Nach dem überhaupt nicht erstaunlichen Erfolg des Tomb-Raider-Reboots vor zwei Jahren gibt sich Frau Croft erneut die Ehre und die Disc des Nachfolgers dreht sich momentan in so mancher Heimkonsole. Es wird aufs Deftigste geschossen, geklettert, erforscht und überlebt – und unweigerlich stellt sich die Frage: Wie viel genau hat das eigentlich mit Archäologie zu tun?

Quasi gar nichts, klar, um das zu wissen, müsst ihr diesen Artikel hier nicht lesen. Aber wie viel „echte Archäologie“ steckt vielleicht doch in Rise of the Tomb Raider? Und außerdem: Auch, wenn wir alle wissen, dass Archäologen nicht dasselbe wie Lara machen – was machen sie denn dann eigentlich?

Bei gamona befinden wir uns in einer eigenartigen, aber für diese Frage sehr vorteilhaften Situation: Wir haben einen Archäologen bei uns zu sitzen. Unser lieber Kollege und Freund Marco Dehner, Redakteur bei unseren Partner-Seiten starwarsplanet.de und worldofwar.de, hat nicht nur Archäologie studiert und abgeschlossen, sondern auch viele Jahre aktiv in dem Feld gearbeitet, mit einem Schwerpunkt auf Ausgrabungen in Jordanien. Wir haben uns deshalb mit Marco zusammengesetzt... also, wir sitzen ja eigentlich jeden Tag mit ihm zusammen... jedenfalls haben wir ihm ein paar Fragen dazu gestellt, wie das Studium und die Arbeit als Archäologe so ist und auch ein paar Vergleiche zu Lara gezogen.

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gamona: Wie bist du zur Archäologie gekommen?

Marco: Das war pures Interesse an der Geschichte und den materiellen Gütern. Vor allem antike Architektur und die darum existierenden Fragen und Geheimnisse haben mich interessiert.

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gamona: War es schon immer ein Wunsch? Was reizt dich an dem Fach?

Marco: Seit dem ersten Besuch einer antiken römischen Stätte wollte ich gern Archäologe werden. Das Interessante an dem Fach? Geheimnisse und verlorengegangenes Wissen wiederzuentdecken – aber auch aus dem bereits vorhandenen Wissen zu schöpfen und vieles über die Geschichte der Menschheit zu erfahren. Es ist faszinierend zu sehen, dass wir heute nicht wirklich so viel weiter sind, mit Ausnahme einiger Technologien, als zum Beispiel die alten Griechen und Römer.

gamona: Welche Voraussetzungen brauchtest du für dein Studium? Sprachkenntnisse, praktische Erfahrung, Numerus Clausus?

Marco: Abgeschlossenes Abitur. Einen Numerus Clausus gab es damals nicht, da es nur ein sehr kleiner Studiengang war (und ist) und viele, die sich dafür eigentlich interessieren, dann aus verschiedenen Gründen lieber etwas "Anständiges" studieren.

Ein sehr großes Interesse an Geschichte generell ist natürlich ein Vorteil. Sprachen? Je nach Fachgebiet sollte man sich mit den modernen Sprachen beschäftigen, die im jeweiligen Land gesprochen werden. Ansonsten auch mit den alten Sprachen. Zum Beispiel Altgriechisch und Latein für Klassische Archäologie.

Rise of the Tomb Raider - Wie viel Archäologie steckt in Tomb Raider? Wir fragen jemanden, der es wissen muss

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Wenn er nicht gerade über Videospiele schreibt, fängt Marco wie hier am Löwen-Greifen-Tempel in Petra (Jordanien) etwas Vernünftiges mit seinem Leben an.
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gamona: Worin bestand dein Studium hauptsächlich?

Marco: Ich habe Kurse zu verschiedenen Themengebieten der griechischen und römischen Antike besucht, Architekturvorlesungen und Kurse über die verschiedenen materiellen Kulturen (also physische Medien wie Keramik, Skulptur und Malerei) und ich habe Latein, Griechisch und Italienisch gelernt. Ich habe mich im Selbststudium interessanten Themengebieten gewidmet, Vorträge vorbereitet und Hausarbeiten erledigt. Praktisch habe ich an Ausgrabungen teilgenommen.

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gamona: Wie sah es nach dem Studium mit der tatsächlichen Arbeit aus? Wie ist das Verhältnis von Feldarbeit zu "Büroarbeit" bzw. zu Forschung mit Literatur und dergleichen?

Marco: Feldarbeit ist das spannendste überhaupt, da man nie im Vorfeld weiß, was einen erwartet, wenn man z.B. eine Ausgrabung durchführt. Also heißt es: Spaten in den Boden, teilweise Sand durchsieben, Oberflächen putzen, Funde aufnehmen, katalogisieren, fotografieren, Vergleichen, Hypothesen aufstellen.

Letztlich muss man auf eine Grabungskampagne von einem Monat mindestens sechs Monate Aufarbeitung rechnen, je nach Fundmenge und Teamgröße. Denn: Archäologie ist Teamarbeit, also Zusammenarbeit mehrerer Spezialisten, die alle am besten unterschiedliche Schwerpunkte haben, z.B. im Bereich der materiellen Fundgattungen.

