Die Kontroverse um eine einzige Bemerkung bezüglich Crunch Times bei Rockstar Games hat derart hohe Wellen geschlagen, dass sich das Unternehmen dazu entschlossen hat, die vertraglich geregelte Vertraulichkeitsregelung zu lockern, damit sich aktuelle Mitarbeiter zum Ganzen äußern können. Zudem heißt es, seien zumindest bei einem Studio die Überstunden nicht mehr länger mandatorisch, sondern nur noch optional.

Rockstar Games' erster echter Titel für die aktuelle Konsolengeneration erscheint in wenigen Tagen

"Um ehrlich zu sein, während es eine aufregende Woche hätte werden sollen, ist es nun ein totaler Flop", ließ Keith Thorburn, Music Developer bei Rockstar North, über Twitter seinem Frust freien Lauf. Damit spricht er die aktuelle Kontroverse über vermeintliche 100-Wochen-Stunden bei Rockstar Games an, die laut den Aussagen einiger Ex-Mitarbeiter nicht nur mandatorisch, sondern auch die Regel im Unternehmen sein sollen. In erster Linie, weil es die Brüder Sam Houser, Rockstar Games' Präsident, und Dan Houser, Lead Writer, so von ihren Mitarbeitern verlangten. Sie selbst gelten als extrem ehrgeizig. Allein in diesem Jahr sollen sie bereits mehrfach dieses enorme Arbeitspensum eingefordert haben, wie sie selbst in einem Interview zugaben beziehungsweise sich verplapperten.

Kein Unbekannter

Rockstar Games ist in dieser Hinsicht kein Unbekannter. In der Vergangenheit ist das Unternehmen immer wieder in die Schlagzeilen geraten: 2009 einigte sich das Unternehmen außergerichtlich auf die Nachzahlung von 2,75 Millionen Dollar an über 100 ehemalige Mitarbeiter als Kompensation für unbezahlte Überstunden bei Rockstar San Diego. 2010 prangerten angebliche Ehefrauen von Mitarbeitern in einem offenen Brief die "manipulative, betrügerische und rücksichtslose" Unternehmenskultur an. Ihre Ehemänner seien durch "nicht enden wollende" Crunch Times und unbezahlte Überstunden psychisch und physisch am Ende und stünden ständig unter enormen Druck und Stress. Ein Ex-Mitarbeiter erklärte es so: "Was Crunch-Zeiten bei Rockstar von denen anderer Studios unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie einem mitteilen, dass das Spiel in sechs Monaten fertiggestellt sein muss, 'also lasst uns den finalen Schritt gehen, um dieses großartige Spiel rauszubringen!'. Sechs Monate werden zu einem Jahr, ein Jahr wird zu zwei."

Und Berichten zufolge ist das kein Einzelfall, sondern zieht sich durch alle Studios des Unternehmens und betrifft sogar Studios, die im Auftrag für Rockstar Games arbeiten. So ließ Jenn Sandercock, die bei Team Bondi an L.A. Noire arbeitete, wissen, dass das Management sogar die allwöchentliche und 30-minütige Kuchenpause des Studios unterbinden ließ. "Ich habe mir geschworen, nie wieder an einem Ort zu arbeiten, wo die Mitarbeiter nicht einmal eine halbe Stunde in der Woche haben dürfen, um so etwas wie einen Kuchentag zu zelebrieren", so Sandercock.

Dan Houser, von dem das betreffende Zitat über die 100-Wochen-Stunden kam, erklärte sich kurz nach dem Entflammen der Kontroverse: "Was wichtig ist, wir erwarten von niemandem, so zu arbeiten, wie wir. Im gesamten Unternehmen haben wir einige Seniors, die sehr hart arbeiten, einfach weil sie so viel Leidenschaft für das Projekt oder ihre spezifische Arbeit empfinden. Und wir sind der Meinung, dass sich diese Leidenschaft in den Spielen zeigt, die wir veröffentlichen. Aber diese zusätzliche Leistung ist eine Entscheidung, eine eigene Wahl, und wir erwarten von niemandem, so zu arbeiten."

Um den ganzen negativen Berichten angeblicher Ex-Mitarbeiter den Wind aus den Segeln zu nehmen, ging Rockstar Games noch einen Schritt weiter und lüftete nun für kurze Zeit die vertraglich zugesicherte Vertraulichkeitsvereinbarung der Mitarbeiter, um ihnen zu erlauben, offen über ihren Arbeitsalltag bei Rockstar Games zu sprechen. Und die ließen sich nicht zweimal bitten:

"Vorweg, Red Dead Redemption 2 war eines meiner meist erfüllenden und stressfreisten Projekte, an denen ich jemals gearbeitet habe. Ich weiß, wie sich epische Crunches anfühlen, aber dieses Projekt wurde so organisiert, dass ich mich glücklich und gesund fühlte. Ich kann natürlich nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen, aber ich weiß aus kürzlichen Gesprächen mit dem Rest meines Teams, dass wir uns darin einig waren, wie gut die Work-Life-Balance bei RDR2 doch war, was ja allgemein als der Heilige Gral der Videospielentwicklung angesehen wird. Habe ich Überstunden geschoben? Gewiss, aber niemals so exzessiv und stets freiwillig."

