Brennende Autowracks, verhungernde Kinder, Bomben auf Zivilisten … klingt nach »Fallout 3« vor der Indizierung? Nach einem Fall für die BPjM? Von wegen: Bildung ist's. Um das Zockerargument »Tagesschau schaut auch blutig aus« auf die Messerspitze zu treiben, schicken sich zunehmend Entwickler an, in Spiele zu zwingen, was sie für Realität und Ernsthaftigkeit halten. Die Intentionen sind - nach eigenem Bekenntnis - freilich die besten. Doch wie so oft ist des einen Wahrheit des anderen Propaganda.

Manche Dinge sind wie Brokkoli. Will sagen, sie kommen immer wieder. Etwa das früher als »Edutainment« ebenso bekannte wie unerfolgreiche Phänomen, welches uns auf spielerischem Wege lehrreiche Inhalte unterjubeln wollte. Aufgrund plumper Anbiederung erwiesen wir uns gegen derartige Korrumpierungsversuche immun und blieben lieber beim Metzeln und Meucheln. Konsequenterweise holt uns eine neue Kategorie Spiele bei eben diesem ab und startet einen neuen, subtileren Anlauf.

Reality Games - Lach ned Achmed – Max. Ernst auf’m Schachbrett

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Gut gemeint ist halb verboten: »Operation Pedopriest« stinkt dem Vatikan gehörig.
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Für die Art Mensch, denen beim »Andenken« das Denken, beim »Evaluieren« das Auswerten und aufgrund von »Kernkompetenzen« jegliche Form von Fähigkeit abhanden gekommen ist, lautet der aktuelle Aufdruck neuer Tüten voll alter Weingummis »Serious Games«. Unter diesem Schlagwort sammelt sich alles, was keinen Spaß macht … Pardon… was nicht nur Spaß macht, sondern einen gewissen Lernzweck verfolgt. Streng genommen gehören damit auch die von mir aufs innigste verehrten Daddeleien für geistige und körperliche Ertüchtigung zu den »Serious Games« (aber wenn ihr glaubt, dass ich eine so schöne Kolumnenidee in einem Nebensatz verbrate, benötigt ihr ein paar Zusatzstunden »Dr. Kawashimas Gehirnjogging«).

Auch andere Subkategorien des ernsthaften Zockens hat's mehr als ein Ministerialrat im Puff Ausreden. Nur tummelt sich in diesem Bereich auffällig viel, das zwar den Stempel der Aufklärung trägt, dabei aber nach eigener Aussage eine Agenda hat (was ebenfalls für beide Metapherseiten zutreffen dürfte).

» Dafur is dying« protestiert etwa gegen den Genozid im Sudan, » McDonald's Videogame« gegen die Big Corporations oder » Planet Green Game« gegen Ressourcenverschwendung. Während auf der Entwicklerwebpage in der Regel noch das halbe Evangelium mit adäquat flammenden Ansprachen gegen globale Missstände heruntergenölt wird, landen die eigentlichen Titel früher oder später unkommentiert auf diversen Flashgame-Seiten. Häufig genug bleiben »Message« und Intentionen des Herstellers dabei auf der Strecke. Ohne Kontext rangiert die Pixelpropaganda hernach im weiten Bereich zwischen unterschwelliger Beeinflussung und purer Kontraproduktivität.

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Minus mal Minus gibt plus. Gehirnwäsche mal Gehirnwäsche Objektivität?
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Bezeichnenderweise wurde etwa »Operation: Pedopriest« des italienischen Herstellers » Molleindustria.org« in Italien als kinderpornographisch aus dem Verkehr gezogen. Geht es doch darum, eine Taskforce des Vatikans zu steuern, die versucht, die Übergriffe von Priester auf Kinder vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Verschwörungstheoretiker dürfen gerne hinter solch einem Spielverbot die allmächtige katholische Kirche vermuten. Alle anderen mögen sich durch den Kopf gehen lassen, inwiefern zwingend die explizite Darstellung auf Kleinstkindern herumjuckelnder Pfaffen zur diesbezüglichen »Aufklärung« notwendig erscheint. Vor allem, wenn Molleindustria.org das Produkt neben Perlen der Sexualaufklärung wie »Orgasm Simulator« und »Queer Power« anbietet.

