Ende des 19. Jahrhunderts setzte für viele Menschen eine Sinnkrise ein - die einsetzende industrielle Revolution forderte ihren Tribut und machte etliche althergebrachte Jobs bedeutungslos. Zu diesem perspektivlosen Personenkreis gehörten auch immer mehr Cowboys im "Wilden Westen", die durch Züge oder moderne Technik zusehends an den Rand gedrängt wurden.

Der frühere Revolverheld John Marston wäre eine ideale Zielperson für eine Selbsthilfegruppe, die mit den Folgen der sozialen Umwälzungen fertig zu werden versucht, denn auch der Protagonist von Red Dead Redemption (RDR) befindet sich an einem entscheidenden Umbruch in seinem Leben. Er schwört dem rauen Leben als Outlaw ab und will sich mit Frau und Kind zur Ruhe setzen. Doch es kommt natürlich alles anders ...

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Nur ein Wildwest-GTA?

... Denn Marston wird von seiner verbrecherischen Vergangenheit eingeholt. Im Gegenzug für die Freiheit und Sicherheit seiner Familie setzt ihn eine Regierungsbehörde auf seine Ex-Kumpanen an. Kein Wunder, dass er dies mit dem Satz: „Ich befinde mich sicherlich in irgendeiner Form von Albtraum" kommentiert. Das klingt nicht nur nach triefendem Western-Klischee, RDR besteht zu großen Teilen aus solchen Elementen und lebt diese voller Inbrunst aus. Und das ist auch gut so! Wer mit Westernserien wie "Rauchende Colts" und "Bonanza", Sergio Leones Spaghetti-Western (z. B. "Für eine Handvoll Dollar") oder Eastwoods Meisterwerk "Erbarmungslos" aufgewachsen ist, liebt diese ständigen Zitate und weiß sie absolut zu schätzen.

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In RDR könnt ihr jeden Tag aufs Neue in den Sonnenuntergang reiten - sogar mehrmals!
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Entwickler Rockstar ist durch seine Grand-Theft-Auto-Werke nicht zuletzt für die stilgerechte Umsetzung lebendiger Open-World-Szenarien bekannt und das gelingt auch bei Red Dead Redemption vorzüglich. Auch wenn der Titel im Vorfeld häufig als Wildwest-GTA bezeichnet wurde (und viele Spiel-Elemente daran erinnern), steckt so viel mehr in diesem Spiel, als nur eine neue Umgebung. Von Beginn an atmen wir als Spieler die staubige Atmosphäre ein, fühlen uns in den Saloons und auf dem Rücken unseres Gauls heimisch und bangen mit den eindrucksvoll gezeichneten Charakteren.

Während wir in herkömmlichen Western den Ritt in den Sonnenuntergang einmal am Ende präsentiert bekommen, erleben wir ihn hier jeden Tag. Die Sonne brennt unerbittlich auf die Helden und zwielichtigen Gestalten herab, der zurückhaltende aber eindringliche Soundtrack pfeift uns quasi das Lied vom Tod, wettergegerbte Gesichter sprechen Bände vom kräftezehrenden Leben in den Weiten der nordamerikanischen Prärie. Das alles lässt ein unglaublich homogenes Bild entstehen, einen Reiz, dem man sich nur schwer entziehen kann. Natürlich entwirft Rockstar hier keine Lebensraum-Simulation, kein Abbild der realen Bedingungen - das erhalten wir jedoch in den actionlastigen Filmen auch nicht. Und es wäre auch wenig spannend.

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Gestatten - John Marston, Revolverheld a.D.
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Genau das Gegenteil trifft auf das Abenteuer unseres Revolverhelden zu. Die Geschichte wird wendungsreich und abwechslungsreich inszeniert und beschert Unmengen an tiefsinnigen oder einfach nur unterhaltsamen Dialogen. Ob man nur der Hauptstory folgt (wofür locker 15 Stunden draufgehen) oder sich an ein Lagerfeuer setzt und den vielen skurrilen Charakteren zuhört - vieles fesselt ungemein. Doch RDR ist natürlich weit davon entfernt, ein reines Persönlichkeits- und Typenspielchen zu sein. Action in allen Facetten wird ganz groß geschrieben und so lassen sich trotz der allgemeinen Redseligkeit am Ende viele Missionen nur mit bleihaltigen Argumenten lösen.

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Abwechslungsreiches Missionsdesign im GTA-Stil

Oberflächlich betrachtet entsteht schnell das Bild, dass sich viele Missionen vom Ablauf her zu stark ähneln - das ist für GTA-ähnliche Games sicher nichts Neues. Häufig steigt man auf ein Pferd oder eine Kutsche und begleitet jemanden zu (s)einem Ziel. Rockstar versteht es jedoch die Dramaturgie der Aufgaben vortrefflich zu variieren, damit keine Langeweile durch repetitive Spielmechaniken aufkommt. Während wir bei einer Aktion nicht schlicht einen Zug kapern, sondern erst einen Teil unentdeckt abkoppeln, dann dessen Gatling Gun verwenden, um Soldaten zu plätten und nach einer längeren Flucht noch interessante Entdeckungen machen, verläuft andererseits die Sabotage eines Banküberfalls mitsamt Geiselnahmen in mehreren Stufen anders als gedacht und endet noch lange nicht in einem plötzlichen Hinterhalt.

