Stellt euch vor, ihr wollt einen Geburtstagskuchen backen. Also kauft ihr Mehl, etwas Butter, vielleicht sogar ein paar Kerzen. Doch dann vergeht euch die Lust, stellt ihr fest, dass euch die Zeit, möglicherweise auch das Geld für weitere Zutaten fehlt. Also stellt ihr euren Gästen einfach den Sack Mehl und die Butter auf den Tisch, zündet die Kerzen an und wünscht guten Appetit. Was das mit Ride to Hell: Retribution zu tun hat? Einfach alles.

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Restepampe

Ride to Hell war ursprünglich als Open-World-Spiel im Biker-Milieu geplant, als GTA-Klon auf der Route 66, eine Art Red Dead Redemption mit Motorrädern und Lederjacken statt Pferden und Cowboyhüten. Doch dann wurde es auf einmal still um das Spiel, die Entwicklung auf Eis gelegt. Urplötzlich tauchte es dann im Frühjahr wieder auf und steht jetzt in den Läden, zum Vollpreis.

Ride to Hell: Retribution - Eine neue Dimension von schlecht: Wie mies kann ein Spiel eigentlich sein?

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Ride to Hell sollte mal gegen GTA und Red Dead Redemption antreten, hat aber die falsche Abzweigung genommen
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Davon zu sprechen, Ride to Hell habe sich vom Open-World-Konzept zugunsten einer linear erzählten Geschichte verabschiedet, wie es dereinst etwa bei Alan Wake der Fall war, träfe es nicht ganz. Auch zu behaupten, Deep Silver habe die fertigen Teile genommen und zu einem mehr oder minderen Ganzen zusammengeschweißt, wie bei Duke Nukem Forever, wäre noch Übertreibung. Stattdessen hat man genommen, was da ist, eingetütet, Deckel drauf, raus damit. Irgendjemand wird es schon kaufen. Ein paar Euro sind besser als gar keine. So viel Konsequenz muss man schon beinahe bewundern. Den armen Käufer kann man nur bedauern.

Ride to Hell ist dermaßen offensichtliches Flickwerk, dass man den Stoff drumrum kaum mehr erkennen kann, ein Käse, der nur aus Löchern besteht und allenfalls durch die Plastikfolie zusammengehalten wird. Ein Käse von der ganz übel stinkenden Sorte wohlgemerkt. Dabei schimmert zwischen den Zeilen immer wieder durch, was für ein Spiel Ride to Hell irgendwann mal hätte werden sollen, aber nur so weit, wie man am Fleck an der Wand noch die Mücke erahnen kann, die dieser mal gewesen sein muss.

Symptomatisch dafür ist schon die Anfangssequenz: Unvermittelt werden wir hier an ein Geschütz gesetzt und ballern auf alles, was sich bewegt. Wieso? Auf wen? Und wer sind wir überhaupt? Wird nicht erklärt. Es wird einfach nur geballert. Danach wird geprügelt. Genauso zusammenhangslos. Motorrad gefahren wird auch noch kurz. Nach gut zwei Minuten hat man das Spiel und seine Elemente in seiner Gänze damit eigentlich bereits gesehen und könnte es abhaken. Sollte man vermutlich auch besser.

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Wenn die Dialoge schon nichts taugen, muss es wenigstens übertriebene Gewalt rausreißen.
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Mit etwas gutem Willen könnte man diesen Einstieg noch als Hommage an 60er-Jahre-Fernsehserien bewerten, in denen ebenfalls vorab die Highlights der kommenden Folge zusammengefasst wurden („Und gleich sehen Sie bei…“), wäre es nicht so bezeichnend für den allgemeinen Zustand des Spiels: eine schamlose Leichenfledderei an modrigen Coderesten, die noch auf irgendeiner Festplatte vor sich hingegammelt haben. Ride to Hell: Retribution ist so schlecht und unfertig, dass man die meiste Zeit kopfschüttelnd vor dem Bildschirm sitzt und sich fragt: „Habe ich das gerade wirklich erlebt? Ist das euer Ernst?“

Ride to Hell ist die notdürftig zusammengeflickte Resteverwertung eines Spiels, das eigentlich auf halber Strecke eingestellt wurde.Fazit lesen

Scheint es zu sein - leider. Denn was mit einem Augenzwinkern vielleicht noch ein unterhaltsames Trash-Fest hätte werden können, nimmt sich so dermaßen ernst, dass man es nicht mehr mit Humor nehmen kann. Biker Jake, der gerade aus Vietnam zurückgekehrt ist, muss nach einem brutalen Mord an seinem Bruder Rache üben an einer verfeindeten Motorrad-Gang. Ist aber eigentlich auch egal, denn die Geschichte ist völlig banal und klischeetriefend und scheint sich nur durch eine übertriebene Gewaltdarstellung ihre Daseinsberechtigung erschleichen zu wollen, die ihr die hirnrissigen und bisweilen lächerlich vorgetragenen Dialoge nicht verschaffen.

Zudem ist sie mitunter nur schwer nachvollziehbar oder irritierend erzählt, weil Szenen aneinandergestrickt wurden, die vermutlich ursprünglich nicht aneinandergereiht gedacht waren, und daher zusammenhangstiftende Zwischensequenzen oder Dialogzeilen zu fehlen scheinen.

