Eigentlich wollte ich als Überschrift ja schreiben „Nur, wo Resi draufsteht, ist auch wirklich Resi drin“. Doch angesichts der äußerst lebhaften Entwicklung der Resident-Evil-Reihe, der unzähligen und höchst unterschiedlichen Ableger im Stil von Revelations, Outbreak, Gun Survivor, Chronicles und wie sie heißen mögen, und in Anbetracht der sehr schwankenden Inhalte und Qualität, wäre das nicht treffend gewesen. Die Wahrheit ist: Mittlerweile weiß man gar nicht mehr, was man von Resident Evil halten soll. Wenn aber Umbrella Corps Hinweis auf einen Trend sein sollte, dann den: Wenn nicht wenigstens der Name der Reihe drauf steht, haben wir keine Chance, Qualität abzukriegen.

Resident Evil: Umbrella Corps - Launch-Trailer

Es gibt Spiele, die beginnt man und weiß sofort, dass sie Totgeburten sind. Im Tutorial dieses (nahezu) komplett online kompetitiv zu spielenden Shooters hatte ich noch die Hoffnung, dass es vielleicht was werden könnte. Zwar zeigten sich auch schon hier Probleme, doch das Grundgerüst war noch nicht eindeutig vermurkst. So hatte mein namenloser Recke trotz traditioneller Resi-4-Schultersicht ein so kleines Gesichtsfeld wie ein Schlaganfallpatient mit Scheuklappen, aber die Wummen klangen, die Köpfe spratzten, die Wände waren brüchig und angefault. Ok, dann steuer ich halt einen paramilitärischen Maulwurf, ist ja kein Problem. Muss ich mich halt mehr drehen, um einen der ollen Schlurfer zu entdecken, kein Ding – sollte man meinen.

Was man zu diesem Zeitpunkt aber bestenfalls ahnt und erst später übergebraten bekommt: Umbrella Corps ist ein schneller, arcadiger, reflexgetriebener Shooter – ein Genre, das es schlichtweg nicht verzeiht, wenn man weniger sieht als Omma durch ihren Grünen Star. Und man kämpft eben vorzugsweise auch nicht gegen die Künstliche Unintelligenz der Untoten, sondern gegen andere Spieler. Und wenn einer von denen aus einem 60-Grad-Winkel ungesehen in unsere Privatsphäre eindringt, um uns dann 9mm Blei durch den Frontalkortex zu jagen... nun, weiß einer von euch, wie man das abwehrt ohne sich wie ein Brummkreisel zu drehen?

Umbrella Corps - Resident GANZ übel

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Wir ahnen, was ihr denkt: „Hey, sieht doch okay aus – so schlimm kann's doch gar nicht sein." Vertraut uns: Doch, kann es.
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Weniger ist leer

Was also kriegen wir, abgesehen von Spielfiguren mit Katarakt und wandelnden Toten? Die traurige Antwort: nicht viel. Umbrella Corps hat drei Spielmodi, und von denen ist einer so dünn, dass ich ihn nicht erwähnen möchte. „Das Experiment“ ist eine Art Singleplayer-Kampagne, in der wir in ultra-stumpfen aneinandergereihten Missionen viel zu ausführlich Pseudo-Tutorials reingedrückt kriegen. Ist mir doch wumpe, ob ich eine Schrotflinte, eine Maschinenpistole oder einen Kartoffelschäler benutze, um zum fünften Mal auf derselben Karte die gleiche Anzahl sich gleich verhaltender Hirnfresser wegzumähen. Der bedeutungsschwangere Name kommt daher, dass über Texttafeln eine superdünne „Umbrella geht mal wieder zu weit“-Mär erzählt wird zwischen den Missionen. Die Krönung für mich, der ich auf der PS4 getestet habe: Diesen Modus kann man, wie den Rest des Spiels, nicht ohne PS Plus spielen. An dieser Stelle denkt ihr euch einfach das „Zonk“-Geräusch.

Dann wären da noch die unglaublichen zwei Multiplayer-Modi. Der erste ist Team Deathmatch ohne Respawn, und ich weigere mich einfach, diesen Modus im Jahr 2016 noch zu erklären. Der zweite hat einen Namen, den ich vergessen hatte, bevor sich die PS4 auf mein Geheiß hin runtergefahren hatte. Ich nenne ihn einfach „Ein Kessel Buntes“, denn genau das ist er. Hier darf man respawnen, das Gewinnerteam wird nach Punkten ermittelt. Diese Punkte kriegt man nach dem Ablauf der Matchzeit (einstellbar bis zu einer Maximallänge von fünf Minuten) für eine erfüllte Aufgabe. Die Aufgabe wechselt mit jeder Runde, was ja ganz süß wäre, wenn nicht jeder, der seit den frühen 2000ern einen Shooter in der Hand hatte, die Liste an Sub-Spielmodi mitsingen könnte: Capture the Flag, King of the Hill, Stuhltanz, Blinde Kuh, Topfschlagen undsoweiter. Keine Überraschung in Sicht.

Aber ein Shooter muss ja auch nicht überraschen, er muss nur funktionieren. Und das ist das eigentliche Problem von Umbrella Corps: Es macht keinen Spaß. Ja gut, es hilft nicht, dass man seine Grafik schon 2012 eher scheiße gefunden hätte. Oder dass es so wenige freischaltbare Inhalte hat, dass ein moderat intelligentes Pferd sie mittels Hufschlägen durchzählen könnte. Übrigens: Neben dem Dutzend neuer Ballermänner und dem unsäglichen Sammelsurium an Gasmasken, Kevlarwesten und dergleichen, gibt es auch Masken bekannter Resi-Charaktere. Warum ich euch das erzähle? Weil ich erwähnen wollte, dass Leon Kennedy aussieht wie Norman Reedus mit letaler Verstopfung.