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Hand hoch: Wer kann den "Der will doch nur spielen!"-Spruch nicht mehr hören?
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Manchmal ist es sogar ein wenig zu viel des Guten. Immer wenn man denkt: "Na, jetzt sind wa aber durch", oder "Gleich muss das Ende kommen", sattelt Rockstar noch einen drauf und bastelt noch einen weiteren Twist oder einen neuen Charakter in die Geschichte ein. Dieses Konzept kann tatsächlich etwas ermüdend werden, führt aber schließlich auch dazu, dass das Finale nicht dann kommt, wenn man es eigentlich erwartet.

Dem Ende, also seinem Tod, muss Marston jedoch relativ selten ins Auge schauen. Das liegt nicht allein an dem im Vergleich zu GTA IV deutlich verbesserten Gunplay. Dank automatischer Zielaufschaltung wird das Abballern feindlicher KI-Soldaten fast zum Kinderspiel. Nur in wenigen Momenten, in unübersichtlichen Gefechten, besteht de facto die Gefahr, vom letzten Checkpoint neu starten zu müssen. Hier hat Rockstar übrigens an der Strategie der "Episodes from Liberty City" festgehalten und nicht mit fairen Speicherpunkten innerhalb der Missionen gegeizt.

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Bei vielen Gestalten weiß man nicht, ob sie Freund oder Feind sind - unterhaltsam sind sie jedoch alle.
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Auch das überarbeitete Deckungsfeature zeigt sich merklich intuitiver und funktioniert tadellos. Fast alle Missionen sind dementsprechend auch daraufhin ausgerichtet und bieten diverse Deckungsmöglichkeiten. Vereinfacht werden viele Fights zudem durch das DeadEye-Feature, einer Art Bullettime, die bereits im Quasi-Vorgänger Red Dead Revolver in ähnlicher Form enthalten war. Sobald diese Fertigkeit aktiviert wird, peilt ihr einzelne Körperteile auch von mehreren Gegnern in Zeitlupe an und macht sie schließlich unschädlich. Im Gesamtkontext wirken Schusswechsel dadurch einen Tick zu leicht, zumal Marston als harter Kerl meist ziemlich viel einstecken kann und sich schnell von Treffern erholt.

Campingurlaub im Wilden Westen

Der Griff zu einer der vielen Waffen, deren Modelle an reale zeitgenössische Vorbilder angelehnt sind, wird anders gehandhabt als in der Vergangenheit. Statt schnödem Durchklicken auf dem D-Pad, wählt ihr nun über ein Ringmenü die jeweilige Waffe, Messer, Dynamit oder Lasso aus. Während wir in unserer letzten Vorschau diesbezüglich noch skeptisch waren, hat uns das System nach längerer Spielzeit eindeutig überzeugt und geht nach einiger Zeit gut von der Hand - zumal es von jeder Waffengattung mehrere Vertreter und unterschiedliche Munitionierung gibt.

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Das Camp bietet euch eine bequeme Schnellreise- und Speichermöglichkeit.
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Rockstar hat scheinbar auch die Kritik an früheren Titeln aufgenommen und das Reisesystem höchst bequem gestaltet. So gibt es nicht nur eine Reihe verschiedener Fortbewegungsmittel, die die Reisezeiten in den drei großen Regionen deutlich verkürzen. Darüber hinaus besteht nämlich die Möglichkeit, abseits von Straßen und Siedlungen ein eigenes Camp zu errichten, in dem ihr den Spielstand speichert und/oder zu markierten Wegpunkten springt. Wer keine Lust auf einen allzu langen Ritt hat, entzündet einfach ein kleines Lagerfeuer.

Red Dead Redemption geht mit seiner packenden Story weit über ein reines Wildwest-GTA hinaus und bietet zudem einen unheimlich motivierenden Mehrspielermodus.Fazit lesen

Wer dauerhaft zu diesem Mittel greift, verpasst jedoch einen großen Teil dessen, was Red Dead Redemption überhaupt ausmacht. Abseits der Hauptgeschichte wartet so unermesslich viel Inhalt, dass es kaum auf eine, ähm, Kuhhaut passt. Das fängt tatsächlich beim Viehtrieb an, bei dem ihr Rinder- und Pferdeherden durch die Gegend scheucht, geht über lukrative Aktivitäten (inklusive Minispielen) wie dem Einfangen und Zähmen von Wildpferden bis hin zu Banküberfällen, Kidnapping oder Schatzsuchen.

