Mit der 2013 erschienenen Tomb-Raider-Neuauflage ha das Team von Crystal Dynamics eine Wahnsinnsleistung erbracht. Mit viel Mut und harter Kante formten sie aus der seit 1996 unveränderten Pumpbusen-Ballerbraut Lara Croft einen echten Charakter; ein Mädel, ebenso cool wie menschlich, das über sich hinaus wächst. Immer wieder tröstete mich Lara über die Schwächen des eigentlichen Spiels hinweg: die Quick-Time-Events und die doofen Rätsel etwa. Solch Trost soll Lara in Rise of the Tomb Raider nicht mehr spenden müssen, sondern sich vollends das Abenteuer konzentrieren. Denn der Überlebenskampf in Sibirien soll noch mehr Charakter bieten und gleichzeitig vieles besser machen, das in der Neuauflage unter das Klettereisen kam.

Eigentlich ist Lara ein psychologisches Wunder: Die junge und unerfahrene Archäologin Lara hat einen Schiffbruch irgendwo im Nirgendwo nur knapp überlebt. Kaum auf dem einsamen Einland Yamatai gestrandet, wird sie gefangen, von wahnsinnigen Banditen verfolgt, von Kultisten gejagt und mit übernatürlichen Mächten konfrontiert. Ihre Kollegen und Freunde werden ermordet. Die 21-Jährige selbst muss töten, um nicht getötet zu werden. Sie ist zerschunden, erträgt Kaskaden von Schmerz und Pein. Eigentlich hätte das junge Mädel nach ihrer Flucht in hysterisches Gelächter ausbrechen und mit einem Trauma ins Irrenhaus eingewiesen werden müssen, wo im Dunkel der Nacht ihr Wimmern in den Gängen hallt.

Oder zumindest eine posttraumatische Belastungsstörung wäre angebracht, wegen der sie bei jedem Klopfen des Pizzaboten reflexartig ihren Kletterpickel zückt. Aber Lara Croft ist nun mal Lara Croft. Zwar hat sie sich, so ließ Crystal Dynamics im ersten Trailer durchblicken, auf die Couch eines Seelenklempners gewagt, doch schlussendlich hat ihr erstes Abenteuer den Drang nach mehr geweckt. Sie will den damals absurd scheinenden Mythen nachforschen, die ihr ihr Vater einst vor dem Zubettgehen erzählte – und sich und anderen beweisen, dass das, was sie erlebte, keine Wahnvorstellung war.

Rise of the Tomb Raider - Geschichten aus der Gruft

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 66/711/71
Rise of the Tomb Raider ist vorerst Xbox-exklusiv. Auch wenn nicht bestätigt, dürfte der zweite Teil der Neuauflage aber ebenfalls für PlayStation-Spieler erscheinen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Kaum war die junge Lara wieder in Sicherheit, steht sie nun auf einem schroffen Berg inmitten der sibirischen Eiswüste. An ihrer Seite Jonah Maiava, Koch und Mitüberlebender des Chaos von Yamatai, und seitdem treuer Weggefährte. Von eiskalten Winden umweht überblicken beide eine Landschaft aus Fels und Schnee: in der Ferne lockt ein goldener Schimmer. Was Lara und ihren Begleiter hier herführt, ist die Legende von Kitezh. Schon kurz nach ihrer Heimkehr vergrub sich die Archäologin in Bibliotheken. Sie suchte nach Anhaltspunkten für Mythen, ähnlich dem Irrsinn, dem sie auf der Insel begegnete und stieß dabei auf diese russische Legende: Kitezh, oder zu deutsch Kitesch.

Dies soll eine Stadt sein, die im 13. Jahrhundert vom Großfürst Juri II tief im sibirischen Nischni Nowgorod errichtet wurde; eine Stadt des Glaubens: filigran, friedfertig, ohne Mauern oder Wehranlagen. Als der Mongolenführer Batu Khan davon erfuhr, ließ er seine beutegierige Armee aufsatteln und losreiten. Nachdem die goldene Horde vor der Stadt hielt, rüsteten sich die Bewohner von Kitezh jedoch nicht zum Kampf, sondern wandten sich an Gott. Dieser erhörte sie. Wasser ergoss sich aus den Boden rings um die Stadt und bildete einen See, in dem Gebäude, Menschen und deren Schätze verschwanden. Ein russisches Atlantis, dessen fromme Einwohner bis zum heutigen Tag in ihrem Unterwasserparadies weiterleben würden.

