Wer heute eine Diskussion um sinnlos aufgeblasene Triple-A-Ballons führen möchte, bekommt Ende der Woche den perfekten Reminder. In Resident Evil Revelations steckt nicht ansatzweise so viel heiße und teure Luft wie in Teil sechs der Hauptserie, hier rutschten nicht Hunderte Finger drüber. Und vor allem: Hier wusste die linke Hand ziemlich genau, was die rechte gerade tut.

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Andernfalls wäre letztes Jahr im Januar für den Nintendo 3DS nicht erschienen, was einige als "echten sechsten Teil" ansehen. Vielleicht sogar als echten fünften Teil, aber das hatten wir schon oft genug und wird so schnell vermutlich nicht verschwinden. Wo auch immer ihr steht, dies hier könnte euer Spiel sein. Ihr müsst Revelations auf halbem Weg entgegenkommen, so unbequem wie damals wird es nie wieder sein – je nachdem, ob das Siechtum der Serie für euch ab Teil 4, 5 oder 6 einsetzte.

Revelations borgt sich die praktische und frei drehbare Hinter-der-Schulter-Kamera des vierten Spiels. Es lässt euch nicht so wehrlos wie früher, als das einzige Band zwischen "Schießen" und "Bewegen" ein Oder war. Zumindest wenn ihr das wünscht: Es gibt einen "Shooter"-Modus mit langsamer Laufbewegung während des Zielens und einen klassischen – ich hätte nie gedacht, das noch mal zu sagen –, der euch an Ort und Stelle festkettet. Manche alten Bekannten hat man längst aus den Augen verloren, schon seit Jahren nicht mehr nach ihnen gefragt, weil man sie verschollen glaubte, und dann kommen sie mir-nichts-dir-nichts zurück. Hast dich gut gehalten und das Spiel ist dadurch ein besseres.

Resident Evil: Revelations - Wozu brauchte man Teil 6 gleich noch?

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Revelations ist in seinen besten Momenten tatsächlich so spannend, wie es hier aussieht.
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Waffen lassen sich bequem durchschalten, statt im Inventar wühlen zu müssen. Heilkraut auf eine Schnelltaste, Messer auf eine andere. Beim Zertrümmern von Beutekisten wird automatisch der richtige Winkel festgelegt, ebenso wenn ihr in den Nahkampf geht. Insofern kann man das hier als wunderbar modernisiertes Resi ansehen oder als nur halben Verrat an allem, was hoch und heilig ist. Hängt davon ab, was ihr in den letzten Jahren so erlebt habt.

Sicher ist: Endlich wieder geschlossene Räume mit drei Fingern breit Fläche zum Ausweichen. Endlich wieder Türen, die nach Wappenschlüsseln rufen. Endlich wieder etwas, das den Namen Resident Evil trotz aller Zugeständnisse verdient.

Damals war der kleine 3DS-Bildschirm alles, was wir hatten. Heute ist das Geschehen auf 40 Zoll aufgeblasen und wuchtiger, auch wenn man die Spuren der Handheld-Portierung nicht wegwischen konnte. Figuren sehen kantiger aus, Objekte ebenfalls, alles hat etwas "PSP-iges" (oder eben 3DS-iges) an sich. Trotzdem sehr ansehnlich. Das alte Resi 4 geht auf dem Marktplatz als Download-Spiel gut weg und liegt noch deutlich dahinter. Also wurscht und rein in die dunklen Korridore der Queen Zenobia.

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Neben Jill gibt es noch Abschnitte mit anderen Charakteren, aber die sind nicht immer so wahnsinnig gut gelungen.
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Das Passagierschiff ist zwar nicht der einzige Handlungsort, aber der vorherrschende, während es ab und zu mal ins Freie geht, raus verschneite Gebirgspfade und wieder hinein in Höhlen. Das Spiel springt hierbei weniger umher als seine Erzählfäden, die sich um mehrere Protagonisten schlingen – in einigen Kapiteln spielt ihr jemand anderen – und irgendwo in der Mitte bei „Bioterroristen machen alles kaputt“ treffen. Zum Glück haben sie vorher noch eine Wagenladung Mutanten dagelassen. Ohne die wäre Revelations in seinen besten Momenten nicht so herrlich schweißtreibend, wie es der Fall ist.

Ein verrenkter Mob mit mehr Armen als ein Prothesengeschäft kann schon dafür sorgen, dass ihr das Pad schreckhaft enger fasst und zurückweicht. Wenn euch die Biester dann mit dem Rücken an die Wand drängen, erwischt man sich beim Schielen auf den verbliebenen Munitionsvorrat. Weglaufen ist oftmals eine verlässliche Bank, aber erst mal muss man die schlachtschiffartige Körperdrehung hinbekommen. Oder nutzt die seit Teil 4 verfügbare 180-Grad-Wende, die halbwegs ein Gefühl von Sicherheit verschafft.