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Der Typ hat's hinter sich. Beneidenswert.
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Wäre aber alles nicht das Problem. Das Problem ist, dass wenn ein Match zustande kommt (was dank des langsamen Matchmakings ganz schön schwer ist – keine Community oder schlechter Netcode?), dieses quasi zwangsläufig drei Minuten tollwütig schwachsinniges Einkriegezeck auf einer der Karten ist, das einfach keine Laune macht. Die Karten sind das erste Problem. Das eine positive, was ich sagen kann: Sie bieten etwas netten Fanservice, so basiert zum Beispiel eine von ihnen auf dem Anfangsdorf aus Resident Evil 4. Es gibt ein halbes Dutzend von ihnen, sie sind klein, verwinkelt und recht simpel konstruiert. Klar, es gibt mal einen Schacht, durch den man krauchen oder ein Dach, das man überklettern kann, aber taktische Tiefe kommt dabei nicht auf.

Überhaupt kommt gar keine taktische Tiefe auf, was okay wäre – wenn es Umbrella Corps nicht immer wieder versuchen und kolossal scheitern würde. Es gibt zum Beispiel ein Deckungssystem, das komplett nutzlos ist, da das Gameplay und Kartendesign Rushing fördert und belohnt. Oder eine Axt als Nahkampfwaffe, die einen besonderen Ausfall-Angriff nach vorne ermöglicht. Dieser erfordert aber weder Überlegung noch Übung. Stimmt die Situation, kann man damit das gegnerische Team auslöschen. Stimmt sie nicht, ist man selbst dran. Und sie hat einen Supermodus, der so super nicht ist, weil er es ermöglicht, Konter von Gegnern zu überwinden. Versteht ihr nicht? Keine Sorge, ich auch nicht, die Entwickler ebenso wenig. Es ist aufgebauscht und verwirrend, aber ultimativ höchst irrelevant.

Kann man zusammenfassen mit: Ist vorbei, bevor es überhaupt losgehen kann – was ein Segen ist. Kein guter Kauf für noch so harte Resident-Evil- oder Shooter-Fans.Fazit lesen

Resident Evil light

Selbst putzige Ideen kommen nicht zur Geltung. Zum Beispiel hat man am linken Arm einen Panzerschild. Man kann einem der Zombies auf der Karte erlauben, sich darin festzubeißen und ihn dann als Schutzschild vor sich hertragen. Coole Idee. Funktioniert nicht. Erstens fängt der Zombie schon nach kurzem an zu strampeln und eine Gefahr zu werden, also trägt man quasi eine bissige Mine mit sich herum. Zweitens lohnt sich das bisschen Schutz im chaotischen Benny-Hill-Gameplay nicht und drittens... erinnert ihr euch, was ich über das Gesichtsfeld gesagt habe? Nun denkt euch diesen Umstand, bloß, dass ein Drittel eurer Sicht von einem ledrigen stöhnenden Beißmonster versperrt wird. Spaß, richtig?

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Umbrella Corps hat durchaus zweieinhalb wirklich niedliche Ideen, nur leider will keine davon so recht funktionieren.
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Der vielleicht coolste Einfall ist der Zombie-Jammer. Nein, nicht vom Verb „jammern“, sondern vom englischen „to jam“. Dieses Gerät sorgt dafür, dass die auf den Karten befindlichen Hirnfetischisten eigentlich kein Interesse an den Spielern zeigen, wenn diese nicht gerade versuchen, die Zombies zu knutschen. Zerschießt man einem Kontrahenten aber seinen Jammer, dann hat er nun die Aufmerksamkeit jedes Untoten, dessen Weg er kreuzt. Toll gedacht! Leider aber nicht mehr als ein selten einsetzbares Gimmick. Gezielt den eher kleinen Jammer zu treffen ist Quatsch mit Soße – wer so gut schießen kann, zielt auf den Kopf. Ein heftiger Schusswechsel, der zur Zerstörung des Wunderkastens führt, bedeutet aber in neun von zehn Fällen eh das Ableben seines Besitzers. Ja, einmal alle paar Matches kommt mal jemand weg und wird dank zerschrottetem Jammer hinterher aufgefressen, was den Kill sichert. Nett. Nicht umwerfend, aber nett.

Wir fassen zusammen: Wirres Gameplay mit nonfunktionellen Ideen auf mäßig guten Karten führt zu wenigen freischaltbaren Objekten und einem Minimum an Spaß und Motivation. Es ist dieselbe Suppe, die wir bei Mercenaries vorgesetzt bekamen, bloß schlechter. Oder, alternativ gesagt: Es ist der Arcade-Ballerstuss, der Revelations 2 beilag, bloß in der Multiplayer-Variante. Wie auch immer man es ausdrücken will, letztendlich läuft es darauf hinaus, dass Umbrella Corps ein weiterer unrühmlicher Eintrag in der ohnehin durchwachsenen Historie von Resi-Action-Ablegern ist, und einer der schlechtesten zudem. Das ist angesichts der durchaus ansehnlichen Ausrichtung für die Hauptreihe, die uns auf der E3 2016 präsentiert wurde, noch mal extra enttäuschend.