In schöner Regelmäßigkeit (oder genauer: mit jedem neuerlichen Remaster) sehen sich Spieler im Allgemeinen und Redakteure im Speziellen mit der zentralen Frage konfrontiert, was einen gut gealterten Klassiker auszeichnet. Macht euch keine falschen Hoffnungen: Resident Evil 4 hat mir dahingehend keine Erleuchtung beschert. Wie sollte es auch die Antwort auf eine Frage liefern, die bestenfalls rhetorisch gemeint sein kann? Es kann sich allenfalls neu beweisen, insofern es für einen Augenblick vom absurd überhöhten Podest der Erinnerungen, gebaut aus rosaroter Nostalgie und wohligem „Weißt du noch, damals?“, auf das neutrale Fundament der Gegenwart gestellt wird. Dass Capcoms mutige Neuinterpretation eines festgefahrenen Giganten auch heute noch fast all seinen vorauseilenden Lobpreisungen gerecht wird, kann ich in der Folge nicht etwa deshalb beurteilen, weil ich es bereits damals gespielt hätte – sondern weil ich es eben nicht getan habe.

Resident Evil 4 - Teil 4, 5 und 6 für PS4 und Xbox One5 weitere Videos

Es gibt ein erstaunlich großes Zeitfenster, innerhalb dessen betagtere Spiele einen besonders schweren Stand haben. Eine Spanne, weniger durch eine konkrete Zeitangabe als vielmehr die zurückliegenden (Konsolen-)Generationen definiert, die an jenem Wendepunkt liegt, an dem begründete Vergleichbarkeit unter dem wohlwollenden Mantel des Retro-Begriffs verschwindet. Resident Evil 4 fällt voll in dieses Schwarze Loch: zu alt, um auf mechanischer Ebene ernsthaft mit modernen Kollegen konkurrieren zu können, zu jung, um bereits den vollen Nostalgiebonus gutgeschrieben zu bekommen.

Resident Evil 4 - Nicht totzukriegen

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So ungefähr müssen sich auch Capcoms Entwickler gefühlt haben, als sie den Auftrag erhielten, an einem weiteren Resi-4-Remaster zu arbeiten.
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Mit dieser Erwartungshaltung startete ich meinen jungfräulichen Versuch, darauf vorbereitet, euch beflissen über die Qualität dieser überarbeiteten Version zu informieren und zu gegebener Stelle die videospielgeschichtliche Bedeutung einer Reise zu illustrieren, die in vielerlei Hinsicht prägend für gleich mehrere Genres war. Mein Kennenlernen war zuvorderst als analytisches angelegt: Natürlich werden die folgenden Stunden etwas beschwerlich, selbstverständlich kein Vergleich mit aktuellen Ausflügen dieser Art. Selten war ich erfreuter darüber, so sehr danebengelegen zu haben.

Packshot zu Resident Evil 4Resident Evil 4Erschienen für GameCube, PS2, Wii, PS4 und Xbox One kaufen: ab 35,99€

Um zu verstehen, was das Rendezvous mit Leon Kennedy damals so auszeichnete und selbst heute noch über viele seiner Kollegen erhebt, sind geschliffene Artikel oder erklärende Videos nur unzureichend geeignet – glaubt mir, bis vor wenigen Tagen war meine Meinung diesbezüglich noch eine andere. Wie die von Resident Evil zelebrierte Trägheit überhaupt schon immer schwer nachzuvollziehen war, ohne sie eigens erlebt zu haben, sollte man auch Teil 4 selbst gespielt haben, um den feinen Unterschied zwischen aufgezwungener Passivität und gewollter angezogener Handbremse zu verstehen.

Capcom überfordert das einigermaßen übersichtliche Oberstübchen seines Schönlings nicht mit zig Mechaniken oder komplizierten Fähigkeiten. Es ist alles sehr direkt und geradeheraus, straightforward eben, wie es im Englischen so treffsicher heißt. Ihr habt euer Messerchen, eine kleine, aber sinnvolle und später aufrüstbare Auswahl an Waffen und hoffentlich ein zusätzliches Augenpaar im Hinterkopf. Obwohl ihr die unheimlichen Bewohner dieses wortwörtlich verdammten Örtchens im Dutzend aus den fauligen Latschen pustet, habt ihr nie das Gefühl, ihrer völlig Herr zu werden. Zu knapp ist eure Munition bemessen, die euch regelmäßig zum Wechsel der Waffen zwingt. Zu vielseitig sind die verschiedenen Techniken der Bewohner, zu verworren die Architektur ihrer Stadt. Die Kerls stellen eben keinen schnöden Re-Skin der üblichen Resi-Zombies dar, sondern Menschen im weitesten Sinne, Gegner über dem IQ einer Brotscheibe.

