Das beste Videospiel-Remake aller Zeiten ist zurück. In High-Definition-Grafik, behauptet der Titel des Download-Pakets, das ab dieser Woche für alle aktuellen stationären Systeme zu haben ist, außer für Nintendos Wii U. Irgendwie bizarr, schließlich geht es um eine endlos gefeierte, wenn auch finanziell desaströse Neuauflage, die einst exklusiv für Nintendos GameCube zu haben war. Erlebt das Resident Evil-Remake bei der Konkurrenz nun endlich den verdienten Höhenflug?

Resident Evil - Video-Review

Kurz und bündig: Nein! Dieser einstige Knüller reißt beinahe 12 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung keine Bäume mehr aus. Schon gar nicht in Anbetracht des Spielaufbaus, der noch ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat.

1996 heimste das Original Resident Evil (in Japan bekannt als Biohazard) auf der PlayStation jedes erdenkliche Lob ein. Es war ein Spiel für Erwachsene, legte Wert auf Atmosphäre, bediente gekonnt B-Movie-Klischees und fesselte mit seiner einfachen Aufgabenstellung: Schlüpfe in die Rolle eines Elite-Polizisten und entkomme aus einem Haus voller Zombies.

Resident Evil HD Remaster - Eine Runde Botox für Altherren-Zombies

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 30/361/36
Das Resident-Evil-Remake begeisterte schon 2003 viele GameCube-Besitzer, war finanziell jedoch kein großer Erfolg für Capcom. Unsere Screenshots entstammen übrigens allesamt der PC-Fassung.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Jill Valentine und Chris Redfield lehrten uns, wie gruselig und beklemmend ein Videospiel sein kann. Seitdem ist allerdings viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen. Weit mehr als man angesichts der Präsenz der noch immer beliebten Marke meinen könnte. Dieses Spiel ist alt. So richtig. Mit Furchen auf der Stirn und Spinnweben unter den Achseln. Es fühlt sich sogar älter an, als so manches 8-Bit-Spiel.

Perspektive 2015 – Backtracking nervt

Keine Frage, stilistisch weiß Resident Evil noch immer zu fesseln. Spannende Kamerawinkel, irre Atmosphäre, bedrückende Unterlegenheit gegenüber beharrlich schlurfenden Zombies und fiesen Mutanten. Alles, was schon 1996 ein ebenso kitschiges wie gruseliges B-Movie-Gefühl auflodern ließ, greift noch heute. Verstärkt durch die Stilmittel des Remakes, durch das Licht von Blitzen, das ohne Vorwarnung über die Wände zuckt, durch flackernde Kerzen, sterbende Glühbirnen und altbackenes, muffiges Mobiliar. Man möchte bei so manchem Sessel auf das Leder klopfen und beobachten, wie der Staub auf den gefühlt 50 Jahre alten Teppich rieselt. Resident Evil tapeziert euch Furcht vor der Gemütlichkeit auf den Leib, als ob euer heimeliges Domizil plötzlich von Todesfallen umringt wäre. Großartig!

Aber alles, was jenseits der Präsentation geschieht, schleppt sich wie ein Mühlstein am Hals. Endloses Backtracking, die geradezu plumpen Puzzles und das steife Abklappern vorbestimmter Stationen... es gäbe so viel, was man heute anders entwerfen würde. Zu Recht! Obwohl Capcom beim GameCube-Remake von 2003 bereits einige Rätsel abänderte, zusätzliche Herausforderungen schuf und viele Kanten abschliff, entstammt das Design in seiner Basis aus einer Zeit, in der 3D-Grafik neu war. Der Umgang mit dem neuen Grafikstil war ungewohnt und viele Spielelemente unterlagen Kompromissen, die man im 2D-Segment längst überwunden hatte. Diese Kompromisse wiegen im Jahr 2015 schwerer als je zuvor.