Besser schlechten Sex als gar keinen?

In seinen besten Momenten ist Ride to Hell wenigstens unfreiwillig komisch - speziell in den völlig unmotivierten Sexszenen, in denen die Protagonisten auf bizarre Weise vollständig bekleidet bleiben. Ob aus Jugendschutzgründen oder deshalb, weil die Entwickler einfach nicht mehr die Zeit hatten, die Figuren zu modellieren, fällt zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr ins Gewicht. Denn schon die Animationen beim stumpfsinnigen Rammeln sehen aus, als würde der Reißverschluss vom Hosenbund klemmen und partout nicht aufgehen wollen.

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Jake und sein Messer: beide spitz wie Nachbars Lumpi.
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Überhaupt Animationen: Diese wirken wie die mechanischen Puppen in der Geisterbahn vom Rummelplatz, Münder bewegen sich wie die von Wum und Wendelin aus dem seligen „Großen Preis“. Wahrscheinlich waren die Sexszenen im ursprünglichen Open-World-Konzept mal als Nebenaufgabe geplant, als Achievement-Bringer, bei dem es darum geht, gelegentliche Frauen in Not zu retten, etwa eine Prostituierte vor ihrem brutalen Zuhälter.

Nun wirken sie jedoch komplett deplatziert. Etwa dann, wenn Jake den Mörder seines Bruders zu einem Motel verfolgt hat, ihn schon auf dem Balkon erspäht, in blinder Wut losstürmt und auf einmal einen Hilferuf von einer holden Maid vernimmt. Also noch schnell den Zuhälter verprügeln, die Olle durchnudeln und weiter geht’s mit der Verfolgungsjagd. Klar, Mann muss Prioritäten setzen. „Grober Unfug“ würde als Bezeichnung auch passen. Wäre es nicht so komplett abstrus, man könnte sich noch über den offenkundigen Sexismus aufregen, so ist man lediglich hin und her gerissen zwischen Lachen und Fremdschämen.

Aber wo wir eben schon beim Prügeln waren: Das funktioniert in der Theorie wie bei jedem durchschnittlichen Action-Adventure, in der Praxis wie im Fahrstuhl: Knöpfchen drücken und warten, bis man ankommt, wo man hinwill. Nur dass im Fahrstuhl die Kamera nicht ständig im dritten Stockwerk hängenbleibt. Aber egal, denn die KI ist ohnehin auf so drollige Weise dämlich, dass man schon Mitleid mit ihr bekommt. Selbst Schießbudenfiguren verhalten sich cleverer.

Denn Schießereien gibt es auch. Diese funktionieren in der Theorie wie bei jedem durchschnittlichen Deckungs-Shooter, in der Praxis wie am Schießstand: Denn weil die Gegner fast immer an exakt derselben Stelle aus der Deckung lugen, lassen sie sich abknallen wie Tontauben. Sitzende Tontauben. Wenn sie denn überhaupt in Deckung gehen und nicht einfach nur rumstehen. Oder versuchen, hinter einem Geländer in Deckung zu gehen, was besonders befremdlich anmutet.

Dafür scheinen sie aber von einem kugelsicheren Ganzkörperanzug umgeben zu sein, dem glücklicherweise aber der passende Helm fehlt. Denn grundsätzlich gilt: Kopfschuss bewirkt Instant-Kill, alle anderen Körperzonen könnt ihr durchlöchern wie ein Sieb, mehr als einen Kratzer bekommen die Gegner dadurch nicht ab.

In diesen Szenen hätte Ride to Hell: Retribution beinahe das Zeug dazu, so etwas wie Spaß zu machen, und wenn nur auf die „So schlecht, dass es schon wieder unterhaltsam ist“-Art von Spaß, doch leider ruckelt und zuckelt die Grafik, dass man nach spätestens zehn Minuten Kopfweh bekommt, und die Steuerung fühlt sich an wie das Balancieren auf einem Schaukelpferd. Mit Rollschuhen. Unter Wasser.

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Lasst euch nicht täuschen: Wie Red Dead Redemption sieht Ride to Hell nur andeutungsweise aus.
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Easy Leider

Was ein Biker-Spiel sein will, braucht natürlich auch Motorräder. Hier lässt Ride to Hell: Retribution am ehesten durchschimmern, was es irgendwann mal hätte sein sollen. Doch statt eine offene Welt zu erkunden, fahrt ihr lediglich einen linearen Pfad von einem Einsatzort zum nächsten, wundert euch über die KI, die offenbar im selben Maße mit Steuerung, Gleichgewichtssinn und Zurechnungsfähigkeit zu kämpfen hat wie ihr selbst, und werdet in abstruse Kämpfe verwickelt, die in den Minispielen aus dem Lucas-Arts-Klassiker Full Throttle spaßiger ausfielen.

Immerhin: Die Wüsten- und Canyon-Landschaft, die ihr dabei durchquert, ruft bisweilen Erinnerungen an Red Dead Redemption wach, aber nur so weit, wie ein Punkt-Punkt-Komma-Strich Erinnerungen an ein Gesicht wachruft. Der Rest ist hoffentlich schnell wieder vergessen…