Rise of the Tomb Raider - Geschichten aus der Gruft

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden5 Bilder
Lara wird erneut nicht geschont, sondern muss auch diesmal einiges an Schmerz, Pein und Prügel einstecken. Allerdings setzt sie ebenso ihre Transformation fort: wird vom Opfer zur Jägerin.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ganz allein

Der goldene Schein in Ferne markiert das Ziel. Doch bis dorthin ist es noch weit. Mit Kraft und Ausdauer müssen die Abenteuer erst den Berg überwinden. Jonah kraxelt voraus, Lara hinterher. Behände schwingt sie sich mit einem Seil von einer glänzenden Eiswand zur nächsten und wuchtet sich mit zwei Eispickeln höher und höher, während sich dunkle Sturmwolken am Himmel zusammenziehen. Ein kurzer Rutsch, sie fängt sich wieder und zieht sich zu Jonah auf eine Anhöhe. Doch plötzlich kracht und donnert es. Eine brutale Lawine aus Schnee, Eis und Gestein rauscht aus dem Nichts herab; trennt die beiden Abenteurer wie ein Keil.

Tatsächlich hat Crystal Dynamics hier die Chance, Lara und Tomb Raider zur Ikone einer neuen Spielergeneration zu erheben.Ausblick lesen

Lara wirft sich über eine Gletscherspalte, verliert Jonah aus den Augen. Sie rennt um ihr Leben, wetzt durch die Innereien eines Jahrzehnte alten Flugzeugwracks, … weiter und weiter. Aber die rollenden Schneemassen holen auf und spülen sie einen Abhang hinab. Eine Szene, die an die Flucht aus dem brennenden Tempel im Reboot denken lässt. Mit bloßen Händen gräbt sie sich aus der weißen Masse ins Freie und hört plötzlich Jonahs Stimme aus ihrem Funkgerät knarzen. „Geh wieder zurück. Das ist etwas, das ich alleine tun muss“, antwortet sie jedoch völlig außer Atem und macht sich auf den Weg durch die eisige Wüste... alleine.

Einen echten Gewaltmarsch bringt die 22-Jährige hinter sich, bis sie sich eine letzte Anhöhe hoch kämpft und erblickt, was sich hinter dem goldenen Schimmern verbirgt. Keine strahlende Stadt, sondern eine verlassene Militärinstallation der Sowjetarmee, ein Relikt des Kalten Krieges: rote Klinkerbauten, eine Radarkuppel, ein Wassersturm, eine Förderanlage und samt Minenschacht, alles umweht von Schneegestöbern und eingerahmt von kleinen Wäldchen und einem forschem Gebirgsmassive. Soll hier Kitezh liegen? Was genau hofft Lara hier zu finden? Erst einmal unklar.

Allerdings ist die Grabräuberin nicht die einzige, die sich dafür interessiert. Ein Hubschrauber schwirrt über sie hinweg, als sie langsam Richtung Tal stolpert. Auf seiner Seite prangt das Logo der Trinity-Gruppe, einer mysteriösen Organisation, die bereits seit Jahrzehnten übernatürlichen Artefakten nachspürt – und, wie aus den GPS-Caches bekannt, selbst auf Yamatai einen Agenten hatte. Dazu streifen bewaffnete Trinity-Agenten in den Eingeweiden der Militärruinen umher, durchkämmen gleichsam die alten Anlagen und werden nicht gut auf andere Spürnasen zu sprechen sein. Doch was sie auch suchen: Miss Croft muss ihnen zuvorkommen.