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Jeder Schuss ist kostbar. Auch in brenzligen Situationen solltet ihr euch deshalb Zeit zum Zielen nehmen.
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Erwartet keine übermäßig cleveren Flankenläufe oder ähnlich Unberechenbares; die Brut stellte bereits zum Zeitpunkt ihres Erstauftritts auf dem GameCube nicht die Speerspitze der künstlichen Intelligenz dar. Muss sie auch gar nicht, heute wie damals, weil sie trotzdem jederzeit fordert, die Bedrohung darstellt, die sie sein soll – eine Leistung, an der sich Zombiespiele für gewöhnlich verzweifelt ihre Zähnchen ausbeißen. Diese latente Gefahr erkaufen sich die Entwickler bisweilen freilich mittels eingeschränkter Beweglichkeit und derlei, ohne euch allerdings Fußfesseln anzulegen. Bewegungsunfähigkeit während des Zielens mag allem widersprechen, was wir im vergangenen Jahrzehnt von Third-Person-Shootern gelernt haben und wäre heute in dieser Form kaum mehr tragbar. Resident Evil 4 ist jedoch von Kopf bis Fuß auf dieses Konzept geeicht und nutzt es nicht als billige Ausrede dafür, den Schwierigkeitsgrad künstlich anziehen zu wollen.

Technisch leicht überdurchschnittliche Neuauflage eines großartigen Spiels. Dass Resident Evil 4 auch nach elf Jahren nicht übertroffen wurde, sagt gleichermaßen viel über seine eigene Qualität wie die seiner Nachfolger.Fazit lesen

Ohnehin will euch hier niemand für dumm verkaufen, ganz im Gegenteil: Ihr solltet eure Sinne einigermaßen beisammen haben, um in dieser lebensfeindlichen Umgebung zu bestehen. Wie gesagt, es gibt kein Allheilmittel-Schießeisen und erst recht nicht ausreichend Munition, um alles in Blei zu ertränken, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ihr solltet immer auch mit einem Auge eure Umgebung sondieren. Weniger aufgrund möglicher Hinterhalte, schon eher, um Feinden ein Schnippchen zu schlagen, die kleinen Geheimnisse dieser Welt zu entdecken und plötzliche Reaktionstests zu überstehen. Ich antworte auf die Frage, welches Spiel QTEs popularisiert hat, immer schlagartig mit Shenmue. Die Orientierung im dreidimensionalen Raum ist neben einem ordentlichen Schluck Zielwasser eure schärfste Waffe in diesem Kampf auf Leben und Tod, umso mehr, sobald euch erst einmal Ashley am Rockzipfel hängt. Nicht ganz zu Unrecht ist die zu rettende Präsidententochter zu zweifelhaftem Internet-Ruhm gelangt; als ihr Leibwächter erlebt ihr hier auch die längste Eskortmission der Videospielgeschichte – ein Spielelement, das in Sachen kollektiver Unbeliebtheit für gewöhnlich nur noch von Wasserleveln übertroffen wird.

Ich kann nicht gerade behaupten, die Göre in mein Herz geschlossen zu haben, hätte es mir allerdings schlimmer vorgestellt, mit einem kreischenden Nervenbündel am Bein um das gemeinsame Überleben zu kämpfen. Natürlich ist sie keine große Hilfe, nur kann man ihr das ernstlich verübeln? Die aussichtslose Situation schweißt ein Stück weit zusammen; zu meiner eigenen Überraschung fühlte ich mich für das Mädel irgendwann ähnlich verantwortlich wie seinerzeit für Yorda, ICOs damsel in distress, die keine ist. Ashley zwingt euch dazu, euer bisheriges Vorgehen zu überdenken, ihrethalben zu antizipieren, was hinter der nächsten Ecke lauern könnte. Das ist kein Spaziergang und kann in seinen schlimmsten Momenten eine schrecklich zähe, beinahe unfaire Angelegenheit sein, schärft euch allerdings auch eine Ahnung von Pflichtgefühl ein, das es in Videospielen nicht so wahnsinnig häufig gibt.

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Gelegentlich gibt es nette Szenen wie diese, in denen Ashley und Leon zusammenarbeiten müssen.
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Zombies zum Anbeißen

Nun war Capcom nie so wahnsinnig schüchtern beim Vorhaben, diese Erfahrungen so vielen Spielern wie möglich anzubieten: Resi 4 wechselte in den vergangenen Jahren häufiger die Plattform als manch einer seine Unterhosen, beehrte beinahe jede Daddelkiste – den PC sogar zweimal. Auf dessen aktuellerer und nicht völlig verkorkster Version, der „Ultimate HD Edition“, basiert auch dieser Neuanstrich, was insofern eine gute Nachricht ist, als diese der sprichwörtliche Einäugige unter den Blinden ist, grafisch keine große, aber doch eine Schippe draufgelegt hat.

Für PS4 und One haben die Japaner eine Handvoll zusätzlicher hochauflösender Texturen spendiert, der Rest ist auf dem üblichen „Passt schon“-Niveau, das man heutzutage von aufgehübschten Kann-man-mal-mitnehmen-Angeboten wie diesem gewohnt ist – es gibt nun mal einen entscheidenden Unterschied zwischen Remaster und Remake. Verschiedene Controller-Layouts, 1080p-Auflösung, auf 60 Bilder die Sekunde festgenagelte Framerate: In seiner Gesamtheit ist diese Version die beste, die ihr finden könnt. Dass dieser Umstand lobend hervorgehoben werden muss, sagt einiges über die mittlere Qualität der gegenwärtigen Remaster-Welle.