Battlefield 3 und Call of Duty stehen kurz vor ihrer Veröffentlichung. Zwischendurch kommt das Sequel zu Red Orchestra auf dem Markt – und versagt dem Spieler jeglichen Arcade-Komfort. Niemand hat behauptet, so ein Krieg sei das Leichteste der Welt.

Red Orchestra 2: Heroes of Stalingrad - "Rising Storm" Debüt-Trailer

Eine Geschichte wie aus einem Kitschroman: Junge, talentierte Computerfreaks basteln begeistert an dem Code von „Unreal Tournament“ herum, kreieren ein völlig neues Spiel, gewinnen bei dem „Make Something Unreal“-Wettbewerb. Mit der abgegriffenen Kohle gründen sie ein Entwicklerstudio, um ihr Spiel auch vermarkten zu können, und erarbeiten sich einen guten Ruf. Das Spiel läuft die nächsten fünf Jahre mit stabilen Nutzerzahlen und rechtfertigt somit eine Fortsetzung. So in etwa lautet die Kurzfassung der Spielmacher Tripwire Interactive – von Kellerkindern zu Firmenbossen.

Was die Hobbyprogrammierer aus der knallbunten Ballerorgie Unreal Tournament gemacht haben, war indes auch durchaus beeindruckend: Nichts von den Hightech-Arenen ist übrig geblieben, die stark gepanzerten Muskelprotze Spielraum für Waffentechnik des übernächsten Jahrtausends bieten. Es zucken keine Lichtblitze durch enge Korridore, kein futuristisches Außenpanorama – nicht einmal wummernder Brachialsound blieb übrig, der das Geschehen in eine Disco der Gewalttätigkeit verlagert.

Ganz bodenständig versetzt das Team von Tripwire die Spieler zurück in den Zweiten Weltkrieg, wo deutsche Wehrmachtssoldaten gegen die Stellungen der russischen Roten Armee poltern. Das klingt zwar nicht sonderlich originell, schließlich wurde der Krieg schon häufig genug als Hintergrund für Entertainment benutzt, aber die Atmosphäre macht immer wieder unmissverständlich klar, dass Krieg nun mal kein Abenteuer ist. Krieg ist eine grausame Sache, in der Soldaten einfach ihre Pflicht taten – und das auf beiden Seiten.

Red Orchestra 2: Heroes of Stalingrad - Rothelmchen und die böse Kugel

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Ab und zu zeigt Red Orchestra 2 seine freundlichen Seiten.
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Kleiner Spoiler: Die Deutschen verlieren den Krieg

Im zweiten Teil geht es hauptsächlich um die Stadt Stalingrad, die von den Deutschen belagert wurde. Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß, dass der zermürbende Kampf um die Versorgungslinien der Roten Armee den Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs markierte und Hitlers Armee ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit verlor. Für das Deutsche Reich war Stalingrad der Anfang vom Ende, und bis heute ist der Name mit den Namen Hunderttausender gefallener Soldaten auf beiden Seiten verbunden.

Dieses Mal spendierten die Entwickler auch eine Solo-Kampagne, in der die Sicht beider Seiten dargestellt wird. Ein Tutorial macht mit den wichtigsten Waffen vertraut und rüstet die Spieler für den mörderischen Häuserkampf – auch wenn man bei den Ruinenfeldern kaum noch von Häusern sprechen mag. Die Atmosphäre bedrückt schon, wenn man seinen ersten digitalen Fußschritt auf das Schlachtfeld setzt. Die Fassaden sind dunkel wie eine russische Winternacht. Dann und wann bekommt man ein Propaganda-Plakat zu Gesicht und von allen Seiten hört man das Geknatter der Maschinengewehre, rasselnde Panzerketten oder Einschläge von Explosivgeschossen.