Nach dieser Leseart ironisierter Problembewältigung bliebe zu überlegen, inwiefern man nicht den halben Index der Bundesprüfstelle gesellschaftstauglich machen könnte - unter Kategorien wie »Aidspräventionsfilm mit Gruppendynamik«, »plastische Antikriegssimulation« oder »sarkastische Auseinandersetzung mit dem Holocaust«.

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Zwangserziehung für Heterosexuelle, bekannt als »Lieber bi als nie«.
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Passenderweise schreibt ein Spieler bei Newgrounds.com über das oben genannte »Operation: Pedopriest«: »Make a second one with some real comedy about it and it could become an addictive game«. Wenn die einzige Kritik lautet, Kindesmissbrauch nicht lustig und Sucht fördernd genug porträtiert zu haben, sollte das Wort »Stoßrichtung« dem Hersteller die Schamesröte ins Gesicht treiben. Zumal nach wie vor das Gegenteil von gut, gut gemeint ist.

Aber selbst wenn einmal das Ziel der Entwickler nicht völlig verfehlt wird: Brauchen wir wirklich Spiele, die uns mehr oder minder subtil die Meinungen ihrer Macher aufdrücken? Bei Werbeprodukten wie »America's Army« für den us-amerikanischen Militärnachwuchs oder »Left Behind: Eternal Force« für volle Kirchen, haben wir eine über Jahrhunderte von Generation zu Generation überlieferte Erwartungshaltung. Die Antwort lautet in dem Fall daher ohne nachzudenken: »Nein!«

Gleichzeitig versuchen allerdings euphemistische Schlagworte der Kategorie »Wissen«, »Aufklärung« oder »sozialer Wandel« die Agitation gleichermaßen in Gutmenschkreisen salonfähig zu machen. Damit wir uns zumindest ein »Jein« abringen. Doch auch hier werden Meinungen als Fakten verkauft und das Vorgehen bei kritischen Nachfragen mit dem guten Zweck entschuldigt. Nur: Während die einzige Freiheit tatsächlich die der Andersdenkenden sein mag, ist nicht die einzige Wahrheit, die der Gleichdenkenden.

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Wer in Sexualkunde aufgepasst hat, weiß: Frauen faken jeden Orgasmus.
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Insbesondere hinsichtlich der fehlenden Neutralität angloamerikanischer Medienkonzerne kommt der Verdacht auf, dass etwa Produkte wie » The Arcade Wire: Bacteria Salad«, » Kabul Kaboom« oder das oben genannten McDonald's Spiel schlicht auf mediale Blutrache setzen. Sie übertragen das Erfolgskonzept von Michael Moores »Dokumentationen« in die Spielwelt, kleiden also ebenfalls Stimmungsmache ins Gewand des Faktischen. Nicht, dass meine persönliche Meinung von denen der oben genannten Games weit abweichen würden.

Natürlich misstraue ich dem Big Business - und das nicht erst seit Electronic Arts. Klar sehe ich national wie international eine sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich, die heranrückende Klimakatastrophe, verfallende Gesundheitssysteme oder wundere mich über die us-amerikanische Außenpolitik. Aber das ist eben das: meine persönliche Meinung.

Eine solche muss zwar nicht, kann aber meinetwegen jeder haben. Am Frühstückstisch, in der Kneipe, in Talkshows oder Kommentaren - besondere Wichtigtuer meinetwegen auch in ihren eigenen Internetkolumnen. Verdeckt in Spielen haben sie in etwa soviel zu suchen, wie das Pannenteam Göpel und Beerhenke unverdeckt am Nudistenstrand.

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In »Stop Disasters« bastelt ihr an regionalen Infrastrukturen, um Naturkatastrophen zu verhindern.
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Das Argument »Feuer mit Feuer« bekämpfen zu müssen dagegen … wer sich hierauf einlässt, braucht diese Spiele erst recht nicht. Können wir dann doch gleich Erderwärmung mit CO2, Krieg mit Krieg und Armut mit noch mehr Armut bekämpfen. Oder reicht eurem Nachbarn einfach mal ein paar Streichhölzer rüber, wenn bei ihm der Dachstuhl in Flammen steht.