Meine Güte, sind wir ein reaktionärer Sauhaufen. Für ein vermeintlich progressiv eingestelltes Grüppchen ist der Großteil derer, die sich unter dem vage gefassten „Gamer“-Banner versammeln, oft ein ziemlich konservativer Verein – mich eingeschlossen. Veränderungen sind schlecht, Publisher sowieso, Free-to-play das Ende des Videospielabendlandes und früher war ohnehin alles besser. Wie in jedem anderen Lebensbereich ist diese Binsenweisheit aber vor allem eins: ziemlicher Bullshit.

Würde mich jemand mit vorgehaltener Pistole zwingen, für den Rest meiner Tage entweder PlayStation 4 oder Super Nintendo zu spielen, wäre das eine der einfacheren Entscheidungen meines Lebens. Doch so vermeintlich leicht mir diese Wahl fällt, so voreingenommen, ja geradezu unfair ist sie. Sonys aktuelle Daddelkiste ist eine tolle Maschine und trotz zahlreicher Nebenbuhler im TV-Regel jene, auf der ich seit Jahren die meiste Zeit versenke. Nur bin ich, und das ist der entscheidende Punkt, nicht mit ihr aufgewachsen.

Es ist eine zutiefst menschliche Eigenheit, schöne Erinnerungen derart zu überhöhen, bis sie auf einem unerreichbar hohen Podest thronen. Von dort verstrahlen sie ihren nostalgischen Glanz, erinnern uns an eine Zeit, als die größten Probleme eine schlechte Zensur in der Schule und das Leben insgesamt ein einfacheres war. Das ist insofern nachvollziehbar, als dass jeder von uns an schlechten Tagen Trost in solchen Reminiszenzen findet. Daran ist grundlegend auch nichts Schlechtes, solang wir nur nicht blind für die Vorzüge der Gegenwart werden.

Ganz so weit ist es noch nicht, sonst würden wir heute weiterhin Atari 2600 statt Xbox One, mit dem Nintendo 64 statt am High-End-PC spielen. Und obwohl ich mir dessen sehr wohl bewusst bin, scheint meine Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen der Spielebranche gleichermaßen mit meinem Alter zuzunehmen. Free-to-play-Spiele, Open-World-Überfluss und Day-One-Patches – wo war noch mal das Super Nintendo vergraben? Ich würde ordentlich Geld darauf setzen, dass es vielen von euch ähnlich geht.

Deshalb dieser Artikel. Es kann nur gut sein, die rosarote Nostalgiebrille für einen Moment abzunehmen und sich einer wichtigen Erkenntnis zu stellen: Früher war nicht alles besser als heute, nur anders – und manchmal sogar schlimmer.

Spieleverpackungen

Aufregender und vielfältiger als der homogene Blick ins moderne Spieleregal waren Verpackungen noch vor der Jahrtausendwende, zumindest dieser Punkt geht an die Retrofraktion. Was viele Hüllen allerdings auch waren: aus billiger Pappe gefertigte Boxen mit oft irreführenden Covern und kurzer Halbwertszeit. Macht doch mal die Probe aufs Exempel, werft zuerst einen Blick auf eure aktuellen, dann auf die etwas betagteren Spiele aus den 80ern und 90ern: Jede Wette, dass zumindest ein paar lose Module bei euch herumfliegen, dass einige PSX-Jewelcases angeknackst sind oder Klebrückstände von Preisschildchen hässliche Narben hinterlassen haben.

Früher war alles ... schlechter? - 10 Dinge, die nicht mal Retro-Gamer vermissen

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Die Preise mögen etwas hoch angesetzt sein, aber die Diskrepanz zwischen Originalverpackung und losem Modul zeigt schon ganz gut, wie wenig Spielehüllen überlebt haben.
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Die hochwertigen Mega-Drive- oder Neo-Geo-Schutzhüllen waren seltene Ausnahme von der Regel zu einer Zeit, als Verpackungen noch genau das waren: Behältnisse, die lediglich zum Transport der Spiele dienten und anschließend häufig im Papiermüll landeten. Wegwerfprodukte, wortwörtlich. Und selbst ihr gezielter Erhalt ist aufgrund der billigen Verarbeitung enorm schwer; einmal schief angeguckt, schon hat der Super-Mario-64-Karton einen hässlichen Knick. In der Konsequenz steigen Gebrauchtpreise von originalverpackten Retrospielen seit Jahren rapide, Tendenz: weiter stark steigend.

Erst mit der Einführung besonders anfälliger CDs als Speichermedium mussten Publisher notgedrungen umdenken, was allerdings nicht sofort funktionierte, wie verhakte PlayStation- und knarrende Dreamcast-Hüllen zeigten. Erst eine Generation später einigte man sich auf die stabilen DVD-Hüllen. Gott sei Dank.

Batterien

Weniger ein Problem der Heimkonsolen als vielmehr der ersten Handheldgeneration. Wer jetzt glaubt, bereits mit dem Vier-Batterien-Game-Boy geschlagen gewesen zu sein, hatte offensichtlich nie einen Game Gear oder Lynx in den Händen: Während Nintendos sympathischem Plastikklumpen immerhin erst nach rund 15 Stunden der Saft ausging, riss die Konkurrenz bereits nach drei bis fünf Stunden die Füße hoch – und das bei sechs AA-Batterien. Zwar waren Segas und Ataris Geräte deutlich leistungsstärker und verfügten sogar über ein beleuchtetes Display, nur ist das eben auch nichts mehr wert, wenn der Spaß nach einem Vormittag bereits vorbei ist. Neben der breiteren Bibliothek eine der Hauptursachen für Nintendos meilenweiten Vorsprung.

Früher war alles ... schlechter? - 10 Dinge, die nicht mal Retro-Gamer vermissen

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Selbst der 2001 veröffentlichte Game Boy Advance setzte standardmäßig noch auf Batterien. Warum hasst ihr uns, Nintendo?
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Für die junge Zielgruppe ein echtes Problem, wurde das ohnehin schon teure Hobby dadurch nur noch kostenintensiver, von Problemen wie ausgelaufenen Batterien oder der Umweltbelastung ganz zu schweigen. Auch dürften sich einige Eltern regelmäßig gewundert haben, warum die Fernbedienung oder der Walkman plötzlich nicht mehr funktionierte. Ein insgesamt unglücklicher Start für eine fundamentale Säule der Spieleindustrie und technische Kinderkrankheit, die erst 2003 mit dem eingebauten Akku des Game Boy Advance SP ausgemerzt wurde (obwohl separate Akkus schon lange vorher auf dem Markt waren).

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