Warum nicht gleich so?

Trotzdem ist man in seinen körperlichen Möglichkeiten angenehm eingeschränkt und immer eine Spur zu zäh unterwegs, als dass man sich vollends sicher fühlen könnte. Keine flotten Roundhouse-Kicks, keine Ausweichbewegungen, wenn man es nicht wünscht, keine tumben Kopfstampfer oder schweinecoolen Wrestling-Arschbomben.

Atmosphärisches Spiel, das sich hin und wieder an zu gewöhnlicher Action die Finger verbrennt, aber die meiste Zeit über richtig gut funktioniert. Auch auf dem großen Screen.Fazit lesen

Dafür Gegner ähnlicher Hausnummer wie der Regenerator aus Teil 4, mehr Fleisch, das näher rückt, immer penetranter und zahlreicher, mit Zähnen wie Müllschlucker. Gerät man in eine solche Szene, funktioniert das modernisierte Resi-Konzept hervorragend, und man wünscht sich, es wäre nie anders gelaufen.

Den durchgehenden Terror kann Revelations nicht ständig halten, und ihr werdet dann schon merken, wenn es so weit ist. Zum Glück sind diese Abschnitte deutlich in der Unterzahl. Besondere Spuren hinterlässt der "Höllisch"-Modus, in Verbindung mit der klassischen Steuerung eine kernige, mitunter abstoßend harte Prüfung eures Durchhaltevermögens.

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Vor allem der Einstieg zeigt atmosphärische Kulissen mit engen Gängen und vielen Ecken. Wer auf Wii U spielt, kann auf dem Touchscreen des Gamepads übrigens die Karte sehen, die andernfalls oben rechts angezeigt wird - wenn ihr das wünscht.
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Hier hockt die Angst zwischen strammstehenden Nackenhaaren, man fühlt sich so klein, hilflos und gelähmt. Besonders in dem eingeschränkten Sichtfeld, das Resi seit Teil vier mitschleppt, und wenn sich aus dem Augenwinkel schon das nächste Monster ankündigt, bevor die Fratze vor euch zu Boden geht. Sie vertragen weitaus mehr, als gut für eure Nerven ist, und Kopfschüsse sind erstrebenswert wie nichts anderes. Gut, Heilkräuter vielleicht noch, aber das lassen die Gegner fallen, sofern man im Kampf die wertvollen Sekunden entbehren kann, um genug von ihnen nacheinander zu scannen. Je riskanter, desto effektiver.

Schön schaurig, wenn ein schnappendes Maul voller Zähne und Abgründe bedrohlich nah kommt, während man gerade dabei ist, den Scanner auszurichten. Hat ein bisschen was von dem Gefühl in Project Zero, gerade nicht mehr als eine Kamera auf einen Geist zu richten, nur weniger gnadenlos. Es sind diese Sekunden, in denen Resident Evil Revelations am stärksten aufblüht, Momente der Unsicherheit, ob der Wechsel zur Waffe noch schnell genug gelingt.

Kurzum: Vieles von dem, was in den letzten Jahren fehlte, findet ihr auf dem unheimlichen Kreuzer wieder. Nicht alles exakt in der Form, wie es in euren "Damals... weißt du noch?"-Büchlein steht. Auch Revelations humpelt angeschlagen und verbrennt sich hier und da an zu plumper Action die Finger. Capcom hätte mehr Mut zur Lücke beweisen und besagte Abschnitte (vor allem einige mit anderen Charakteren) einfach weglassen können, aber gut, man nimmt, was man kriegt, wenn dahinter solche Qualität hervorschimmert.

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Was für ein ekelhafter, widerlich zäher Kerl, vor allem dann, wenn ihr die klassische Steuerung wählt.
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Es ist strukturell für meinen Geschmack etwas zu zerrupft, weil man durch die Schauplatz- und Handlungssprünge nicht so ganz das Gefühl für das Schiff und seine Dimensionen gewinnen kann. Ohne erzählerische Einschübe in Richtung Chris, Jessica und Co. wäre noch mehr Herrenhausstimmung möglich gewesen. Und bestimmt mehr Backtracking nötig, das anderswo wieder auf weniger Gegenliebe stößt, insofern ist das ein guter Weg, den ihr von eurer Seite aus maximal bis zur Mitte abklopfen müsst. Ein im Großformat überraschend starkes Aufblitzen liebgewonnener Tugenden und eine Richtung, die Capcom gerne weiter verfolgen und an den richtigen Stellen perfektionieren darf.

Wer es noch nicht vom kleinen Screen kennt, möge sich Revelations beschaffen und dann sagen, ob die Überraschung eine gute oder schlechte ist. Viel Platz dazwischen gibt es nach letztem Oktober nicht.