Jason ist ein echter Pechvogel. Der König von Iolkos verliert an seinem Hochzeitstag seine geliebte Frau Alkmene durch feige Meuchelmörder. Um sie wieder ins Leben zurückzuholen, macht er sich auf eine lange, beschwerliche Reise, um das Goldene Vlies zu finden. Dazu muss er die Gunst verschiedener Götter erlangen, diverse Inseln besuchen und mythologische Fabelwesen besiegen. Ob die Reise dem Spieler im Gegensatz zum gebeutelten Herrscher eher Freud als Leid bringt, zeigt unser Test.

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Oh mein Gott!

Auskenner der griechischen Mythologie sollten die folgenden Ausführungen vielleicht überspringen, denn sie könnten ansonsten um das historische Seelenheil der Zockergemeinde besorgt sein. Was die Entwickler von Liquid Entertainment hier im Auftrag von Codemasters zusammengerührt haben, vereint das Beste aus allen Göttergeschichten und vermengt es zu einem unterhaltsamen, gleichwohl kruden Historienbrei.

Rise of the Argonauts - Einmal griechischer Hackbraten, bitte!

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Beim letzten Auswärtsspiel von Hansa Rostock kam es nach dem Ausscheiden des Schiedsrichters zu kleineren Unregelmäßigkeiten.
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Doch die Zusammenhänge der altgriechischen Götterwelt sollen uns hier nicht interessieren. Denn immerhin verbirgt sich hinter der munter erzählten Geschichte von "Rise of the Argonauts" ein veritabler Hack'n'Slay-RPG-Mix. Oder zumindest etwas in der Art, denn genau genommen verweigert das Spiel eine eindeutige Genre-Zuordnung.

Das Spiel beginnt im königlichen Palast, in dem man zunächst Zeuge des feigen Mordes an Alkmene wird. Fortan jagt Jason quer durch die Anlage, um die gedungenen Mörder der Reihe nach ins Jenseits zu befördern. Dieser Spielabschnitt dient gleichzeitig als Tutorial, bei dem man schrittweise in Kampf und Steuerung eingeführt wird. Außerdem gilt es bereits hier, kleinere Aufträge für Palastangehörige sowie die Bewohner des angrenzenden Dorfes zu übernehmen.

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Aus der Reihe "Missgeschicke im Götterreich": Amors Weihnachtsvertreterin hatte versehentlich die falschen Pfeile eingepackt.
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Kernstück der Handlung ist jedoch die Reise von Jason, der sich mit seinem Gefährten Hercules - später kommen noch Achilles, Pan und Atalanta hinzu - auf die Suche nach dem Goldenen Vlies begibt. Im Laufe seiner Odyssee (das kleine Wortspiel sei uns an dieser Stelle gestattet) besucht man als Spieler verschiedene Inseln, auf denen die Nachfahren einiger Götter leben. Auf jedem Eiland gilt es, verschiedene kleinere Aufgaben zu lösen, um Bewohnern Gefälligkeiten zu erweisen, bevor man für den Obermotz tätig wird. Absolvierte Quests widmet man einem von vier möglichen Göttern: Ares, Athene, Apollo oder Hermes. Je nachdem, für welchen man sich dabei entscheidet, werden unterschiedliche Charakter-Attribute aufgewertet.

Schlachtplatte

Womit wir beim RPG-Anteil des Titels wären, denn tatsächlich ist es in gewissem Rahmen möglich, Jasons Entwicklung in die eine oder andere Richtung zu forcieren. Jede der Gottheiten steht nämlich für eine andere Waffe und Kampftechnik. Während Ares für den Streitkolben zuständig ist und in erster Linie auf Kraft setzt, arbeitet Athene mit Taktik und überlegtem Vorgehen, ihre Waffe ist der Speer. Götterbote Hermes hingegen bevorzugt schnelle Attacken mit dem Schwert, und Apollo zieht defensives Herangehen vor und hat deshalb den Schild zum Blocken für sich auserkoren.

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Beim Anblick von Ralf Möllers durchtrainiertem Körper zerreißt es so manchen Fan.
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Je nachdem, auf welche Weise man Aufgaben löst, werden die Taten einem der Götter zugeordnet und die entsprechenden Attribute aufgewertet. Während Jason den Schild dauerhaft angelegt hat und ihn als Nahkampfwaffe zur Abwehr nutzen kann, wechselt man seine Waffen - und damit die einhergehenden Spezialangriffe - durch Knopfdruck auf die R1- beziehungsweise L1-Tasten. Das funktioniert in der Praxis gut, verkommt aber leider durch das recht plump geratene Kampfsystem oft zur Makulatur, da man sich meist auf simples Gedresche auf zwei Angriffstasten sowie gelegentliches Blocken beschränkt.

Hinzu kommt, dass man im Verlauf der Handlung praktisch keine weiteren Waffen oder Ausrüstungsgegenstände findet. Lediglich für einige Aufträge erhält Jason Extra-Gerätschaften. Das bremst die mögliche Jäger-und-Sammler-Leidenschaft beim Zocken aus - schade und eigentlich auch unverständlich, denn die Verwendung vieler unterschiedlicher Items und Waffen hätte dem Spiel mehr dringend benötigte Abwechslung gebracht. So beschränkt sich die Vorgehensweise auf das schnelle Wechseln zwischen den drei genannten Waffen, um sich auf den gerade vor einem befindlichen Gegner einzustellen.