Packshot zu Resident EvilResident EvilErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Immer wieder rollende Augen. Nein, keine Zombie-Augen auf dem Flur. Rollende Augen im Kopf des Spielers, weil die vorgerenderten, steifen Hintergrundgrafiken manchmal ungünstige Perspektiven festschreiben und manche Puzzles überaus sinnlos erscheinen. Da schleppt man irgendein seltsames Wappen quer durch ein Herrenhaus, um es irgendwo gegen ein genauso beliebiges anderes Wappen auszutauschen. Oder beleuchtet Gemälde, um eine Wand wie eine Garagentür hochzufahren. Hä?

Resident Evil HD Remaster - Eine Runde Botox für Altherren-Zombies

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden6 Bilder
Lange Flure, seltsame Rätsel. Kultserie hin oder her, einige Spielelemente legten im Laufe der Zeit Rost an.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die Bewohner des Anwesens hatten obendrein Spaß daran, Schlüssel, ohne die sie nicht einmal ihr Klo betreten könnten, in schwer erreichbaren Alltagsgegenständen zu verstecken. Etwa im Halsband eines bissigen Hundes. Witz komm raus, du bist umzingelt. In Konsequenz nehmen Laufwege exorbitante Längen an.

Backtracking – also das ständige Aufsuchen bereits erforschter Gebiete – wäre gar kein so schlimmer Faktor, wenn nicht jede Tür eine Zwischensequenz mit sich brächte. Das ist einer dieser angesprochenen Kompromisse. 1996, ja wahrscheinlich noch 2003, waren die Tür-Sequenzen geschickte, weil stimmungsvolle Methoden, um Ladezeiten zu überbrücken. Heute unterbrechen sie nur noch den Spielfluss. Die Summe der Macken verdeutlicht ungemein, wie nötig die Serie eine Neuausrichtung brauchte, als Resident Evil 4 erschien.

Perspektive 1996 – zeitlose Furcht

Bei aller Kritik am Spielablauf sei unterstrichen, dass viele dieser unliebsamen Faktoren zwar müßig erscheinen, aber keinen Bruch verursachen. Resident Evil HD Remastered fasziniert in gewisser Weise noch genauso wie anno dazumal, gerade weil man einen gefühlten Mühlstein um den Hals trägt.

Spielerisch altmodisch, und dadurch ebenso erfrischend wie nervig. Leider nicht so liebevoll adaptiert wie erhofft, aber für eine Runde gruseln reicht es allemal.Fazit lesen

Das ganze Spiel vermittelt Abgeschiedenheit und ermutigt zur Besonnenheit. Der Moment, in dem man einen sicheren Speicherraum betritt und friedlich säuselnde Musik vernimmt, fühlt sich noch immer so an, als würde einem dieser Mühlstein für einen Moment vom Hals geschnallt. Man genießt einen Augenblick Ruhe und realisiert dabei, wie schön ein Spiel sein kann, in dem mal nicht alle drei Sekunden irgendwas explodiert.

Ein Spiel wie dieses braucht keine großartigen Hintergrundgeschichten. In diesem Fall braucht es keine Umbrella Corporation, keine Sidekicks, keine Hundertschaften von Untoten und keine nervigen Übermonster, die unentwegt „Staaaars“ grunzen. Es braucht lediglich diesen Rückzugsort, der einem versichert, dass man den Nervenkitzel der Gefahr eine Weile reuelos auskosten kann.

Resident Evil HD Remaster - Eine Runde Botox für Altherren-Zombies

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 30/361/36
An manchen Stellen ist das Spiel eine Gratwanderung zwischen Lust und Frust. Atmosphäre wiegt manchmal mehr als Fairness, zum Beispiel bei fiesen Kamerawinkeln.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Für Serienfans, die Resident Evil erst seit Teil 4 kennen, mag das ein ungewohntes Spielgefühl sein. Es ist eine Last, die man gerne tragen muss. Es hat etwas masochistisches, etwas bedrückendes. So wie der Fiesling in einem guten Horrorfilm, der stets droht, seinen Fingernagel ins Herz zu bohren, und doch nur aus reiner Freude am Verzug die Brust umspielt, so zäh, ja geradezu sadistisch mergelt euch Resident Evil das letzte Bisschen Selbstvertrauen aus den Händen, die irgendwann nur noch schwitzend den Controller umklammern.

