Zugegeben, die Einleitung von Andy Baio klingt weniger väterlich, rechtfertigt aber zumindest den Begriff des Experiments. Innerhalb von vier Jahren hat er seinen heute zehnjährigen Sohnemann die gesamte, 25 Jahre umfassende Videospielgeschichte buchstäblich durchleben lassen.

Retro-Gaming - Vater lässt Sohn die gesamte Videospielgeschichte nachspielen

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Mit Namcos Klassiker Pac-Man fing das Experiment an
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Die meisten dürften dieses Dilemma kennen. Als begeisterter Spielefan mit Hang zur Nostalgie neigt man häufig dazu, die alten Spielezeiten, und auch alte Spiele im Rückblick zu verklären. Entweder ist man dann selbst enttäuscht, wenn man einige alte vermeintliche Perlen wieder besucht, oder aber, man wundert sich, dass vor allem jüngere Semester die Hoheit der alten Klassiker nicht anerkennen wollen. Und wer sogar schon Kinder hat, wird früher oder später, wenn man sich am Wochenende an eine Runde ToeJam & Earl setzt, von Sohnemann bzw. Tochterfrau nur deren bemitleidende Blicke ernten. Dann fällt schnell der Satz, "Ach, du weißt doch einfach nicht, was gut ist."

Dieses Problem wird Andy Baio mit seinem Sohn nicht haben. Baio ist ein amerikanischer Blogger und Technologieexperte, der sein Wissen bereits in die Gründung mehrerer Webseiten, und auch bei Kickstarter einfließen ließ. Aber Baio ist auch ein großer Spielefan. Er selbst schreibt auf seiner Seite, dass er das Glück hatte, in die goldene Zeit der Arcades geboren worden zu sein. Baio wuchs mit einer ganz anderen Sorte an Videospielen auf. Die Technik war noch stark beschränkt, die Grafik und der Sound noch Jahrzehnte davon entfernt, auch nur annähernd realistisch zu wirken. Was zählte, war das Gameplay. Baio konnte also die Geburt vieler Genres von der Pike auf miterleben.

Das gilt aber nicht für Kinder und Jugendliche, die später geboren wurden, und die nicht einmal die 32-Bit-Ära miterlebt haben. Für die gelten teilweise selbst PS2, Xbox und GameCube als Retro-Konsolen. Richtige Retrofans spielen Super Nintendo-Spiele auch nicht auf einem LED-Fernseher, sondern auf uralten Röhren-Monstern im Verhältnis 4:3. Retro? Für viele Jugendliche von heute wohl eher alter Scheiß.

Und damit sein Sohn nicht irgendwann zu dieser ignoranten Gruppe gehört, startete Baio an seinem 4. Geburtstag ein Experiment, das die nächsten vier Jahre andauern, und insgesamt 25 Jahre Videospielgeschichte abdecken sollte. Eliot, sein Sohn erhielt von ihm als erstes den Namco-Klassiker Pac-Man über ein Plug 'n Play-Gerät, das mehrere Klassiker beinhaltete. Im Gegensatz zu anderen Eltern, die dafür töten würden, fürchtete sich Baio davor, dass sich sein Sohnemann womöglich gar nicht für Videospiele interessieren würde. Doch glücklicherweise hatte Eliot wohl die Leidenschaft seines Vaters geerbt. Sofort war Eliot von diesem Klassiker, und auch anderen Titeln wie Galaga, Dig Dug und diversen Pac-Man-Sequels begeistert. Baio hatte das Gefühl, er sehe sich selbst im Jahre 1982 vor dem Fernseher. Nachdem Baio und sein Sohn die Plug 'n Play-Geräte durch hatten, spielten sie mit der Atari VCS 2600, und hier meisterten sie Klassiker wie Asteroids, aber auch Müll wie E.T..

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Andy Baios Sohn Eliot bei einer Runde Zelda für NES (Bild von twitter.com/waxpancake)
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Nun war es an der Zeit für echtes Gaming. Das NES musste her. Eliot war gerade mal viereinhalb Jahre alt, da ging es schon ab in die 8-Bit-Ära. Megan Man, Super Mario Bros. und Zelda hießen hier die Pflichttitel. Sogar schwere Spiele wie Castlevania und Contra gehörten dazu. Mit sechs Jahren war Eliot bereits in der Lage, komplexe Spiele ganz allein zu bewältigen, ohne dass Papa Baio in die Presche springen musste.

Nun war die 16-Bit-Ära dran. Doch nun wurde es richtig interessant. Denn Andy Baio besaß damals selbst kein Super Nintendo, und auch kein Nintendo 64, er ging ziemlich direkt von der 8-Bit-Ära in die PC-Szene über. Von daher erlebte er viele Spiele dieser beiden Konsolen mit seinem Sohn zum ersten Mal. The Legend of Zelda: A Link to the Past, Super Mario World, aber auch sogenannte Retro-Gems wie E.V.O.: Search for Eden gehörten zum Programm.

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Eliot hatte keine Probleme damit, alle 120 Sterne in Mario 64 zu finden
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2011 ging es dann an die N64-Ära. Und obwohl selbst Andy gesteht, dass die Spiele dieser Ära die Zeit nicht besonders gut überdauert haben, war es seinem Sohn verständlicherweise egal. Im Grunde spielte er buchstäblich noch einen Tag vorher die Titeln der Pixelmatsch-Ära. Und nun ging es zum Polygonmatsch des N64 über. Ziemlich schnell hatte Eliot alle 120 Sterne in Mario 64 beisammen. Pflichtspiele wie The Legend of Zelda: Ocarina of Time und The Legend of Zelda: Majora's Mask gehörten genauso dazu wie unbekanntere Spiele wie Rocket: Robots on Wheels.

Dann machten sie aber einen Sprung ins Jahr 2000 und zur PS2, Sonys erfolgreichste Konsole überhaupt. Mit Spielen wie Shadow of the Colossus, ICO und Katamary Damacy beendeten die beiden die Reise Eliots durch die Videospielegeschichte. Bei all dem Spaß, den die beiden hatten, könnte man sich schnell fragen, wo die experimentielle Komponente verblieben ist.

Nun, Eliot liebt die Spiele, die jeder mag, Spiele wie Minecraft, aber er hat auch ein Faible für knüppelharte Roguelikes. Spelunky? Nuclear Throne? Eliot hat sie alle geschlagen. In kürzester Zeit. Und Eliot weiß den Retrostil vieler Indie-Titel zu schätzen, er bevorzugt sie gar.

Doch Andy Baios Experiment beschränkt sich nicht nur auf Spiele, derzeit schaut er sich mit seinem Sohn auch Filmklassiker seiner Jugendzeit durch. Zuletzt Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit. Und er plant, Eliot ein Handy zu kaufen, einen Knochen.