Rise of the Tomb Raider - Geschichten aus der Gruft

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 66/711/71
Die Grafik von Rise of the Tomb Raider ist hübsch anzuschauen. Vor allem die großen Umgebungen wirken lebendig und weit. Jedoch mögen bisherige Szenen in Sachen Texturen und Detailtiefe nicht ganz mit kommenden Konkurrenten wie Uncharted 4 mithalten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Größer und dynamischer

Wie das Tomb Raider von 2013 ist auch Rise of the Tomb Raider keine Open-World-Erfahrung, bietet aber statt einer abgegrenzten und in Teile gegliederten Insel mindestens zwei separate Landstriche mit etlichen Hub-Arealen. Eines, klar, eben Sibirien, beim anderen ist Crystal Dynamics noch ein Geheimniskrämer, versichert jedoch, dass Lara hier nicht mit dicker Daunenjacke herumstreunen muss. Jedoch auch innerhalb der Hub-Areale wie der Militärbasis soll mehr Abwechslung, Dynamik und Gefahr herrschen. Alleine schon, da diese unberechenbarer und zwischen zwei- und dreimal so groß ausfallen wie einst Shantytown oder das Bergdorf auf der Gruselinsel.

In den Waldarealen um den Sowjetstützpunk treiben sich etwa Wölfe und Grizzlybären herum, die je nach Tages- oder Nachtzeit mit knurrendem Magen aus ihren Höhle kommen – und gerne ein Stück von der leckeren Lara abbeißen würden. Ganz zufällig kann auch von einer Minute auf die andere ein grässlicher Schneesturm losbrechen, der die Umgebung in undurchsichtiges Weiß kleidet und ein unheimliches Heulen ins Ohr presst, das Tier und Mensch in Sicherheit fliehen lässt. Die Welt selbst, so Crystal Dynamics Intention, sei der härteste Gegenspieler; einer unter dem Lara leidet, der ihr Schmerzen zufügt, den sie aber alsbald als Verbündeten erkennt.

… einen, den kann sie brauchen. Ja, Lara ist eine Powerfrau, kann aber nicht viel einstecken. So ist Einfallreichtum gefragt, wenn sie Tirnity-Agenten ausschlachten muss. Mit Kletteraxt in der Hand einfach losstürmen? Wohl kaum. Stattdessen kann sie nun in Büschen lauern, auf Bäume klettern und unter Wasser tauchen – von dort aus Gegner schnappen und mit ihrem Bogen erdrosseln. Wer geduldig ist, wartet bis Nebel oder Regen aufzieht. Gegner, die sonst in Sichtweite wären, können dann nicht sehen oder hören, wenn ihr Kamerad von Lara ächzend hopsgenommen wird.

Rise of the Tomb Raider - Rise of the Tomb Raider - Muss sich Uncharted 4 warm anziehen?9 weitere Videos

Mit einem gut platzierten Funkgerät, lockt sie eine ganze Gruppe Trinity-Wächter in die Pranken eines Bären oder direkt zu einem Benzinkanister, der mit einem gezielten Schuss zur Explosion gebracht wird. Und konnte sie im letzten Spiel ihre Waffen schon aufrüsten und aus gefundenem Krams nützliche Hilfsmittel basteln, ist dies nun ein wirklich sinnvolles Craftingsystem. Im Wald gefundene Kräuter werden in Kombination mit einem Stofffetzen zum Heilverband. Mit toxischem Kraut werden Pfeile zu Giftgeschossen.

Aus Seil und Metall konstruiert die Überlebenskünstlerin eine Falle. Und geht’s über einen Abhang, wird an die Kletteraxt einfach ein Seil angebunden. Mehrere Bögen mit ganz eigenen Vor- und Nachteilen kann sich die junge Dame zusammenschustern. Und was eine Flasche, Benzin und Stoff ergeben, das weiß wohl jeder. Lara Croft wird von der Überlebenden zur harten Jägerin, stark, unabhängig, einfallsreich.

Rätselei am Wegesrand

Während sich Lara nach um nach durch die rostenden und verrostenden Sowjetüberreste kämpft, wird klar, was die Trinity-Gruppe sucht. Eine Karte soll hier versteckt sein, die einen Schlüssel zur Entdeckung des russischen Atlantis darstellt. Genaueres bleibt vorerst im Schatten. Und sowieso ist dies nur der Auftakt zu Laras ersten selbstgewähltem Abenteuer, das aber auch am Rande der eigentlichen Geschichte mehr bieten soll, um seinem Titel gerecht zu werden. Gemeint ist die Grabräuberei. Ein Element, das die Tomb-Raider-Fans spaltete.