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Verwirrend: Die Pläne für das zweite Konjunkturpaket der Bundesregierung werfen noch einige Fragen auf.
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Das bringt uns zum Hack'n'Slay-Part des Spiels, denn das einfache Kampfsystem erinnert während der Auseinandersetzungen eher an einen Diablo-Verschnitt im 3D-Gewand als an ein RPG mit Charakterentwicklung und differenzierter Geschichte. Dass soll im Hinblick auf Diablo keineswegs abwertend gemeint sein, denn nicht umsonst erfreut sich Blizzards Klassiker bis heute einer großen Fangemeinde, den Autor dieser Zeilen eingeschlossen. Doch Fakt ist nun einmal, dass sich das Kämpfen bei Hack'n'Slay-Titeln üblicherweise auf das hektische Drücken einer Taste beschränkt.

Kurzen Handlungsabriss gefällig? "Ich kam, sah und trat ihnen in den Hintern. Mögen die Götter mir beistehen!" So war das im alten Griechenland.Fazit lesen

Das simple Kloppen führt hier aber dazu, dass die an sich mögliche und vielleicht sogar beabsichtigte Ausdifferenzierung der Spielfigur und ihrer Begleiter durch das Götter-System viel zu wenig umgesetzt wird. Immerhin bietet das Kampfsystem ein hohes Maß an Einsteigerfreundlichkeit und frustriert nicht durch unfaires Gegnerverhalten oder übermäßig anstrengende Bosskämpfe. Die Spezialattacken sind effizient und sorgen auch bei hohem Schurkenaufkommen für das notwendige Durchsetzungsvermögen.

Grafisch sind die Schlägereien opulent inszeniert. In Zeitlupenanimationen schwirren scharfe Klingen zitternd durch die Luft und zerteilen Gegnerhorden in viele rot spritzende Einzelteile. Das sieht gut aus, hinterlässt aber den bitteren Nachgeschmack, dass an die Stelle von abwechslungsreichem Gameplay einmal mehr bluttriefende Grafikeffekte treten. Und dass diese dem Titel die USK-Einstufung "keine Jugendfreigabe" eingebracht haben, dürfte durchaus Kalkül der Entwickler gewesen sein, die wohl auf bessere Verkaufszahlen bei volljährigen Kunden gesetzt haben.

Reden Sie mit uns!

Ein weiteres zentrales Element stellen die zahlreichen Dialoge dar, die das Geschehen voranbringen. So kann man in Gesprächen mit Auftraggebern und anderen NPCs zwischen verschiedenen Themen wählen. Viele Unterhaltungen bieten zudem die Möglichkeit, zwischen einem eher aggressiven oder einem diplomatischen Vorgehen zu wählen. Je nachdem, wofür man sich entscheidet, hat dies – so die Theorie – verschiedene Auswirkungen auf den weiteren Fortgang der Handlung.

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Die letzte Partie des 1. FC Union Berlin hatte unerwartet viel Feuer.
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Doch leider kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Entwickler das Konzept der unterschiedlichen Gesprächsführung nicht zu Ende gedacht haben. Denn letztlich ist es ohne Bedeutung, in welcher Reihenfolge man die Fragen stellt. Da die Antworten vorgegeben sind, endet jede Unterhaltung erst dann, wenn das letzte zur Verfügung stehende Thema besprochen wurde. Außerdem ziehen sich viele der Konversationen eine gefühlt Ewigkeit hin, so dass zwischen den Actionabschnitten viel Leerlauf entsteht. Die Dialoge können zwar abgebrochen werden, doch da man die resultierenden Informationen oft benötigt, sollte man sich tapfer weiter durch die Fragenkataloge klicken.

Besonders bei der lokalisierten Fassung erfordert das Zuhören starke Nerven, denn für die Vertonung wurden bis auf einige Ausnahmen Sprecher engagiert, die man mutmaßlich mit Waffengewalt vor das Mikrofon gezerrt hat. Anders ist die erstaunliche Unmotiviertheit, gepaart mit falschen Betonungen, wohl kaum zu erklären. Hinzu kommt, dass bei vielen Dialogen die Tonqualität unvermittelt auf mutmaßlich unter 60kBit sinkt. Dieser Bug ist zwar nicht spielentscheidend, doch äußerst ärgerlich, weil die Verständlichkeit des Gesagten leidet.

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Heiß diskutiert: Das neue Album von Hardrocker Axl Rose spaltet die Fans.
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Auch in Sachen Optik gibt's noch Mecker: die Unreal-Engine verrichtet zwar in Sachen Umgebungsgrafik saubere Arbeit und zaubert wunderbare Farben und Effekte auf den Bildschirm, doch bei der Figurendarstellung hapert es. Die Gesichtsanimationen wirken maskenhaft starr und die Bewegungen sind teilweise sehr abgehackt – ein ähnliches Phänomen konnte der Autor dieser Zeilen nach einigen Spielstunden auch bei sich selbst feststellen. Doch das lag sicherlich nicht an "Rise of the Argonauts". Oder etwa doch?