"Ich habe nie eine 100-Stunden-Woche gehabt. Niemand sollte 100 Stunden in der Woche arbeiten müssen, das ist eine wahnsinnige Anzahl. Ich wurde auch nie dazu gezwungen, Überstunden zu schieben, oder fühlte mich zu Überstunden gedrängt, weil sich das sonst auf meine Karriere auswirken würde. Außerdem: Ich kenne genug Leute, die nie Überstunden und zeitig Feierabend machen, um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Einer von ihnen ist seit 15 Jahren bei Rockstar."

"Ich habe nie mehr als 50 Stunden die Woche gearbeitet (und auch das nur sehr selten), aber ich arbeite generell in der Woche zwischen zwei bis sechs bezahlte Stunden mehr die Woche."

"Wir haben Crunch Times. Ich habe niemanden gesehen, der dazu gezwungen wurde, 100 Stunden die Woche zu arbeiten. Aber ich habe definitiv Freunde gesehen, die eine Anzahl erreicht haben, die nicht gesund ist."

Dennoch geben viele von ihnen zu, dass es auch andere Zeiten bei Rockstar Games gegeben hat. Phil Peveridge von Rockstar North ließ wissen, dass es bei Grand Theft Auto V durchaus über 70 Stunden die Woche werden konnten. Bei Red Dead Redemption 2 habe sich das aber bereits auf rund 60 Stunden die Woche eingependelt, wenn ein Crunch anstand. Tom Fautley, der seit fünf Jahren bei Rockstar North angestellt ist, nennt sogar eine konkrete Zahl: 79 Stunden die Woche. Das sei aber schon eine Weile her, so der Schotte. Zur gleichen Zeit versichern sie, dass Überstunden stets freiwillig seien. So erklärte Vivianne Langdon, dass wenn sie mal mehr arbeitet, es daran liege, dass sie sich "voll drin" befinde und "nicht aufhören möchte, bevor das Problem gelöst ist."

Dass sich die Zeiten generell gebessert haben, berichtet dieser Mitarbeiter:

"Ich arbeite seit fünf Jahren bei Rockstar North und in dieser Zeit hat man uns wegen Deadlines sehr häufig zu Crunch Times aufgerufen. Während meiner ersten Jahre hier war es am schlimmsten. Es gab mehrere Wochen mit über 70 Stunden. Das Schlimmste waren mal 80. Es wird besser, aber es passiert noch immer. Heutzutage bedeuten Crunch Times für uns in der Regel zwischen 50 bis 55 Stunden die Woche, mich persönlich hat es nie so schlimm erwischt wie einige Kollegen von mir. Ich habe mehrere Freunde, die bis in die frühen Morgenstunden gearbeitet haben."

Kein Zwang mehr?

Andererseits bemängeln Kritiker diesen Schritt Rockstars. Denn kein aktueller Mitarbeiter, so ihre Begründung, würde es wagen, offen über die aktuelle Situation zu sprechen, selbst wenn es schlimmer wäre. Die ganze Kontroverse hat aber offenbar bereits Früchte getragen, wenn man einem Beitrag auf Reddit Glauben schenken darf. Der Threadersteller arbeitet nach eigener Aussage in der Qualitätssicherung für Rockstar Games im Lincoln Studio in Großbritannien. Überstunden würden hier bezahlt, während der Crunches arbeite er rund 80 Stunden. "Wir hatten heute eine große Konferenz, in der uns mitgeteilt wurde, dass von nun an sämtliche Überstunden komplett optional seien. Wollen wir also Extrastunden schieben, um mehr Geld zu verdienen (und uns selbst in ein gutes Licht rücken für die Karriereleiter), können wir Überstunden machen, aber es ist nicht mehr länger verlangt."

Sollte sich diese Änderung als wahr herausstellen und nicht nur das Lincoln Studio, sondern Rockstar Games allgemein betreffen, wäre durchaus ein erster Schritt getan. Denn Rockstar Games als eines der größten Unternehmen hat definitiv eine Vorreiterrolle inne in der Videospielbranche. Mit einem guten Beispiel voranzugehen, sollte in der Tat mandatorisch sein.

Red Dead Redemption 2 ist für PS4 und Xbox One erschienen. Jetzt bei Amazon kaufen.