Die einen liebten die Gräber in der Neuauflage, die anderen hassten sie. Tatsächlich erschienen sie vielen Spielern eher wie gezwungen integrierte Rätselkammern, die mit ihren allzu simpel gestrickten Feuer-, Wind-, Strom-, Gewicht-Puzzles zwar kurzzeitig unterhielten, aber später nervten, sich schlicht nicht geschmeidig in den Spielfluss einfügen wollten. Das Potential war da, wurde aber nicht mal im Ansatz ausgespielt. In Rise of the Tomb Raider soll das anders werden. Es wird mehr und gleichzeitig kreativere Gräber geben, versprechen die Macher. Die sollen mit durchdachten, längeren und logischen Puzzlesequenzen fordern und nicht irgendwelche gekünstelten Tricks abverlangen, sondern auf den Erfahrungen der Spieler in der Hub-Welt aufbauen.

Rise of the Tomb Raider - Geschichten aus der Gruft

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden5 Bilder
Abseits von Sibirien verschlägt es Miss Croft noch an einen gänzlich anderen Punkt auf dem Globus, dessen genaue Lage noch geheim ist. Doch eine Kirche im Fels? Könnte Ostasien, Äthiopien oder ein Land im Norden Afrikas sein.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

In den neuen Gräbern würde logische Physik-, Timing- und Kombinationsgabe verlangt – dadurch sollen sie fast dem Charme der Original-Tomb-Raider-Rätsel nahekommen. Teils würden sich gar mehrere einzelne Rätselkomplexe zu einem großen Gesamtmechanismus zusammenschließen, so dass der Spieler, wenn hängengeblieben, an einem anderen Ende weiterarbeiten kann. Clever.

Auch der Sammeltrieb der Spieler wie auch Laras Wissensdurst wird angefixt. Die GPS Caches aus Tomb Raider, die wenn gefunden, Hintergrundinfos und Punkte bringen, wird es wieder geben. Weiterhin wird Lara auf ihrem Weg aber gleichsam über altertümliche Obelisken stolpern. Auf den hohen Säulen prangen merkwürdige Inschriften, die zunächst als schräges Kauderwelsch erscheinen. Über den Spielverlauf entdeckt die Forscherin jedoch altertümliche Manuskripte und Aufzeichnungen früherer Abenteuer, die teils Jahrhunderte vor ihr nach Kitezh suchten, scheiterten, aber dennoch Teile der Rätsel auf Laras Pfad entziffern konnten. Nach und nach würden so die Gravuren der Säulengebilde leserlich und ihre Geheimnisse offenbar – was das nun für welche sind: klar, noch streng geheim.

Rise of the Tomb Raider - Geschichten aus der Gruft

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 66/711/71
Was das Waffenarsenal angeht, wird Rise of the Tomb Raider mehrheitlich auf Bewährtes setzen: Bogen, Pistole, Gewehre. Jedoch sollen sich diese nun flexibler und dynamischer aufrüsten und aufwerten lassen. Vor allem bei den Bögen soll große Variabilität herrschen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die neue alte Lara

Auch wenn die Tomb-Raider-Neuauflage einer der erfolgreichsten Teile der Serie war, die Reihe samt ihrer Heldin neu erfand: für die Entwickler von Crystal Dynamics war es nicht zuletzt auch ein brutaler Kraftakt. Die fast fünfjährige Entwicklungszeit, etliche verworfene Ideen, gescheiterte Ansätze und vor allem die sogenannte Crunch Time – das brutale Hinarbeiten auf eine termingerechte Veröffentlichung – zehrte an den Nerven und laugte die Macher aus. Ein Bild, das sich in Laras Kampf widerspiegelt, der sie am Ende zermürbt, geschunden, aber um viele Erfahrungen reicher zurückließ.

Nicht alles in Tomb Raider wurde so wie gewünscht, nicht alles so perfekt, wie es hätte sein und werden können. Bei Rise of the Tomb Raider schauen die Macher nun erholt und mit einem frischen, ungetrübten Blick auf ihr Auftaktwerk. Betrachten genau, was anders hätte laufen müssen oder können, jetzt besser werden muss und laut den Fans einfach nicht hinein oder überarbeitet gehört. Und wahrlich sieht es so aus, als würde Miss Croft hier jetzt mit gezieltem Schritt und wohl vorbereitet in ein großes Abenteuer schreiten, in das sie in Tomb Raider noch taumelnd und schlotternd hineingestoßen wurde.