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Zu heiß für die vereinigten arabischen Emirate - da wird "RDR" nicht erscheinen.
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Mehr gefällig? Wie wär's mit der Jagd auf Wildtiere und daraus resultierende Fleischgewinnung, diverse Herausforderungen, Duelle, Suche nach seltenen Kräutern und Pflanzen, Poker, Blackjack, 5-Finger Fillet, Hufeisenwerfen, Nachtwache oder der Kopfgeldjagd auf Verbrecher? Wer's drauf anlegt, kann sich Stunden beschäftigen ohne dem Hauptstorystrang zu folgen. Viele dieser Nebenaufgaben ergeben sich sogar - wortwörtlich - im Vorbeireiten.

Ruhm und Ehre beeinflussen die Spielwelt

Ob ihr Gutes oder Schlechtes tut, ist euch bei all den Aufgaben und Missionen selbst überlassen. So könnt ihr natürlich, ähnlich wie in GTA, einfach das nächstbeste Pferd/eine Kutsche stehlen oder reihenweise Passanten niedermetzeln. In Red Dead Redemption hat dies jedoch Auswirkungen auf euer Ruhm- und Ehre-Ranking und damit auch auf das Verhalten der Bevölkerung und Gesetzeshüter euch gegenüber. Ein blutrünstiger Outlaw hat es dementsprechend schwerer, beispielsweise beim Kauf neuer Immobilien oder von Gegenständen wie neuer Waffen und Versorgungsgüter.

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Ob ihr Gut oder Böse seid bleibt ganz euch überlassen, aber alle Taten wirken sich auf euer Standing aus.
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Andersherum wird ein angesehener Held auf der Straße erkannt und freundlich gegrüßt und für seine guten Taten gelobt. Das lebendige Wetter- und Ökosystem beeinflusst zwar dagegen das Gameplay nicht direkt, doch wenn ein Gewitter einsetzt, kracht es nicht nur gewaltig aus den Boxen, der Regen hinterlässt tiefe Pfützen im Sand. Tiere jagen sich zudem gegenseitig. Auf diese Weise entsteht eine unheimlich dichte Atmosphäre, die durch Reiter, Kutschen und von Dampflokomotiven angetriebene Züge weiter vervollkommnet wird.

Optisch beeindruckt RDR vor allem durch seine Gesamterscheinung. Obwohl die Texturen nicht immer auf höchstem Niveau daherkommen und es auf der PS3 zu einigen Popups kommt, entsteht ein unheimlich glaubwürdiges Bild des Wilden Westens vor unseren Augen. Wenn man bedenkt, wie groß das dargestellte Areal ist (ausgestattet mit einer hohen Weitsicht), kann durchaus von einer sehr guten Leistung gesprochen werden. Unübertroffen ist Rockstar jedoch in der Charakterzeichnung, die vor allem in den teils superben Zwischensequenzen deutlich wird. Kaum jemand schafft es derart überzeugende Spielfiguren auf den Bildschirm zu bannen und sie so "menschlich" agieren zu lassen - ein Eindruck, der durch tolle Sprecher vervollkommnet wird. Abzüge in der B-Note gibt es jedoch für die Steuerung der Pferde. Die Gäule wurden zwar vortrefflich animiert, sind im Handling aber oft zu hakelig.

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Im Free Roam-Modus stürzt ihr euch mit eurer eigenen Gang in ein Wildwest-Abenteuer im MMOG-Stil.
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Einen neuen Weg geht Rockstar in Sachen Multiplayer. Statt die Mehrspielermodi nur irgendwie anzuflanschen, erscheint vor allem der "Freie Modus" bei RDR wie eine natürliche Weiterentwicklung bzw. Fortführung des Einzelspielermodus. Hier steht euch die gesamte Map der Kampagne für alle möglichen Abenteuer zur Verfügung. Doch ihr ballert euch nicht nur sinnlos durch Verbrecher und Gesetzeshüter, sondern levelt allein oder mit (bis zu 16) Freunden online eure Charaktere bis zur Maximalstufe 50 auf, bildet Gangs mit bis zu acht Mitspielern, reitet gegen feindliche KI- und menschliche Banden, raubt Banken aus, holt euch Kopfgelder, hebt Bandenverstecke aus, jagt Wildtiere und kassiert dafür Erfahrungspunkte.

Das wiederum wirkt sich auf euer Pferd, eure Waffen, Herausforderungen und Aufgaben aus, erweitert die Spielerfahrung und sorgt für eine unglaubliche Motivation. Zusätzlich gibt es eine Reihe von weiteren Mehrspielermodi, die man aus dem Free Roam-Modus direkt über ein bequemes Menü erreicht - so beispielsweise "Goldrush" und TDM-Partien, die jedoch eher herkömmliches kompetitives Ballervergnügen für zwischendurch bieten.