Starke Bewaffnung hin oder her, man kommt nie an eine Stelle, an der man behaupten könnte, man würde fröhlich durch das Herrenhaus spazieren. Selbst Speedrunner schwitzen heute noch Blut und Wasser, wenn sie versuchen, ohne großes Geballer an den Untoten vorbeizukommen. Immer dann, wenn man meint, alles unter Kontrolle zu haben, wirft Altmeister Shinji Mikami ein paar Kohlen mehr ins Feuer.

Das ein oder andere Zucken mag altmodischen Schreckmomenten entspringen, Stichwort Hunde im Flur oder die gemeinen Crimsonhead Zombies, die regungslos am Boden liegen, bis man ihnen zu nahe kommt. In den allermeisten Fällen geht es jedoch um das permanente Gefühl der Unterversorgung, weil man schlicht keinen Platz mehr im Inventar hat.

Wer vier seltsame Masken in einen dunklen Keller tragen muss, hat keinen Stauraum für ein riesiges Arsenal samt Munitionsvorrat oder Heilkraut. Jill Valentines Hosentaschen tragen acht, Chris Redfields gerade mal sechs Gegenstände. Zumindest bis man im späteren Spielverlauf einem von beiden eine Hüfttasche umschnallt, die zwei weitere Plätze birgt.

Resident Evil HD Remaster - Eine Runde Botox für Altherren-Zombies

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden6 Bilder
Knappes Inventar und verschachtelte Zugänge mögen nervig sein, aber sie erhöhen im Kampf gegen Zombies auch die Spannung.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wer nicht permanent der Gefahr eines Schreckmoment-Herzinfarkts unterliegen möchte, muss obendrein einen Kerosinkanister und ein Feuerzeug umherschleppen – das einzige vorbeugende Mittel gegen die erwähnten Crimsonhead-Zappler. Da kommt man des öfteren ins Grübeln. Der Widerspruch im Verhältnis zwischen Backtracking und erhöhter Spannung durch begrenztes Inventar wirft eine Frage auf: Wie leidensfähig muss man sein, um Resident Evil heute noch zu genießen?

Schwer zu beurteilen und mit Sicherheit eine Generationsfrage. Wer das Spiel kennt, weiß ja , was ihn erwartet. In Anbetracht der geringen Summe von rund 20 Euro, die Capcom abverlangt, steht keine schwerwiegende Fehlinvestion bevor. Schon zu Zeiten der PlayStation gab es einige Käufer, die den Gruselknüller nie durchspielten, und dennoch die dichte Atmosphäre der ersten Spielhälfte reuelos auskosteten. Nach wie vor geht es um ein bedeutendes Stück Videospielgeschichte, das macht sich in jeder Sammlung hervorragend.

Um bis zum Ende zu kommen – was einen erneuten Durchlauf mit dem zweiten Charakter einschließt, braucht man aber einen langen Geduldsfaden und ein dickes Fell. Das gilt besonders für alle, die das Spiel noch überhaupt nicht kennen und es ohne Komplettlösung knacken wollen. Resident Evil ist selbst im höchsten der wählbaren Schwierigkeitsgrade nicht wirklich schwer, wenn man weiß, was zu tun ist, nur eben unlogisch, umständlich und manchmal ein wenig unfair.

Perspektive 2003 – Stimmungsvolle Grafik mäßig aufgehübscht

Unfair erscheint Resident Evil selbst in der modernisierten HD.Remastered-Fassung, weil manche Kamerawinkel ungünstige Blickwinkel vorschreiben. Spannung hin oder her, wenn man blind gegen die Kamera schießen muss oder beim Umschalten in eine andere Perspektive ungewollt Gammelschlurfern in die Arme rennt, möchte man gelegentlich den Controller in die Ecke feuern. Eine automatische Zielfunktion verhindert grobe Fehltritte, nur hilft das wenig, wenn man nicht einschätzen kann, wie viele Untote sich im Raum befinden.