Packshot zu Red Orchestra 2: Heroes of StalingradRed Orchestra 2: Heroes of StalingradErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Versprochene Sache: Nachschub im Umfang

Auch um das Waffenarsenal hat sich Tripwire Interactive gekümmert: Neue Schießprügel und eher seltenere Waffen wurden eingebaut, womit man den Wünschen der Community entgegenkam, die gerne auch mal ein anderes Gewehr als eine Moisin-Flinte oder einen Karabiner 98K in den Händen halten wollten. Dafür wurde die Panzerflotte abgespeckt: Kamen im Vorgänger noch einige Vehikel wie Kettenfahrzeuge, Tiger oder T34 zum Einsatz, so duellieren sich auf der derzeit einzigen reinen Tank-Map nur russische T34 mit dem P IV. Das wird wohl den Entwickler geschuldet sein, die für ihre Akribie bekannt sind, mit der sie historische Begebenheiten ins Spiel bringen.

Wie auch bei dem vor fünf Jahren erschienenen Erstling geht es darum, bestimmte Zonen zu erobern. Das gelingt durch personelle Überlegenheit der eigenen Truppe oder durch das Eliminieren aller Gegner, die sich in der Zone aufhalten. Nach ein paar Sekunden des Ausharrens ist der Stützpunkt eingenommen und kann vom Feind zurückerobert werden. Gewinner ist die Armee, die entweder alle Punkte eingenommen hat oder nach Ablauf der Spielzeit die meisten Zonen besetzt hält. Battlefield oder Call of Duty spielen sich nach dem gleichen Prinzip, legen aber weniger Teamwork und strategischem Können zugrunde. Wer meint, er kann wie in einem Arcade-lastigen Shooter den Rambo markieren, wird seine Spielzeit wahrscheinlich eher in der Respawn-Area verbringen.

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Realismus ist Trumpf

Das Alleinstellungsmerkmal war schon immer der Anspruch: Hoher Realismus-Grad spiegelt sich in den Waffen wider, die gerne mal verziehen, in den Animationen, in denen jeder Griff beim Nachladen nachempfunden wurde, und gipfelt im fehlenden Fadenkreuz. Gezielt wird über Kimme und Korn oder mit dem Zielfernrohr, wenn man zur Scharfschützenklasse gehört. Für Sniper sind die Ruinen geradezu paradiesisch, denn sie finden viele Punkte, von denen sie die feindliche Infanterie ausschalten können. Daher ist es ratsam, so viele Deckungspunkte wie möglich im Vorfeld auszumachen, von Sandsäcken zu Mauervorsprüngen zu hechten und möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.

Red Orchestra 2: Heroes of Stalingrad - Rothelmchen und die böse Kugel

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Doch im nächsten Moment ist es wieder erbittert und erbarmungslos.
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Schwachpunkt ist leider die Grafik, denn die Unreal-3-Engine liefert gerade einmal Hausmannskost. Zudem trüben Grafikfehler und schwache Texturen das Bild. Von Crysis, Modern Warfare und den Bildern zu Battlefield 3 verwöhnt, kommt dem Grafikfetischisten hier wahrscheinlich des öfteren ein „Igittigitt!“ über die Lippen. Dafür wurde sich um einen realistischen Kriegssound bemüht, in dem die Ballermänner mit authentischen Geräuschen unterlegt wurden. Auch die Hintergrundgeräusche lassen den Weltkrieg ganz nah über die Spielerohren ins Bewusstsein rücken.

Wodurch das Spiel seine Kraft zieht, ist das Multiplayer-Erlebnis. Bis zu 64 Spieler können online oder via LAN ihre Schlachten austragen. Dabei ist aber Können gefragt, denn Red Orchestra richtet sich an Spieler, die auch ohne Hightech-Sperenzchen überleben können. Hier wird noch gekämpft wie zu Großvaters Zeiten, ohne Bewegungsmelder, Röntgenblick oder Nachtsichtgeräte.

Daher sollte die Truppe auch unbedingt wissen, was sie tut, und am besten einiges an Clan-Erfahrung mitbringen. Einzelkämpfer werden hier ganz klar versagen. Wer das nicht akzeptieren kann, sollte lieber wieder zu Battlefield überlaufen oder seine Sinne für Strategie schärfen.