Letzte Woche keine Kolumne? Warum das? Die erschreckende Antwort: Ich bin derart im echten Leben versumpft, dass ich keinen Ausweg mehr fand. Wie sonst nur in Spielen. Es war ein regelrechter Zwang, der mich vom Bildschirm wegzog, obwohl mir tief im Inneren die Wichtigkeit der zu zockenden Games und die Unnützigkeit der Realität bewusst war. Sinnvolle Zeit, die ich am Rechner hätte verbringen können, verschwendet im RL. Gesund kann das nicht sein!

Ursprünglich sollte dies eine klagende und nörgelnde Kolumne werden. Das Übliche also. Und zwar zum Thema, wie man im Allgemeinen und ich im Speziellen mit fortschreitendem Alter nicht mehr genug Zeit zum Spielen habe. Dass man sich wehrt und sträubt und die Wirklichkeit einen nichtsdestotrotz einspinnt in ein zunehmend dichteres Netz aus Pflichtveranstaltungen. Schrecklich!

Real Life 2.0 - Rien ne vas plus – Das Spiel ist ein Leben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 1/51/5
Das RL könnte so schön sein - wäre es doch nur so wie ein Computerspiel...
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Als Beleg waren fiktive zwei Wochen aus dem erfundenen Leben des ohnehin nur mit einer spärlichen Portion Realität ausgestatteten Charakters Volker Schütz eingeplant. Etwa mein alter Freund Prof. Heise, wie er meine Karriere fördern wollte. Und mir daher für die Stelle als Justitiar bei den anonymen Alkoholikern ein Vorstellungsgespräch organisierte - mit anschließendem Ausklang auf dem Golfplatz. Trotz hochkarätiger Besetzung und (eis)gekühltem Bommerlunder am Green würde ich mich natürlich grummelnd nach meiner Wii samt »Tiger Woods« sehnen. Wie mein die Ludenschule besuchender Gefährte Wunsch bei Sixt ein Lincoln Town Car mietete und mein so schön geplantes »NFS: Carbon«-Wochenende versaute, in dem ich mit ihm Schampus trinkend quer durch Deutschland brettern musste.

Attraktive Damen, die mich mit Heiratsangeboten überschütteten und mir damit die Zeit für meine erste »Dating Sim«-Kolumne stahlen. Der Tag, der mit gediegenem Brunch begonnen hatte (wo war »The Sims 2«?) und in einem Gelage samt Nacktbaden endete (das mich zumindest »Sega Bass Fishing« vermissen ließ). Last not least die schwere Depression durch »Madden NFL 07«-Entzug. Nur weil Kollege Maur, offizielles Jack-Bauer-Double und Vorstopper extraordinaire, mir die Niederlage von Rhein Fire gegen irgendwelche Hamburger Wassertierchen live in der LTU Arena aufnötigte.

Real Life 2.0 - Rien ne vas plus – Das Spiel ist ein Leben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 1/51/5
Einmal Gelage mit Nacktbaden, bitte...
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Der Text sollte zuletzt auf all diese Ereignisse rückblickend mit Ironie, feinsinnig wie ein Sack voller Ziegelsteine, mich selbst aufgrund fehlender Freizeit für Spaß bringende Spiele bedauern. Der Archetyp des unglücklichen Menschen enttarnt, ewig murrend über das, was er gerade nicht hat.

Nachdem ich den dritten Tag auf einen vor dem Hintergrund gähnender Leere blinkenden Cursor schaute, kam mir ein Verdacht: Sarkasmus funktioniert soviel besser, wenn sein Objekt wirklich schlecht ist. Ich aber habe tatsächlich seit zwei Wochen kein Spiel mehr angerührt. Warum?

Die wahre Nachtbadegeschichte endete mit schwerer Bronchienentzündung und Fieberflashs, die »Viva Pinata« als tristen Tierdokumentarfilm erscheinen ließen. Das Cruisen durch Deutschland war bedingt durch Pflichtgeburtstagsveranstaltungen. Es fand in nicht genesenem Zustand und betagtem Lupo statt. Wobei das Schampus am nächsten kommende Erlebnis das Überholen eines »Henkel trocken«-Lasters bleiben sollte. Die Heiratsangebote waren in Realität besorgte Anfragen, wann ich denn nun endlich unter die Haube käme und rückblickend am ehesten als Qualitätsinitiative für den Männer-Single-Markt zu erklären.

Real Life 2.0 - Rien ne vas plus – Das Spiel ist ein Leben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 1/51/5
Fieberdelirium in Ingame-Grafik.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auf den zu behauptenden Jahrhundertfeten war in Wirklichkeit bei meinem Eintreffen bereits das Gesprächsthema »Die zersetzende Wirkung von Computerspielen« voll im Gange. Hier versuchten 100% Nichtspieler, 0% Zocker von der Schlechtigkeit der Spielewelt zu überreden, was ihnen beim genannten Kräfteverhältnis ohne weiteres gelang. Der Schwerpunkt lautete übrigens: "World-of-Warcraft-oder-wie-das-heißt".

Dem einstimmigen Bashing folgten überraschend- wie passenderweise negative Erfahrungsberichte über den Anwaltsstand, welche nahezu alle Anwesenden aufgrund altersspezifischem Häuslekauf, zweiter Scheidung oder erstem Ehevertrag beizusteuern wussten. Als ich im direkten Anschluss auf die Frage nach meiner Tätigkeit "WoW spielender Rechtsanwalt" antworten musste, erlitt die Stimmung den ersten Dämpfer. Wenig half mir wohl auch, dass ich kurz darauf Jan Delay unvorsichtigerweise als »Näselnde Hip-Hop-Fritte« bezeichnete … und wenige Sekunden danach eine CD eben jenes als Geschenk überreicht wurde. Der angeregten Diskussion, wo exakt die Camargue liege, hätte ich mit einem geschliffenen »Zwischen den Mündungsarmen der Rhône« durchaus dienen können. Leider entschloss ich mich zu einem »Wenn weiße Gäule auf der Postkarte sind, bist du da«. Danach halfen nicht mal mehr meine geschickten Gesprächsöffner der Kategorie »Und du bis arbeitslos?«

Daher … Scherze darüber reißen, wie sich Spielinhalte in Realität in viel besserer Form finden lassen? Einen Teufel werde ich tun! Nach eingehender Betrachtung steht der Schluss fest: Das wahre Leben bekommt mir nicht allzu gut.

Real Life 2.0 - Rien ne vas plus – Das Spiel ist ein Leben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 1/51/5
Nur das RL macht süchtiger als WoW.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Doch trotzdem zieht es mich immer wieder weg vom Bildschirm an diesen eigenartigen Ort, wo die Landschaft nicht von Ladescreens unterbrochen und jeder NPC unerträglich kompliziert gestrickt ist. Täglich, wenn ich ehrlich bin. Wie nennt man noch gleich eine zwanghafte Handlung, die der Gesundheit schadet? Sucht? Meines Erachtens sollten die entsprechenden Beratungsorganisationen die Computerspiele und das Internet vom Haken lassen und stattdessen das Real Life in den Kanon der gefährlichen Substanzen und Verhaltensweisen aufnehmen. Versehen mit der Warnung »Verursacht Angst, Übelkeit und Melancholie«. Ehrlich gesagt hege ich sogar die Vermutung, dass es uns alle am Ende umbringen wird.

Ich tröste mich nur mit dem Gedanken, dass ich ausschließlich virtuell existiere.