Archäologie kann auch aus Survey bestehen, einer Oberflächenbegehung. Hierbei werden alle Oberflächenfunde registriert, damit man eine Idee bekommt, ob es sich an diesem Ort lohnen würde zu graben oder andere Methoden zur Erforschung anzuwenden. Neben Kleinfunden werden hierbei auch Strukturen erforscht.

In besonderen Gegenden werden natürlich auch Gräber erforscht, in denen man auf vielfältige Zeichen achten muss. Neben der eigentlichen Grablage ist auch die Gestaltung des gesamten Baus oder der Grabhöhle zu untersuchen – Inschriften, antike Graffiti, Zeichnungen. In der Regel sind die Gräber selbst allerdings schon geplündert, sodass man Schätze nur in den seltensten Fällen erwarten kann. So trifft man neben Knochen vor allem auf Keramik (meist Scherben – ganze Gefäße sind in aller Regel schon geraubt worden), einzelnen Schmuck (Ohrringe, Ketten), aber nur in den seltensten Fällen auf Gold oder reiche Ausbeute. Die Funde werden dann registriert und kommen zur Aufarbeitung in Depots, bis sie genauestens dokumentiert werden.

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Die Tomb-Raider-Reihe schmückt sich gern mit ihrem archäologischen Hintergrund, doch wie viel steckt wirklich hinter der hübschen Fassade?
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gamona: Kann man von Archäologie leben?

Marco: Wenn man ein gutes Projekt oder eine der wenigen rentablen Stellen bekommt, kann man von Archäologie leben. Ansonsten gibt es kaum unbefristete Stellen und der normale Archäologe muss sich mit Stellen zufriedengeben, die zwischen einem und drei Jahren Befristung aufweisen. Dann geht das Bewerben wieder von vorne los.

Ähnlich sieht es mit Fördergeldern aus, um entsprechende qualifizierende Arbeiten (wie Promotion und Habilitation) zu schreiben. Es gibt genügend Stiftungen, die einem finanzielle Unterstützung gewähren. Aber auch hier wieder: Nur zwischen einem und drei Jahren.

Man sieht also: Wer also auf sicheres Einkommen nicht verzichten will, der sollte idealerweise nicht Archäologe werden.

gamona: Birgt Archäologie Gefahren?

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Der Nathan-Drake-Darsteller für die Uncharted-Verfilmung ist gefunden: Marco Dehner.
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Marco: Und ob! Schlangen, Skorpione, wilde Tiere und natürlich auch Menschen, letztere vor allem in Krisengebieten. Absturzgefahr besteht auch immer wieder, genau wie die Gefahr des Einsturzes alter Strukturen. Aber alle Gefahren sind berechenbar und nicht anders als für den normal lebenden Menschen in der Region.

Je nach Region kann es zu besonderen Gefahren kommen (zum Beispiel im Nahen Osten), die allerdings von den örtlichen Sicherheitsbehörden auf ein Minimum reduziert werden. Ist die Gefahrenlage zu groß, dann werden Projekte nicht genehmigt und finanziert.

Kein Archäologe darf ohne Genehmigung entsprechender staatlicher Stellen seinen Forschungen nachgehen, egal ob in Europa, Asien, dem vorderen Orient oder Lateinamerika. Es gibt immer eine Behörde, die man informieren muss und von deren Zustimmung alles abhängt.

Hat man diese nicht und fängt an zu graben, ist dies eine sogenannte Raubgrabung. Die Gefahr hierbei ist dann ganz einfach, dass man ins Gefängnis kommt, denn man darf Funde nicht mehr einfach so exportieren.

gamona: Kannst du eine Schusswaffe, einen Bogen oder ähnliches bedienen? Gab es Situationen in deiner Arbeit, in denen eine Waffe sinnvoll gewesen wäre?

Marco: Nein! Es gab auch noch nie die Notwendigkeit, eine Waffe einzusetzen. Tieren kann man ausweichen und ich hab ja schon erwähnt, wie die Gefahren minimiert werden. Ich war viel in Jordanien tätig, und meine persönliche Erfahrung war: Obwohl der vordere Orient ein turbulentes Gebiet ist, war es sicher für Archäologen, sofern man mit der einheimischen Bevölkerung eine gute Verständigung hat. Kommunikation ist das A und O.

Es gibt auch Regionen, in denen man von einheimischen "Truppen" vor eventuellen Räubern beschützt wird. Und ja, es gibt gefährlichere Gegenden, aber in diesen ist man nur unterwegs, wenn das Sicherheitsrisiko kalkulierbar bleibt. Deswegen wird zum Beispiel seit fünf Jahren kein Projekt mehr in Syrien genehmigt.

gamona: Wie ist dein Eindruck von fiktionalen Archäologen wie Lara Croft?

Marco: Lara Croft? Ist ein spannender Charakter, der einen archäologischen Hintergrund mitbringt, allerdings genau wie Indiana Jones eher an einen Schatzjäger erinnert. Das ist aus narrativer Sicht höchst spannend, hat aber mit professioneller Archäologie nichts zu tun. Deswegen ist es umso spannender zu beobachten, wie in Rise of the Tomb Raider archäologische Inhalte und Themen angesprochen werden – wenn zum Beispiel Hintergrundgeschichten zu Artefakten eingewoben sind und wenn es einen Realitätsbezug gibt.