliebtheit in ausgewählten Städten oder kurieren dort als Ärzte Seuchen. Andere sind erfahrene Kapitäne, was einen großen Vorteil bedeutet, wenn ihr sie einem neuen Konvoi zuweist. Hier gewinnen sie mit der Zeit Erfahrung und erhalten Attributspunkte, die ihr in Boni investieren könnt. Punkte bei "Navigator" steigern eure Geschwindigkeit auf der Seekarte, "Händler" reduziert die Liegezeiten von Schiffen auf Handelsmission, "Schiffbauer" senkt die Kosten für Reparaturen, die mit der Zeit durch Verschleiß und Scharmützel mit Piraten nötig werden.

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Der Marktplatz wirkt auf den ersten Blick so charmant wie eine Excel-Tabelle, überzeugt aber durch ein durchdachtes Interface.
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Seekämpfe sind im fortgeschrittenen Spielverlauf an der Tagesordnung. Ob ihr nun gegen Piraten ins Gefecht zieht, selbst Konvois überfallt oder gar den Hafen einer Stadt blockiert - schlagkräftige Geleitschiffe mit starken Kanonen und genügend bewaffneten Matrosen an Bord sind das A und O auf hoher See. Ihr könnt solche Schlachten entweder automatisiert ablaufen lassen, wenn ihr deutlich überlegen seid, oder ihr steuert selbst die Schiffe mit Maus und Tastatur.

Letzteres wirkt gut gemeint, spielt sich aber zu frickelig, um wirklich Spaß zu machen. Die Schiffe per rechter Maustaste auf Kurs zu bringen, zu feuern und den Rest der Geleitflotte zu koordinieren ist umständlich gelöst. Da bevorzuge ich die automatisierten Kämpfe, deren Ergebnisse auf Basis der Schiffsstärken durchaus plausibel erscheinen. Einziger Wermutstropfen: Feindliche Schiffe kapern kann man nur manuell.