Resident Evil HD Remaster - Eine Runde Botox für Altherren-Zombies

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 30/361/36
HD-Qualität. Öhm, nee, Capcom, auch nicht mit zwei zugedrückten Hühneraugen. Immerhin läufts auf dem PC in 60 FPS, auf Konsolen recht stabil auf 30 FPS
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nach einer Third-Person-Perspektive oder gar einer Ego-Sicht zu schreien, wäre Blödsinn. Das Spiel lebt davon, dass man nicht permanent die Kontrolle über das Geschehen behält. Trotzdem keimt gelegentlich der Wunsch nach einer Kamerafahrt auf, nach einer Möglichkeit, den ein oder anderen Winkel eines Raums erforschen zu können, ohne gleich in einen neuen Abschnitt zu treten. Es wäre nicht nur fairen Verhältnissen bei Waffengebrauch dienlich, auch die Orientierung im Haus würde sich verbessern. Siehe Resident Evil: Code Veronica.

Wäre selbstverständlich nur dann möglich, wenn Capcom die 3D-Modelle der vorgerenderten Grafiken einbinden oder nachstellen würde, sei es in Echtzeit oder durch ein paar nachgereichte vorberechnete Einstellungen. Aktuelle Konsolen und PCs sind inzwischen so leistungsstark, sie könnten das gesamte Haus mit einigen Abstrichen in ähnlich guter Qualität in Echtzeit darstellen. Das wäre kein Remastering mehr, das für 20 Euro über den Ladentisch ginge. Aber es wäre eine erheblich sinnvollere Frischzellenkur gewesen, als der halbgare GameCube-Port, der vorliegt. Man hätte im gleichen Durchlauf eine paar der Puzzles modernisieren können.

High Definition verspricht der Titel. Pustekuchen! Capcom investierte ein wenig in alle Echtzeit-Komponenten, also die Hauptfiguren, einige wenige Lichtquellen, sowie bewegliches Mobiliar und Randgewächse im Freien. Außerdem wurde die Qualität der Lichtquellen im Allgemeinen verbessert, was aber keine große Kunst darstellt, weil sie ebenfalls zu den Echtzeit 3D-Elementen gehörten, die schon immer integriert waren. Höhere Auflösung und modernere Shader auf schärferen Specular Maps – schön anzusehen, weil schon immer sehr geschickt auf den 2D-Elementen platziert, aber kein beeindruckendes Remastering.

Resident Evil HD Remaster - Eine Runde Botox für Altherren-Zombies

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden6 Bilder
Wenige Schauplätze wie etwa der Weg zum Freidhof wurden aufgewrtet. Allerdings nur in Bezug auf Echtzeit-Grafikelemente und Spezialeffekte.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Schon gar nicht, wenn so ziemlich alle vorgerenderten Hintergründe notdürftig hochskaliert vorliegen. In manchen Räumlichkeiten fällt es stärker auf als in anderen. Die Eingangshalle des Hauses wirkt zum Beispiel dank scharfer Spiegelungen schöner als je zuvor. Auch der Weg zum Friedhof hinterlässt dank dichterem Wildwuchs und kleinen Pfützen einen modernen Eindruck. Nur sind das leider extreme Ausnahmen. In einigen Fluren verschwinden die Ecken aufgrund der düsteren und keineswegs voll ausgereizten Farbpalette in diffusem Schwarz. Im Haifischbecken beleidigen aufgeschwemmte Kanten und grob definierte Farbverläufe das HD-verwöhnte Auge.

Man hat eigentlich nie den Eindruck, echtes HD zu erleben. Schöner als die Gamecube-Fassung? Na klar, allein schon wegen den zusätzlichen Echtzeit-Grafiken. Mühevoll angepasst? Auf keinen Fall. Das verraten schon solche Kleinigkeiten wie die gut gemeinte, aber gerade bei Bossen wenig sinnvolle alternative Steuerung, mit der man permanent gegen Wände läuft. Oder die Tatsache, dass Speicher-Bildschirme und andere Menüs noch immer im GameCube-konformen 4:3-Format vorliegen.